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Hier streifte Bunces Rohr das Ohr des Hausierers um ein paar Linien dichter, daß es schon leicht zu wackeln anfing. Da fuhr her Hausierer mit einem einzigen Sprunge zwei Ellen weit von seinem Stande zurück – und nun troff ihm die Wahrheit, oder was er dafür auszugeben geneigt war, vom Munde wie der Inhalt einer endlich vom Kork befreiten sprudelnden Flasche.

»Aber, werter Herr Kapitän!« erwiderte der ehrliche Hausierer, »was sollten wir armen Leute denn anders tun? Ihr wart fort, als Eigentümer der Sachen, und Herr Mordaunt, der sie in Verwahrung hatte, war auch fort, und die Sachen waren so fest gepackt und wären doch verdorben und –«

»Und darum verkaufte sie dies spitzbübische Weib, und Ihr habt Euch ihrer erbarmt, um sie vor Schaden zu bewahren,« unterbrach ihn Cleveland.

»So ist's,« erwiderte der Handelsmann, »so und nicht anders! und ich denke, mein werter Herr Kapitän ...«

»Nun laß Dir sagen, frecher Schurke,« rief der Kapitän; »ich mag meine Hände nicht mit Dir besudeln, auch hier keinen Lärm verursachen.«

»Eure guten Gründe dazu mögt Ihr wohl haben,« antwortete der Hausierer mit schlauem Lächeln. »Die Knochen zerschlage ich Dir, wenn Du mich noch einmal unterbrichst,« rief Cleveland. »Gib acht! ich mache billige Bedingungen, – gib mir die schwarzlederne Brieftasche und den Beutel mit den Dublonen, und ein paar von den Kleidungsstücken, die ich brauche, zurück, und das übrige sollst Du behalten in Teufels Namen.«

»Dublonen!« wiederholte der Hausierer mit einer Stimme, so laut, als sei ihm darum zu tun, seines Staunens auch andere teilhaftig zu machen. »Was weiß ich von Dublonen? ich hab Wämser eingehandelt, aber nicht Dublonen – waren welche dabei, so wird sie Swertha ohne Zweifel für Euch aufbewahrt haben, denn Staub und Zeit tun ja, wie Ihr wißt, dem Gelde keinen Schaden.«

»Gib mir meine Brieftasche und mein Geld, schurkischer Dieb!« rief Cleveland, »oder ich schlage Dich auf der Stelle nieder!«

Der schlaue Hausierer sah sich um und sah den erbetenen Sukkurs heranziehen, der aus sechs Beamten bestand; denn mancherlei Streitigkeiten zwischen den Bewohnern des Städtchens und der Mannschaft des Piraten hatten den Magistrat von Kirkwall bestimmt, die Zahl der Polizisten zu vermehren.

»Ihr hättet das Wort Dieb für Euch selbst behalten können, würdiger Herr Kapitän,« entgegnete der Hausierer, jetzt mutig gemacht; »denn wer weiß, wie Ihr zu den schönen Dingen und Kostbarkeiten gekommen seid.« Er sprach's mit einem so herausfordernden Ton im Blick und Wesen, daß Cleveland ihn ohne weiteres beim Kragen packte, über seinen Verkaufsstand zog, der mit allen daraufliegenden Waren unter der Last, für die er nicht berechnet war, zusammenbrach, und mit seinem Stock derb auf ihn losprügelte. Das ging alles so schnell vor sich, daß der Hausierer, ein sonst ziemlich rüstiger Mann, so überrumpelt wurde, daß er keinen Versuch zu seiner Rettung machte, sondern nur laut wie ein Kalb um Hilfe blökte. Inzwischen war der Sukkurs herangerückt, und den vereinten Kräften der Büttel gelang es bald, den Hausierer aus den Fäusten seines Angreifers zu befreien. Da es nun zwischen den Stadtleuten und der Mannschaft des Piraten schon wiederholt zu Streitigkeiten gekommen war, ließen sich die Büttel nicht nötigen, Händel mit Cleveland zu suchen, der, trotzdem ihm sein Kamerad kräftig beistand, und trotzdem er sich tapfer wehrte, der Uebermacht erlag und zu Boden geworfen wurde. Seinem Kameraden dagegen glückte es, sich durch die Flucht zu retten, weil er, sobald er sah, daß die Sache schlecht für sie ausfallen müßte, sich nicht besann, den Strand zu gewinnen; Cleveland dagegen wurde, so sehr er sich auch sträubte, als Gefangener in die Stadt geschleppt und unter dem Geschrei des Volks, auf das Rathaus geführt, wo die hohe Obrigkeit eben versammelt saß. Jetzt verwünschte er es, daß er zu der Schelmerei des Krämers nicht geschwiegen, sondern sich durch sein heftiges Temperament in solche gefährliche Lage versetzt hatte. Als sie sich aber dem Tore des in der Mitte des Städtchens gelegenen Rathauses näherten, wurde die Lage durch einen unerwarteten Zufall jäh geändert. Clevelands Kamerad Bunce, dem es nicht bloß darum zu tun war, sich durch seinen Rückzug selbst in Sicherheit zu bringen, sondern mehr noch, seinem Freunde zu nützen, war zum Hafen geeilt, wo das Schiff des Räubers lag, und hatte Bootsmann und Mannschaft zu Hilfe gerufen. Jetzt erschienen sie, desperate Kerle, ganz wie es ihr Gewerbe mit sich brachte, mit wilden, von der tropischen Sonne tiefgebräunten Gesichtern, stürzten sich mitten durch die Volksmenge bis zu Cleveland vor, entrissen ihn mit Blitzesschnelle den Händen der auf solchen Ueberfall nicht vorbereiteten Büttel und führten ihn im Triumph dem Strande zu. Da sie bis an die Zähne bewaffnet waren, wichen die Stadtleute scheu vor ihnen zurück, und selbst die Büttel wagten keine Gegenwehr. Also geschah es, daß Cleveland der Seeräuber wieder unter seine Kameraden geriet, von denen er sich für immer zu trennen so fest entschlossen gewesen war.

Vierzehntes Kapitel

Wir hatten Mordaunt Mertoun schwer verwundet verlassen und finden ihn jetzt als Genesenden wieder, zwar noch bleich und schwach, infolge von bedeutendem Blutverlust und starkem Wundfieber; da die Waffe aber, an der Rippe abgleitend, keine edlen Teile berührt hatte, war die Wunde unter der Hand der weisen Norna vom Fitful-Head so gut wie ganz geheilt. Die weise Frau hatte ihren Kranken auf eine entlegene Insel gebracht, wo er jetzt, in einem ziemlich gut eingerichteten Raume, ein Buch in der Hand haltend, in welches er von Zeit zu Zeit mit einem Ausdruck von Ungeduld und Langeweile blickte, vor dem Kamin saß. Jetzt nahm die unangenehme Stimmung, die ihn beherrschte, so überhand, daß er das Buch auf den Tisch schleuderte.

Norna, die ihm gegenüber saß, mit Zubereitung von Heilmitteln und Salben beschäftigt, sprang ängstlich auf, eilte zu ihm, faßte seinen Puls und fragte besorgt: ob er etwa Schmerzen fühle und wo? Mordaunt antwortete auf ihre Frage mit Worten, die von der Dankbarkeit, die er gegen seine Pflegerin fühlte deutlichen Beweis ablegte; und versicherte ihr, daß er sich durchaus wohl fühle; seine Antworten schienen indes der Wahrsagerin nicht zu genügen.

»Undankbarer Knabe,« rief sie aus, »bist Du meiner schon so müde, daß Du die Sehnsucht nicht zurückhalten kannst, schon die ersten, Dir durch mich wiedergeschenkten Lebenstage fern von mir zu verschwenden?«

»Ihr tut mir unrecht, teure Frau!« antwortete Mordaunt, »ich bin Eurer Gesellschaft durchaus nicht müde, aber es rufen mich Pflichten in die Welt zurück.«

»Pflichten!« wiederholte Norna; »und welche Pflichten können der Dankbarkeit Eintrag tun, die Du mir schuldig bist? – Pflichten! Deine Gedanken verlangen nach Deiner Jagdflinte, Du möchtest die Klippen wieder nach Seevögeln absuchen. Dazu sind Deine Kräfte aber noch nicht stark genug.«

»Und meine Sohnespflicht rechnest Du für nichts?«

»Was hat Dein Vater an Dir getan,« rief Norna, »daß er solche Rücksicht von Dir verdiente? War er es nicht, der Dich jahrelang fremden Händen überließ, ohne zu fragen, ob Du noch am Leben seiest oder nicht? Der Dir von Zeit zu Zeit Unterstützung sandte, wie man einem Bettler aus der Entfernung ein Almosen zuwirft? Der Dich in den letzten Jahren zum Gefährten seines Elends machte? bald Dein Schulmeister, bald Dein Tyrann, nie aber, Mordaunt, Dir ein Vater war?«

»In Euren Worten liegt allerdings manches Wahre,« erwiderte Mordaunt, »mein Vater ist nicht zärtlich, aber gütig war er stets gegen mich. Der Mensch hat sein Temperament nicht in seiner Gewalt, und es ist Kindespflicht, für die empfangene Wohltat sich dankbar zu beweisen, auch wenn sie ihm kalt erwiesen worden. Mein Vater hat meinen Geist gebildet, und liebt mich, davon bin ich überzeugt; er ist unglücklich, und selbst wenn er mich nicht liebte.«