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»Dein Zeichen versteh' ich,

Deine Blicke, Dein Wort,

Fahr in Deinem Rätsel,

o Mutter, nur fort.«

»Und die letzten sind's, die sie in Monaten sprechen wird,« entgegnete Norna, über die Unterbrechung erzürnt, »wenn Du ferner die Wirkung meines Zaubers störst. Wendet Euer Gesicht der Wand zu und schaut nicht her, bei der Strafe meines Zornes; Du, Magnus, wegen Deines harten Sinnes; und Du, Brenda, wegen Deines eitlen Unglaubens; ihr beide seid nicht wert, dem geheimnisvollen Werke zuzuschauen; die Blicke eurer Augen schwächen die Kraft des Zaubers; denn die Mächte dulden keinen Argwohn.«

Ungewohnt, auf solch entschiedene Weise angesprochen zu werden, hätte Magnus fast eine heftige Antwort gegeben, aber in Rücksicht auf Minnas Gesundheit und Nornas schweres Leid bekämpfte er seinen Unmut, neigte sein Haupt, zuckte mit den Schultern und nahm, sein Gesicht gegen die Wand kehrend, die Stellung an, die ihm Norna befohlen. Auf seinen Wink folgte Brenda seinem Beispiel, und so saßen beide in tiefem Schweigen da.

Norna wandte sich wieder zu Minna mit folgenden Worten:

Merk auf mein Wort, und länger nicht

Deck Totenblässe Dein Gesicht.

Dies Herz von Blei, nur klein an Wert,

Als Sinnbild sei es Dir beschert.

Trag es in tröstender Ruh und Frieden,

Hoffend, daß dann Deine Krankheit geschieden.

Wenn blutroter Fuß die blutrote Hand

Auf Orkney im Flügel des Märtyrers fand.

Hohe Röte färbte Minnas Wangen bei den letzten Worten, denn diese schienen ihr deutlich zu verkünden, daß Norna mit der Ursache ihres Kummers völlig bekannt sei; dieselbe Ueberzeugung bewog das arme Mädchen auch, auf den glücklichen Erfolg zu hoffen, auf den die Wahrsagerin hindeutete; und da sie nicht wagte, ihre Gefühle auf eine verständlichere Weise an den Tag zu legen, drückte sie mit Wärme und Innigkeit Nornas welke Hand an ihre Brust und benetzte sie mit Tränen.

Menschlicher fühlend, als sonst ihre Art war, zog Norna die Hand weg, und nun flossen Minnas Tränen unaufhaltsam. Freundlicher denn zuvor befestigte Norna das bleierne Herz an einer goldenen Kette, hing sie Minna um den Hals und sang dazu den letzten Teil ihres Zauberliedes:

Geduld, nur Geduld; denn Geduld schirmt mit Kraft,

Wie der Mantel, der Schutz uns beim Unwetter schafft.

Nichts Besseres vermag ich Dir, Mädchen, zu spenden

Als hier diese Gabe aus Zauberers Händen.

Das Herz und die Kette, sie sollen Dir beide

Verbürgen, was Norna Dir gab zum Bescheide.

Doch soll sie nicht schauen, was lieb Dir und nah,

Bis das, was ich kündete, wirklich geschah.«

Während sie diese Verse sprach, hatte sie der Kranken die Kette sorgfältig um den Hals gewunden, und die Kranke konnte sie in ihrem Busen bergen; und so endete diese Zauberhandlung – die übrigens wohl noch heute auf Shetland geübt wird, wo jede Erkrankung, deren Ursache nicht klar am Tage liegt, von der niedern Klasse dem Einfluß eines bösen Geistes zugeschrieben wird, der dem leidenden Leibe das Herz gestohlen: der Gebrauch, dem Kranken statt dieses aus dem Leibe gestohlenen Herzens ein bleiernes umzuhängen, ist auch heute noch nicht erloschen.

Nochmals mahnte Norna die Kranke, nicht von der Zaubergabe zu sprechen, da sonst die Kraft derselben sogleich verloren wäre. Dann löste sie noch einmal Minnas Halskrause und zeigte ihr ein Glied der goldnen Kette, das Minna auf der Stelle überzeugte, daß es dieselbe sei, die Norna einst Mordaunt Mertoun geschenkt. Dieses schien ihr zu beweisen, daß er noch am Leben und unter Nornas Schutz sei, und mit lebhafter Neugier blickte sie nun auf die seltsame Greisin, die aber, als gebiete sie Schweigen, den Finger auf die Lippen legte, dann noch einmal die Kette unter jene Falten barg, die sittsam und züchtig einen der schönsten und sanftesten Busen des Erdenrunds verhüllten.

Norna löschte sodann die brennenden Kohlen aus und gebot, als das Wasser zischend die Glut berührte, Magnus und Brenda, ihnen sich wieder zuzukehren, da ihr Geschäft nun vollendet sei.

Zehntes Kapitel

Norna schien wirklich vollen Anspruch auf die Dankbarkeit des Udallers zu haben, denn der Gesundheitszustand seiner Tochter hatte sich im Handumdrehen gebessert. Die Sibylle öffnete noch einmal das Fenster, Minna näherte sich mit liebevollem Zutrauen dem Vater, umschlang ihn und bat ihn um Verzeihung wegen der vielen Sorge, die sie ihm seit kurzem verursacht. Auch in die Arme der Schwester warf sie sich, gab aber ihr gegenüber der Reue, die sie fühlte, wegen des seltsamen Benehmens, das sie seit kurzem ihr gegenüber gezeigt, mehr durch Tränen und Küsse, als durch Worte Ausdruck. Der Udaller hingegen hielt es für höflich, seiner Wirtin, deren Geschicklichkeit sich so ungemein bewährt hatte, für die geleisteten Dienste zu danken. Kaum aber hatte er begonnen: »Liebwerte Muhme, seht, ich bin nur ein alter gerader Normann,« – als sie ihn auch schnell unterbrach, indem sie die Finger auf die Lippen legte.

»Wesen gibt es um uns,« sprach sie, »die keine sterbliche Stimme hören, und die nicht Zeugen von einem, dem menschlichen Gefühle dargebrachten Opfer sein dürfen. – Auch Augenblicke gibt es, wo sie sich selbst gegen mich, ihre mächtige Gebieterin, empören, weil mich noch die menschliche Hülle umgibt. Fürchte sie daher und schweige! Ich – nur ich, die durch Taten sich aus dem niedrigen Tale des Lebens und über Deine galligen Gebrechen emporhob; – ich, die dem Spender ihres Lebens die Gabe raubte, die er ihr verlieh, und die nun einsam und allein dasteht auf einer Klippe von unermeßlicher Höhe, losgerissen von der ganzen Erde außer dem unbedeutenden Punkte, den ihr armseliger Fuß betritt – ich allein bin bestimmt, mit diesen finstern Genossen zu unterhandeln. Fürchte Dich deshalb nicht, sei aber auch nicht zu kühn. Verbringe diesen Fasten mit Deinen Töchtern im Gebet!«

Der Udaller, schon vorher nicht willens, dem Gebot der Sibylle zuwider zu handeln, hatte jetzt, nachdem sie ihm solchen Dienst geleistet, hierzu noch weniger Lust, sondern setzte sich schweigend und griff nach einem neben ihm liegenden Buche in einem verzweifelten Versuche, die Langeweile zu vertreiben, denn noch nie hatte er in einer andern Absicht seine Zuflucht zu einem Buche genommen. Der Zufall spielte ihm eins in die Hände, das für ihn, wäre es nicht in lateinischer Sprache abgefaßt gewesen, recht viel Interesse hätte haben können, denn es stammte von Olaus Magnus und handelte von den Sitten der alten Nationen des Nordens. So mußte er sich begnügen, die Belehrung, die er im Text nicht fand, in den beigegebenen schönen Kupfern zu suchen.

Die beiden Schwestern sahen unterdessen wie zwei Blumen am selben Stengel, und hielten sich innig umschlungen, als fürchteten sie, daß eine neue Veranlassung zur Kälte sich wieder zwischen sie drängen möchte, um das kaum wiederhergestellte harmonische Verhältnis zu trüben. Norna saß ihnen gegenüber, in dem großen Pergamentbande blätternd, vor dem sie sie bei ihrem Eintritt getroffen hatte; und dann wieder auf die Schwestern mit Blicken schauend, deren freundlicher und ungewöhnlich gütiger Ausdruck die strenge und ernste Feierlichkeit ihrer Gesichtszüge milderte. Alles war still und stumm wie der Tod, und selbst Brenda hatte in ihrer Gemütsbewegung noch nicht Zeit gewonnen, zu überlegen, ob es recht sei, die übrige Tageszeit auf gleiche Weise hinzubringen; da wurde die tiefe Stille plötzlich durch den Eintritt des Zwerges unterbrochen.

Norna warf einen verdrießlichen Blick auf den Störenfried, der, dem Anschein nach, um seine Zudringlichkeit zu entschuldigen, die Hände emporhielt und einen klagenden Ton hervorstieß; dann aber schnell wieder zu seiner gewöhnlichen Ausdrucksweise zurückkehrte und eine Menge Zeichen mit seinen Fingern beschrieb, die von seiner Gebieterin mit eben so großer Gewandtheit wie Schnelligkeit erwidert wurden, so daß die beiden jungen Mädchen, die nie etwas von einer solchen Kunst gesehen oder gehört hatten, solche Verständigung unter zwei Menschen fast für Zauberei zu halten geneigt waren. Als die wunderliche Zwiesprach zu Ende war, wandte Norna sich wieder, und zwar nicht ohne Stolz, an Magnus Troil und sprach: »Wie, Vetter, konntet Ihr Euch so vergessen, irdische Nahrung in die Behausung der Reimkundigen zu bringen und Anstalten zu Lustbarkeiten und Tafelfreuden darin zu treffen? – So redet nicht – antwortet mir nicht; der Erfolg meines Heilungsversuchs hängt von Eurem Schweigen und Gehorsam ab – wechselt Ihr nur ein Wort, ja auch nur einen einzigen Blick mit mir, so wird es um das arme Mädchen bald noch schlimmer stehen als zuvor.«