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Mit diesen Worten zerbrach sie den Baumzweig, den sie in der Hand hielt, und warf ihn in den Weg. Der Laird wollte seine Stimme erheben und steckte die Hand in die Tasche, um ein Geldstück zu suchen; aber die Zigeunerin wartete weder auf seine Antwort noch auf seine Gabe, sondern schritt vom Hügel hinab, den Zug einzuholen, Ellangowan ritt gedankenvoll heim, und es war gewiß merkwürdig, daß er seinen Angehörigen von dieser Zusammenkunft nichts mitteilte. Der Reitknecht aber, weniger zurückhaltend, erzählte die ganze Geschichte in der Küche und schloß mit der Beteuerung, wenn je der Teufel aus einem Weibermunde geredet, so habe er an diesem heiligen Tage aus Meg Merrilies gesprochen.

Neuntes Kapitel

So lange Herr Bertram seinem Amte eifrig oblag, vergaß er auch nicht für die Hebung der Zolleinahmen zu sorgen. Auf der ganzen südwestlichen Küste von Schottland war der Schleichhandel allgemein, für den die Insel Man besondere Eignung aufwies. Fast die ganze niedere Volksklasse war dabei beteiligt, die höhern Stände drückten die Augen zu, und die Zollbeamten wurden von denen, auf deren Schutz sie hätten rechnen müssen, oft in der Ausübung ihrer Pflicht behindert.

Um diese Zeit war der schon genannte Kennedy in jener Gegend der Küste als berittner Zollwächter angestellt; er war ein rüstiger, entschlossener Mann, der schon manches Schleichhandelsgut weggenommen hatte, und bei allen, die dem verbotenen Gewerbe nachgingen, bitter verhaßt. Er war der natürliche Sohn eines Mannes von Stande, und sowohl dieser Umstand als sein unversieglicher Humor sicherten ihm bei allen Landjunkern freundliche Aufnahme. Er kam oft nach Ellangowan und war dort stets willkommen. Die kühnen, gefährlichen Unternehmungen, die er in seinem Amte ausgeführt hatte, gaben trefflichen Unterhaltungsstoff; dem Burgherrn behagte dieser Umstand, und so tat er das Seinige, Kennedy bei der Ausübung seiner verhaßten und schwierigen Pflicht zu unterstützen. Da ereignete es sich, daß der Hauptmann Dirk Hatteraick eine Schiffsladung von Branntwein und andern verbotenen Waren nicht weit von Ellangowan landete und der Meinung war, im Vertrauen auf die Nachsicht, die der Laird ehedem gegen solche Gesetzesübertretungen gezeigt, sich bei der Bergung der Ladung weder beeilen zu brauchen, noch besonders heimlich dabei zu Werke gehen zu müssen. Da erschien aber Kennedy, mit einem Befehle von Ellangowan ausgerüstet, in Begleitung einiger der Gegend kundigen Landleute und eines Kommandos Soldaten, die gelandeten Fässer und Ballen zu konfiszieren, und brachte sie auch nach einem verzweifelten blutigen Kampfe siegreich ins Zollhaus. Dirk Hatteraick schwur in holländischer, deutscher und englischer Sprache dem Aufseher und seinen Beschützern grausame Rache, und wer ihn kannte, zweifelte nicht, daß er Wort halten werde.

Einige Tage nach der Vertreibung der Zigeunerhorde fragte Bertram seine Frau beim Frühstücke, ob nicht des kleinen Harry Geburtstag sei.

»Gerade fünf Jahre alt, Gott segne ihn!« antwortete sie. »Nun könnten wir ja auch einmal das Papier des Engländers ansehen.«

Bertram war in Kleinigkeiten pedantisch, »Nicht eher als morgen, mein Kind,« erwiderte er. »Der Sheriff sagte erst neulich bei der Gerichtssitzung, ein Tag, das heißt ein dies inceptus – doch Du verstehst ja nicht Lateinisch – ich meine, ein anberaumter Tag fange nicht eher an, als bis er zu Ende sei.«

»Aber das hört sich ja an wie rechter Unsinn, Mann.«

»Mag sein, doch das Gesetz bleibt deshalb Gesetz,« erwiderte Bertram und sagte nach einigen Abschweifungen, daß Franz Kennedy ausgeritten sei um dem königlichen Wachtschiff in der Bai von Hatteraicks Ankunft Nachricht zu geben, und nicht vor Abend zurückkehren werden, dann aber mit ihm eine Flasche Bordeaux auf Harrys Gesundheit trinken solle.

»Ich wollte, Kennedy bekümmerte sich nicht um Dirk Hatteraick,« meinte die Frau. Warum macht er sich mehr Arbeit als andere? Kann er nicht sein Liedchen singen, sein Schlückchen trinken und seine Besoldung ziehen, wie andere ehrliche Leute, die niemand stören? Mich wundert's, daß Du Dich in solche Dinge mengst. Brauchten wir je nach Tee oder Branntwein in den Flecken zu schicken, als Dirk Hatteraick ruhig hier landen konnte?«

»Du verstehst nichts von diesen Dingen,« antwortete der Laird. »Meinst Du, es schicke sich für einen Beamten, sein Haus zu einer Niederlage von Schleichhändlergut zu machen? Laß Dir von Kennedy einmal die Strafgesetze darüber zeigen. Du weißt ja selbst, wie sie ihre Waren im alten Schlosse unterbrachten!«

»O, was schadet's denn, wenn in den Gewölben einmal ein Fäßchen Branntwein liegt? Du bist ja gar nicht verpflichtet, etwas davon zu wissen. Und was schadet's dem Könige, wenn die Gutsherren hier ein gutes Gläschen um billigen Preis bekommen, und ihre Frauen ein Täßchen Tee? Es ist Sünd' und Schande, daß man solche Abgaben auf solche Genußmittel legt. Und als Dirk Hatteraick mit Brabanter Haubenspitzen von Antwerpen schickte, da war ich auch nicht böse. Aber lange dauern wird's, bis mir der König oder Kennedy etwas schickt. Und gar erst Dein Streit mit den Zigeunern! Mir bangt jeden Tag, daß unsere Scheune in Flammen steht.«

»Ich sage Dir nochmals Kind, Du verstehst nichts von solchen Dingen. Aber sieh, da sprengt Kennedy die Allee hinauf.«

»Gut, gut, Bertram!« rief sie ihm nach, als er hinauseilte, »ich wünschte, Du könntest es auch.«

Der Laird eilte seinem Freunde entgegen ... »Kommt, kommt,« rief Kennedy, »ins alte Schloß hinauf! Der alte Fuchs Dirk Hatteraick wird von des Königs Hunden tüchtig gehetzt.«

Mit diesen Worten warf er seines Pferdes Zaum einem Buben zu und eilte zu dem alten Schlosse hinauf. Der Laird folgte ihm mit mehreren Hausgenossen, die der von der See herüberschallende Geschützdonner in Angst und Schrecken setzte.

Als sie den Teil der alten Ruine erstiegen hatten, der die weiteste Aussicht bot, sahen sie ein Fahrzeug in der Bai, das von einer Kriegsschaluppe lebhaft verfolgt wurde. Beide Schiffe feuerten gegeneinander... »Es kommt ihm näher!« rief Kennedy, außer sich, vor Freude. »Verdammt! der Schmuggler wirft seine Ladung aus. Faß auf Faß fliegt über Bord. Der verwünschte Hatteraick! Ha! nun haben sie den Wind ihm abgenommen. Frisch ihm zu Leibe! frisch!«

Die Jagd dauerte fort. Das Schleichhändlerschiff, das mit großer Geschicklichkeit steuerte und mit aller Anstrengung zu entrinnen suchte, wollte eben um eine Landspitze biegen, als die Raa in der Mitte von einer Kugel getroffen wurde und das Segel auf das Verdeck stürzte. Dieser Unfall schien dem Schiffe verderblich werden zu sollen; aber es gelang ihm doch, um die Landzunge herumzukommen und hinter dem Vorgebirge zu verschwinden. Die Schaluppe setzte alle Segel, das fliehende Schiff zu verfolgen, hatte aber zu dicht am Vorgebirge gehalten und wäre, wenn sie nicht umgelegt hätte und in die Bai zurückgesteuert wäre, um Räumte zur Umsegelung der Landspitze zu gewinnen, auf die Küste getrieben worden.

»Verdammt,« rief Kennedy. »Sie verlieren Ladung und Schiff! Ich muß zur Warroch-Spitze reiten und ihnen sagen, wo sie das Schiff finden. Gott befohlen auf eine Stunde, Ellangowan! Holt den Punschnapf, wenn ich zurückkomme; wir trinken dann auf des jungen Lairds Gesundheit.«