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Unter dem Eindruck solcher Belehrung wurde Neil Ronaldson vor Mertoun geführt, war aber nicht wenig betroffen, recht bald inne zu werden, daß sich dem Herrn von Sumburgh auch nicht das kleinste X für ein U machen ließe, weder über den Lohn für die Boote und Leute, noch über die Entfernung von einem Ort zum andern, noch über die Schiffahrtsbedingungen dieser Inselflur. Ueber alles sprach er mit einer Sachkunde, die um so mehr in Erstaunen setzte, als man ihn bisher nie darüber hatte sprechen hören.

Dagegen schnitt er alle Besorgnis, die Neil Ronaldson infolgedessen gekommen, daß es mit dem Lohne wohl nicht weither sein werde, dadurch ab, daß er freiwillig weit mehr zu zahlen versprach, als Neil zu fordern gewagt hätte, ja auch noch eine Prämie aussetzte, wenn sie mit der freudigen Nachricht, daß sein Sohn wohl und gesund sei, zurückkehren sollten.

Neil Ronaldson begann hierauf als gewissenhafter Mann, ernstlich über die verschiedenen Orte Erwägungen anzustellen, wo sich Nachsuchungen über den Verbleib des jungen Mannes anstellen ließen, und erklärte, »daß, wenn der gestrenge Herr es nicht übel nehmen wollte, er daran erinnern möchte, daß, sofern sich jemand fände, eine gewisse Person zu befragen, und diese Person Lust haben sollte Antwort zu geben, wohl niemand als sie, bessere Auskunft über Herrn Mordaunt Mertoun werde erteilen können. Wen ich meine, Swertha, wißt Ihr – die Person, die noch heute früh unten am Hafen war.« – So schloß er mit einem geheimnisvollen Blick auf Swertha, die seine Frage mit einem vielsagenden Nicken erwiderte.

»Wen meint Ihr?« fragte Mertoun, »sagt es frei heraus – von wem sprecht Ihr?«

»Er meint Norna vom Fitful-Head,« antwortete Swertha, »sie ist heute früh nach der St. Ringans-Kirche gegangen und, wie sie sagte, in eigenen Geschäften.« »Was könnte dieses Weib von meinem Sohne wissen?« entgegnete Mertoun, »sie ist doch meines Wissens nicht recht bei Sinnen und streift als Betrügerin durch diese Inselflur.«

»Wenn sie umherstreift,« erwiderte Swertha, »so tut sie es nicht, weil ihr eine Heimat fehlt; denn es ist bekannt genug, daß sie Hab und Gut genug besitzt, ganz abgesehen davon, daß der Vogt ihr es an nichts fehlen ließe.«

»Aber was hat mein Sohn mit all diesen Dingen zu schaffen?« fragte Mertoun ungeduldig,

»Ei, ich weiß nur, daß sie, seitdem sie den jungen Herrn zum erstenmal gesehen, auch viel von ihm gehalten und ihm mancherlei schöne Sachen geschenkt hat, wie z. B, die güldene Kette, die er um den Hals trägt und von der die Leute sagen, sie sei von Zaubergold, – Ich verstehe mich nicht darauf, aber Bryce Snailsfoot der Hausierer meint, sie sei an hundert Pfund englisch wert, und das ist doch, mein Seel', keine taube Nuß.«

»Geht, Ronaldson,« sagte Mertoun, »oder laßt das Weib von jemand herholen, wenn Ihr glaubt, wir können durch sie etwas über das Schicksal meines Sohnes erfahren.«

»Sie weiß,« antwortete Ronaldson, »alles was auf den Inseln vorgeht, früher und besser, als sonst irgend ein anderer, das ist wahr und gewiß. Aber in die Kirche gehen oder sie auf dem Kirchhof aufzusuchen, dazu wäre kein Mensch in Shetland weder aus Not noch durch Geld zu bewegen, – und das ist eben so wahr und gewiß wie das andere.«

»Furchtsame, abergläubische Toren,« rief Mertoun; »gib mir meinen Mantel, Swertha, dieses Weib war auf Burgh-Westra, sie ist mit der Troilschen Familie verwandt, vielleicht kann sie mir etwas über Mordaunts Ausbleiben sagen. Ich will sie aufsuchen: in der Kreuzkirche, meint Ihr, werde ich sie finden?«

»Nein, nein, nicht in der Kreuzkirche,« rief Swertha, »in der alten St. Ringans-Kirche; ein verdächtiger Ort ist's und gar nicht geheuer; wenn der gestrenge Herr meinen Rat hören wollte, so bliebe er hier, bis sie zurückkäme, und unternähme es nicht, sie dort zu stören, wo sie, nach allem was man davon weiß, mehr mit den Toten als mit den Lebenden zu schaffen hat.«

Mertoun gab keine Antwort, sondern nahm den Mantel um; denn es war neblig, und Regenschauer stürzten dann und wann herab. Das öde Herrenhaus von Jartshof verlassend, schlug er, schneller ausschreitend als gewöhnlich, den Weg nach der Kirchenruine ein, die, wie ihm wohl bekannt war, etwa anderthalb Stunden von seiner Wohnung entfernt lag. Swertha und Neil Ronaldson blickten ihm schweigend nach, bis er sich außer dem Bereich ihrer Stimmen befand; dann sahen sie einander ernsthaft an, schüttelten bedenklich die Köpfe und gaben den Empfindungen, die sie erfüllten, gemeinsam in einem und demselben Augenblicke Ausdruck: »Narren sind immer gleich bei der Hand,« rief Swertha, und Neil Ronaldson fügte hinzu: »Der entgeht seinem Schicksal nicht! Solche dem Tode geweihten Menschen kann man nicht aufhalten.«

Swertha erinnerte ihn, daß er nach dem Hafen gehen müsse, die Boote zu besorgen: »Einmal halte ich viel von dem guten Jungen, und dann fürchte ich auch, er möchte auf eigne Hand zurückkehren, noch bevor Ihr in See wäret; auch ist der Herr, wie ich Euch schon oft gesagt habe, nur mit Güte zu leiten, duldet gar keinen Ungehorsam, und wenn Ihr seine Befehle nicht erfüllt und nicht in See stecht, werdet Ihr nun und nimmermehr den ausbedungenen Lohn von ihm bekommen.«

»Ja, ja, Ihr habt recht,« antwortete Neil, »wir wollen hinaus, so schnell wie möglich. Zum Glück liegen Elawson und Peter Grots Boote noch im Hafen; denn als sie heute früh an Bord wollten, sprang ihnen ein Kaninchen vorüber, und da kamen sie als kluge Leute sogleich zurück, weil sie wohl denken konnten, daß ihnen anderes Tagwerk winken werde.«

Sechstes Kapitel

Die verfallene Kirche von St. Rinian oder – wie der gemeine Mann sie nannte – St. Ringan, hatte sich zu jener Zeit des Aberglaubens einer großen Berühmtheit zu erfreuen; und Shetland besaß in den katholischen Zeiten seine Heiligen. Die Kirche war dicht am Meeresufer gelegen, und von allen Richtungen aus sichtbar, so daß sie gewissermaßen als Wahrzeichen für die Inselflur galt. Sie war jedoch auch im Laufe der Jahrhunderte zu einer solchen Stätte des Irrglaubens geworden, daß die Kirchenbehörde es für ratsam erachtet hatte, sie als eine entheiligte Stätte zu erklären und die öffentlichen Andachtsübungen nach einer andern Kirche zu verlegen; daraufhin war das Bleidach von dem kleinen alten Gebäude abgenommen und das Gemäuer den Elementen zum Spiel überlassen worden. Die Stürme, die vom Meere her über lange Dünen heranheulten – (denn die Gegend glich durchaus derjenigen in Jarlshof) – zerstörte gar bald Schiff und Gänge und häufte an der Nordwestseite, die den Stürmen am meisten ausgesetzt war, Wälle von Treibsand, die die Mauer bis zur Hälfte überdeckten. So verfallen aber auch das Kirchlein sein mochte, so haftete ihm noch immer kein geringer Rest von jener Ehrfurcht an, die sie ehedem eingeflößt hatte – und die rauhen, unwissenden Fischer von Dunroßneß verabsäumten noch immer nicht, wenn ihre Boote in Gefahr schwebten, dem St. Ringan eine Gabe zu geloben und, wenn die Gefahr vorüber war, einzeln und im geheimen nach dem alten Gebäude zu wandern, ihr Gelübde zu lösen.

Zu diesem in Trümmern liegenden Andachtsorte lenkte Herr Mertoun die Schritte, wenn auch in keiner frommen oder durch Aberglauben bestimmten Absicht.

Immerhin konnte er, als er sich dem Strande nahte, wo die Ruine gelegen war, nicht umhin, einen Augenblick die Schritte hemmend, sich zu sagen, daß kaum ein Ort besser zu einem Gotteshause passen könne als der hier dazu gewählte. Vor ihm lag die See, zu der hinaus zwei Vorgebirge die äußersten Punkte der Bai bildend, ihre gigantischen, finsteren Felsmassen streckten, von deren Höhen die Möwen und andere Seevögel wie Schneeflocken herabglänzten, während weiter unten ganze Reihen von Wasserraben sich wie Soldaten nebeneinander aufgestellt hatten. Sonst aber war hier kein lebendes Wesen zu schauen.