Aber die beiden Schwestern versicherten ihrem Vater, daß sie gar keinen Hunger spürten.
»Nun, – ein Glück, ein wahres Glück!« entgegnete Magnus, »und so will ich mich auch über meinen eigenen Appetit nicht beschweren, obgleich er stärker ist als sonst... Ha! wie der Schurke, der Niklas Strumpher, höhnisch grinste, als er den guten Schnaps in die salzige Flut schleuderte! Wäre es nicht um meiner Muhme, um Nornas willen gewesen, so hätte ich den mißgestalteten Dickkopf meiner guten Flasche nachgeschickt, so wahr als St. Magnus' Gebeine zu Kirkwall ruhen.«
Unterdes waren die beiden Diener mit den Kleppern zurückgekehrt, die sich leicht hatten einfangen lassen, zumal sie wenig Weide gefunden hatten. Die Aussichten besserten sich für die obdachlosen Leute erheblich durch die Nachricht, daß ein kleiner Korb Nornas Grimm und Pacolets Eifer glücklich entgangen und von einem der Diener beiseite gebracht worden war, der auch in kaum zweistündiger Entfernung, am Strande, eine verlassene Fischerhütte bemerkt hatte, in der sich bequem übernachten ließ.
Wer Udaller, froh, für seine Töchter solche Zuflucht zu wissen, gab seinem Gaule die Sporen und sang nun, lustig und guter Dinge, als habe er die nächtliche Reise ganz aus freier Wahl unternommen, von Brenda begleitet, kräftige Normannenlieder; Minna war zwar solcher Anstrengung noch unfähig, gab sich aber alle Mühe, Anteil an dem Gesange zu nehmen, und schien ganz im Gegensatz zu der Stimmung, die sie seit jenem schrecklichen Morgen, der den Festlichkeiten von Burgh-Westra folgte, beherrscht hatte, für alles was um sie her vorging, empfänglich zu sein, ja gab bereitwillig und freundlich auf die Fragen Antwort, die ihr Vater über ihre Gesundheit an sie richtete. Bei weitem glücklicher und zufriedener, als am vergangenen Morgen, ritten sie nun in die Nacht hinein, Schutz und Obdach für die Nacht in der Fischerhütte erhoffend, die sie öde und verlassen wähnten.
Aber Magnus Troil war es heute beschieden, mehr denn einmal in seinen Erwartungen getäuscht zu werden.
»Wo liegt denn nun Deine Kajüte, Laurie?« fragte der Udaller denjenigen seiner beiden Diener, welcher die Hütte ausgekundschaftet hatte,
»Dort muß sie liegen,« antwortete Laurence Scholen, »dort am See; aber meiner Sixen! wenn ich recht sehe, sind Leute darin ... Gebe Gott und St. Ronan, daß es gute Gesellschaft sei!«
Und wirklich! durch die Ritzen und Spalten der Schindeln, aus denen die Hütte erbaut war, schimmerte Licht! und abergläubische Gedanken erfüllten im Nu die Gemüter der auf die Hütte zutretenden Leute.
»Das sind Zwerge!« – »Nein, nein, Hexen!« – »Oder Seejungfrauen,« so riefen Herrschaft und Diener .... »Hört doch nur ihre wilden Gesänge!«
Man lauschte gespannt – und wirklich, von der Hütte her erschallte Musik, die Brenda mit zitternder Stimme für Geigentöne erklärte.
»Geige oder Satan!« rief der Udaller, der, wenn er auch vielleicht an nächtliche Erscheinungen glaubte, sich doch nicht vor ihnen fürchtete, »mich soll der Henker holen, wenn ich mich von einer Hexe noch einmal um mein Abendbrot prellen lasse!« Im Nu war er aus dem Sattel, faßte seinen treuen Reiseknüttel und schritt auf die Hütte zu, nur von Laurie gefolgt, denn die beiden andern Diener blieben am Strande bei seinen Töchtern und den Pferden zurück.
Elftes Kapitel
Je näher sie der Hütte kamen, desto deutlicher schallte ihnen Geigenklang entgegen, und Laurie Schoten, der sich dicht hinter seinem Herrn hielt, flüsterte jetzt:
»Helfe mir der und jener, Herr, wenn der Geist, der so wacker die Geige streicht, ein anderer ist als Claud Halcro; denn noch nie hat jemand dieses Lied gespielt außer ihm.«
Der Udaller, der gleichen Meinung, winkte nun den Seinigen näher zu kommen und rief ein lustiges Hallo; das kleine Dichtermännchen trat nun auch auf die Schwelle, und der Udaller fragte ihn nach freundlicher Begrüßung: »wie er dazu käme, seine Lieder hier, an einem so wüsten Orte, zu singen, der Eule vergleichbar, die zu dem Mond hinaufschriee?«
»Sagt Ihr mir, lieber Vogt!« entgegnete Elaud Halcro, »wie Ihr daher kommt in den Bereich meiner Töne? – und noch dazu mit Euren lieblichen Töchtern? – Schöne Minna und Brenda, willkommen hier auf diesem gelben Sande, – wie kamet Ihr hierher, zweien Schwänen gleich, das Dämmerlicht in Tag, und alles, was Eure Füße betreten, in Silber verwandelnd?«
»Ihr sollt alles erfahren,« antwortete Magnus, »wen aber habt Ihr da bei Euch in der Hütte? mir deucht, ich höre jemand sprechen?«
»Niemand,« erwiderte Elaud Halcro, »als den armen Kerl, den Verwalter, und meinen kleinen Teufel von Jungen, den Giles. – Aber kommt doch herein – kommt herein, wir hungern hier ganz nach Bequemlichkeit – kein Mundvoll saurer Sillochs ist weder für Geld noch gute Worte zu haben.«
»Dem kann halbwegs abgeholfen werden,« versetzte der Udaller, »denn obgleich das Beste von unserm Abendbrot über die Fitful-Klippe zu den Seehunden und Haifischen gesteuert ist, haben wir doch noch einiges vom Untergang gerettet. – Her mit dem Rauchfleisch, Laurie!« »Jokul [»Ja mein Herr«, altnorwegischer Ruf], Jokul! rief der Diener freudig, und lief, den Korb zu holen, während die übrigen in die Hütte traten.
In ihrem vom Rauche geschwärzten Innern, wo es gewaltig nach getrockneten Fischen roch, fanden sie, neben einem spärlichen Feuer, Triptolemus Yellowley, den Substituten des Lords-Kämmerlings, in Gesellschaft eines barfüßigen, flachshaarigen Burschen, der dann und wann Claud Halcro die Geige trug, den Klepper sattelte oder ähnliche Dienste leistete.
Auf den armen Ackerbauer, dessen Gesicht die hellste Verzweiflung kündete, schien die Ankunft des Udallers und seiner Gesellschaft erst Eindruck zu machen, als alles sich um das Feuer geschart hatte und der Korb geöffnet wurde, dessen Inhalt aus Gerstenbrot und gedörrtem Rindfleisch, auch einer Flasche Branntwein bestand, und mithin Aussicht auf eine leidliche Mahlzeit eröffnete; da erst fing Triptolemus an, aufzutauen, zu grinsen, zu kichern und sich die Hände zu reiben und sich nach allen Freunden und Bekannten auf Burgh-Westra zu erkundigen.
Nachdem man sich – was allen gut tat – einigermaßen gestärkt und erfrischt hatte, richtete der Udaller wiederholt die Frage an Halcro und den Verwalter, wie es käme, daß er sie zu solch nächtlicher Stunde in solch entlegenem Winkel träfe.
»Ich möchte nicht, Herr Magnus,« entgegnete Triptolemus, als ein zweiter Trunk ihm Mut gegeben, seine Leidensgeschichte zu erzählen, »ich möchte nicht, daß Ihr von mir glaubtet, unbedeutende Dinge konnten mich außer Fassung bringen. Ich bin von derbem Schrot und Korn, und so leicht schüttelt mich der Wind nicht. Schon oft habe ich Martini und Pfingsten erlebt, die gefährlichen Tage für Leute meines Gewerbes, und habe sie immer gut überstanden; aber in diesem Euren verwünschten Lande – Gott verzeihe mir, daß ich fluche; aber böse Gesellschaft verdirbt gute Sitten – soll ich, scheint's mir, elendiglich zu Grunde gehen.«
»Nun, Gott sei uns gnädig!« rief Magnus Troil, »was ist Euch denn widerfahren? Wollt Ihr mit Eurem Pfluge ein neues Land ackern, so müßt Ihr darauf gefaßt sein, dann und wann auf einen Stein zu stoßen – Ihr müßt uns mit Geduld vorangehen, nachdem Ihr hierher gekommen, alles zu meliorieren, wie Ihr zu sagen liebt.«
»Der Teufel hat mir die Füße gelenkt, als ich dies unternahm,« entgegnete der Verwalter.
»Aber was ist Euch denn begegnet,« fragte der Udaller, »und worüber beklagt Ihr Euch?«
»Ueber alles,« antwortete Yellowley, »was mir zugestoßen, seit dem Augenblick, wo ich den Fuß an diese Insel setzte, die, wie ich glaube, vom Beginn der Schöpfung an verflucht und Spitzbuben, Gaunern, Landstreichern, liederlichem Weibsvolk – (mit Erlaubnis der jungen Damen) – und Hexen und bösen Geistern zur Wohnstätte bestimmt worden.«
»Nun, ein treffliches Wortregister,« meinte der Udaller, »zu jeder andern Zeit hätte ich nur bei der Hälfte mich nötigen lassen, selbst die Rolle des Reformers zu übernehmen, und Euch mit meinem Knüttel gute Sitte beizubringen.«