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»Und wovor?« entgegnete der Udaller, die Stirn runzelnd, »Du bist nicht recht klug, Brenda, wer soll Deiner Schwester besser helfen können als sie? Da ist Deine Schwester doch klüger ... Sieh mich an, Minna! Du hast ihre Geschichten und Lieder immer gern gehört, hast Dich zu ihr gesetzt und sie geliebkost, wenn die kleine Brenda schrie und von ihr floh, wie ein spanischer Kauffahrer vor einem holländischen Kaper.«

»Möchte sie mich heute nicht auch in Furcht und Flucht jagen, Vater!« erwiderte Brenda, bemüht, ihrer Schwester das Schweigen zu erleichtern dadurch, daß sie den Vater beschäftigte; »ich habe soviel von ihrer Behausung gehört, daß mir vor dem Gedanken graust, sie uneingeladen zu besuchen.«

»Du bist nicht gescheit,« entgegnete Magnus, »wenn Du glaubst, daß ein Besuch von Verwandten je einem wackern Shetländer-Herzen unwillkommen sein könnte. – Und nun wahrlich, jetzt fällt's mir ein, ja, ja, ja, deshalb hat sie Erik Scambester nicht sprechen wollen. Lange Zeit ist's her, seitdem ich ihren Schornstein rauchen gesehen, und noch nie habe ich Euch dorthin geführt, – sie hat wirklich recht, mich unfreundlich zu nennen. Aber ich will ihr die Wahrheit gestehen – und die ist: daß ich es nicht für hübsch und anständig halte, einer in der Einsamkeit lebenden Frau schwer oder lästig zu fallen.«

»Wir brauchen uns doch davor nicht zu fürchten, Vater,« erwiderte Brenda, »denn ich habe von allem, was uns not tun kann, reichlichen Vorrat mitgenommen: Fische und Speck, gesalzenes Hammelfleisch und geräucherte Gänse, mehr als wir in einer Woche verzehren können – und überdem auch stärkende Getränke für Dich, Vater.«

»Recht, recht, meine Tochter!« unterbrach sie der Udaller, »ein wohl ausgerüstetes Schiff macht auch eine muntere Reise. Und so brauchen wir nur Nornas gastfreies Dach und ein wenig Bettzeug für Euch, denn was mich betrifft, so sind mir mein Seemantel und ein Paar gute norwegische Bretter lieber, als Eure Kissen und Eiderdaunen und Matratzen. Norna wird die Freude haben, uns bei sich zu sehen, ohne auch nur für einen Stüber Wert durch uns in Kosten versetzt zu werden.«

»Hoffentlich nennt sie es eine Freude,« antwortete Brenda.

»Nun, beim heiligen Märtyrer! was heißt das wieder, Mädchen!« rief der Udaller, »glaubst Du etwa, meine Verwandte sei eine Heidin und würde sich nicht freuen, ihr eignes Fleisch und Blut zu sehen? – Wäre ich doch einer guten Fischerei eben so gewiß! – Nein, nein, nur daß wir sie nicht zu Hause finden möchten, fürchte ich; denn sie wandert oft umher, in Gedanken über Dinge, die nun doch nicht abzuändern sind.«

Minna seufzte tief, als ihr Vater diese Worte sprach, und dieser fuhr fort:

»Du seufzest, Mädchen? – Ja, ja, daran krankt die halbe Welt – möge es nicht auch Deine Krankheit sein oder werden!«

Ein zweiter Seufzer verriet, daß diese Warnung schon zu spät kam.

»Ich glaube, Du fürchtest Dich vor meiner Verwandten ebenso, wie Brenda?« sprach der Udaller, ihr bleiches Gesicht musternd; »ist dem so, dann sprich nur ein Wort, und wir kehren zurück, als ob wir günstigen Wind hätten und fünfzehn Meilen in einer Stunde machten.« »Um Gottes willen, laß uns zurückkehren, Schwester!« rief Brenda flehend; »Du weißt ja – Du wirst Dich erinnern – Du mußt überzeugt sein, daß Norna Dir nicht helfen kann.«

»Das ist nur zu wahr,« erwiderte Minna mit gedämpfter Stimme; »aber vielleicht kann sie mir eine Frage beantworten, die nur von einer, die im Elend ist, an eine andere solche getan werden kann.«

»Meine Verwandte ist weder arm noch elend,« antwortete der Udaller, der Minnas leise Rede nur halb gehört hatte. »Sie hat gute Einkünfte, sowohl auf Orkney als hier und manches Lispfund Butter muß ihr entrichtet werden. Aber die Armen erhalten den größten Teil davon, und Schande dem Shetländer, der sie darum beneidet; das übrige gibt sie, ich weiß selbst nicht wie, auf ihren Wanderungen durch die Inseln aus. Aber Ihr werdet lachen, wenn Ihr ihr Haus und Nick Strumpher sehen werdet, den sie Pacolet nennt, – Viele glauben, Nick sei der Teufel, aber er hat Fleisch und Blut, wie einer von uns – sein Vater lebt in Graemsay – freuen werde ich, mich, den Nick wiederzusehen.«

Als der Udaller so sprach, überlegte Brenda, die zum Ersatz für eine lebhafte Phantasie, wie sie ihrer Schwester eigen war, eine reiche Dosis gesunden Menschenverstandes hatte, bei sich hin und her, welchen Einfluß dieser Besuch auf den Gesundheitszustand ihrer Schwester haben könne. Endlich gelangte sie zu dem Entschluß, bei der ersten Gelegenheit, die sich dazu auf der Reise darbieten würde, mit ihrem Vater heimlich zu sprechen und ihm alle Umstände von Nornas nächtlichem Besuch mitzuteilen, dem sie, im Verein mit andern gemütbewegenden Ursachen, Minnas Gemütskrankheit vorzüglich zuschrieb; und es ihm dann zu überlassen, ob er auf dem Besuch bei einem so seltsamen Wesen bestehen wolle oder es für ratsam halte, Minna keiner weitern Erschütterung auszusetzen.

Während die Klepper wieder gesattelt wurden, gelang es Brenda, nicht ohne Schwierigkeit, ihrem Vater ihre Absicht begreiflich zu machen, dessen Erstaunen darüber, wie man denken kann, nicht gering war, aber noch größer wurde, als er, nachdem er absichtlich mit Brenda ein Stück zurückgeblieben, von dieser die ganze Geschichte von Nornas Besuch auf Burgh-Westra und von dieser Mitteilung erfuhr, durch die sie damals seine Töchter in Schrecken gesetzt hatte. Eine Weile konnte er nichts hervorbringen als einzelne Worte; dann aber verwünschte er seine Verwandte tausendmal, daß sie seinen Töchtern eine solche Schreckensmär erzählt habe.

»Oft hab ich schon gehört,« rief er aus, »daß sie, trotz all ihrer Weisheit und Wetterkunde, wahnsinnig sein solle, und, bei den Gebeinen des heiligen Märtyrers Magnus, ich glaube es wirklich selbst. Nicht mehr zu steuern weiß ich, gleichsam als wäre mir der Kompaß verloren gegangen. Hätte ich das früher gewußt, so wären wir zu Hause geblieben; nun aber, da wir so weit gekommen sind, und da uns Norna erwartet –«

»Uns erwartet, Vater!« unterbrach ihn Brenda, »wie wäre das möglich?«

»Wie, weiß ich nicht, –« erwiderte der Udaller, »da sie aber vorhersagen kann, woher der Wind weht, wird sie auch wissen, welchen Weg wir reiten. Wir dürfen sie nicht erzürnen. Vielleicht hat sie meiner Familie dies Unheil zugefügt, wegen des Wortwechsels, den ich mit ihr über den Burschen hatte; wenn dem so ist, kann sie es wieder gut machen; – und das soll sie, oder ich will wissen, warum nicht. – Aber zuvor will ich es mit guten Worten versuchen.«

Hierauf bemühte sich Brenda, zunächst von ihrem Vater zu erfahren, ob Nornas Erzählung auf Wahrheit gegründet sei oder nicht. Dieser schüttelte sein Haupt, seufzte tief und bestätigte mit wenigen Worten den ganzen Vorgang, soweit er auf ihr Verständnis mit dem Fremden Bezug hatte; auch der Tod ihres Vaters, dessen zufällige und gewiß unschuldige Ursache sie geworden, war eine traurige, doch nicht abzuleugnende Wahrheit... »Was aber ihr Kind anbelange,« sagte er, »so habe er nie erfahren können, was aus demselben geworden.«

»Ihr Kind!« unterbrach ihn Brenda, »sie sprach ja kein Wort von einem Kinde!«

»So wollte ich, meine Zunge hätte geschwiegen!« rief der Udaller. – »Jung oder alt, seh ich, kann der Mann ein Geheimnis vor Euch Weibern nicht besser bergen, als ein Aal in seinem Hinterhalt zu bleiben vermag, wenn ihn die Schlange von Pferdehaaren gefangen hält; früh oder spät zieht ihn doch der Fischer heraus!«

»Aber das Kind, mein Vater!« fuhr Brenda fort, begierig die nähern Umstände dieser außerordentlichen Geschichte zu erfahren; »was ist aus dem Kinde geworden?«

»Fortgeführt ward es, wie ich glaube, von dem elenden Vaughan,« antwortete der Udaller in verdrießlichem Tone, der deutlich bewies, wie sehr es ihm zuwider war, von der Sache zu reden.