»Du, der Furcht und Segen bringt,
Der die roten Flügel schwingt,
Dessen geist'ges Zauberweh'n
Heißt den Nord vom Schlaf ersteh'n,
Der da wärmt der Hütte Herd
Und Paläste wild zerstört;
Glanzumstrahlter, dessen Macht
Wohl und Weh oft angefacht;
Auf der Runenreime Schwingen
Mög mein Danklied zu Dir dringen.
Dann nahm sie ein Stückchen von dem Blei, das auf dem Tische lag, warf es in den Schmelztiegel und sang, indem es schmolz:
Jetzt gibt auch der Kunst zum Heil
Mutter Herta ihren Teil;
Sie, die spendend uns erfreut,
Nahrung allem Leben beut ...
Aus der tiefen Grub' im Norden
st das Blei gehoben worden,
Einst bestimmt, um unter Stein
Eines Helden Sarg zu sein. –
Meinem Zauber hilft es hier;
Mutter Herta, Dank dafür!
Nun goß sie aus ihrem Kruge Wasser in einen großen Becher, und während sie es langsam mit dem Ende ihres Stabes rührte, sang sie:
Gürtel, der sein Silberband
Schlingt um unser Vaterland,
Deiner Woge Sturmgewühl
Treibt mit Belgiens Küste Spiel.
Aber unsere Klippenschanze
Trotzet Deinem Wellentanze. –
Gürtel, tu jetzt Deine Pflicht,
Norna ist's, die zu Dir spricht.
Als sie diesen Vers geendet, hob sie mit einer Zange den Schmelztiegel von der Kohlenpfanne und goß das nun völlig geschmolzene Blei in das Wasser, wobei sie langsam sprach:
»Elemente, die sich einen,
Lassen Kraft und Macht erscheinen.«
Das geschmolzene Blei zischte, als es das Wasser berührte, und formte sich in mannigfache Gestalten, wie allen denen bekannt sein wird, die sich in ihrer Kindheit mit dem Spiele beschäftigten. Norna untersuchte das Blei jetzt mit großer Aufmerksamkeit und löste es voneinander, ohne dem Anschein nach dasjenige zu finden, was sie suchte.
Endlich murmelte sie, mehr vor sich hin, als an ihre Gäste gerichtet: »Erm, der Unsichtbare, will nicht übergangen sein, – seinen Tribut will er, selbst in einem Werke, zu dem er nichts tut. – Wolkenbezwinger, auch Dir soll die Stimme der Reimkundigen ertönen.«
So sprechend, warf Norna das Blei noch einmal in den Schmelztiegel, wo es, siedend und zischend, so wie das Metall die glühenden Seiten des Gefäßes berührte, schnell wieder flüssig wurde. Die Sibylle hatte sich unterdessen in einen Winkel des Gemachs begeben; dort öffnete sie ein Fenster, das nach Nordwesten hinausging, und ließ den Glanz der Sonne hereinschimmern, die jetzt über einer großen Masse roten Gewölks schwebte, das, nahen Sturm kündend, den Rand des Horizonts umzogen hielt und gleichsam über den Wellen des grenzenlosen Ozeans zu brüten schien. Sich gegen jene Seite wendend, woher ein hohler, klagender Windhauch blies, redete Norna jetzt den Geist des Windes mit Tönen an, die den seinigen nicht unähnlich klangen:
Du, der über Wellenbreite
Gibst dem Schiffer das Geleite:
Du, der ihn durch Meereswüste
Führest an die sich're Küste;
Der, ob hoch die Woge strebt,
Leicht ihn über Klippen hebt.
Mächtiger! Du zürnst, weil ich
Meine Brüder pries, nicht Dich?
Sieh' die Handvoll graues Haar
Bring ich Dir als Sühne dar.
Oft schon hat Dein Sturmestoben
Meine Locken wild gehoben.
Magst sie jetzt auf Deinen Schwingen
Hin zu fernen Wolken bringen;
Deinen Teil nimm, zürne nicht,
Norna ist's, die zu Dir spricht.
Norna begleitete diese Worte mit der Handlung, die sie beschrieben, indem sie eine Locke von ihrem Haupte riß und in den Wind streute. Dann schloß sie das Fenster und versetzte den Raum wieder in jenes Dämmerlicht, das für ihren Charakter und ihre Rolle so trefflich geeignet war. Das geschmolzene Blei wurde noch einmal in das Wasser geworfen, und die wunderlichen Figuren, die es bildete, wurden aufs neue sorgfältig von der Sibylle untersucht, die endlich durch Worte und Gebärde zu verkünden schien, daß ihr Zauber gelungen sei. Sie nahm nun von dem Metall ein Stückchen, von der Größe einer Nuß, das ganz wie ein menschliches Herz gestaltet war, näherte sich Minna und sprach:
Wer oft am Zauberbrunnen wacht,
Wird untertan der Nixe Macht;
Und der Sirene Allgewalt
Fühlt, wer am Ufer einsam wallt.
Wer zu dem Zauberkreis tritt hin,
Dem droht die Feenkönigin,
Und wer dem Zwerggestein sich naht,
Der ladet auf sich schwere Tat.
Zum Brunnen, zum Kreise, zum einsamen Strand
Hat Minna die zagenden Schritte gewandt;
Und doch stieg das Leiden, das jüngst sie erkor
Zum Opfer, aus tieferer Quelle hervor.
Minna, deren Aufmerksamkeit von der Ursache ihres Kummers einigermaßen geweckt worden war, erinnerte sich jetzt ihrer plötzlich wieder und blickte eifrig zu Norna auf, ganz so, wie wenn sie aus ihren Reimen etwas zu erfahren erwarte, was für sie von großem Interesse sein müsse. Die nordische Sibylle fuhr indessen fort, das wie ein Herz geformte Blei zu durchbohren, und einen Golddraht hindurchzuziehen, mit dem es sich an einer Kette oder einem Halsband befestigen ließ. Als dies geschehen war, sprach sie weiter:
Dich bindet eines Dämons Macht,
Der Größeres als Trolld vollbracht.
Sirenengleich weiß er zu singen,
Mit Feenzauber zu umschlingen.
Kein Elfe kann des Herzens Pochen,
Wie er, nach Willkür unterjochen;
Wie er, die Rosenwange bleichen,
Den Glanz des Augenlichts verscheuchen, –
Doch sprich, noch eh' wir weiter geh'n,
Kannst Du der Rede Sinn versteh'n?«
Minna erwiderte auf die rhythmische Weise, die von den alten Skandinaviern oft im Scherz oder Ernst in Anwendung gebracht wurde. –