»Er hat seltsame Launen,« meinte Claud Halcro, »und ich wollte, wir wären erst wieder aus seinen Händen. Einen Eimer halbvoll des besten Punsches, der je gebraut wurde, umzustoßen und mich in dem besten Liede zu unterbrechen, das je gedichtet wurde; – wahrlich, ich kann mir nicht denken, was er jetzt noch beginnen wird – ein solches Benehmen grenzt ja an Wahnsinn.«
Aber auch Bunce und Fletcher bereiten über die Botschaft, die sie den Philistern zu Kirkwall senden wollten, und sie kamen über den folgenden Wortlaut überein:
»Dem Stadtoberhaupt und der übrigen Obrigkeit von Kirkwall! Da ihr Herren, eurem gegebenen Versprechen entgegen, uns die Geißel nicht gesandt habt, die für die Sicherheit unseres am Lande zurückgebliebenen Kapitäns bürgen sollte, diene euch zur Nachricht, daß wir so nicht mit uns spielen lassen. Wir haben bereits eine Brigg in Besitz genommen, auf der sich als Eigentümer und Passagiere eine vornehme Familie von eurer Insel befindet; und so wie ihr mit unserm Kapitän verfahrt, werden auch wir in allen Hinsichten diese Familie behandeln. Doch soll dies nicht der letzte Tort sein, den wir eurer Stadt und eurem Handel spielen, sofern ihr nicht unverzüglich unsern Kapitän uns an Bord sendet und der Uebereinkunft gemäß uns mit Proviant versorgt.
Gegeben am Bord der Brigg »Die Meergans« von Burgh-Westra, vor Anker in der Inganeßbai, und mit unserer Handschrift unterzeichnet.«
Er unterschrieb Federigo Altamont und reichte den Brief dem Kameraden, der Bunces Unterschrift mühsam entzifferte und, von Bewunderung erfüllt für den wohllautenden Namen darauf schwor, daß er fortan auch einen andern Namen führen wolle, denn Fletcher klinge ganz abscheulich. Er unterschrieb demnach »Timotheus Tugmutton.«
»Wollt Ihr nicht ein paar Zeilen hinzufügen für die Philister?« fragte Bunce, zu Magnus gewandt.
»Nein!« antwortete der Udaller, selbst in so dringender Not unwandelbar in seinen Begriffen von Recht und Unrecht. »Der Stadthauptmann von Kirkwall wird seine Pflicht kennen, und wäre ich an seiner Stelle –« aber die Erinnerung, daß seine Töchter sich in der Gewalt der Räuber befänden, milderte den Trotz in seinen Blicken wie seinen Redefluß.
»Hört, alter Herr,« rief Bunce, leicht begreifend, was in der Seele seines Gefangenen vorging, »Ihr habt da eine Halsstarrigkeit an Euch, für die manch anderer von meinem Gewerbe Euch die Ohren abschnitte und mit Paprika zum Mittagfraße röstete. Aber so grausam mag ich nicht sein. Widerfährt Euch aber oder den Mädchen schlechte Behandlung, so trifft die Schuld die Kirkwaller und nicht mich. Deshalb wär's gescheit von Euch, sie von Eurer Lage und Euren Verhältnissen zu unterrichten.«
Magnus griff nun zur Feder, versuchte auch zu schreiben, aber die Hand versagte ihm den Dienst. »Ich kann's nicht,« rief er, »ich kann keinen Brief zustande bringen, und wenn unser aller Leben davon abhinge.«
Zum Glück war Claud Halcro imstande, das Geschäft zu verrichten, zu dem sein Patron unfähig war. Er nahm die Feder und stellte mit wenigen Worten die Lage dar, in der sie sich befanden.
Bunce überlas das Schreiben, das zum Glück seinen Beifall fand; als er aber den Namen Claud Halcro las, rief er voll Erstaunen: »Wie, Ihr wärt der kleine Kerl, der bei der Truppe des alten Gadabout zu Hogs-Norton die Geige strich? Ist mir doch Eure Redensart vom alten ruhmgekrönten John noch immer im Gedächtnis.«
Augenblicklich erinnerte sich Claud Halcro, den die Entdeckung einer Goldmine nicht mehr beglückt hätte als dieses Wiedererkennen des jungen hoffnungsvollen Schauspielers, der als Don Sebastian in dem Stücke auftrat, worin er als erster (und, wie er hätte beifügen sollen, einziger) Geiger gewirkt hatte.
»Ja, ja,« entgegnete Bunce, »ich hätte mich auf der Bühne wohl auch ausgezeichnet; aber ich war« (hier stampfte er mit dem Fuße auf das Verdeck) »vom Schicksal ersehen, andere Bretter zu betreten... Nun, alter Freund, ich will etwas für Euch tun – kommt her zu mir, ich will Euch solo haben.« – Sie lehnten sich über das Geländer, und Bunce sprach leise, mit mehr Ernst aber als gewöhnlich, zu dem Poeten: »Ich bin besorgt um die alte ehrliche norwegische Tanne, und nicht minder um seine Töchter, vornehmlich um das Schicksal der einen; und wenn ich auch ein wilder Geselle bin bereitwilligen Dirnen gegenüber, so spiele ich doch bei tugendhaften und unschuldigen Geschöpfen gern immer den Scipio in Numantia oder den Alexander im Zelte des Darius«
Er zitierte die Namen mit solcher Salbung, daß Claud Halcro nachgerade fürchtete, er möge dem Punsche zu stark zugesprochen haben – und den Händedruck seines alten Bekannten deshalb nur sentimental erwiderte, ein nicht minder sentimentales »Ach!« dazu hervorstoßend.
»Ihr habt recht, Freund,« fuhr Bunce fort, »das alles sind nur eitle Phantasiegebilde, und dem unglücklichen Altamont bleibt nichts übrig, als einem alten Bekannten jetzt Lebewohl zu sagen. Aber ich will Euch und die beiden Mädchen unter Fletchers Schutz ans Land setzen lassen: also ruft sie, und macht, daß sie fortkommen, eh' bei mir oder einem andern unserer Leute der Teufel an Bord steigt. Ihr selbst sollt dem Stadtoberhaupte mein Schreiben behändigen, seinen Inhalt mit Eurer Beredsamkeit unterstützen und die wohllöbliche Kirkwaller Obrigkeit zu versichern, daß, wenn sie Cleveland auch nur ein Haar krümmen, der Satan los gehen soll.«
Mit stark erleichtertem Herzen stieg Halcro, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Kajütentreppe hinab, und an die Tür klopfend, konnte er vor Freude kaum Worte finden, seinen Auftrag auszurichten. Die Schwestern vernahmen mit unsäglicher Freude, daß sie ans Land gesetzt werden sollten, hüllten sich in ihre Mäntel und eilten, als sie hörten, daß das Boot bereit liege, auf das Verdeck, wo sie nun, aber zu ihrem großen Schrecken, vernahmen, daß ihr Vater in der Gewalt der Piraten an Bord zurückbleiben sollte.
»Wir wollen auf alle Gefahr hin bei ihm aushalten,« sagte Minna, – »wir können ihm doch einigen Beistand leisten, wenn auch nur auf Augenblicke – leben wollen wir und sterben mit ihm,« –
»Wir werden ihm nützlicher sein,« bemerkte Brenda, ihre Lage besser als ihre Schwester begreifend, »wenn wir die Leute in Kirkwall dazu bestimmen, in die Forderungen dieser Herrn zu willigen.«
»Gesprochen wie ein verständiger und schöner Engel,« fiel Bunce ein; »und nun fort mit Euch, denn Gott verdamm mich, das hier ist ein ärgeres Ding als eine brennende Lunte in der Pulverkammer. Sprecht Ihr noch ein einziges Wort, weiß ich mein Seel' nicht, wie ich es anfangen soll, Euch fortzulassen.«
»Geht in Gottes Namen, meine Töchter,« tröstete Magnus, »ich stehe in Gottes Hand, und wenn ich nur euch in Sicherheit weiß, werde ich meiner selbst wegen nur wenig besorgt sein. – So lange ich aber lebe und denken kann, werde ich sagen, der Herr da sei eines besseren Gewerbes wert! Geht nun, geht, macht, daß ihr fortkommt.«
»Haltet euch nicht lange mit Küssen auf,« rief Bunce, »sonst mochte ich auch meinen Teil fordern. Hinein ins Boot mit euch – doch halt, noch einen Augenblick.« Er zog die drei Gefangenen beiseite – »Welcher wird für die übrigen einstehen; wer aber bürgt uns für ihn? wahrlich ich weiß kein anderes Mittel, als Herrn Halcro hier diese kleine Sicherheitsmaßregel anzuvertrauen.« Damit reichte er dem Poeten ein kleines doppelläufiges Pistol hin, das, wie er sagte, mit zwei Kugeln geladen sei: Minna bemerkte, wie Halcros Hand zitterte. »Mir gebt sie, Herr!« rief sie, die Hand nach der Waffe ausstreckend, »überlaßt es mir, mich und meine Schwester zu verteidigen.«
»Bravo, bravo!« jubelte Bunce, »das ist eine Dirne, wert Clevelands, des Königs der Räuber!«
»Cleveland!« wiederholte Minna, »kennt Ihr denn Cleveland, dessen Namen Ihr schon zweimal nanntet?«
»Ob ich ihn kenne?« fragte Bunce; »lebt wohl ein Mensch, der den rüstigsten Seemann, der je das Verdeck betrat, besser kennte als ich? Wenn er erst wieder frei sein wird, so hoffe ich Euch bald am Bord als die Königin aller Meere zu sehen, die wir durchschneiden werden. – Ohne Zweifel versteht Ihr den kleinen Sicherheitsbürgen zu gebrauchen? Beträgt sich welcher schlecht gegen Euch, dann zieht mit dem Daumen das kleine eiserne Ding da auf, so! – und läßt er trotzdem nicht ab, so braucht Ihr nur mit Eurem hübschen Zeigefinger so zu machen, ... und ich bin um einen meiner besten Gefährten ärmer; aber er verdient auch, beim Teufel! den Tod, wenn er meinen Befehlen nicht Gehorsam leistet. Und nun ins Boot – doch halt, einen Kuß um Clevelands willen!«