Minna würdigte die Einladung keiner Antwort, Brenda aber wies sie höflich zurück, da sie bei einer ihrer Verwandten, die sie bereits erwartete, absteigen müßten.
Halcro machte noch einen Versuch, des Richters Sinn zu bewegen, dieser aber erklärte kurz und bündig, sich mit der Sache nicht weiter befassen zu können, da ein anderer Fall seine Aufmerksamkeit in Anspruch nähme. Ein gewisser Mertoun auf Jarlshof habe gegen den Hausierer Bryce Snailsfoot Klage erhoben, weil er einer Dienstmagd von ihm behilflich gewesen sei, Dinge von Wert zu unterschlagen, die ihm vom wirklichen Eigentümer anvertraut worden seien.
Bis auf den Namen Mertoun hatte der Bericht für die Schwestern nicht das geringste Interesse; dieser aber traf Minnas Herz, als sie der Umstände gedachte, unter denen Mordaunt Mertoun verschwunden war, wie ein Dolchstich, während er in Brendas Seele tiefe Trauer weckte. Aber es erhellte bald, daß das Stadtoberhaupt nur von dem Vater des Jünglings sprach, und da Minna und Brenda an ihm nur geringen Anteil nahmen, verabschiedeten sie sich, um sich zu ihrer Verwandten zu begeben. Dort angelangt, bemühte sich Minna, so weit es, ohne Argwohn zu erregen, geschehen konnte, Erkundigungen über Clevelands Schicksals einzuziehen, dessen Lage, wie sie bald erfuhr, sehr bedenklich war. Zwar hatte ihn die Obrigkeit nicht, wie Claud Halcro anfangs vermutete, in engen Gewahrsam bringen lassen, aber er wurde unter scharfer Bewachung im sogenannten Königskastell gehalten, und durfte sich nur auf dem äußern Flügel der Kirche von St. Magnus, deren Ostseite jetzt allein noch für den Gottesdienst geeignet war, täglich eine Stunde ergehen.
Unter trüben Gedanken, seiner Lage wie seinem Leben gewidmet, schritt Cleveland hier auf und ab; hatte sich seine Lage durch die Heftigkeit seines Temperaments doch so schlimm gestaltet, daß seinem Leben allem Anschein nach, obgleich es noch in seiner Blüte stand, ein gewaltsames, schmachvolles Ende drohte ... »Zu diesen Toten,« sprach er, auf die Gräber zu seinen Füßen blickend, »werde auch ich bald zählen – aber kein geweihter Priester wird seinen Segen über mich sprechen, – keine freundliche Hand eine Grabschrift fertigen, – kein stolzer Nachkömmling wird das Grab des Piraten Cleveland mit Wappenschildern schmücken. Meine modernden Gebeine werden in dem Galgeneisen, an irgend einem Strande oder auf einem einsamen Vorgebirge baumeln, und Strand und Vorgebirge werden meinethalben gefürchtet, gemieden, verflucht sein. Der alte Seemann wird, wenn er vorüberfährt, das Haupt schüttelnd, seine jüngern Gefährten warnend, von meinen Taten erzählen... Minna aber, Minna! was wirst Du denken, wenn Du dieses alles vernimmst? – Wollte Gott, die Nachricht davon sänke unter im tiefsten Strudel zwischen Kirkwall und Burgh-Westra, ehe sie Dein Ohr erreichte! – Hätten wir uns doch nicht erst noch begegnet, da wir uns nie mehr begegnen sollen!«
Er erhob seine Augen, als er so sprach, und Minna Troil stand vor ihm. Ihr Gesicht war bleich, und ihr Haar hing in losen Locken herab; aber ihr Blick war ruhig und fest, und trug wie gewöhnlich das Gepräge erhabner Schwermut. Noch immer war sie in den weiten Mantel gehüllt, wie damals, als sie das Schiff verließ. Clevelands erste Empfindung war Erstaunen, sein nächstes ein von Angst nicht freies Entzücken. Er wollte aufschreien, sich ihr zu Füßen werfen; sie aber gebot ihm Schweigen und Ruhe. »Seid vorsichtig,« sprach sie, »denn wir werden beobachtet – draußen sind Menschen. – nicht ohne Mühe erhielt ich Einlaß. Ich darf hier nicht lange verweilen – man würde denken, – sie könnten glauben – ach, Cleveland! ich habe alles gewagt, Euch zu retten!«
»Mich zu retten?« entgegnete Cleveland, »ach, arme Minna! unmöglich ist's, – Wohl mir, daß ich Euch noch einmal sah, wäre es auch nur, Euch auf immer Lebewohl zu sagen!«
»So ist es; wir müssen uns Lebewohl sagen,« rief Minna; »das Schicksal und Eure Schuld haben uns auf immer getrennt. – Cleveland, ich sah Eure Genossen – brauche ich Euch mehr zu sagen, – muß ich Euch noch sagen, daß ich jetzt die Piraten kenne?«
»Wie? Ihr wäret in der Gewalt jener Wüstlinge?« rief Cleveland, von Todesangst geschüttelt, – »wagten sie es etwa –«
»Sie wagten nichts,« antwortete Minna, – »Euer Name wirkte auf sie wie ein Zauberspruch, seine Macht allein erinnerte mich an jene Eigenschaften, die ich einst an Cleveland schätzte.«
»Ja,« rief Cleveland, »mein Name hat Gewalt über sie und soll sie auch ferner behalten. Hätten sie Euch auch nur durch ein einziges böses Wort gekränkt, sie sollten – aber was träume ich denn – ich bin ja Gefangener!«
»Ihr sollt es nicht mehr lange sein,« entgegnete Minna; »Eure Sicherheit, meines Vater Sicherheit – alles, alles verlangt Eure augenblickliche Freiheit. Ich habe Pläne zu Eurer Rettung gemacht, die nicht fehlschlagen können. Der Tag beginnt sich zu neigen – hüllt Euch in meinen Mantel, und Ihr werdet ungehindert durch die Wachen schreiten, – ich habe ihnen die Mittel verschafft, beim Becher lustig zu sein, und jetzt eben sind sie fleißig dabei. Eilt zu dem See von Stennis, und verbergt Euch dort, bis der Tag anbricht; dann laßt eine Rauchsäule aufsteigen auf dem Punkte, wo das Land sich aus beiden Seiten in den See hineinstreckt und ihn bei der Brücke von Breisgar in zwei Hälften scheidet. Euer Schiff liegt nicht fern und wird ein Boot ans Land senden, – aber zögert keinen Augenblick.«
»Aber Ihr, Minna! – wenn auch dieser kühne Plan gelänge, was wird dann aus Euch werden?«
»Meinen Anteil an Eurer Flucht,« antwortete das Mädchen, »wird die Redlichkeit meiner Absicht vor den Augen des Himmels, die Befreiung meines Vaters aber, dessen Schicksal vom Eurigen abhängt, vor den Augen der Menschen rechtfertigen.«
Sie erzählte ihm nun kurz die Geschichte ihrer Gefangennahme. Cleveland schlug die Augen empor und hob die Hände zum Himmel, für die Rettung der Schwestern aus den Händen seiner furchtbaren Genossen dankend; Ihr habt recht, Minna! fliehen muß ich um jeden Preis, um Eures Vaters willen. Hier also trennen wir uns, doch hoffe ich, nicht auf immer.«
»Auf immer!« erklang da eine Stimme, dumpf wie aus einem Grabgewölbe hervor,
Ihr Blut gerann, sie blickten sich um und starrten einander an. Es schien, als hätten die Echos des alten Gebäudes Clevelands Worte wiedergegeben, ein so feierlicher Klang wohnte ihnen inne,
»Ja, auf immer!« wiederholte Norna vom Fitful-Head, hinter einer der alten Säulen vortretend, die das Gewölbe der Kathedrale trugen. »Der blutrote Fuß begegnete der blutroten Hand, – Wohl euch beiden, daß die Wunde geheilt ward, aus der jenes Blut floß – wohl für euch beide, doch am besten für den, der es vergoß! – Hier also sähet ihr euch wieder, und zum letztenmal!«
»Nein, nein!« rief Cleveland, im Begriff, Minnas Hand zu erfassen, »mich von Minna zu trennen, so lange ich noch unter den Lebenden weile, vermag nur ihr Wille allein!«
»Fort!« unterbrach ihn Norna, zwischen sie tretend, »fort mit solch törichtem Beginnen! – gebt keinen eitlen Träumereien von fernerem Wiedersehen Raum, – Ihr trennt Euch hier, und auf immer, – Der Habicht darf sich nicht mit der Taube paaren, – die Unschuld sich nicht mit der Schuld verbinden, Minna Troil, Du siehst diesen kühnen Verbrecher zum letztenmal, – Cleveland, nie erblickst Du Minna wieder!«
»Und bildet Ihr Euch ein,« rief Cleveland empört, »daß Eure Mummerei mich zu täuschen imstande wäre, und daß ich zu jenen Toren gehöre, die Eure vorgebliche Kunst für mehr als Betrug halten?«
»Haltet ein, Cleveland, haltet ein,« rief Minna, deren angeborene Ehrfurcht vor Norna durch das plötzliche Erscheinen derselben noch erhöht worden war. »Sie ist mächtig – allzu mächtig. – Und Ihr, Norna, bedenkt, daß meines Vaters Wohl von Clevelands Rettung abhängt.«