»Er liebt Dich nicht,« unterbrach ihn Norna rasch, »nie hat er jemand in dieser Welt außer sich selbst geliebt. – Er ist unglücklich, doch ist sein Elend verdient – aber Deine Mutter, Mordaunt – Deine Mutter – sie liebt Dich wie ihr Herzblut!«
»Ich habe keine Mutter mehr,« erwiderte Mordaunt, »längst schon starb sie; – Eure Worte, Norna, verlieren an Klarheit.«
»O nein, nein!« rief Norna in einem Ausbruch tiefster Gefühle. »Du hast eine Mutter! – die Unglückliche ist nicht tot – wollte Gott, sie wäre es! aber sie ist es nicht. Deine Mutter allein liebt Dich, und – ich – ich – Mordaunt,« hier warf sie sich an seinen Hals, »bin diese unglückliche, und doch so glückliche Mutter!«
Sie preßte ihn fest und krampfhaft an ihre Brust, und Tränen, die ersten, die sie seit vielen Jahren vergossen, entströmten ihren Augen, als sie an seinem Halse schluchzte. Erstaunt über solche Kunde, gerührt durch ihre starke Gemütserschütterung, aber den leidenschaftlichen Erguß für einen Ausbruch von Wahnsinn haltend, bemühte sich Mordaunt vergebens, die Seele dieser außerordentlichen Frau zu beruhigen.
»Undankbarer Knabe!« rief sie aus; »wer anders wie eine Mutter hätte so über Dich gewacht? Von dem Moment an, als ich Deinen Vater wiedersah, der keine Ahnung hatte, von wem er erkannt worden, – Jahre sind seitdem dahin geschwunden – aber nur allzu gut kannte ich ihn; und unter seiner Obhut sah ich Dich, damals ein Kind, und laut sprach die Natur in meiner Brust: das ist Blut von Deinem Blut, und Bein von Deinem Bein, Erinnere Dich, wie oft Du mich mit Staunen, und wenn Du am wenigsten darauf rechnetest, an Deinen Vergnügungsorten und Spielplätzen erblicktest! Bedenke, wie oft mein Auge über Dir wachte an schwindelerregenden Abgründen. Gab ich Dir nicht zur Sicherheit jene goldne Kette um den Hals, die ein Elfenkönig unserm Stammvater schenkte? Hätte ich diese teure Gabe Wohl jemand anders als dem Sohn meines Herzens verliehen? – Mordaunt, ich beschwor mitternachts die Meerfrau, daß sie Deine Barke auf der tiefen See unter ihren Schutz nähme! ich gebot dem Winde Schweigen, damit Du Deiner Jagd auf den Klippen gefahrlos nachhängen konntest!«
Mordaunt entging es nicht, daß ihre Rede stürmischer zu werden anfing, und war auf eine Antwort bedacht, welche ihre Phantasie zu besänftigen vermöchte.
»Gute Norna,« sprach er, »ich habe freilich Ursache genug, Euch Mutter zu nennen, denn Ihr habt Wohltat über Wohltat auf mein Haupt gehäuft, und nimmer will ich es an Beweisen der Liebe und Dankbarkeit fehlen lassen. Aber die Kette, von der Ihr spracht, ist von meinem Halse verschwunden – ich sah sie nicht wieder, seitdem mich jener Raufbold niederstieß.«
»Wie magst Du in diesem Augenblick daran denken?« fragte Norna in einem kummervollen Ton, – »so wisse denn; ich war es, die sie von Deinem Halse nahm und derjenigen um den Hals hing, die Dir am teuersten ist, zum Zeichen dafür, daß Eure Verbindung, – der einzige, irdische Wunsch, den ich noch hegen darf – in Erfüllung gehen wird – und wenn die Hölle dazwischen träte!«
»Ach,« rief Mordaunt, tief aufseufzend, »Ihr vergeßt die Ungleichheit unserer Verhältnisse, – ihr Vater ist reich und aus altem Stamm.«
»Nicht reicher, als es einst Nornas Erbe sein wird,« antwortete die Wahrsagerin, – »und nicht von besserem oder älterem Blute, als dasjenige, welches in Deinen Adern rollt und von Deiner Mutter herstammt, der Sprossin eben derselben Grafen und Seekönige, von denen Magnus zu stammen sich rühmt. – Oder glaubst Du, wie jene pedantischen und fanatischen Fremden wie jene pedantischen, dünkelhaften Fremdlinge, Dein Blut sei schlechter, weil meine Ehe mit Deinem Vater nicht durch Priesterhand gesegnet wurde?– Wisse, daß wir vermählt waren nach der alten Sitte der Norweger, – wir reichten uns die Hände im Kreise Odins mit so innigen Schwüren ewiger Treue, daß selbst die unsere Inseln erobernden Schotten sie dem Segen vor dem Altare gleichgestellt hätten. Gegen den Sprößling solcher Verbindung kann Magnus nichts einwenden. Ich war schwach – aber die Geburt meines Sohnes wurde dadurch nicht entehrt.«
»Und glaubt Ihr wirklich, Mutter – »so wollt Ihr ja, daß ich Euch nennen soll,« sagte Mordaunt, dem ihre Worte, wenn er ihr auch noch keine Sohnesliebe zollen konnte, doch von neuem zu Herzen geführt hatten, daß er in ihr seine größte Wohltäterin erblickte – »daß der stolze Magnus sich bewegen lassen könnte, die Abneigung, die er seit kurzem gegen mich an den Tag legt, aufzugeben und meiner Bewerbung um Brenda sein Ohr zu leihen?«
»Brenda!« wiederholte Norna, – wer spricht von Brenda?« – von Minna war die Rede.«
»Ich aber dachte nur an Brenda,« erwiderte Mordaunt; »nur an sie denke ich, und nur an sie allein werde ich ewig denken.«
»Unmöglich, mein Sohn,« entgegnete Norna! »Du kannst nicht so engherzig, nicht so arm an Geist sein, daß Du das lachende Wesen und die hausmütterliche Einfalt der jüngern Schwester dem tiefen Gefühl und der erhabnen Seele der ältern vorziehen solltest. Wer möchte sich nach dem niedern Veilchen bücken, wenn er die herrliche Rose pflücken kann?«
»Manche meinen: die niedrigsten Blumen duften am lieblichsten, und in diesem Glauben will ich leben und sterben.«
»Solche Worte ziemen Dir nicht,« entgegnete Norna stolz; schnell aber den Ton wieder ändernd, fuhr sie liebevoll fort: – »Du mußt nicht, Du sollst nicht so sprechen, mein teurer Sohn! – Du wirft nicht das Herz einer Mutter in der ersten Stunde brechen wollen, wo sie ihr Kind umarmte! – Antworte mir nicht, aber höre mich, Minna muß Deine Gattin werden – ich habe ihren Hals mit einem Amulett geschmückt, von dem Euer beiderseitiges Glück abhängt, Minna muß die Braut meines Sohnes werden!«
»Aber ist Euch denn Brenda nicht gleich lieb und teuer?« rief Mordaunt.
»Eben so nahe verwandt,« antwortete Norna, »doch nicht so teuer, nein, nein! nicht halb so teuer. Minnas sanftes und doch so erhabenes, sinniges Gemüt macht sie zu der Gefährtin eines Wesens geeignet, dessen Wege, wie die meinigen, nicht die gewöhnlichen dieser Welt sind. Brenda gehört dem gemeinen Leben an, ist eine lachende Spötterin, die alles dasjenige ins Lächerliche zieht, was außer dem Bereich ihrer seichten Begriffe liegt.«
»Sie ist freilich weder abergläubisch, noch schwärmerisch,« entgegnete Mordaunt, »und deshalb liebe ich sie um so mehr. Zudem bedenkt, Mutter, daß Brenda mich wieder liebt, während Minna jenem Menschen aus der Fremde, Cleveland, ihr Herz geschenkt hat.«
»Nein, nein! das darf sie nicht, das kann sie nicht,« rief Norna, »auch darf er ihr nicht weiter nachstellen. Als er zuerst nach Burgh-Westra kam, sagte ich ihm, daß ich sie für Dich bestimmte.«
»Und dieser allzu raschen Kunde,« unterbrach sie Mordaunt, »verdanke ich seine Feindschaft, – meine Wunde – und fast den Verlust meines Lebens. Seht, Mutter, wohin Euer Zwischenspiel uns schon gefühlt hat.... um des Himmels willen, setzt es nicht weiter fort!«
Es schien, als ob dieser Vorwurf Norna mit der Gewalt und Schnelligkeit des Blitzes träfe; denn sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn und schien nahe daran, zu Boden zu sinken. Mordaunt, heftig erschrocken, eilte, sie aufzufangen, und stammelte, da er nicht wußte, was er sagen sollte, nur ein Paar unverständliche Worte,
»Schone meiner, o Himmel, schone meiner!« waren die ersten Worte, die das arme Weib wieder hervorbrachte; »laß mein Verbrechen nicht durch ihn gerächt werden! – Ja, junger Mann!« begann sie nach einer Pause, »Du wagtest jetzt Worte, die ich mir selbst nicht zu sagen wagte; Worte, die, wenn sie zutreffen, das Ende meines Lebens bedeuten.«
Mordaunt bemühte sich vergebens, sie durch die Versicherung zu beruhigen, daß er nicht wisse, wie er sie beleidigt oder gekränkt habe, Und daß es ihn unendlich schmerze, wenn solches unwillkürlich geschehen. Sie fuhr mit wilder, zitternder Stimme fort: