»Mag Euch freilich schlimm angekommen sein und schlimm ankommen,« nahm jetzt Magnus Troil das Wort, »aber lieber wäre mir schon, Ihr sagtet, was Norna zu Eurem Geschäft bei ihr meinte?«
»Ja, das war eine andere saubere Geschichte,« antwortete Triptolemus, »sie wollte nichts von uns sehen noch hören: unsern Bekannten hier, Herrn Halcro, plagte sie mit einer Menge Fragen über Euch, Herr Magnus Troil, und Eure Familie; und als sie ihn ganz ausgeholt hatte, schien sie nicht wenig Lust zu haben, ihn wie eine leere Hülse über die Klippe zu werfen.«
»Und wie erging es Euch?« fragte der Udaller.
»Sie wollte nichts von meiner Geschichte hören, noch mich zu Worte kommen lassen,« erwiderte der Verwalter, »und das mögen sich diejenigen zur Lehre dienen lassen, die Hexen und Geisterbeschwörer befragen wollen.«
»Ihr hättet nicht nötig gehabt, Eure Zuflucht zu Nornas Weisheit zu nehmen, Herr Verwalter!« sagte Minna, vielleicht in der Absicht, den auf die Freundin, die ihr eben einen so großen Dienst geleistet, gemünzten Worten die Spitze abzubrechen, »das kleinste Kind auf Orkney hätte Euch sagen können, daß Zauberschätze, wenn sie nicht weise zum Besten anderer oder zum eigenen Nutzen verwendet werden, nicht lange in den Händen ihrer Besitzer weilen.«
»Ei, schönen Dank, Jungfer Minna, schönen Dank für den Wink,« entgegnete Triptolemus, – »und herzlich freut es mich, daß sich Euer Verstand – wollte sagen, Eure Gesundheit, wiedergefunden hat, – Was aber den Schatz betrifft, so habe ich ihn weder gebraucht, noch gemißbraucht, was auch, wie es jedem, der im Hause meiner Schwester bekannt ist, einleuchten wird, schwer gewesen wäre.«
»Der Verwalter,« sagte Halcro, vielleicht nicht abgeneigt, sich an Triptolemus wegen der abfälligen Reden über seine Seemannskunst zu rächen, »war so gewissenhaft, den Schatz selbst vor seinem Herrn, dem Lord-Kämmerer, geheim zu halten; jetzt aber, da die Sache laut geworden, kann er von diesem leicht zur Rechenschaft gezogen werden um dessen willen, was sich nicht mehr in seinen Händen befindet; denn der Lord-Kämmerer wird sich wohl kaum sehr beeilen, dieser Mär von einem Zwerge Glauben beizumessen. Auch meine ich –« (hier winkte er dem Udaller) – »Norna hat ihr ebensowenig geglaubt; und das ist auch ohne Zweifel der Grund gewesen zu dem kalten Empfange, den sie uns bereitete. Vielleicht hat sie gar gewußt, daß unser Freund, Herr Triptolem, für seinen Schatz einen andern heimlichen Winkel gefunden und die Mär mit dem Zwerge nur erfunden hat? Ich wenigstens verschließe mich dem Glauben, daß es einen Zwerg gibt, wie ihn Herr Yellowley beschrieben, solange bis ich mich mit meinen eigenen Augen von seiner Existenz überzeugt habe.«
»Das könnt Ihr auf der Stelle,« rief Triptolem, »denn beim« – (hier murmelte er eine kurze Beschwörungsformel, indem er voll Schrecken aufsprang) »dort steht er leibhaftig vor uns!«
Alle richteten die Augen auf die Stelle, wohin er zeigte, und erblickten Pacolets greuliche Gestalt, dessen Augen sie durch den Rauch hindurch anglotzen. Unbemerkt war er während ihrer Unterhaltung herzugeschlichen, bis ihn Triptolemus' Augen mit Entsetzen gewahrt hatten. In seiner jähen und unvermuteten Erscheinung lag etwas so geisterartiges, daß selbst Magnus Troil, dem doch seine Gestalt nicht fremd war, einige Bestürzung nicht unterdrücken konnte. – Aergerlich, sich solche, wenn auch nur geringe Blöße gegeben zu haben, und ergrimmt auf den Zwerg, die Veranlassung dazu gewesen zu sein, fragte Magnus denselben ernst, welches Geschäft ihn hierher führe? Pacolet gab Antwort auf diese Frage, indem er mit ein paar unverständlichen Tönen dem Udaller einen Brief zu lesen gab.
»Keine leichte Arbeit hier bei solch düsterer Flamme,« sagte Magnus, »aber es kann Minna betreffen, und so muß ich es schon versuchen.«
Brenda bot ihren Beistand an, aber der Udaller entgegnete: »Nein, nein, Mädchen! Nornas Briefe dürfen nur von denen gelesen werden, an die sie gerichtet sind. – Gebt unterdes dem Niklas Strumpher einen Schluck, obgleich er ihn heute eben nicht um mich verdient hat.«
»Wollt Ihr dem Herrn den Becher kredenzen, oder soll ich Ganymed sein, Freund Yellowley?« fragte Halcro leise den Verwalter, während Magnus die Brille aus dem großen Futteral zog und auf die Nase setzte, um Nornas Brief zu lesen.
»Ich möchte ihn weder berühren, noch nahe an ihn herantreten,« erwiderte der Ackerbauer, dessen Furcht keineswegs verschwunden war, obgleich er sah, daß die übrigen den Zwerg wie ein Wesen von Fleisch und Blut behandelten; »aber tut mir die Liebe und fragt, was er mit meinem Horn voll Münzen angefangen?«
Der Zwerg, der die Frage hörte, warf den dicken Kopf zurück, riß den ungeheuren Schlund von Mund auf und zeigte mit dem Finger hinein.
»Ja, wenn er es verschlungen hat, bleibt freilich nichts zu sagen,« meinte der Verwalter; »nur soll es ihm dann so gut bekommen, wie den Kühen der nasse Klee. Er steht in Nornas Diensten – nun ja, wie der Herr, so das Gescherr! Wenn aber Diebe und Hexen hierzulande ungestraft ihr Wesen treiben können, da mag sich der Lord Kämmerer einen anderen Verwalter suchen; ich bin gewohnt, in einem Lande zu leben, wo eines Mannes irdisches Gut vor Diebstahl, und seine unsterbliche Seele vor den Klauen des Satans geschützt sind.« –
Herr Yellowley ließ seinen Beschwerden vielleicht darum freien Lauf, weil Magnus Troil, der inzwischen Claud Halcro in einen andern Winkel der Hütte gezogen hatte, sie nicht hören konnte.
»Sagt mir aufrichtig, Freund Halcro!« fragte er, »was hat Euch nach Fitful-Head geführt? Das bloße Vergnügen, mit dem närrischen Kerle von Substitut zu reisen, ist doch der Grund nicht gewesen?«
»Nun denn, Vogt! wenn Ihr die Wahrheit wissen wollt,« erwiderte Halcro, »ich wollte mit Norna über Eure Angelegenheiten reden.«
»Ueber meine Angelegenheiten?« fragte der Udaller, »und über welche?«
»Ei nun, über den Gesundheitszustand Eurer Tochter. Ich hörte, daß Norna Euren Boten abgewiesen habe, und in der Hoffnung, mehr bei Norna auszurichten – sind doch Skalden und weise Frauen von jeher gewissermaßen verwandt – unternahm ich die Reise.«
»Recht freundlich von Dir, gutherziger Claud,« sagte der Udaller, dem Sänger die Hand kräftig schüttelnd, – »Hab ich doch immer gesagt, daß Du Dein altnorwegisches Herz bei allem Geklimper und aller Torheit noch immer auf dem rechten Flecke behalten. Oho, zucke nicht die Achsel, sondern freue Dich vielmehr, daß Dein Herz besser ist als Dein Kopf. – Nun, und nicht wahr! Dir ward von Norna keine Antwort?«
»Nein, wenigstens keine rechte,« antwortete Halcro, »aber sie fragte mich über Minnas Krankheit aus; ich erzählte ihr, wie ich sie am frühen Morgen nach dem St. Johannisfeste bei eben nicht gutem Wetter im Freien getroffen, und wie ihre Schwester Brenda mir erzählt habe, daß sie sich den Fuß verletzt; – kurz, ich sagte ihr alles, was ich wußte.«
»Und etwas mehr noch, wie es scheint,« bemerkte der Udaller; »denn ich wenigstens habe noch mit keinem Worte gehört, daß Minna sich verletzte.«
»Bloß eine Schmarre,« erwiderte der kleine Mann; »ich fürchtete, es möchte sie ein giftiges Tier gebissen haben.«
»Und was sagte Norna?« fragte der Udaller.
»Sie hieß mich gehen und sagte, auf dem Markt in Kirkwall würde ich Näheres erfahren; und gleiches sagte sie auch zu dem Einfaltspinsel von Verwalter – das war alles, was wir von unserer Mühe und Arbeit hatten.«
»Seltsam!« entgegnete Magnus, »in diesem Briefe schreibt mir meine Muhme, daß ich mich mit meinen Töchtern ebenfalls dorthin begeben solle. Der Markt geht ihr arg im Kopfe herum, – man sollte meinen, sie wollte dort selbst Markt halten, und doch hat sie, so viel ich weiß, weder etwas zu kaufen noch zu verkaufen. Ihr ginget also nicht klüger fort, als Ihr hinkamt, und schluget bei der Mündung des Seearms mit dem Boote um?«