Diese Drohung war ein wirksamer Zauber auf die Zunge des Udallers, den es nicht wenig danach verlangte, sie zu seiner Rechtfertigung in Bewegung Zu sehen.
»Folgt mir, ihr alle!« fuhr Norna fort, zu der Tür des Zimmers schreitend, »und keiner schaue hinter sich – wir lassen dieses Gemach nicht leer zurück, obgleich wir, die Kinder der Sterblichkeit, uns daraus hinweg begeben.«
Sie schritt hinaus, und der Udaller winkte seinen Töchtern, ihrem Gebete zu gehorchen. Schneller als ihre Gäste eilte die Sibylle die rauhe Stiege hinab, die zu dem unteren Raume führte. Dort waren die beiden Dienstboten, die Magnus Troil mitgebracht, gerade dabei, den Mundvorrat aus den Mantelsäcken zu packen und aufzutischen, und standen nun, starr vor Furcht und Erstaunen, als Norna mit dem Zwerge ein Stück von den Lebensmitteln nach dem andern nahm und zu der Oeffnung, die das Fenster ersetzte, über die hohe Klippe hinweg, auf der sich die Burg erhob, hinab in den Ozean, der tief unten wogte und schäumte, schleuderte – mit solcher Geschwindigkeit, daß der alte Udaller kaum noch seinen alten silbernen Becher retten konnte, denn schon flog die große lederne Branntweinflasche, die sein Lieblingsgetränk enthielt, den Speisen hinterher, begleitet von einem boshaften Grinsen des Zwerges, der damit Magnus Troil zu verstehen geben wollte, daß ihm an seinem Aerger doch noch mehr gelegen sei als an dem ganzen Inhalt der Flasche, Darüber riß aber dem Udaller der Geduldsfaden ... »Ei, was, Muhme,« rief er grimmig, »das ist ja tolle Verschwendung; wo und was sollen wir dann zu Nacht essen?«
»Wo ihr wollt,« antwortete Norna, »und was ihr wollt; aber weder sollt ihr essen in meiner Behausung, noch sollt ihr das essen, womit ihr meine Behausung entheiligt habt. Reizt ihn, den Unsichtbaren, nicht länger, sondern fort mit euch allen, – zu lange schon habt ihr hier geweilt, als daß es mir und wohl auch euch gut sein könnte.«
»Wie, Muhme,« entgegnete Magnus, »Ihr wollt uns doch hinauswerfen in dieser späten Stunde? – Bedenkt, daß es eine Schande wäre für unsern Stamm, wenn Ihr uns zwänget, unser Tau zu kappen und ohne Proviant in See zu stechen.«
»Schweigt, und macht, daß ihr fortkommt,« erwiderte Norna, »seid zufrieden, daß euch dasjenige ward, weshalb ihr zu mir kamt. Ich habe keine Herberge für sterbliche Gäste, keinen Vorrat, menschlichen Bedürfnissen abzuhelfen. Tief unten an der Klippe ist ein Ufer von feinstem Sande, ein Strom, rein und klar wie die Quelle von Kildingui, und die Felsen tragen Löffelkraut, gesund und heilsam wie das von Guiydin. Wohl wißt ihr, daß der Quell von Kildingui und das Kraut von Guiydin vor jeder Krankheit außer vor dem schwarzen Tode schützen.«
»Und das weiß ich auch,« sagte der Udaller, »daß ich lieber verdorbenes Seegras, wie ein Eisbock, oder gesalzenes Seehundfleisch, wie die geringen Leute von Burraforth, oder Muscheln aller Art, wie die armen Schelme von Stroma, zu mir nehmen wollte, als weißes Brot zu brechen und roten Wein zu trinken, in einem Hause, wo man scheel dazu sieht. Und doch,« fuhr er sich besinnend fort, »tue ich unrecht, Muhme, schweres Unrecht, so zu Euch zu sprechen, denn weit eher sollte ich Euch danken für das, was Ihr getan, als Euch Vorwürfe machen, daß Ihr Euren eigenen Weg geht. Aber Ihr werdet ungeduldig – wie ich sehe, – nun, nun, wir wollen uns gleich aufmachen. – Und Ihr, Bursche,« fuhr er, zu seinem Diener gewandt, fort, »habt's ein andermal nicht so eilig, Speisen aufzutischen, sondern wartet, bis Euch was aufgetragen wird. Hinaus mit Euch, die Klepper zu holen; denn ich sehe schon, wir müssen für die Nacht auf einen andern Hafen lossteuern, wollen wir nicht mit leerem Magen und auf einem harten Lager schlafen.«
Schon war der Udaller mit seinen Töchtern am Arm, hinter seinen beiden Dienstboten her, bis zur Tür gelangt, als Norna ihnen plötzlich mit einem emphatischen Tone: »Halt!« zurief; sie gehorchten und wandten sich wieder zu ihr. Sie hielt Magnus ihre Hand entgegen, die der gutmütige Mann ohne Zögern erfaßte.
»Magnus,« sagte sie, »wir trennen uns aus Notwendigkeit; aber, wie ich hoffe, nicht im Zorn!«
»Nein, nein, gewiß nicht,« antwortete der Udaller mit Wärme, »ganz gewiß nicht; ich will keinem Menschen Böses, am wenigsten aber einer Verwandten, deren Rat mich schon durch manche böse Flut gesteuert hat.«
»Genug!« erwiderte Norna, »und nun lebt wohl! aller Segen, den ich spenden kann, begleite Euch! – Kein Wort mehr! – Kommt näher, Ihr Mädchen,« fuhr sie dann fort, »und laßt mich Eure Stirnen küssen.« Minna gehorchte mit Ehrerbietung, Brenda mit Bangen; die eine überwältigt von der Wärme ihrer Einbildungskraft, die andere unter dem Druck der natürlichen Aengstlichkeit ihres Temperaments, Norna wandte sich nun von ihnen, und nach wenigen Minuten schon befanden sich Vater und Töchter jenseits der Brücke, auf dem platten Gipfel des Felsens, vor der Burg, die von diesem seltsamen Weibe bewohnt wurde. Die Nacht, denn sie war jetzt hereingebrochen, war ungewöhnlich heiter; ein helles Zwielicht, das weit über die Oberfläche des Sees hinschimmerte, ersetzte die kurze Abwesenheit der Sommersonne, und die Wellen schienen unter seinem Einflusse zu schlummern, so schwach und leise war der Ton, mit dem eine nach der andern sich gegen den Fuß der Klippe bewegte, auf deren Gipfel sie standen. Hinter ihnen erhob sich die rauhe Burg, in dem einförmig grauen Ton der Atmosphäre, alt und formlos, wie der Felsen, auf dem sie erbaut war. Nichts verriet dem Auge und Ohr, daß hier die Wohnung eines Menschen sei, als der aus einer unförmlichen Schießscharte dringende Schimmer einer schwachen Lampe, der in das herrschende Zwielicht nur einen einzigen dünnen Lichtstrahl warf.
Nornas Gäste, auf so jähe, unvermutete Weise von dem Obdache gewiesen, das ihnen für die Nacht Unterstand währen sollte, standen ein paar Augenblicke schweigend da, jeder in seine eigenen Gedanken versunken und noch immer von Staunen über das Verhalten des seltsamen Weibes beherrscht. Brenda war die erste, welche Worte fand und die Frage aufwarf, wohin man nun die Schritte lenken und wo die Nacht zubringen solle. Hatte aus Brendas Worten Schmerz und Bangen geklungen, so behielt für den Udaller die Situation nur eine komische Seite; er lachte, daß ihm die Augen übergingen, die Felsen rund um ihn widerhallten und die schlummernden Seevögel aufgeschreckt wurden, bis die armen Mädchen endlich besorgt wurden, es möchte mit ihm nicht mehr ganz richtig sein.
Endlich aber erschöpfte sich die Lachlust des alten Normannen, und nachdem er tief Atem geschöpft und die Augen getrocknet, sprach er, nicht ohne Neigung zur Wiederholung seines Fröhlichkeitsausbruches zu bekunden: »Nun, bei den Gebeinen St. Magnus, meines Ahnherrn und Namensvetters! Wer sollte denken, daß man lachen könnte, wenn man nächtlicherweile aus dem Hause geworfen wird, worin man Zuflucht erhoffte? – Meiner Sixen! und dabei scheint's fast, als ob kaum was anderes übrig bliebe, als durch das Zwielicht gerade auf Burgh-Westra zu steuern. Nur Euretwegen tut's mir leid, Mädchen! ich meinerseits habe schon manchen ganz anderen Kreuzzug mitgemacht. Hätten wir nur einen Bissen für Euch und einen Schluck für mich, dann wollten wir uns über nichts beklagen.«