Die Kirkwaller aber, ihrem altnordischen Sinn treu, standen am Kai mit geschulter Waffe, den Räubern den Weg zur Stadt abschneidend.
»Was bedeutet das, Bürger von Orkney?« rief Cleveland, »seid ihr Hochländer geworden, daß ihr so früh am Morgen schon sämtlich bewaffnet seid? Oder seid ihr am Strande postiert, mir zu salutieren, weil ich das Kommando über das Schiff übernommen?«
Die Bürger sahen einander an, und einer entgegnete: »Wer Ihr seid, wissen wir nicht, der andere dort,« – dabei zeigte er auf Goffe – »war sonst als Kapitän am Lande.«
»Mein Steuermann ist's; er führt das Kommando in meiner Abwesenheit,« antwortete Cleveland; – »aber wozu die Auseinandersetzung? Ich habe mit Eurem Stadtoberhaupt, oder wie Ihr ihn sonst nennt, zu reden.«
»Das Stadtkollegium ist im Rathause versammelt,« erwiderte der Wortführer.
»Um so besser.« rief Cleveland; »Platz gemacht, ihr Herren; ich will mit meinen Leuten dorthin.«
Die Kirkwaller steckten flüsternd die Kopfe zusammen, manche unschlüssig, ob sie sich mit wilden Männern in einen vielleicht nutzlosen Kampf einlassen sollten, andere wohl dazu geneigt, doch der Einsicht nicht verschlossen, daß die Fremden viel leichter im Rathause oder in den engen Gassen, durch die der Weg führte, zu überwältigen seien als hier am Ufer, wo sie volle Bewegungsfreiheit hätten. Sie kamen also überein, ihrem Marsche zum Rathause nichts in den Weg zu legen. Dort aber drängten sie sich vorwärts, um sich unter die Piraten zu mischen und möglichst viele abzuschneiden und einzeln gefangen zu nehmen. Cleveland hatte solche Absicht aber vorausgesehen, und bevor er durch das Tor eintrat, ließ er vier von seinen Leuten, zur Straße hin, zu beiden Seiten desselben Posten fassen und die doppelte Anzahl unter die Bürgerschaft treten, um Ruhe unter ihr zu halten.
Vor den wilden, sonnverbrannten Gesichtern und den gezückten Waffen der furchtbaren Gesellen wichen die Bürger zurück, und Cleveland trat mit dem Reste seiner Mannschaft in die Ratsstube, wo die Stadtobrigkeit, nur von wenigen Fronen umgeben, versammelt war. So jäh von der Bürgerschaft getrennt, die ihrer Befehle harrten, befanden sie sich eigentlich mehr in Clevelands Gewalt als dieser in der ihrigen. Die Stadtobrigkeit schien die Fährlichkeit ihrer Situation auch zu fühlen, denn in einiger Verwirrung steckten die ihr angehörigen Männer die Köpfe zusammen, als Cleveland sie wie folgt, anredete:
»Guten Morgen, ihr Herren, – ich darf Wohl auf Friede und Freundschaft rechnen? Ich komme nur, um mit euch über den Proviant für mein Schiff zu sprechen, – ohne Mundvorrat können wir doch nicht in See stechen!«
»Euer Schiff?« fragte der königliche Unterrichter, ein mutiger und verständiger Mann, »wie können wir wissen, ob Ihr der Kapitän seid?«
»Seht mich an,« versetzte Cleveland, »und wenn Ihr noch Zweifel habt, so dürften sie zerstieben.«
Der Richter musterte ihn, gelangte aber zu dem Ergebnis, daß es doch nötig sei, weitere Fragen zu stellen, und so fuhr er fort: »Nun, wenn Ihr wirklich der Kapitän seid, woher kommt Euer Schiff, und wohin geht es? Ihr habt zuviel von einem kriegerischen Seemann, als daß Ihr Kapitän eines Kauffahrers sein könntet, und doch wissen wir, daß Ihr nicht der britischen Marine angehört.«
»Auch andere als britische Kriegsschiffe durchschneiden die See,« erwiderte Cleveland; »als Freifahrer aber bereit, Tabak, Branntwein, Wacholder und dergleichen gegen Salzfische und Felle einzutauschen, verspüre ich keinerlei Verlangen, mich so behandeln und mir für mein Geld Proviant verweigern zu lassen, wie es den Kirkwallern beliebt.«
»In solchen Dingen allzu gewissenhaft zu sein,« sagte der Stadtschreiber, »ist unsre Sache nicht; denn wenn Leute unseres Schlages uns besuchen, machen wir es am besten wie der Köhler, als er auf den Teufel stieß – nämlich – lassen sie in Ruhe, solange sie uns in Ruhe lassen; – dort der Herr,« – hier zeigte er auf Goffe – »der vor Euch Kapitän war und es vielleicht nach Euch sein wird,« – (der Hasenfuß mag recht haben, murmelte Goffe) – »er weiß, wie freundlich wir uns benahmen, bis er und seine Leute wie eine Teufelsbande die Stadt zu durchstreifen begannen. – Dort steht einer! – Derselbe ist's, der meine Magd auf der Straße anhielt, als sie auf dem Heimwege die Laterne vor mir hertrug, und sie vor meinen Augen schlug.« – »Wenn es Euer Ehren beliebt,« sagte Derrick, auf den der Stadtschreiber gezeigt hatte; »ich war's nicht, der die Laterne beidrehte – das war ein andrer.«
»Nun wer?« fragte der Richter.
»Je nun,« entgegnete Derrick, indem er durch ein paar seemännische Verbeugungen den würdigen Stadtschreiber zu kopieren suchte – »ein ältlicher Mann war's – von holländischem Schnitt – wohlbeleibt – mit einer weißen Perücke und roten Nase, – Euer Gnaden ungemein ähnlich,« und zu einem seiner Kameraden gewandt, fuhr er fort: »Nicht wahr, Jack, der Bursche, der das hübsche Mädchen mit der Laterne küssen wollte, sah ganz aus wie der gestrenge Herr dort?«
»Mein Seel', Tom Derrick, ich glaube, es ist ein und derselbe,« antwortete der Befragte.
»Solche Unverschämtheit,« rief der Richter empört, »kann Euch teuer zu stehen kommen, Mann! Ihr habt Euch hier betragen, als befändet Ihr Euch auf Madagaskar oder in irgend einem Dorfe von Hinterindien. Ihr selbst, Kapitän, wenn Ihr anders Kapitän seid, habt noch gestern einen Auflauf veranlaßt. Proviant werdet Ihr nicht von uns empfangen, bis wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. Hofft nicht, uns in Furcht zu setzen; wenn ich mit dem Schnupftuch zu dem Fenster neben mir hinauswinke, wird Euer Schiff in den Grund geschossen; vergeßt nicht, daß es unter den Kanonen unserer Batterie liegt!«
»Und wie viele von Euren Kanonen sind in gutem Stande?« versetzte Cleveland aufs Geratewohl, überzeugte sich aber schnell von der betroffenen Miene des Richters, daß sich die Artillerie von Kirkwall tatsächlich nicht im besten Zustande befinden müsse. »Bitte, bitte, Herr Richter! wir lassen uns so wenig in Furcht jagen wie Ihr. Eure Kanonen möchten den armen Matrosen, die sie bedienen, mehr Schaden zufügen als unserer Schaluppe; wenn aber wir Eurer Stadt eine volle Ladung geben sollten, dann könnte das Küchengerät Eurer Weiber leicht in Gefahr geraten. Und was nun Eure Beschwerde betrifft, daß unsere Leute etwas lustig am Lande waren, ei nun! wann ist das je anders? Man hat mir gesagt, Ihr wäret ein verständiger Mann, und darum bin ich überzeugt, daß wir beide die Sache in fünf Minuten abmachen könnten, wenn wir uns allein besprächen.«
»Nun gut denn,« erwiderte der Richter, »ich will hören, was Ihr zu sagen habt.«
Cleveland folgte ihm in ein kleineres, inneres Gemach und redete ihn dort folgendermaßen an: »Ich will meine Pistolen beiseite legen, wenn Ihr Euch fürchtet.«
»Verschont mich mit solchem Gerede,« entgegnete der Richter, »ich habe meinem Könige gedient und fürchte Pulverdampf so wenig wie Ihr.«
»Dann um so besser,« sagte Cleveland, »denn Ihr werdet mich – um so kaltblütiger anhören, – Also angenommen, wir wären wirklich, was Ihr argwöhnt, oder sonst etwas Aehnliches, was anders als Schläge und Blutvergießen, um des Himmels willen, könnt Ihr dabei gewinnen, wenn Ihr uns zurückhaltet? Glaubt mir, in dieser Hinsicht sind wir besser verproviantiert als Ihr. Unser Verhältnis ist ja einfach genug. Ihr wollt uns los sein – wir wollen fort von hier, also gebt uns die Mittel dazu, und wir verlassen Euch auf der Stelle.«
»Hört, Kapitän!« antwortete der Richter, »mich dürstet nach keines Menschen Blut. Ihr seid ein wackerer Gesell, wie ich zu meiner Zeit schon manchen Bukkanier gefunden, – aber deswegen wünschte ich Euch ein besseres Gewerbe. Unsere Magazine sollten Euch für Euer Geld offen stehen, wenn Ihr Euch aus diesen Gewässern entfernen wolltet; aber da steckt der Knoten. Die Fregatte Halkyon wird unverzüglich hier erwartet: wenn sie von Euch hört, wird sie Euch auf den Hals kommen. Denn auf nichts machen die Weißen Rabatten [die Uniform der englischen Seeoffiziere] lieber Jagd als auf Piraten. Träfen sie nun aber unsere gute Stadt Kirkwall im Einklang mit den Feinden des Königs, dann könnten wir uns auf eine tüchtige Buße gefaßt machen, und mir als dem Stadtoberhaupte ginge es unbedingt an den Kragen.«