Norna hob die Augen von dem Buche, blickte starr auf ihre Besucher, dann wieder ruhig auf das Blatt.
»Nun, laßt Euch nicht stören, Muhme,« fuhr der Udaller fort, – »wir können ja warten, bis Ihr Zeit für uns findet! Schau her, Minna, die herrliche Aussicht auf das Vorgebirge, kaum eine Viertelmeile von hier; sieh, wie sich die Wellen mastlos daran brechen. Ach, und den niedlichen Seehund, den unsere Muhme hat! ... Komm her, Tierchen, komm, komm!«
Der Seehund erwiderte aber diesen Versuch, Bekanntschaft mit ihm anzuknüpfen, mit dumpfem Gebrumm.
»So gut gezogen,« fuhr Magnus in leichtem, scheinbar gleichgültigem Tone fort, »wie der vom alten Peter Mac Raws, dem Pfeifer von Storneway, der mit dem Schwanze den Takt zu einem Liede schlug, ist er nun freilich nicht; aber, Base,« fuhr er fort, als er sah, daß Norna das Buch zuklappte, »wollt Ihr uns denn nun willkommen heißen, oder müssen wir uns in einem andern Hause, als dem unserer Blutsverwandten, um Nachtquartier umsehen, jetzt, wo der Abend mit starken Schritten naht?«
»Ihr trägen, hartherzigen Seelen!« erwiderte Norna, »die Ihr taub seid wie die Natter für die Stimme des Zauberers, – was führt Euch zu mir? – Jede Warnung, die ich Euch gab, habt Ihr von Euch gestoßen, und nun, da das Unglück über Euch hereingebrochen, sucht Ihr meinen Rat, der Euch jetzt nichts mehr helfen kann?«
»Hört einmal, Muhme,« entgegnete der Udaller in seinem gewöhnlichen, derben und offenen Wesen; »ich muß Euch gestehen, daß Euer Empfang ziemlich unhöflich und kalt ist. Zwar habe ich noch nie eine Natter gesehen, weil es hier zu Lande keine gibt, nach meinen Begriffen von einem solchen Tiere aber taugt es zu keinem passenden Vergleich mit mir oder mit meinen Töchtern; und das mögt Ihr in der Folge bedenken. Aus alter Bekanntschaft, und auch aus gewissen andern Gründen nur, verlaß ich Euer Haus nicht auf der Stelle; da ich aber höflich und in aller Freundschaft zu Euch gekommen, bitte ich Euch uns auch auf gleiche Weise aufzunehmen, oder wir ziehen wieder von dannen und lassen Eure ungastliche Schwelle schmachbeladen hinter uns.« »Wie dürft Ihr, fragte Norna, »eine so kühne Sprache in einem Hause wagen, von dessen Besitzerin jedermann, wie jetzt auch Ihr, Rat und Hilfe begehrt? Wer mit der Reimkundigen spricht, muß seine Stimme vor ihr beugen, vor ihr, deren Gebot Wind und Wellen gehorchen.«
»Wind und Wellen mögen das immerhin tun, wenn sie wollen,« antwortete der Udaller, »ich aber will's nicht. In den Häusern meiner Freunde bin ich gewöhnt, wie bei mir zu Hause zu reden und streiche vor niemand meine Segel.«
»Und hofft Ihr, mich auf solche Weise zur Antwort auf Eure Fragen zu zwingen?« fragte Norna.
»Hört einmal, Muhme,« entgegnete Magnus Troil, »ich weiß zwar nicht so viel wie Ihr von den alten nordischen Sagen, aber soviel weiß ich, daß, wenn vor Zeiten die wackern Kämpen Sibyllen und Wahrsagerinnen aufsuchten, sie mit der Axt auf der Schulter und mit gezogenem Schwerte anlangten, die Antwort zu erzwingen, die sie begehrten.«
»Vetter!« erwiderte Norna, indem sie von ihrem Sitze sich erhob und auf ihn zuschritt: »Du hast wohl gesprochen, und zu rechter Zeit für Dich und Deine Töchter; nie hätte Euch die Morgensonne wieder beschienen. Die Geister, die mir dienen, sind argwöhnisch und wollen zu nichts gebraucht sein, was der Menschheit nützen kann, bis sie von unerschrockenem Mut dazu gezwungen werden. Und nun sprich, was begehrst Du von mir?«
»Die Gesundheit meiner Tochter,« antwortete Magnus, »die kein Heilmittel wieder herzustellen vermochte.«
»Die Gesundheit Deiner Tochter,« fragte Norna; »und was fehlt dem Mädchen?«
»Der Arzt muß ihre Krankheit nennen,« entgegnete Troil; »alles was ich darüber sagen kann, ist –«
»Genug,« rief Norna, ihn unterbrechend, »ich weiß alles, was Du von mir sagen kannst, und mehr noch weiß ich als Du selbst. Setzt euch nieder, ihr alle – Du aber, Minna, setz Dich hier auf diesen Stuhl;« – sie zeigte auf den Stuhl, den sie eben verlassen hatte – »einst war er der Sitz der Giervada, auf deren Gebot die Sterne ihre Strahlen einzogen und der Mond verblich.«
Langsamen Schrittes begab sich Minna zu dem rohen Steinsessel, der von der ungeschickten Hand irgend eines gotischen Künstlers die ungefähre Gestalt eines Stuhles erhalten hatte.
Brenda, die sich so nah wie möglich an ihren Vater schmiegte, setzte sich mit ihm auf eine Bank, in kurzem Abstande von Minna, und hielt ihre Blicke, aus denen ein Gemisch von Furcht, Mitleid und Angst sprach, unbeweglich auf die Schwester gerichtet. Die Gefühle, von denen dieses liebenswürdige Mädchen in diesem Moment bestürmt war, zu enträtseln, würde wohl seine Schwierigkeit haben. Mit schwächerer Einbildungskraft begabt, als Minna, infolgedessen für übernatürliche Dinge weniger empfänglich, konnte sie sich doch einer gewissen Furcht vor der Szene, die jetzt statthaben sollte, nicht verschließen; diese Regung ging aber bald in der Sorge für Minna unter, die mit ihrem geschwächten Körper und einer erschöpften, für die Dinge um sie her nur zu empfänglichen Seele jetzt in Sinnen vertieft saß, der Behandlung eines Wesens preisgegeben, das durch seine Rücksichtslosigkeit leicht von den schädlichsten Folgen für sie sein konnte.
Brenda blickte auf Minna, die in dem dunklen Steinsessel saß, zu dessen mächtigen und unregelmäßigen Winkeln ihre liebliche zarte Gestalt den seltsamsten Kontrast bildete; ihre Wangen und Lippen waren bleich wie der Tod, und aus ihren emporgehobenen Augen sprach Ergebung und Begeisterung, beide ihrem Charakter und ihrer Krankheit eigentümlich. Dann sah die jüngere Schwester auf Norna, die, leise und eintönige Worte vor sich hinmurmelnd, von einem Winkel des Gemachs zum andern schritt und allerhand Dinge herbeiholte, die sie dann nebeneinander auf den Tisch legte. Endlich beobachtete Brenda auch noch ihren Vater, um womöglich aus seinen Gesichtszügen zu erraten, ob auch er einiges von ihrer Furcht empfinde. Aber er schien dergleichen nicht zu fühlen, sondern blickte mit ernster Ruhe auf Nornas Vorbereitungen, und schien das Ergebnis derselben mit der Fassung eines Mannes abzuwarten, der im Vertrauen auf die Geschicklichkeit des Arztes dessen Vorbereitungen zu einer ernsten, schmerzvollen Operation mit Ruhe zusieht.
Norna fuhr unterdes in ihrer Arbeit fort, bis sie auf den Tisch verschiedene Dinge gelegt und gestellt hatte, unter denen sich auch eine kleine, mit Holzkohlen gefüllte Kohlenpfanne, ein Schmelztiegel und ein dünnes Stückchen Blei befanden. Dann sprach sie laut: »Es ist gut, daß ich Euren Besuch vorher wußte, – lange vorher, eh' er von Euch selbst beschlossen ward, – wie könnte ich sonst auf dasjenige, was jetzt geschehen muß, vorbereitet sein? – Mädchen!« fuhr sie dann zu Minna gewendet fort, »wo liegt Dein Nebel?«
Die Kranke legte als Antwort ihre Hand auf die linke Brust. »Ja, ja,« entgegnete Norna, »das ist der Platz von Wohl und Weh. – Du aber, ihr Vater und Du, ihre Schwester, glaubt nicht, daß ich nur aufs Geratewohl spreche – kann ich das Uebel nennen, so bin ich vielleicht im stande, es zu mildern; es ganz zu heilen aber nicht. Das Herz – ja, wenn das Herz getroffen wird, verdunkelt sich das Auge, der Puls beginnt wirr zu klopfen, der Blutumlauf wird gestört, die Glieder welken hin, wie das Seegras in der Sommersonne, unsere frohen Lebensansichten schwinden; und was zurückbleibt, ist nur der Traum eines verlorenen Glücks, die Furcht vor einem unvermeidlichen Elend. – Aber die Heilkundige muß an ihr Geschäft – wohl mir, daß ich Anstalt dazu traf!«
Sie warf ihren dunkelfarbigen Mantel von sich und stand nun vor ihnen, in ihrem lichtblauen Wams, mit einer ähnlichen, mit schwarzem Samt phantastisch geschmückten Schürze, die mit einer Kette, oder vielmehr einem mit seltsamen Zeichen gezierten Gürtel an ihrer Jacke befestigt war. Norna löste nun zunächst das Netz, das ihr graues Haar zusammenhielt, und ihr Haupt heftig hin und her bewegend, warf sie es in unordentlicher Fülle über Antlitz und Schultern, so daß ihre Gesichtszüge fast gänzlich verhüllt wurden. Dann stellte sie den kleinen Schmelztiegel auf die kleine Kohlenpfanne, – ließ aus einer Phiole ein paar Tropfen auf die Holzkohlen fallen, deutete auf sie mit dem welken Zeigefinger, den sie ebenfalls, doch aus anderem Fläschchen, benetzt hatte, und sprach mit tiefer Stimme: »Feuer, tue deine Pflicht!« Kaum waren diese Worte gesprochen, als plötzlich, vermutlich durch irgend eine chemische, von den Zuschauern nicht bemerkte Ursache, die Holzkohlen unter dem Schmelztiegel sich langsam zu entzünden begannen, während Norna, gleichsam wie über den Verzug ungeduldig, eilig das um ihr Haupt flatternde Haar aus dem Gesichte strich, und stark in die Flamme blies, deren Glut sich auf ihren Wangen spielte, während ihre Augen unter ihrem Haar hervorfunkelten, wie die eines wilden Tieres aus seiner Höhle. Jetzt hielt sie einen Augenblick inne, und nachdem sie vor sich hingemurmelt hatte, daß jetzt dem Geiste des Elements gedankt werden müsse, rezitierte sie in ihrer gewöhnlichen, monotonen und dennoch wilden Weise die folgenden Verse: