»Was das übermütige Frauenzimmer nur mit ihrer hinten Jungfer, vorne Jungfer will,« sagte Baby Yellowley zu ihrem Bruder, sobald Lady Glowrowrum ihr den Rücken gewandt hatte; »ist das Blut der Clinkscale etwa nicht eben so edel wie daß der Glowrowrum?«
Unterdessen nahmen die Gäste Abschied, und so endigte unter Angst und Sorgen das Fest des heiligen Johannis, das man um diese Zeit auf Burgh-Westra zu feiern pflegte.
Fünftes Kapitel
Tag für Tag verstrich und von Mordaunt Mertoun war noch immer nichts in Sumburgh-Head zu hören. Zu jeder andern Zeit hätte solches Ausbleiben über die vermutete Frist hinaus vielleicht Neugier, aber keine Besorgnis herbeigeführt; denn die alte Swertha, die es auf sich genommen, über den kleinen Haushalt von Mordaunts Vater zu wachen, hätte nicht anders gemeint, als daß der Jüngling sich bei einer Lustpartie länger als die übrigen Gäste aufgehalten habe. Aber sie wußte, daß Mordaunt seit kurzem nicht mehr in Gunst bei Magnus Troil stehe, sie wußte, daß er sich vorgenommen, wegen der Gesundheit seines Vaters, nur kurze Zeit auf Burgh-Westra zu bleiben, und das alles machte sie ängstlich, zumal Mordaunts gutmütiges, freundliches Wesen auf ihr welkes, von Eigennutz beherrschtes Herz einen gewissen Eindruck nicht verfehlt hatte. Die Situation verschärfte sich für sie insofern, als Mordaunts Vater, wie schon mehrfach bemerkt, bei seinem verschlossnen und, ungeselligen Wesen durchaus nicht leiden konnte, außer in besonders dringenden Fällen angesprochen zu werden, und daß sie es deshalb so einzurichten suchen mußte, daß nicht sie, sondern er selbst die Rede auf den Fall mit seinem Sohne brächte ... Um dieses Ziel zu erreichen, legte sie eines Tages, als sie den Tisch für Herrn Mertouns einfaches und einsames Mahl bereitete, zwei Gedecke auf und traf allerhand andere kleine Vorbereitungen, als ob ein Gast oder Teilnehmer bei der Mahlzeit zu erwarten sei.
Diese List gelang; denn kaum sah Mertoun, als er aus seinem Arbeitszimmer trat, den für zwei Personen gedeckten Tisch, als er auch sogleich Swertha fragte: ob Mordaunt von Burgh-Westra zurück sei?
»O nein, gnädiger Herr,« versetzte sie mit vielleicht nicht ganz aufrichtiger Angst, »noch ist an unserer Pforte nicht geklopft worden, und noch ist Herr Mordaunt, das liebe, gute Kind, nicht glücklich, wieder heimgekehrt.«
»Warum legst Du albernes Geschöpf dann ein Gedeck für ihn auf den Tisch?« fragte Mertoun in einem Tone, der berechnet schien, jedem fernern Worte der Alten Einhalt zu tun. Aber sie erwiderte mutig: »daß es ihrer Meinung nach doch anderer Leute Sache wäre, sich um Herrn Mordaunt zu bekümmern, und sie doch eben nichts weiter tun könne, als Stuhl und Teller für den jungen Herrn bereit zu halten, wenn er eintreffen solle; aber das arme gute Kind bleibe ihrer Meinung nach zu lange aus, als daß man nicht befürchten müsse, er käme überhaupt nicht wieder.«
»Furcht, Furcht, Altweiber-Furcht!« rief Mertoun, während seine Augen flammten, wie immer, wenn sein heftiges Temperament loszubrechen drohte, »was geht mich Deine alberne Furcht an, alte Hexe!«
Swertha aber hielt stand und versetzte mit einer Kühnheit, über die sie sich später selbst oft wunderte: »jeder andere Vater, als der gestrenge Herr, hätte sicher schon Nachforschungen nach dem armen Jungen angestellt, der nun schon seit acht Tagen von Burgh-Westra fort sei, ohne daß jemand wisse, was aus ihm geworden.«
Mertoun stutzte, verwies die Alte aber im andern Augenblick durch finsteres Stirnrunzeln zur Ruhe; Swertha aber blieb dabei, »daß der gestrenge Herr ein bitter Unrecht tue, wenn er sich nicht um den besten jungen Herrn der ganzen Insel kümmere, dem doch unbedingt Schlimmes zugestoßen sein müsse.«
»Was kann ihm denn Schlimmes passiert sein, alte Törin?« versetzte Mertoun; »wer seine Zeit, wie er, mit Tändeleien verschwendet, hat auf viel Ernst von keiner Seite zu rechnen!«
»Ja doch, ich bin eine alte Törin,« rief sie, – »aber wenn nun Herr Mordaunt in den Roost geraten wäre, wo bei dem Sturm vor mehreren Morgen ja mehr als ein Boot den Untergang gefunden? Oder wenn er auf seinem Heimweg in einem der Landseen seinen Tod gefunden hätte, – oder wenn nun sein Fuß auf irgend einer Klippe ausgeglitten wäre, – alle Inseln kennen ihn als einen Wagehals – wer,« fragte Swertha, »wäre dann töricht? ich, oder er, oder Ihr? – Gott mag das arme, mutterlose Kind beschützen! denn wenn er eine Mutter hätte, so hätte man sich um ihn schon lange gekümmert!«
Die letzten Worte der Alten ergriffen Mertoun gewaltig, – seine Lippen bebten, Totenblässe überzog sein Gesicht, und murmelnd gebot er Swertha, in sein Arbeitszimmer zu gehen – das sie fast nie betreten durfte – um ihm eine von den Flaschen zu holen, die dort ständen.
»Ho, ho,« dachte Swertha, den erhaltenen Befehl eilig ausführend, »der Herr hat seine geheime Trostquelle?«
In der Tat stand im Arbeitszimmer eine Kiste mit Flaschen, wie man sie gemeinhin zur Aufbewahrung geistiger Getränke zu gebrauchen pflegt, aber die sie umhüllenden Spinnengewebe bewiesen, daß sie jahrelang nicht berührt worden. Mit einer Gabel, denn Korkzieher gab es damals noch nicht, zog Swertha nicht ohne Schwierigkeit, den Stöpsel aus einer Flasche, und, nachdem sie sich erst durch den Geruch – dann, um sicher zu gehen, noch durch einen tüchtigen Schluck überzeugt hatte, daß in der Flasche gutes Barbadoes-Wasser enthalten sei, brachte sie es ihrem Herrn, der noch immer gegen eine Ohnmacht anzukämpfen schien. Besorgt, daß jemand, der an starke Getränke nicht gewöhnt sei, sich durch eine größere Portion leicht schaden könne, goß sie nur wenig in das ihr zunächst stehende Glas; aber Mertoun, gab ihr ungeduldig zu verstehen, daß er das Glas gefüllt haben wolle, und stürzte es mit einem Zuge hinunter.
»Nun, Gott und die Heiligen mögen uns schützen!« dachte Swertha, »nun wird er doch gewiß trunken und toll zugleich – und wer wird ihn dann im Zaume halten?«
Aber Mertoun fand nicht bloß den Atem wieder, auch sein Gesicht belebte sich – und von Trunkenheit zeigte sich keine Spur – ja, Swertha versicherte späterhin oft, daß sie von einem Schluck Branntwein zwar immer die beste Meinung gehegt habe, daß ihr aber noch keiner vorgekommen sei, der ein solches Wunder bewirkt hätte; denn der gnädige Herr hätte weit vernünftiger gesprochen, als es, seit sie in seinen Diensten gestanden, der Fall gewesen sei.
»Swertha,« sagte er, »dieses Mal hast Du recht, und ich habe unrecht. – Geh' hinunter zum Gemeindevorstand und sage ihm, er solle augenblicklich heraufkommen; ich hätte mit ihm zu sprechen; er solle mir genauen Bescheid bringen, wieviel Boote und Mannschaft er aufbringen könne; sie sollen alle auf Kundschaft ausfahren und reichlich dafür abgelohnt werden.«
Swertha eilte, so schnell es ihre sechzig Jahre ihr gestatteten, in das Dörfchen, richtete dort ihren Auftrag aus, unterließ aber nicht, sich an dem Verdienst, der der Bewohnerschaft auf solche Weise zuteil wurde, sich ihren Anteil zu sichern, und eilte dann nach dem Herrenhause zurück, von Neil Ronaldson begleitet, den sie unterwegs so gut wie möglich mit den Sonderbarkeiten ihres Herrn bekannt machte.
»Vor allen Dingen,« sagte sie, »laßt ihn nie auf Antwort warten, und sprecht laut und verständlich, so, als wenn Ihr ein Boot anruft, denn er mag nicht zweimal über eine Sache sprechen, wenn er nach den Entfernungen fragt, so mögt Ihr aus halben Stunden immerhin Stunden machen, denn er weiß nichts von dem Grund und Boden, auf dem er wohnt; wenn er aber vom Lohne spricht, so könnt Ihr dreist Taler statt Schillinge fordern, denn er achtet Geld nicht höher als Kiesel.«