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Ohne sich um solche Schrecken zu bekümmern, ritt der Udaller auf den Turm zu, schwang sich von seinem Pferde, half seinen Töchtern von ihren Kleppern und schritt auf die Pforte zu, vor der sich ehedem eine rohe Zugbrücke, von der noch Ueberreste vorhanden waren, befunden hatte. Jetzt bildete sie nur noch einen Weg für Fußgänger, schmal und ohne Geländer, von einer Art Bogen aus Walfischbarten getragen.

Ueber diese Schreckensbrücke ging nun der Udaller festen Schrittes, gefolgt von seinen Töchtern, und bald standen die Reisenden vor dem niedrigen, unförmlichen Eingang zu Nornas Behausung.

»Wenn sie doch vielleicht nicht zu Hause wäre?« sagte der Udaller, wiederholt an die Tür aus schwarzem Eichenholz schlagend – »gleichviel; dann wollen wir wenigstens einen Tag auf ihre Rückkehr warten und uns an Hausbier und Branntwein bei Nick Strumpher schadlos halten.« Aber schon öffnete sich die Tür; ein vierschrötiger Zwerg, vier Fuß fünf Zoll hoch, mit einem Kopfe von beträchtlichem Umfange und häßlichem Gesicht, mit ungeheurem Munde, großen aufwärts geschlitzten Naslöchern, plumpen dicken Lippen und großen Walfischaugen, glotzte ihnen, ohne ein Wort zu sprechen, entgegen, zu Brendas Schreck und Minnas Staunen, die beide kaum reden konnten vor Angst, jener Troild, dessen Norna in ihrer Erzählung erwähnte, stände leibhaftig vor ihnen. Magnus Troil aber redete die wunderliche Gestalt mit jener herablassenden Freundlichkeit an, die Leute höheren Ranges gegen solche niedrigern Standes anzunehmen pflegen, wenn sie augenblicklichen Grund zur Höflichkeit gegen sie zu haben meinen.

»Ei, sieh da, Nick!« rief er, »noch immer munter und wohl wie St. Nicolas, Dein Namensvetter, wenn er, mit Axt oder Beil ausgehauen, an einem holländischen Schiffe prangt. Wie geht es Dir, Nick, oder Pacolet, wenn Du Dich so lieber nennen hörst; sieh, Nicolas! da sind meine beiden Töchter, fast so hübsch wie Du, wie Du siehst.«

Nick grinste sie an und machte eine plumpe Verbeugung, wich aber mit seiner klumpenförmigen Gestalt um keinen Schritt von der Tür.

»Kinder,« fuhr der Udaller fort, der seine Gründe haben mochte, den Cerberus freundlich zu stimmen, – »seht, Mädchen, das ist Nick Strumpher, von seiner Herrin Pacolet genannt; ein schmucker Zwerg, wie Ihr seht, geheimer Rat von seiner Herrin, der aber noch nie im Leben ein Geheimnis von ihr ausgeschwatzt hat.«

Der garstige Zwerg grinste noch ärger als zuvor, warf, wie um die Aussage des Udallers zu bekräftigen, den Kopf zurück und zeigte, als er seine ungeheuren Kinnbacken voneinander riß, daß sich in der unermeßlichen Tiefe seines Schlundes nur noch die eingeschrumpften Ueberreste einer Zunge befanden, vielleicht noch ausreichend zum Verschlingen von Nahrung, nicht aber, um menschliche Töne hervorzubringen. Ob dieses Organ durch Krankheit verstümmelt oder gewalttätig verkürzt worden, ließ sich nicht erraten; daß aber das unglückliche Wesen nicht von Geburt stumm war, ging aus seinem Gehör hervor. Nachdem er diesen schrecklichen Anblick gezeigt, vergalt er den Scherz des Udallers mit lautem, mißtönendem Gelächter, um so gräßlicher anzuhören, als es das eigene Elend zu höhnen schien. Die Schwestern blickten sich einander furchtsam an, und selbst der Udaller schien etwas außer Fassung gebracht, fuhr aber fort: »Und wann hast Du Deinen Schlund, der an Weite dem Pentland-Haff nichts nachgibt, zuletzt mit einem Glas Branntwein gewaschen? Ich führe solches Zeug bei mir, Nick, vortreffliches Zeug!«

Der Zwerg zog die dicken Brauen zusammen, schüttelte den mißgestalteten Kopf und zeigte mit dem Daumen seiner rechten Hand über die Schulter rückwärts.

»Wie! meine Muhme sollte darüber verdrießlich werden?« sagte der Udaller, das Zeichen verstehend: »nun, nun, Alter, Du sollst eine Flasche davon hier behalten, um Dir ein Gütchen damit anzutun, wenn sie fern ist.«

Der Zwerg fletschte schmunzelnd die Zähne.

»Und nun, Pacolet!« rief der Udaller, »aus dem Wege, und laß mich meine Töchter zu meiner Muhme führen. Bei den Gebeinen des heiligen Magnus! es soll Dein Schaden nicht sein, – Nun, schüttele nur Deinen Kopf nicht, Alter; wenn meine Muhme zu Hause ist, wollen und müssen wir sie sehen.«

Der Zwerg gab durch seine Winke von neuem zu verstehen, daß das unmöglich sei, worauf der Udaller zornig zu werden anfing.

»Was da, was da!« rief er, »quäle mich nicht mit Deinem Kauderwelsch und geh aus dem Wege! Ich nehme alle Schuld auf mich.«

Mit diesen Worten legte Magnus Troll seine kräftige Hand an den Wamskragen des Zwerges, schob ihn mit einem derben Stoß beiseite und trat ein, von seinen beiden Töchtern gefolgt, die sich, von allem was sie rings um sich sahen, entsetzt, dicht an ihn anschlossen. Ein krummer, dunkler Gang, durch den jetzt Magnus voranschritt, wurde durch eine Schießscharte, die mit dem Innern des Gebäudes in Verbindung stand, und ursprünglich dazu bestimmt sein mochte, den Eingang zu verteidigen, nur matt erhellt. Je weiter sie gingen, desto dunkler wurde es um sie her, und als Brenda jetzt aufblickte, den Grund hiervon zu erforschen, bebte sie zusammen vor dem bleichen, nur im Halbdunkel sichtbaren Antlitz Nornas, die, ohne ein Wort zu sprechen, auf sie niedersah, mit einem so starren, schrecklichen Ernst, daß jeder freundliche Empfang ausgeschlossen zu sein schien. Vater und Schwester kamen langsam hinter ihr her und hatten die Erscheinung ihrer seltsamen Wirtin nicht bemerkt.

Neuntes Kapitel

»Hier muß die Treppe sein,« rief der Udaller, als er in der Dunkelheit gegen ein paar unregelmäßige Stufen stieß, »sofern mich nicht mein Gedächtnis trügt! Ei, und da sitzt sie ja schon,« fuhr er fort, als er vor einer halboffenen Tür still stand, »mit ihrer ganzen Takelage um sich, und beschäftigt, ohne Zweifel wie der Teufel beim Sturm.«

Mit solch unehrbietigem Vergleiche trat er, von seinen Töchtern gefolgt, über die Schwelle des halbdunklen Zimmers, worin Norna saß, von wirr umher liegenden Büchern aus verschiedenen Sprachen, Pergamentrollen, Tafeln und Steinen mit den eckigen Zeichen der Runenschrift umgeben, wie mancherlei anderen Dingen, die der gemeine Mann mit Ausübung verbotener Künste in Verbindung zu bringen liebt. Ueber dem rohen, nachlässig angelegten Kamin hing ein altes Panzerhemd nebst zugehörigem Kopfstück, Streitaxt und Lanze; auf einem Gesimse lagen in großer Ordnung mehrere jener seltsamen, aus grünem Granit geformten Streitäxte, die sich häufig auf diesen Inseln finden, und vom gemeinen Mann »Donnerkeile« genannt und als Schutzwehr gegen Blitzstrahl betrachtet werden. Daneben ein Opfermesser, an dem vielleicht einst Menschenblut klebte, sowie ein paar jener ehernen Werkzeuge, »Celts« genannt, über deren Zweck sich schon mancher Altertumsforscher den Kopf zerbrochen hat. In einem Winkel auf einem Haufen von welkem Seegrase, ruhte ein Ungetüm, das man auf den ersten Blick für einen großen mißgestalteten Hund halten konnte, dann aber als einen zahmen Seehund erkannte, und der jetzt, als er die fremden Leute sah, wachsam wie ein gewöhnlicher Haushund aufsprang – während Norna, ohne sich zu rühren, hinter einem Tisch aus rohem Granit sitzen blieb, den plumpe, aus dem gleichen Gestein roh gefügte Füße trugen. Außer dem Buche, worin sie zu lesen schien, lag neben einem mit Wasser gefüllten Kruge ein Stück von jenem groben, ungesäuerten Brote, das der arme norwegische Bauer zu essen pflegt.

Magnus Troil stand einen Augenblick da, den Blick schweigend auf seine Muhme gerichtet; Brenda war von maßloser Furcht erfüllt, und Minna schien für den Augenblick gar nicht zu fassen, wo sie weilte. Endlich wurde das Schweigen von dem Udaller unterbrochen, der einerseits seine Muhme nicht beleidigen mochte, anderseits ihr aber zeigen wollte, daß ihn dieser seltsame Empfang nicht in Verwirrung setzte ...

»Guten Abend, Muhme Norna!« rief er, »ich bin mit meinen Töchtern weit hergekommen, um Euch zu besuchen.«