Mit diesen Worten schwang er sich aufs Pferd und ritt davon. Als er ungefähr eine Viertelstunde weit geritten war und die Höhe des Waldes erreicht hatte, der das in die Landspitze auslaufende Vorgebirge deckte, traf er Harry Bertram in Sampsons Begleitung. Er hatte dem Knaben, der den lustigen Hausfreund sehr gern hatte, schon oft einen Ritt versprochen, und kaum hatte Harry ihn gesehen, als er ihn auch daran erinnerte. Kennedy, der kein Bedenken fand, dem Knaben den Willen zu tun, obendrein den bedächtigeren Lehrer, dessen Mienen Besorgnis verrieten, necken wollte, hob den Kleinen schnell vor sich aufs Pferd und ritt weiter. Sampsons Ruf: »Herr Kennedy!« verlor sich in dem Getrappel des Pferdes. Sampson überlegte eine Weile, ob er dem Reiter folgen sollte; aber da Kennedy ein Vertrauter des Burgherrn war, er selbst aber sich mit einem Manne, der immer Possen trieb, nicht gern viel einließ, ging er endlich seines Weges und nach Ellangowan zurück.
Die Leute vom Schlosse standen noch immer und beobachteten die Schaluppe, die endlich, nach vielem Zeitverluste, um die Warroch-Spitze bog und sich in kurzer Zeit hinter dem waldigen Vorgebirge verlor. Bald darauf hörte man Schüsse aus der Ferne, und nicht lange nachher einen furchtbaren Knall, wie wenn ein Schiff in die Luft geflogen wäre, und eine dicke Rauchwolke stieg über die Waldwipfel zu dem blauen Himmel empor. Darauf verließen alle die Burg, verschiedener Meinung über das Schicksal des Schleichhändlerschiffes, aber die meisten glaubten, es müsse entweder gefangen oder gesunken sein.
»Es ist Essenszeit, mein Kind,« sprach die Hausfrau, »wird Herr Kennedy bald kommen?«
»Ich erwarte ihn jeden Augenblick; vielleicht bringt er ein paar Offiziere von der Schaluppe mit.«
»Lieber Himmel, warum hast Du mir das nicht eher gesagt, daß wir den großen runden Tisch hätten decken können? Und dann – solche Leute haben doch Pökelfleisch satt, und außer Rindfleisch gibt's auch bei uns nichts. Ich hätte doch auch gern ein anderes Kleid angezogen, und für Dich wäre es auch nicht übel, wenn Du eine reine Halsbinde anlegtest. Aber Du hast immer Deine Freude daran, mich in Verlegenheit zu bringen.«
»Ei, hole der Henker Rindfleisch, Kleid, Tisch und Halsbinde! Es wird auch so gehen. Aber wo ist Sampson? Wo ist Sampson und Harry?«
»Sampson ist schon seit zwei Stunden wieder da,« antwortete der Diener, »aber Junker Harry ist meines Wissens nicht mit ihm gekommen.«
»Harry nicht mit ihm?« rief Frau Bertram. »Sagt doch Sampson, er möchte sogleich zu mir kommen,« – »Herr Sampson,« fuhr sie den Eintretenden an, »wie verhält es sich mit Harry? Ihr habt freien Tisch, Bett und Wäsche – dazu jährlich zwölf Pfund Sterling – bloß um über den Knaben zu wachen, und laßt ihn ein paar Stunden lang aus den Augen!«
Sampson antwortete mit demütiger Verbeugung für alle von seiner Herrin aufgezählten Benefizien und erzählte sodann, wie Herr Kennedy aus eigenem Antrieb den Knaben unter Obhut genommen, trotz aller Gegenvorstellungen von seiner Seite.
»Ich bin Herrn Kennedy für seine Mühe nicht im geringsten dankbar,« erwiderte sie ärgerlich ... »Wenn er das Kind vom Pferde fallen ließe, oder wenn das Kind von einer Kugel getroffen würde, oder –«
»Oder, Kind,« fiel Ellangowan ein, »was noch wahrscheinlicher als alles andere ist, sie sind an Bord der Schaluppe oder des gefangenen Schiffs gegangen und kommen mit der Flut um die Landspitze.«
»Und könnten am Ende gar ertrinken,« rief sie ängstlich.
»Ich habe freilich geglaubt,« nahm Sampson das Wort, »Herr Kennedy wäre schon seit einer Stunde zurück. Mich dünkt doch, ich habe sein Pferd gehört, als es in den Hof trabte.«
»Ei,« fiel grinsend der Hausknecht ein, »das war ja das Mädel, das die Kuh ohne Hörner austrieb.«
Sampson wurde über und über rot; nicht über den Spott, den er nie gemerkt und nie empfunden hätte, sondern über einen Gedanken, der ihm durch den Kopf fuhr ... »Ich habe gefehlt,« sprach er, »ich hätte auf das Kind warten sollen.«
Mit diesen Worten nahm er Hut und Stock und eilte zu der Warroch-Spitze, schneller als er je vorher und nachher in seinem Leben gegangen. Der Laird sprach noch einige Zeit mit seiner Frau über die Angelegenheit, Endlich ließ sich die Schaluppe wieder sehen, aber ohne sich der Küste zu nähern, und mit vollen Segeln westwärts steuernd, war sie bald wieder verschwunden. Bertram war das ängstliche Temperament seiner Frau so gewöhnt, daß ihre Besorgnisse ihn nicht sonderlich bekümmerten; aber die verstörten Gesichter seiner Dienstboten machten ihn endlich unruhig, und seine Bestürzung stieg, als man ihn hinauslief und ihm erzählte, Kennedys Pferd wäre allein zum Stalle gekommen, mit unterwärts hängendem Sattel und zerbrochenem Gebiß; ein Landmann hätte im Vorbeigehen gesagt, ein Schleichhändlerschiff stände in Flammen unten auf der andern Seite der Warroch-Spitze, doch hätte er, als er durch den Wald gekommen, weder Kennedy noch den Junker gesehen, nur Herr Sampson wäre wie wahnsinnig umhergelaufen, sie zu suchen.
Alles im Schlosse war nun in Bewegung. Der Laird eilte mit seinen Dienstboten, Knechten und Mägden zu dem Warroch-Walde. Die Landleute in der Umgegend leisteten Beistand, manche aus Teilnahme, die meisten aus Neugier. Kähne wurden bemannt, die Küste zu untersuchen, die der Landspitze gegenüber in hohe schroffe Felsen aufstieg, denn die Besorgnis wurde laut, das Kind sei von diesen Klippen hinabgestürzt; aber niemand wagte es, den schrecklichen Gedanken in Worte zu kleiden.
Der Abend war angebrochen, als die Leute in dem Walde ankamen und sich in verschiedenen Richtungen zerstreuten. Der dunkle Nachthimmel, der heulende Novemberwind, das Rauschen des welken Laubes und die wiederholten Anrufe der Suchenden gaben der Szene einen unheimlichen Anstrich.
Eine Stunde war verstrichen und trotz lebhaftester Mühe nicht das geringste ermittelt worden. Besorgt steckten alle die Kopfe zusammen. Da erscholl plötzlich ein Schrei vom Strande her so laut, so durchdringend, so ganz verschieden von allen Tönen, die in dieser Nacht den Wald belebt hatten, daß niemand zweifelte, er bedeute eine neue schreckliche Botschaft. Alle eilten dem Schalle nach, und auf Pfaden, auf denen sie zu anderer Zeit zurückgescheut wären, kamen sie an den Fuß eines Felsens, wo eben die Mannschaft eines Bootes gelandet war ... »Hier, ihr Leute, hier!« rief es. »Um Gottes willen, hier herunter!«
Ellangowan brach durch den Haufen, der sich schon um die unglückliche Stelle gedrängt hatte. Es war Kennedys Leichnam. Beim ersten Anblick schien es, als sei der Mann durch einen Sturz von den Felsen, die sich hier hundert Fuß über die Sandbank erhoben, umgekommen. Der Leichnam lag halb in, halb außer dem Wasser, Denjenigen, die zuerst sich näherten, war es vorgekommen, als ob noch Leben in dem Toten wäre, weil die anschwellende Flut den Arm gehoben und die Kleider bewegt hatte. Aber man sah bald, daß jeder Funke erloschen war.
»O mein Sohn! mein Sohn!« rief der unglückliche Vater, »wo kann er sein?«
Alle öffneten den Mund, Hoffnungen zu erwecken, die niemand hegte. Endlich nannte jemand die – Zigeuner. Im Fluge stieg Ellangowan den Felsen hinan, schwang sich auf das erste Pferd, das er fand, und ritt wie rasend zu den Hütten von Dernclengh. Alles war hier finster und öde. Als er abstieg, um genauer zu untersuchen, strauchelte er über die Trümmer von Hausrat, den man aus den Hütten geworfen, und über zerbrochene Dachsparren. Da fielen die Verwünschungen, die Meg Merrilies gegen ihn ausgestoßen, ihm schwer auf die Seele ... »Ihr habt von sieben Hütten die Dächer abgerissen; sehet zu, ob Euer eigenes Dach desto fester stehe.«
»Gib mir mein Kind wieder!« rief er aus. »Bring mir meinen Sohn zurück, und alles soll vergessen und vergeben sein!«
Als er diese Worte im Wahnsinn des Schmerzes ausrief, entdeckte er einen Lichtschimmer in einer der zerstörten Wohnstätten. Es war die Hütte, worin Meg Merrilies ehedem gewohnt hatte. Das Licht, das von einem Feuer zu kommen schien, schimmerte nicht nur durch das Fenster, sondern auch durch das zerstörte Dach.