»Du hast den finstern Argwohn berührt, der das Gefühl meiner Macht vergiftet – die einzige Gabe, die ich zum Ersatz für Unschuld und Seelenfrieden empfing! Deine Stimme vereint sich mit der des Dämons, der selbst in dem Moment, wenn mich die Elemente als ihre Gebieterin anerkennen, mir zuflüstert: »Norna, nur Täuschung ist's – Deine Macht beruht nur auf dem Aberglauben der einfältigen, durch Kunstgriffe von Dir getäuschten Menge.« – So spricht Brenda, so möchtest auch Du sprechen; schone wenigstens Du meiner, mein Sohn!« fuhr sie in flehendem Tone fort; »die Herrschaft, der mich Deine Worte berauben wollen, ist kein beneidenswertes Gut. Wenigen nur möchte es gelüsten, über Geister und Stürme zu gebieten. Mein Thron ist eine Wolke, mein Zepter ein Meteor, mein Reich nur mit Phantasiegebilden bevölkert; aber ich muß entweder aufhören zu sein oder das mächtigste und doch elendeste Wesen dieser Inselflur bleiben!«
»Sprecht nicht so finstere Worte, meine teure unglückliche Wohltäterin,« unterbrach sie Mordaunt, tiefbewegt. »Ich will von Eurer Macht glauben, was Ihr wollt; aber um Eurer selbst willen schlagt einen andern Weg ein. Wendet Eure Gedanken von solchen gemütsbewegenden Dingen ab und richtet sie auf andere, bessere; dann wird das Leben wieder Reiz für Euch haben und die Religion Euch Trost gewähren.«
Sie aber schüttelte das Haupt und erwiderte:
»Es kann nicht sein – ich muß die Gefürchtete – die Geheimnisvolle – die Reimkundige, die Beherrscherin der Elemente bleiben, oder ich muß aufhören zu sein. Ich habe keine andere Wahl, keinen Mittelweg! Meine Stätte ist dort oben auf jener riesigen Klippe, wo nie ein anderer Menschenfuß als der meinige stand, – oder tief auf dem Grunde des unermeßlichen Ozeans, dessen weiße Wellen dann über meinem fühllosen Körper schäumen. Die Vatermörderin soll nicht noch zur Betrügerin werden!«
»Die Vatermörderin!« rief Mordaunt, schreckenvoll zurückbebend.
»So ist's, mein Sohn!« entgegnete Norna mit finsterer Ruhe, die noch schrecklicher war als ihre frühere Heftigkeit, »in diesen Schreckensmauern fand mein Vater seinen Tod – durch mich! Dort in jenem Zimmer wurde sein Leichnam gefunden. – Drum hüte Dich vor kindlichem Ungehorsam, denn also reifen seine Früchte.«
Sie stand auf und verließ das Gemach, Mordaunt allein zurücklassend, in Gedanken über die außerordentlichen Mitteilung gen, die ihm geworden waren. Er selbst hatte von seinem Vater gelernt, den Aberglauben der Shetländer zu verachten, aber jetzt sah er, daß Norna, wie geschickt sie auch andern Respekt einzuflößen verstand, über Selbsttäuschung nicht erhaben war: ein starker Beweis dafür, daß sie nicht wahnsinnig sei; anderseits aber schien die Selbstanklage des Vatermordes so furchtbar und unwahrscheinlich, daß Mordaunt zu ihren andern Behauptungen kein großes Vertrauen gewinnen konnte.
Er hatte Muße genug, über seine letzten Erlebnisse nachzusinnen, denn niemand nahte sich diesem einsamen Eilande, das außer Adlern und andern Raubvögeln, die auf seinen Klippen horsteten, nur von Norna, ihrem Zwerge und ihm bewohnt wurde und einen wüsten und öden Anblick bot, die wenigen Stellen ausgenommen, wo Zwergbirken, Haselnußstauden und wilde Johannisbeerbüsche wuchsen, kümmerlich zwar, aber doch einiges Leben in die Landschaft bringend.
Die Aussicht vom Strande, Mordaunts Lieblingsweg, seit er so weit genesen war, daß er wieder gehen konnte, bot hingegen Reize, die den wilden Charakter des Innern sattsam wett machten. Eine breite, schöne Wasserstraße trennte das Eiland von der großen Insel Pomona, und in der Mitte dieses Sundes lag, wie ein Täfelchen von Smaragd, das liebliche grüne Eiland von Graemsay. Auf dem fernen Mainland sah man das Dörfchen Stromneß, in dessen trefflichem Hafen stets Schiffe in Menge ankerten. Hier konnte Mordaunt stundenlang wandern, und hier reifte der Entschluß in ihm, die Insel zu verlassen, sobald es ihm seine Gesundheit erlaubte. Da es ihm aber widerstrebte, die Dankbarkeit zu verletzen, die er Norna schuldete, für deren Pflegesohn er sich hielt, wenn er sich auch nicht überzeugen konnte, ihr wirklicher Sohn zu sein, so drang er in sie, ihn zum bevorstehenden St. Olavsmarkte nach der Hauptstadt von Orkney mitzunehmen, was sie ihm unter der Bedingung versprach, daß er sich streng nach ihrem Willen verhalte.
Fünfzehntes Kapitel
Als Cleveland sich wieder an Bord seines Piratenschiffes befand, dessen Mannschaft ihm halb mit Hallo, halb mit dumpfem Schweigen entgegentrat, während manche nicht unterließen, ihm die Hand zu drücken und zu seiner Rettung Glück zu wünschen, sollte er schneller, als er gerechnet hatte, herbe Ursache finden, den Verlust seines Schiffes »Die Rache« von neuem zu beklagen. Finster und verdrossen auf den Jubel horchend, mit welchem die jüngere Schiffsmannschaft, mit Bunce an der Spitze, Cleveland begrüßte, saß auf dem Achterdeck, rittlings auf einem Geschütz, Kapitän Goffe, von welchem Bunce seinem Kameraden auf dem Wege nach Kirkwall manches erzählte. Es war ein Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren, kaum von Mittelgröße, aber robust und stark, daß ihn seine Mannschaft mit einem abgedeckten Linienschiff von 64 Kanonen zu vergleichen pflegte. Sein schwarzes Haar, sein kurzer, dicker, plumper Nacken und seine buschigen Augenbrauen, seine plumpe Kraft und wilden Gesichtszüge standen in krassem Gegensatze zu der männlichen Gestalt und dem offenen Antlitz Clevelands, aus welchem das rohe Gewerbe, dem er oblag, eine gewissen Anmut und Großmut nicht hatte verwischen können. Die beiden Seeräuber blickten einander eine Weile schweigend an, während ihre Parteigänger – die ältern um Goffe, die jüngern um Cleveland – Aufstellung nahmen.
Endlich brach Goffe das Schweigen. – »Willkommen am Bord, Kapitän Cleveland! – All mein Takelwerk soll brechen, wenn ich nicht glaube, daß Ihr Euch noch als Commodore dünkt; aber damit ist's vorbei, beim Teufel, seit Euer Schiff zum Satan fuhr.«
Cleveland erwiderte, daß es ihn nicht nach solcher Würde gelüste, aber auch nicht danach, unter ihm zu dienen, daß er Goffe vielmehr nur um ein Boot ersuche, das ihn an eine andere Insel hinüberbringe.
»Und weshalb wollt Ihr nicht unter meinem Befehl dienen, Kamerad?« fragte Goffe streng; »haltet Ihr Euch etwa zu gut dafür mit Eurem Käseröster und Eurer naseweisen Manier? ich dächte, es ständen genug ältere und bessere Seeleute unter meinem Befehl!«
»Ich möchte wissen,« antwortete Cleveland kaltblütig, »welcher von Eurem tüchtigen Seevolk so gescheit war, das Schiff hier unter die sechs Kanonen Batterie zu legen, die es in Grund bohren kann, noch bevor Ihr das Ankertau kappen oder fahren lassen könntet? Aeltere und bessere Seeleute als ich, mögen immerhin unter einem solchen Grobian und Tolpatsch dienen; ich aber danke dafür – weiter hab' ich Euch nichts zu sagen.«
»Beim Satan! ich glaube, Ihr seid beide toll!« fiel Hawkins der Bootsmann ein; »ein Rekontre mit Pistolen und Säbeln mag zuweilen ein rechter Teufelsspaß sein, wenn es gerade nichts Besseres zu tun gibt; aber wer von uns wird, wenn er anders seine fünf Sinne beisammen hat, Streit mit Kameraden anfangen, und diesem schwimmfüßigen Insulanerpack Gelegenheit geben, uns sämtlich auf den Kopf zu klopfen?«
»Gut gesprochen, Hawkins!« rief Derrick, der Quartiermeister, unter diesen Räubern ein Offizier von bedeutendem Einflusse; »wie gesagt, wollen die beiden Hauptleute nicht friedlich beisammen leben, und Kopf und Herz verbinden, um das Schiff zu verteidigen, ei, zum Teufel! da setzt sie beide ab und wählt einen dritten an ihrer Stelle!«
»Euch vielleicht, nicht wahr, Quartiermeister?« unterbrach ihn Bunce, »aber daraus wird nichts, – wer Kavalieren gebieten will, muß, denke ich, selbst ein Kavalier sein; und so gebe ich meine Stimme ab für Kapitän Cleveland, einen so mutigen und wohlgezogenen Mann, wie nur je einer der Welt eine Nase gedreht hat.«
»Was? Ihr nennt Euch Kavalier?« rief Derrick; »aus dem ersten besten Fetzen Eurer Theaterlumpen flickt jeder Schneider einen besseren zurecht – eine Schande ist's für mutige Burschen, solch naseweise Vogelscheuche an Bord zu haben!«