»Das fürchtete ich,« entgegnete Cleveland, »und mußte das höfliche Anerbieten eines Freundes, der mich hierher begleiten wollte, zurückweisen. Ueberdem fiel mir ein, daß, wie Du auch früher selbst bemerktest, Begnadigungen nicht ohne Geld zu erlangen, und bei meiner Börse schien Ebbe eintreten zu wollen; – kein Wunder, weißt Du doch, daß ich nie zu geizen verstand. Und so ....« »Nun, und so kamt Ihr, um Euren Anteil an den Piastern zu holen,« fiel sein Gefährte ein; »das war gescheit und wir teilten ehrlich – insoweit hat Goffe unsere Gesetze allerdings beobachtet. Aber haltet den Entschluß, ihn zu verlassen, ja geheim; denn ich fürchte, er möchte Euch einen Schelmenstreich spielen. Ohne Zweifel sah er Euren Anteil schon als den seinigen an, und wird es Euch schwerlich verzeihen, daß Ihr wieder lebendig wurdet.«
»Ich fürchte ihn nicht,« erwiderte Cleveland, »und das ist ihm bekannt; wollte ich doch, ich wäre eben so sicher vor den Folgen der Kameradschaft, als ich mich vor denen seines bösen Willens geschützt glaube. – Ein andrer unangenehmer Schlag aber kann mich treffen, – ich habe einen jungen Burschen, der mich eine Zeitlang schikaniert hat, in einem Streit an eben dem Morgen, an dem ich Shetland verließ, verwundet.«
»Ist er tot?« fragte Bunce; »hier ist es mit so etwas ernster bestellt als auf den Bahama-Inseln, wo man ein Paar solcher Kerle alle Morgen totschießen kann, ohne daß man sich dabei mehr als um Holztauben bekümmerte; hier aber ist es anders, und so hoff' ich, daß Ihr Euren Freund nicht unsterblich gemacht habt?« »Hoffentlich nicht!« antwortete Cleveland, »obgleich mein Zorn schon bei geringerem Anlaß bösere Folgen hatte. Aber die Wahrheit zu sagen, es tat mir nichtsdestoweniger um den Burschen leid, zumal ich ihn der Aufsicht einer Wahnsinnigen, überlassen mußte.«
»Einer Wahnsinnigen?« fragte Bunce; »wie meint Ihr das?«
»Zuerst mußt Du wissen,« erwiderte sein Freund: »daß der junge Bursche zu mir trat, als ich gerade bemüht war, Minna zu einer geheimen Unterredung zu bestimmen, in der ich ihr noch vor meiner Abreise meine ferneren Pläne mitteilen wollte. Nun so in diesem Augenblicke gestört Zu werden von dem wilden Burschen« – – – –
»– verdiente nach allen Gesetzen der Ehre und Liebe den Tod,« unterbrach ihn Bunce.
»Zum Henker mit Deinem Spaß, Jack, gib acht auf meine Worte! – Der mutige Bursche hielt es für gut, zu bleiben, als ich ihm zu gehen gebot. Ich bin, Du weißt es, nicht sehr geduldig und gab ihm einen derben Puff, den er mir nicht schuldig blieb. Nun rangen wir miteinander, bis ich endlich, um seiner um jeden Preis los zu werden, mit meinem Dolche nach ihm stieß, den ich, wie Du weißt, aus alter Gewohnheit, immer bei mir trage. Kaum aber war dieses geschehen, als ich meine Tat auch sogleich bereute; aber es war jetzt nicht Zeit, an etwas anders zu denken als an Flucht und Geheimhaltung; denn wenn Lärm im Hause entstand, so war ich verloren; der feurige alte Mann, das Haupt der Familie, hätte an mir Gerechtigkeit geübt und wäre ich sein Bruder gewesen. Schnell lud ich also den Körper auf meine Schultern und eilte damit dem Seeufer zu, um ihn in eine Riva oder tiefe Kluft zu werfen, wo er lange hätte liegen können, ehe man ihn gefunden. Dann dachte ich in ein bereit liegendes Boot zu springen und nach Kirkwall zu steuern. Aber als ich mit meiner Last am Strande ankam, seufzte der arme Bursche und ich erkannte, daß mein Dolchstoß nicht tödlich gewesen. Der Gedanke, mein Verbrechen zu vollenden, kam mir kein einziges Mal; ich legte vielmehr den jungen Mann auf den Boden und tat, was ich konnte, sein Blut zu stillen, als plötzlich ein altes Weib vor mir stand. Ich hatte sie schon oft auf Shetland gesehen, wo man sie für eine Zauberin hält. Sie begehrte, ich solle ihr den Verwundeten lassen, und mich drängte die Zeit Zu sehr, um ihrem Verlangen zu widerstehen. Noch mehr wollte sie mir sagen, als wir die Stimme eines albernen, zu der Familie gehörigen alten Mannes vernahmen, der in einiger Entfernung von uns sang. Schnell legte sie nun den Finger auf den Mund, als geböte sie Schweigen, pfiff leise, und als darauf plötzlich ein mißgestalteter Zwerg erschien, trugen sie den Verwundeten in eine jener dort so zahlreichen Höhlen, und ich stach so schnell wie möglich in See. Mir aber gab die alte Hexe einen recht intimen Beweis ihrer Kunst, denn selbst die westindischen Tornados, die wir zusammen erlebt haben, machten kein größeres Gerassel als der Sturm, der jetzt losbrauste und mich so weit aus meinem Fahrwasser trieb, daß ich, ohne Hilfe meines Taschenkompasses, die Fair-Insel nie wiedergefunden hätte, von wo aus mich eine Brigg hierher brachte ... Aber ob es das alte Weib nun schlimm öder gut mit mir meinte, genug, wir kamen endlich glücklich hier an, und hier bin ich nun, von mannigfacher Angst und Pein gefoltert.«
»Hol' der Teufel Sumburgh-Head, oder wie sie sonst die Klippe nennen, an der Ihr unsre liebe kleine »Rache« auf den Strand warft!« rief Bunce.
»Rede nicht solchen Unsinn,« erwiderte Cleveland; »habe ich Dir nicht schon fünfzigmal gesagt, daß, wenn die Kerle nicht trotz meiner Vorstellungen in die Boote gesprungen wären, das Schiff noch jetzt auf den Wellen schwämme? Wären sie bei mir geblieben, so wäre ihr Leben gerettet gewesen wie das meine; wäre ich ihrem Beispiel gefolgt, so hätte ich den Tod gefunden wie sie. Wer fügt mir, was für mich das Wünschenswertere gewesen wäre?«
»Nun gut!« antwortete sein Freund, »ich weiß jetzt alles und kann nun um so besser helfen und raten. Ich will treu sein, Cleveland, wie die Klinge dem Griff; aber ich mag nicht daran denken, daß Ihr uns verlassen wollt. Kommt! heut müßt Ihr auf jeden Fall mit uns an Bord!«
»Ich habe keinen andern Zufluchtsort,« antwortete Cleveland mit schwerem Seufzer; dann richtete er die Blicke noch einmal auf die Bucht, blickte noch einmal mit seinem Fernglase hinaus auf das Meer, ohne Zweifel in der Hoffnung, Magnus Troils Fahrzeug zu entdecken, und folgte dann schweigend seinem Gefährten den Berg hinab.
Dreizehntes Kapitel
Ihr habt die Verwundung des jungen Burschen Euch mehr zu Herzen genommen, als nötig wäre, Kapitän!« sagte Bunce, als er mit Cleveland den Fuß des Berges erreicht hatte; »ich merkte schon, wie Ihr darüber nachsannet.«
»Je nun, Jack,« antwortete Cleveland; »der Bursche hatte mir das Leben gerettet, und wenn ich ihm auch den Dienst vergalt, so hätten wir uns doch nicht auf solche Weise begegnen sollen. Aber hoffentlich ist ihm Hilfe geworden von dem alten Weibe, das ohne Zweifel gar wohl mit der Arzneikunst umzugehen weiß.«
»Und mit leichtgläubigen Menschen,« fiel Bunce ein, »zu dieser Klasse muß ich auch Euch rechnen, wenn Ihr noch lange an diese Sache denkt. Daß Euch ein junges Ding den Kopf verwirrt machte, ei nun! solch ein Unglück erlebt mancher ehrliche Mann; aber Euch nun gar den Kopf über die Mummereien einer Alten zu zerbrechen, ist doch zu große Torheit. Sprecht mir von Eurer Minna, so viel Ihr wollt, aber mit Eurer zahnlosen Zauberin laßt Euren treuen Diener ungeschoren. – Hier sind wir nun wieder unter den Buden und Zelten. Laßt uns sehen, ob wir hier nicht einigen Zeitvertreib finden.«
Als Bunce so sprach, fielen Clevelands Blicke auf ein Paar prächtige Kleidungsstücke, die nebst andern Dingen zum Verkauf in einer Bude ausgekramt waren. Davor prangte ein Zettel, auf welchem die verschiedenen Waren verzeichnet standen, die der Eigentümer, Bryce Snailsfoot, zu billigen Preisen feilbot.
Aber kaum hatte derselbe einen Blick auf den Kapitän geworfen, als er mit zitternder Hand ein paar andere Kleidungsstücke beiseite schob, die er, da der Verkauf erst mit dem nächsten Tage anfing, vermutlich nur ausgekramt hatte, um sie zu lüften oder um die Bewunderung der Zuschauer darauf zu lenken.
»Mein Seel!« flüsterte Bunce seinem Gefährten zu, »Ihr müßt den Kerl da schon einmal unter Euren Klauen gehabt haben, und er fürchtet sich jetzt vor einem neuen Griff Eurer Kralle. Seht einmal, wie schnell er seine Ware beiseite packte, als er Euch erblickte.«