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»Und warum gerade da?« fragte Mertoun, »ich weiß, er hatte dort nichts zu schaffen.«

»Wir alle treiben auf dem Strome des Schicksals, obgleich ohne Steuer und Ruder,« erwiderte Norna, »auch Du hattest heute früh noch nichts mit der Kirche St. Ringans zu schaffen und bist doch hier; – noch vor einem Augenblick hattest Du nichts in Kirkwall zu tun, und dennoch wirst Du Dich dorthin begeben.«

»Nicht ohne über den Grund bessere Aufklärung zu haben. Ich bin keiner von den Toren, die Euch übernatürliche Kräfte zugestehen.«

»Du sollst an sie glauben, noch ehe wir scheiden,« antwortete Norna. »Nur wenig weißt Du bis jetzt von mir, auch sollst Du über mich nicht mehr erfahren. Ich aber kenne Dich, und daß ich Dich kenne, vermag Dir ein einziges Wort aus meinem Munde zu beweisen.«

»Nun, so überzeuge mich,« rief Mertoun, »denn ohne solchen Beweis bestünde nur geringe Hoffnung, daß ich Deinen Rat befolge.«

»Gib wohl acht, was ich Dir über Deinen Sohn zu sagen habe. Was Dich selbst angeht, bleibe für später, denn es möchte Dir jeden andern Gedanken vertreiben. Begieb Dich nach Kirkwall und warte am fünften Marktage mittags im äußeren Flügel der Kirche von Magnus; dort wirst Du jemand finden, der Dir Nachricht von Deinem Sohne geben soll.«

»Du mußt deutlicher sein, Weib!« entgegnete Mertoun verächtlich, »wenn Du willst, daß ich Deinem Rate folgen soll. Oft schon bin ich von Weibern hintergangen worden, nie aber noch auf so gröbliche Weise, wie Du mich zu betrügen willens scheinst.«

»Nun, so gib acht!« unterbrach ihn die Alte, »das Wort, das ich jetzt sprechen werde, wird das tiefste Geheimnis Deines Herzens enthüllen und Dir durch Mark und Bein dringen.« – Und nun flüsterte sie Mertoun ein Wort ins Ohr, – ein einziges – das aber wie ein Zauberschlag auf ihn zu wirken schien. Bewegungslos und starr vor Staunen, blieb er stehen, während Norna, die Arme wie im Triumph erhebend, von ihm hinweg schritt und um eine Ecke der Ruine herum schnell aus seinen Augen verschwand.

Mertoun machte keinen Versuch, ihrer Spur zu folgen: »Vergebens bemühen wir uns, unserm Schicksal zu entfliehen!« sprach er zu sich selbst, als er seine Besinnung wiedergewann; und schnell wandte er der wüsten Ruine und dem Kirchhof den Rücken. Als er von dem letzten Punkte, von wo aus die Kirche noch sichtbar war, zurückblickte, sah er Nornas Gestalt, in ihren weiten Mantel gehüllt, auf der höchsten Spitze der Ruine stehen, und mit einem weißen Wimpel aufs Meer hinauswehen. Ein Gefühl von Schrecken, demjenigen vergleichbar, das bei ihrem letzten Worte durch seine Nerven zuckte, befiel von neuem seine Seele, und schnellen Schrittes eilte er vorwärts, bis er die Kirche von St. Ringan mit ihrer sandigen Bucht weit hinter sich gelassen hatte.

Als er den Fuß wieder nach Jarlshof setzte, zeigte sein Gesicht eine so auffallende Veränderung, daß Swertha ernstlich die Rückkehr eines seiner melancholischen Zufälle fürchtete.

Diese Befürchtung erfüllte sich aber nicht; Mertoun machte sie nur mit seinem Entschlüsse, sich nach Kirkwall zu begeben, bekannt, – was eine solche Abweichung von seiner gewöhnlichen Lebensweise bedeutete, daß die Haushälterin ihren Ohren nicht trauen wollte. Bald darauf kamen die Leute wieder, die er zur See und zu Lande auf Kundschaft nach seinem Sohne gesandt, sämtlich unverrichteter Sache, aber er hörte, sie ruhig, fast gleichmütig an; was aber Swertha in ihrer Ueberzeugung, daß ihm von Norna solcher Ausgang prophezeit worden, nur bestärkte.

Noch mehr aber erstaunten die Bewohner des Dörfchens, als Herr Mertoun plötzlich Anstalten traf, sich zum Markt nach Kirkwall zu begeben, da er doch bisher alle öffentlichen Versammlungen sorgfältig gemieden hatte.

Swertha zerbrach sich den Kopf nicht wenig, ohne jedoch den Schlüssel des Rätsels finden zu können; aber ihr Kummer fand erhebliche Linderung durch eine Summe Geldes, die Mertoun in ihre Hände legte, und die ihr ein Schatz dünkte.

Siebentes Kapitel

Kein Gram wirkt so schwer auf das Gemüt wie der, den wir in unser Herz verschließen, über den wir Aussprache weder suchen noch wünschen. Bedrückt nun gar das Geheimnis einer fremden Schuld eine schuldlose Brust, dann ist es kein Wunder, wenn die Gesundheit leidet.

Den Freunden und Bekannten kam Minnas Wesen und Temperament so gänzlich verändert vor, daß manche sich versucht fühlten, an den Einfluß eines bösen Zaubers zu glauben, während andere einen Anfall von Wahnsinn darin zu erkennen meinten. Die Einsamkeit, in welcher sie früher gelebt, war ihr jetzt unerträglich; aber wenn sie Gesellschaft aufsuchte, so bezeigte sie weder Teilnahme, noch gab sie acht auf das, was um sie her vorging. Fast immer erschien sie in traurigem, selbst trübsinnigem Hinbrüten, aus dem sie nur dann plötzlich aufschreckte, wenn etwa zufällig die Namen Cleveland und Mordaunt Mertoun genannt wurden.

Ihr Benehmen gegen die Schwester war noch immer so garstig oder doch unfreundlich, daß man sie allgemein für krankhaft hielt. Oft fühlte Minna den Trieb, die Gesellschaft der Schwester aufzusuchen; wenn ihr dann aber einfiel, wie schwer Brenda, ihrer Meinung nach, durch Cleveland gelitten, war es ihr nicht möglich, in ihrer Nähe zu bleiben oder Trost aus ihrem Munde zu hören. Dann rannte sie, wie von einem Dämon gejagt, aus der Stube und flüchtete in die Einsamkeit der Felsen.

Die Wirkungen dieser schweren Gemütserschütterung wurden bald an ihrer Gestalt und ihrem Antlitz sichtbar; sie wurde bleich und welkte hin; ihr Auge verlor den festen, ruhigen Blick, den Glück und Unschuld leihen; ihre Gesichtszüge veränderten sich und ihre Stimme, sonst sanft und ruhig, verlor entweder allen Ausdruck ober nahm einen heftigen, schneidenden Klang an. In Gesellschaft mit andern sank sie in trübsinnige Stimmung; wenn sie allein war, hörte man sie viel mit sich selbst reden.

Umsonst nahm Minnas besorgter Vater die Heilkundigen der Insel in Anspruch, umsonst suchte er Hilfe bei der ihm verwandten Norna vom Fitful-Head, die jetzt am Strande nahe bei dem Vorgebirge weilte, dessen Namen man dem ihrigen anzuhängen pflegte, und, obgleich Erik Scambester selbst die Botschaft übernahm, es rundweg ablehnte, nach dem Herrenhaus zu kommen oder auch nur Bescheid zu geben.

Magnus geriet hierüber wohl in Zorn, aber seine Angst um Minna bestimmte ihn, denselben niederzukämpfen und Norna selbst aufzusuchen. Aber er hielt seinen Plan geheim, sagte seinen Kindern nur, daß er eine Reise zu Verwandten vorhabe, die er seit langer Zeit nicht gesehen habe, und zu der sie ihn begleiten sollten.

Nicht gewohnt, nach der Ursache seines Willens zu fragen, auch von der Hoffnung erfüllt, daß Bewegung und Ortsveränderung günstig auf die Schwester wirken würden, traf Brenda, auf der jetzt allein die Sorge für den Haushalt ruhte, alle Anstalten, und am nächsten Morgen schon trabten sie über das öde Meer zwischen Burgh-Westra und dem nordwestlichen Ende der Insel Mainland, die, wie gegen Südosten in dem Vorgebirge von Sumburgh, gegen Nordwesten hin in dem von Fitful endigt.

Der Udaller saß auf einem starken, vierschrötigen Klepper von norwegischer Rasse, während Minna und Brenda, als treffliche Reiterinnen bekannt, zwei mutige Shetlandsklepper ritten. Unterwegs wurde wenig gesprochen; gegen Mittag wurde die erste Rast gemacht; und nachdem der Vater sich durch ein Paar kräftige Schlucke gestärkt hatte, wurde er redseliger.

»Wohlan, Kinder!« rief er, »wir haben jetzt nur noch etwa zwei Stunden bis zu Nornas Wohnung, und werden bald sehen, wie uns die alte Zaubermutter empfangen wird.«

Minna unterbrach ihren Vater mit einem schwachen Ausruf, während Brenda im höchsten Grade des Erstaunens fragte: »Also Norna wollen wir einen Besuch machen.? – Nun, der Himmel bewahre uns!«