Jack Bunce griff nach seinem Säbel, aber Zimmermann und Bootsmann traten dazwischen; der erstere schwang die breite Axt und schwor, er wolle dem ersten, der die Hand zum Streit höbe, die Hirnschale zerschmettern; der letztere erinnerte daran, daß ihre Schiffsgesetze allen Zwist, zumal an Bord, streng verböten.
»Ich suche mit niemandem Streit,« rief Goffe finster, »Kapitän Cleveland hat auf den Inseln gelungert und seinem Vergnügen nachgelebt! Wir aber haben Zeit und Eigentum verschwendet, auf ihn zu lauern, während wir zwanzig bis dreißigtausend spanische Taler zu unserer Kasse hätten schlagen können.... Ist das aber den übrigen Herrn recht, nun, so will auch ich nicht darüber murren!« »Ich schlage vor,« nahm der Bootsmann wieder das Wort, »in der Kajüte, wie unsere Gesetze es wollen, darüber zu beraten, welchen Kurs wir in dieser Sache zu steuern haben.« Der Vorschlag wurde mit Beifall aufgenommen; denn bei solchem Rate kam jeder auf seine Rechnung, da jeder stimmberechtigt war und der Schnaps dabei in unbeschränkten Portionen getrunken werden durfte. Cleveland nahm zuerst das Wort und wiederholte, daß er nur um ein Boot bitte, um auf irgend eine Insel in einigem Abstande von Kirkwall ans Land zu gehen, wo man ihn seinem Schicksal überlassen möge. Der Bootsmann lehnte sich heftig hiergegen auf. »Jeder Bursche,« sprach er, »kennt unsern Cleveland und baut auf seine Seemannskunst und seinen Mut; zudem läßt er den Grog nie die Oberhand gewinnen und hält immer alles in solcher Ordnung, daß es keinem Schiffe so leicht beikommt, den Kampf mit ihm aufzunehmen. Unser wackerer Kapitän Goffe aber,« fuhr der Bootsmann fort, »ist ja ein so rüstiger Seemann als je einer Zwieback aß, aber vor jedermann halt ich's aufrecht – hat er zuviel Grog an Bord genommen – seht, ich sag's ihm geradezu ins Gesicht – da treibt er so verdammte Späße, daß fast kein Auskommen mit ihm ist.« »Soll heißen, Ihr möchtet den wackern Kapitän Goffe auf die Weide jagen, nicht wahr?« nahm ein alter, in Sturm und Wetter ergrauter einäugiger Pirat das Wort, »hat er gleich so seine eigenen Launen und putzte er mir auch in seinem Spaß das eine Auge aus, bleibt er doch bei alledem ein so wackerer Seemann, als je einer das Deck beschritt; und so bleibe ich ihm denn, Gott verdamme mich! zur Seite, so lange noch meine andere Laterne leuchtet,« »Ihr laßt mich ja nicht aussprechen,« entgegnete Hawkins, »hört nur meinen Vorschlag: Cleveland soll Befehlshaber sein von ein Uhr nachmittags bis fünf Uhr morgens, denn in dieser Zeit ist Goffe stets betrunken.« Der Kapitän, von dem er sprach, legte den klarsten Beweis von der Wahrheit dieser Worte an den Tag, denn er stieß ein unverständliches Gebrüll hervor und versuchte, sein Pistol gegen den Vermittler Hawkins aufzuheben.
»Nun, seht Ihr wohl,« rief Derrick, »da liegt er während der Beratung trunken da, wie einer der gemeinsten unserer Mannschaft!« – »Ja, ja!« rief Bunce, »wie Davids Sau auf freiem Felde, im Gesicht des Heers und des Senats!«
»Aber dennoch,« fuhr Derrick fort, »wird es nimmer gut tun, zwei Hauptleute zugleich an einem Tage zu haben. Ich meine, wenn sie wöchentlich wechselten, wäre es besser – denn Cleveland könnte dann den Anfang machen.«
»Hier gibt es noch manche, die so gut sind als beide,« sagte Hawkins, »doch ich habe nichts gegen Kapitän Cleveland, und glaube, er kann uns wieder auf das Fahrwasser helfen so gut wie ein anderer.«
»Ja, ja!« rief Bunce, »und besser als irgend ein anderer wird er es verstehen, die Kirckwaller dort in Ordnung zu bringen, besser als sein nüchterner Vorgänger! – Hoch also, Kapitän Cleveland!«
»Halt, ihr Herren,« rief Cleveland, der bis jetzt geschwiegen hatte, »Ich hoffe doch, ihr werdet mich nicht ohne meine Einwilligung zum Anführer wählen?«
»Beim blauen Gewölbe des Himmels, das wollen wir; denn es ist pro bono publico!« entgegnete Bunce.
»So hört mich wenigstens an!« sagte Cleveland – »ich willige ein, den Befehl des Schiffes zu übernehmen, weil Ihr es wünscht, und weil ich sehe, daß Ihr ohne mich hier nicht herauskommen werdet!«
»Hoch also Cleveland für immer!« jubelte Bunce.
»Ruhe! guter Bunce, ehrlicher Altamont,« gebot der Kapitän, – »ich übernehme den Befehl unter der Bedingung, daß, wenn ich das Schiff zu seiner Reise mit Proviant usw. versorgt habe, Ihr den Kapitän Goffe wieder in sein Amt ein- und mich irgendwo ans Land setzt, wie ich zuvor begehrte. – Ihr werdet dann überzeugt sein, daß ich Euch nicht hinter das Licht führen kann, denn ich werde bis zum Moment der Landung bei Euch bleiben.«
»Ei, und noch länger als bis zum letzten Augenblick, beim blauen Himmelsgewölbe! oder ich verstehe mich schlecht darauf!« murmelte Bunce vor sich hin.
Die Stimmen wurden jetzt gesammelt, und ein solches Vertrauen hatte die Mannschaft in Cleveland, daß die einstweilige Absetzung Goffes selbst unter seinen Anhängern nur geringen Widerspruch fand, die vernünftig genug waren, zu bemerken, daß er doch wenigstens hatte nüchtern bleiben sollen, um auf seine eigenen Angelegenheiten acht zu haben.
Als aber der nächste Morgen kam und der trunkene Teil des Schiffsvolkes erfuhr, was man im Rate beschlossen hatte, von dem sie als Teilnehmer angesehen wurden, legten sie eine solche Ueberzeugung von Clevelands Verdiensten an den Tag, daß Goffe, so mürrisch und unzufrieden er auch war, es für ratsam hielt, für den Augenblick seine zornigen Gefühle zu unterdrücken, bis sich eine passendere Gelegenheit böte, sie laut werden zu lassen.
Cleveland dagegen übernahm mutig, und ohne Zeit zu verlieren, das Geschäft, seine Gefährten aus der gefährlichen Lage zu ziehen, in der sie sich befanden. Zu diesem Ende ließ er ein Boot aussetzen, um ihn selbst, nebst zwölf der rüstigsten Burschen der Mannschaft, ans Land zu bringen. Sie waren sehr stattlich gekleidet, denn ihr schändliches Gewerbe setzte sie dazu vollauf in stand, auch waren sie mit Säbel und Pistolen, einige sogar mit Enterbeilen und Dolchen bewaffnet.
Cleveland selbst trug ein blaues, mit karmesinroter Seide gefüttertes und mit Tressen besetztes Kleid, eine rote Damastweste und ebensolche Unterkleider, eine reich gestickte Sammetmütze mit weißer Feder; Schuhe mit roten Absätzen und weißseidene Strümpfe vollendeten seinen Anzug; dazu eine goldene Kette, an der, als Zeichen der Oberherrschaft, eine Pfeife von gleichem Metall hing. Außer einigen Pistolen im Gürtel trug er noch ein paar kleinere von feinster Arbeit in einer über die Schultern hängenden karmesinroten Schlinge oder Schärpe, Sein Säbel stimmte an Pracht mit seiner übrigen Kleidung überein, und seine schöne Gestalt paßte so vortrefflich zu dem Ganzen, daß er, als er auf dem Verdeck erschien, mit lautem Jubel von der Mannschaft empfangen wurde.
Cleveland nahm in seinem Boote auch seinen Vorgänger Goffe mit, der ebenfalls reich gekleidet, aber mit einem weniger vorteilhaften Aeußern als Cleveland, wie ein bäurischer Tölpel in der Tracht eines Hofmannes oder fast mehr noch wie ein gemeiner Straßenräuber aussah, der sich mit dem Gewande des von ihm Ermordeten behängt hat.
Das Kommando des Schiffes war unterdessen dem John Bunce übertragen worden, auf dessen Treue Cleveland, wie er wußte, bauen konnte, und dem er geheime Instruktionen für etwaige unerwartete Vorfälle gegeben hatte.
Hierauf stieß das Boot ab. Als sie dem Hafen nahe waren, zog Cleveland eine weiße Flagge auf und sah nun deutlich, daß ihre Ankunft großen Lärm am Strande verursachte. Die Leute, fast sämtlich bewaffnet, liefen hin und her. Die Strandgeschütze wurden eilig bemannt und die englische Flagge entfaltet. Das waren höchst beunruhigende Zeichen, um so mehr, als Cleveland wußte, daß es in Kirkwall nicht an Matrosen fehlte, die sicher im Notfall auch den Dienst bei den Kanonen versehen konnten.
All diese Dinge und Vorgänge scharf im Auge behaltend, steuerte Cleveland dem Ufer zu; vermutlich waren aber die dort versammelten Leute noch nicht recht über die Maßregeln einig, die sie ergreifen wollten; denn als das Boot den Strand erreicht hatte, traten diejenigen, die ihm gerade gegenüber standen, zurück und ließen ihn mit seinen Gefährten landen, ohne ihm Hindernisse in den Weg zu legen. Die Mannschaft ließ Cleveland am Strande Aufstellung nehmen bis auf zwei, die in dem Boote blieben.