Hier hatte sich an dem Tage, an welchem Mertoun die Schritte herlenkte, eine tiefe dichte Wolkenschicht gebildet, durch die kein menschliches Auge dringen konnte, so daß der Blick über den weiten Ozean unmöglich war; da der Weg steil hinauf führte, ließ er auch keine Aussicht nach dem Innern des Landes, und so schien die Gegend eine völlige Oedenei zu sein, wo dürres Heidekraut und schilfartiges Gras die einzigen Vertreter des Pflanzenreichs waren, die sich den Blicken zeigten. Auf einer von der Natur geschaffenen kleinen Anhöhe, gerade in der Mitte der Bucht, und ein wenig von der See entfernt, so daß sie sich außer dem Bereich der Wellen befand, erhob sich die halb begrabene Ruine, von einer wüsten, halb in Schutt liegenden Mauer umgeben, die, obgleich an mehreren Stellen durchbrochen, doch noch immer den Bereich des Kirchhofs bezeichnete. Die Seefahrer, die der Zufall in diese einsame Bai geführt hatte, behaupteten: daß die Kirche dann und wann hell erleuchtet sei, und meinten, daß dieser Umstand Schiffbruch und Untergang auf der See verkünde. Als Mertoun sich der Kapelle näherte, traf er, vielleicht durchaus ohne Vorbedacht, Maßregeln, um ungesehen zu bleiben, und gelangte so zufälligerweise zuerst an die Seite der Mauer, wo sich der Begräbnisplatz befand, von dem, wie früher schon erwähnt, der Wind den Sand stellenweise fortgetragen hatte.
Als er nun durch eine von der Zeit geschaffne Oeffnung auf diese Stätte schaute, sah er diejenige Person, die er hier suchte, neben einem rauhen Grabmal knien, an dessen einer Seite der rohe Umriß eines Ritters sichtbar war, während sich an der andern ein dem neuern Brauche zuwider schräg aufgehängtes Schild zeigte, dessen Wappen selbst aber nicht mehr kenntlich war. An dem Fuße des Grabmals ruhten, wie Mertoun früher schon gehört hatte, die Gebeine von Ribolt Troil, einem durch allerhand Heldentaten berühmten Vorfahren von Magnus Troil, der im fünfzehnten Jahrhundert gelebt hatte. Norna räumte von dem Grabe des Kriegers den Sand weg: ein leichtes Stück Arbeit, da der Sand nur lose und locker dalag. Sie sang dazu, und zwar ein Zauberlied, denn ohne Runen ging es nun einmal beim nordischen Aberglauben nicht ab:
Kämpe, hochberühmt im Norden,
Ribolt, bist Du stumm geworden?
Sand und Staub und Kieselstein,
Räum ich jetzt von dem Gebein.
Als Du lebtest, war's verwegen,
An Dein Lager Hand zu legen.
Jetzt vermag selbst Kindesstreben,
Deine Decke aufzuheben.
Störe, was ich hier beginne,
Nicht durch Blendwerk meiner Sinne.
Nicht will ich Dein Grab entehren,
Frevelnd Deinen Schlummer stören.
Deine Leiche ruhe still,
Leicht gewählt ist, was ich will.
Nur von der Umhüllung Dein,
Sei ein einz'ges Stückchen mein.
Noch genug bleibt, vor den Stürmen
Rauhen Wetters Dich zu schirmen.
Meine Klinge nahet schon! –
Hast, o mut'ger Heldensohn,
Lebend nicht so still gelegen, Trat die Schärfe Dir entgegen,
Schau, die Hülle trenn ich nun,
Magst erwachen oder ruh'n. –
So, nun ist die Tat erfüllt;
Mein der Preis, mein Wunsch gestillt.
Habe Dank, die Wellen sollen
Reichen Lohn dafür Dir zollen;
Und wenn fern sie schäumend streiten,
Sanft an Deinem Grabe gleiten. –
Habe Dank, wenn Stürme wüten,
Sollen sie auf mein Gebieten, –
Ob sie heulend hierher dringen –
Nur ein Schlummerlied Dir singen.
Sie, das Weib von Wohl und Wehe!
Norna von der Fitful-Höhe,
Mächtig, ob es Tag ob Nacht,
Elend doch in ihrer Macht.
Ob Verzweiflung auch ihr Los,
Dennoch immer hehr und groß.
Was gelobend sie verspricht,
Daran, Ribolt, zweifle nicht.
Während Norna die ersten Strophen dieses Liedes sang, befreite sie den bleiernen Sarg des alten Kämpen vom Sande und löste behutsam, mit sichtlicher Ehrfurcht, ein Stück Metall davon. Dann warf sie so, daß nichts mehr verriet, daß sie den Sarg berührt, den Sand wieder darüber.
Mertoun blickte ihr, ohne seine Gegenwart zu verraten, nicht etwa aus Achtung vor ihr oder der Arbeit, die sie vorhatte, sondern weil er sich sagte, daß man eine Irre, wenn man Auskunft erhalten wolle, in ihrem Vorhaben nicht stören dürfe. Inzwischen hatte er Zeit genug, ihre Gestalt zu betrachten; denn ihr Gesicht wurde durch ihr aufgelöstes Haar und die Kapuze ihres dunklen Mantels verdeckt. Mertoun hatte schon früher von Norna gehört, ja sie wohl auch schon dann und wann gesehen, war sie doch, seit er in Jarlshof weilte, mehr denn einmal in dieser Gegend umhergewandert. Die abergläubischen Geschichten aber, die über sie im Umlaufe waren, hatten sie ihm in keinem andern Lichte als dem einer Betrügerin oder Wahnsinnigen oder als beides erscheinen lassen. Jetzt aber, da die Umstände ihn unwillkürlich auf sie hinführten, konnte er nicht als sich sagen: daß sie entweder eine echte Schwärmerin sein, oder wenigstens ihre Rolle mit so bewunderungswürdigem Geschick spielen müsse, daß keine Pythia der alten Zeit sie hätte übertreffen können. Kaum aber war ihre seltsame Arbeit verrichtet, als er auch, freilich nicht ohne mancherlei Beschwerde und Mühe, über die zertrümmerte Mauer stieg und in das Innere des Kirchhofs trat. Ohne irgendwelche Bestürzung zu zeigen oder über sein Erscheinen an der einsamen Stätte das geringste Erstaunen zu bezeigen, fragte sie ihn in einem Tone, der zu beweisen schien, daß sie ihn erwartet habe: »Also habt Ihr mich doch endlich aufgesucht?« – »Und auch gefunden,« erwiderte Mertoun, in der Meinung, die Frage, die er zu stellen habe, am besten dadurch einzuleiten, daß er in einem mit dem ihrigen übereinstimmenden Tone spräche.
»Ja!« antwortete sie, »Ihr habt mich gefunden, und zwar da, wo sich alle Menschen begegnen müssen, in der Behausung der Toten.«
»Wohl finden wir uns hier alle endlich zusammen,« entgegnete Mertoun, einen Blick auf den wüsten Schauplatz um sich her werfend, wo kaum etwas anders als halb mit Sand bedeckte, teils noch mit Inschriften und Sinnbildern der Sterblichkeit geschmückte Denksteine sichtbar waren: »hier in dem Haufe der Toten, wo glücklich diejenigen, die bald in den ruhigen Hafen gelangten.«
»Wer es wagt, nach diesem Hafen zu verlangen,« antwortete Norna, »der muß auf der Fahrt durchs Leben einen geraden Kurs gesteuert haben. Ich darf auf solch ruhigen Ankerplatz nicht hoffen; Du aber, der Du ihn begehrst, darfst Du ihn erwarten? und hat der Lauf, den Du steuertest, ihn verdient?«
»Nicht darauf zu antworten, bin ich hier,« erwiderte Mertoun, »sondern um Euch zu fragen, ob Ihr Nachricht über das Schicksal meines Sohnes, Mordaunt Mertoun, habt?«
»Ein Vater,« entgegnete Norna, »befragt eine Fremde über Nachrichten von seinem Sohne! Wie könnte ich etwas von ihm wissen? Der Wasserrabe fragt nimmer den wilden Enterich, wo weilt meine Brut?«
»Deckt Euch nicht vor mir mit dieser Geheimniskrämerei,« sagte Mertoun, »sie mag beim gemeinen Volk ihre Wirkung tun, bei mir bleibt sie fruchtlos. Die Leute von Jarlshof haben mir gesagt, daß Ihr etwas von Mordaunt wißt oder wissen könnt, der von den Johannis-Festlichkeiten im Hause Eures Verwandten Magnus Troil nicht zurückgekehrt ist. Gebt mir Auskunft über ihn, wenn Ihr es könnt, und Ihr sollt belohnt werden.« »Das weite Rund der Erde,« antwortete Norna, »hat nichts aufzubieten, was ich als eine Belohnung für ein einziges, an ein sterbliches Ohr weggeworfenes Wort betrachten könnte... Willst Du aber Deinen Sohn lebendig wiedersehen, dann finde Dich auf dem nächsten Markt zu Kirkwall auf Orkney ein.«