»Und wo wird Eure Ehrlichkeit ihren Wohnsitz aufschlagen?« fragte Bunce. »Ihr habt die Gesetze aller Länder verletzt, und die Hand der Gerechtigkeit wird Euch finden und zermalmen, wo immer Ihr weilt, – Cleveland, ich spreche zu Euch ernster, als ich's gewohnt bin. Auch ich habe meine Betrachtungen angestellt, sie waren trübe und bitter genug; obgleich sie nur Minuten währten, raubten sie mir doch meinen Frohsinn auf Wochen! Aber was bleibt uns anders übrig, als den Weg fortzusetzen, den wir einschlugen, wenn wir nicht anders geradezu den Galgen schmücken wollen?«
»Wir können die Begnadigung für diejenigen in Anspruch nehmen,« erwiderte Cleveland, »die zurückkehren und sich selbst überliefern.«
»Hm!« antwortete sein Gefährte trocken, »jene Gnadenzeit ist längst vorüber, und die Gerichte können jetzt nach Willkür strafen oder verzeihen. Wäre ich an Eurer Stelle, ich würde meinen Hals nicht so aufs Spiel setzen.«
»Andere sind noch vor kurzem zu Gnaden wieder aufgenommen worden,« meinte Cleveland; »warum sollte man sie mir nicht angedeihen lassen?«
»Ei nun ja,« erwiderte sein Gefährte, »Harry Glasby und ein paar andere sind allerdings begnadigt worden; aber Glasby leistete, wie man zu sagen pflegt, gute Dienste, denn er verriet seinen Kameraden, und dazu wäret, wie ich glaube, Ihr nicht der Mann, selbst Euch an dem rohen Goffe zu rächen.«
»Lieber wollt ich tausendmal sterben,« antwortete Cleveland.
»Darauf wollte ich schwören,« rief Bunce; »und die andern waren nur gemeine Matrosen – Diebe und erbärmliches Gesindel, kaum des Galgens wert. Euer Name aber steht in der Liste der Glücksritter zu hoch, als daß Ihr so leichten Kaufs davon kämet. Ihr seid der Leithirsch der Herde und werdet auch demgemäß ausgezeichnet werden.«
»Und weshalb?« sagte Cleveland, »Jack!«
»Federigo, wenn es beliebt,« verbesserte ihn Bunce.
»Der Teufel hole Deine Torheit,« rief Cleveland, »laß allen Scherz beiseite und sei einen Augenblick lang ernsthaft.«
»Einen Augenblick – nun ja!« antwortete Bunce, »aber ich fühl's, wie der Geist Altamonts über mich kommt, – länger als zehn Minuten schon bin ich ernst gewesen.«
»Nun, so sei es auch noch etwas länger,« entgegnete Cleveland; »ich weiß, Jack, daß Du mich wirklich liebst; und da wir uns einmal in diese Sache so weit vertieft haben, will ich mich Dir ganz vertrauen.– Sprich, weshalb sollte man mir die Begnadigung verweigern? Ich habe, wie Du weißt, ein wildes Leben geführt, kann aber nötigenfalls eine Anzahl Leben aufweisen, die ich rette, eine, Menge von Eigentum nennen, das ich seinen rechtmäßigen Eignern, denen es ohne mein Zutun verloren gegangen wäre, zurückgab.«
»Daß Ihr ein edler Dieb wäret, wie Robin Hood selbst, könnt Ihr freilich beweisen,« unterbrach Bunce, »und ich, Fletcher und die Bessern von uns lieben Euch deshalb als einen Mann, der unser Handwerk vor gänzlicher Verworfenheit schützte. – Nun, angenommen, man begnadigte Euch, was wollt Ihr beginnen? Welche Klasse der menschlichen Gesellschaft würde Euch aufnehmen? Wer sich mit Euch verbinden? Der alte Drake, zu Elisabeths Zeit, konnte Peru und Mexiko plündern, ohne auch nur durch eine Zeile dazu ermächtigt zu sein, und doch ward er, Ehre sei ihrem Angedenken, bei seiner Heimkehr dafür zum Ritter geschlagen. Aber damit ist's jetzt vorbei, – einmal Pirat, und ausgestoßen für immer! Kein ehrlicher Mann spricht mit ihm, – kein rechtliches Mädchen reicht ihm die Hand.«
»Du siehst zu schwarz, Jack!« fiel ihm Cleveland ins Wort; »es gibt Mädchen – eine wenigstens gibt es, die ihrem Geliebten treu bliebe, selbst wenn es mit ihm so bestellt wäre, wie Du sagst.«
Bunce schwieg einen Augenblick und blickte, starr auf seinen Freund: »Mein Seel'!« rief er endlich, »ich fange an, mich für einen Zauberer zu halten. Dachte ich doch gleich, daß hier ein Mädchen im Spiele sein müsse ... Ha, ha, ha!«
»Lache, soviel Du willst,« entgegnete Cleveland, »es bleibt dennoch wahr; – ein Mädchen gibt es hier, die mich liebt, ob ich gleich ein Seeräuber bin; und offen will ich Dir gestehen, daß, wenn ich auch schon oft unser Räuberleben verabscheute, ich es dennoch ohne dieses Mädchen kaum aufgegeben hätte – was jetzt, um ihretwillen, unwiderruflich bei mir feststeht.«
»Nun, so sei Gott gnädig!« rief Bunce, »einem Wahnsinnigen kann man nicht Vernunft predigen, und Liebe bei einem von unserm Gewerbe, Kapitän, ist wenig besser als Tollheit, Die Dirne muß ein rarer Bissen sein, da ein gescheiter Kerl ihretwegen den Kopf wagen will. Aber hört, spukt es nicht ebenfalls bei ihr ein wenig wie bei Euch? – Und war hier nicht vielleicht Sympathie im Spiel? Sie ist, wie ich vermute, ein Mädchen von Erziehung und Charakter.«
»Beides liegt ebenso außer Zweifel, als daß sie das schönste, bezauberndste Geschöpf ist, das je menschliche Augen sahen,« erwiderte Cleveland.
»Und sie liebt Euch, und weiß, daß Ihr der Befehlshaber einer Schar jener Glücksritter seid, die der gemeine Haufen Seeräuber nennt?«
»So ist es,« antwortete Cleveland.
»Nun denn,« entgegnete Bunce, »so ist sie, wie ich zuvor sagte, nicht recht bei Troste, oder sie weiß noch nicht, was das Wort Seeräuber sagen will.«
»Im letzten Punkt hast Du recht,« versetzte Cleveland. »Sie ist in einer solchen Einfalt und einer so gänzlichen Unbekanntschaft mit dem, was böse heißt, erzogen worden, daß sie unser Tun mit dem der alten Normänner vergleicht, die See und Häfen mit ihren siegreichen Flaggen füllten, Kolonien anlegten, Länder eroberten und sich Seekönige nannten.«
»Das ist wahrlich nicht viel besser als Seeräuberei und läuft mit dieser fast auf eins hinaus,« bemerkte Bunce, »Es muß aber eine mutige Dirne sein! – Warum brachtet Ihr sie nicht an Bord?«
»Meinst Du,« entgegnete Cleveland, »ich hätte einen Engel an Schönheit und Tugend mit jener Hölle bekannt machen sollen, die dort aus der satanischen Barke uns entgegengähnt? – Freund, durch diese Tat allein hätte ich das Maß meiner Sünden verdoppelt; solch eine Schändlichkeit hätte sie alle überwogen.«
»Nun, und warum denn, Kapitän?« entgegnete sein Vertrauter; »eine Torheit war's überhaupt,, hierher zu kommen. Die Nachricht wäre doch einmal bekannt geworden, daß der berühmte Pirat, Kapitän Cleveland, mit seiner Schaluppe »die Rache« an der Küste von Mainland strandete und mit Mann und Maus unterging. Dann wäret Ihr hier vor Freund und Feind verborgen geblieben, und hättet Eure hübsche Shetländerin heiraten, Eure Schärpe in ein Fischernetz, Euren Säbel in eine Harpune verwandeln können, und statt nach Gulden hattet Ihr fortan auf dem Meere nur nach Fischen gejagt.«
»Das war auch mein Wille,« erwiderte der Kapitän; »aber da kam ein Kerl von Hausierer nach Shetland und brachte Nachricht von Eurer Ankunft, und da war ich genötigt, mich hierher zu begeben, um zu erfahren, ob Ihr jene Gefährten wäret, von denen ich erzählt hatte, lange bevor ich den Entschluß faßte, dem Seeräuberhandwerk zu entsagen.« »Ja, so weit hattet ihr recht,« antwortete Bunce: »denn so wie Euch unsere Ankunft zu Kirkwall zu Ohren kam, hätten auch wir Euren Aufenthalt auf Shetland erfahren; und manche von uns aus Freundschaft, andere aus Haß, noch andere aber vielleicht aus Furcht, Ihr möchtet es machen wie Glasby, hätten ohne Zweifel Euch aufgesucht, um Euch wieder in unsern Kreis zu ziehen.«