»Arme unglückliche Schwester!« sprach sie zu sich selbst, »bist Du doch zehnfach besser als ich, und so anspruchslos und schuldlos! Wie kann ich je von Schmerz erlöst werden, den doch nur ich in Deine Brust gepflanzt!« Unter dem Eindruck dieser martervollen Gedanken konnte sie sich nicht erwehren, die Schwester so fest an sich zu drücken, daß sie mit einem tiefen Seufzer erwachte.
»Bist Du es, Minna?« fragte sie. – »Mir träumte, ich läge an einer der Denksäulen, von denen uns Claud Halcro erzählte; solche Marmorgestalt, träumte ich, läge mir zur Seite und bekäme plötzlich Leben und Beweglichkeit, mich an ihre kalte Brust zu drücken. – Du bist es, Minna, und wirklich so kalt! – Du bist krank, Schwester? um Gottes willen, laß mich aufstehen und Euphane Fea rufen. – Was fehlt Dir? Ist etwa Norna wieder hier gewesen?«
»Rufe niemand her,« erwiderte Minna, sie zurückhaltend, »mir fehlt nichts, das sich durch Hausmittel bessern ließe – nichts quält mich als die Ahnung eines Unheils, schrecklicher als Norna prophezeien könnte. Aber Gott wacht über uns alle, liebe Brenda; ihn laß uns anflehen, daß Er, der es allein vermag, das Böse zum Guten wende.«
Vereint wiederholten sie nun ihr gewöhnliches Gebet um Kraft und Schutz von oben her und suchten dann, als ihre Andachtsverrichtung zu Ende war, den Schlummer wieder, ohne daß andere Worte, als der fromme Zuruf »Gott sei mit Dir!« unter ihnen ausgetauscht wurde. Brenda schlief bald ein, und auch Minna gelang es, die schrecklichen Vorstellungen zu bekämpfen und endlich den Schlummer zu finden ...
Der Sturm, auf den Halcros Worte hingedeutet hatten – ein Unwetter, mit Regen und Wind gemischt; wie es in diesen Gegenden, selbst in der besten Jahreszeit häufig eintritt, begann sich mit Tagesanbruch zu erheben. Rund um das Herrenhaus von Burgh-Westra heulten die Schornsteine und klapperten die Fenster; die Stützen und Balken an den obern Teilen des Gebäudes, fast sämtlich Ueberreste gestrandeter Schiffe, seufzten und stöhnten, gleich als fürchteten sie, aufs neue eine Beute des Sturms zu werden. Weiber und Kinder lagen in den Hütten auf den Knieen und beteten für die auf dem Meere befindlichen Männer und Väter. Aber Magnus Troils Töchter schlummerten sanft und ruhig fort, und erwachten erst, als das Wetter ausgetobt hatte und die Sonnenstrahlen durch das vom Winde verjagte Gewölk brachen und hell durch die Fensterläden schienen. Minna ließ die Begebenheiten der Nacht wieder an ihrer Seele vorüberziehen, im Zweifel, ob nicht alles, was sie erlebt zu haben glaubte, nicht doch nur Eingebung eines Traumes, der vielleicht von Klängen und Tönen von außen her erregt, gewesen wäre,
»Ich will sogleich Claud Halcro aufsuchen,« sprach sie bei sich selbst; »vielleicht weiß auch er etwas von dem seltsamen Lärm, da er doch um dieselbe Zeit draußen war.«
Sie sprang vom Lager auf, hatte aber kaum den Boden berührt, als Brenda ängstlich rief: »Um Gottes willen, Minna, was hast Du an den Füßen?«
Minna blickte hin und sah nun zu ihrem nicht geringen Schrecken, daß ihre beiden Füße dunkelrot aussahen, gleich als hafte getrocknetes Blut daran. Ohne Brenda eine Silbe zu erwidern, flog sie an das Fenster und warf einen verzweiflungsvollen Blick auf den Rasen unten, in der Meinung, daß dort die verhängnisvolle Stelle sein müsse, wo sie ihre Füße mit Blut befleckt habe. Aber von dem Regen, der nachts sowohl vom Himmel, wie von den Dachrinnen niedergeströmt war, war, wenn ein solcher Schuldzeuge dort vorhanden gewesen, jegliche Spur davon weggewaschen worden. Alles war dort frisch und schön, und die Grashalme, mit Regentropfen übersäet, glänzten in den Strahlen der Morgensonne wie Diamanten.
Während Minna mit ihren schönen schwarzen Augen hinunterstarrte, hing Brenda sich an sie und fragte sie eindringlich und flehentlich, wo und wann sie sich solchen Leibesschaden zugefügt habe.
»Ich muß in Glas getreten sein, ohne es zu fühlen,« erwiderte Minna, die Notwendigkeit einer Ausrede einsehend.
»Sieh doch nur, wie es geblutet hat,« fuhr ihre Schwester fort, ein nasses Tuch erfassend; »laß mich das Blut abwaschen, Minna, die Wunde ist vielleicht schlimmer, als Du glaubst.«
Aber als sie Hand anlegen wollte, wehrte ihr Minna freundlich, aber heftig, und Brenda, die sich keiner Kränkung der Schwester bewußt war, trat ein Paar Schritte zurück und sah auf Minna mit Blicken, aus denen mehr Staunen und gekränkte Liebe, als Unmut über die Abweisung ihrer Dienste sprachen.
»Schwester,« sprach sie, »ich glaubte, wir hätten uns noch in der letzten Nacht versprochen, daß, was uns auch begegnen möchte, wir nimmer aufhören wollen, einander zu lieben.«
»Viel kann sich zwischen Nacht und Morgen begeben,« versetzte Minna – eine Antwort, mehr durch ihre Lage aus ihr herausgepreßt, als daß sie willkürliche Dolmetscherin ihrer Gedanken gewesen wäre.
»Viel mag sich allerdings in einer so stürmischen Nacht begeben haben,« entgegnete Brenda; »sieh einmal, wie die Schutzwehr um Euphanens Küchengarten umgeweht wurde; unsere Liebe aber, Minna, soll weder Wind, Regen, noch irgend sonst etwas umstürzen.«
»Aber der Zufall kann es,« erwiderte Minna, »er kann sie dennoch wandeln, – wandeln in« ...
Den übrigen Teil ihrer Rede sprach sie so leise, daß er ihrer Schwester unverständlich blieb, wobei sie zugleich sich das Blut von den Füßen wusch, Brenda, die sie aus knapper Entfernung nach wie vor im Auge behielt, bemühte sich vergebens einen Ton anzuschlagen, der Vertrauen und Freundlichkeit in ihre Mitte zurückführen könne.
»Du hattest recht, Minna,« sprach sie »keine andere Hand die kleine Wunde reinigen Zu lassen, – von hier aus ist sie kaum zu sehen.«
»Die gefährlichsten Wunden sind die, die man von außen nicht sehen kann,« erwiderte Minna; »meinst Du wirklich, eine Wunde an meinem Fuße zu sehen?«
»Allerdings,« entgegnete Brenda, ihre Antwort so einrichtend, wie solche ihrer Meinung nach der Schwester am besten gefallen mußte, »aber es scheint nur eine kleine Verletzung zu sein. Zieh den Strumpf darüber; ich sehe nichts mehr.« »Nein, Du siehst nichts,« fügte Minna in verstörter Weise; »aber ach, bald wird die Zeit kommen, wo man alles sehen und wissen wird.«
So sprechend, zog sie sich schnell an, und eilte ihrer Schwester voran in das Frühstückszimmer, wo sie ihren Platz unter den Gästen einnahm, wo aber ihr bleiches, verstörtes Gesicht, ihre schwankende Stimme und ihr erschüttertes Wesen die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft und die ängstliche Sorge ihres Vaters, Magnus Troil, augenblicklich erregten. Mannigfach waren die Vermutungen der Anwesenden über das, dem Anschein nach mehr seelische als körperliche Unwohlsein. Einige meinten: Minna sei von einem bösen Blick getroffen worden und murmelten etwas von Norna vom Fitful-Head, andere spielten auf die Abreise des Kapitäns Cleveland an und flüsterten:
»Es sei doch eine Schande für ein junges Mädchen, sich an solchen Landstreicher zu hängen, von dem niemand etwas wisse!«
in diese Meinung stimmte Jungfer Jellowley ein, während sie gerade den »schönsten Mantel« (wie sie ihn nannte), den ihr der Kapitän geschenkt, um ihren welken Hals schlug. Die alte Lady Glowrowrum hatte ihre eigenen Gedanken, die sie der Jungfer Yellowley, – mit der sie sich inzwischen angefreundet hatte – ausführlich mitteilte, nachdem sie dem lieben Gott herzinnig dafür gedankt, daß ihre Verwandtschaft mit der Familie auf Burgh-Westra von der Mutter der Mädchen herstammte, die wie sie selbst eine ehrliche Shetländerin gewesen sei.
»Denn diese Troils, Jungfer Yellowley,« sprach sie, »so hoch sie auch die Nasen tragen, sollen dennoch, wie Leute sagen, die es wissen können, nicht so ganz richtig unter ihren Mützen sein; und diese Norna, wie sie sie nennen, denn es soll nicht ihr rechter Name sein, ist ganz sicher oftmals nicht ganz recht bei Sinnen – die die Ursache wissen, meinen, der Voigt habe dabei mit die Hand im Spiele gehabt, denn er duldet ja heute noch nicht, daß man ihr nur ein böses Wort nachsagt. Ich war damals nicht in Shetland, sonst würde ich den wahren Grund wissen, so gut wie andere. Es soll aber niemand sagen können, daß ich Böses von einem Hause rede, dem ich so nahe verwandt bin. Aber was ich, Jungfer Yellowley, Euch gesagt, daß unsere Verwandtschaft nur von den Sinclairs, und nicht von den Troils herstammt, das vergeßt nicht, bitte; denn die Sinclairs sind weit und breit als gescheite Leute bekannt. – Aber da, sehe ich, geht der Abschiedsbecher herum.«