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Totenstille herrschte in der Pause, die Cleveland jetzt machte; dann fuhr er in sanfterem Tone fort: »Ihr habt meine Antwort gehört, Mutter; laßt uns nicht weiter streiten, sondern in Frieden scheiden. Gern möchte ich Euch ein Andenken zurücklassen, damit Ihr des armen Jungen nicht vergäßet, dem Eure Dienste von Nutzen waren und der, wie feindlich Ihr auch gegen ihn gestimmt seid, nicht unfreundlich von Euch scheidet. Schlagt es mir nicht ab, die Kleinigkeit hier anzunehmen,« – mit diesen Worten versuchte er, Norna jene kleine silberne Dose aufzudringen, die einst Anlaß zum Streit zwischen ihm und Mordaunt gegeben; »das bißchen Metall hat keinen Wert, nur eine Erinnerung soll sie Euch sein an den, dessen Fahrten und Züge in manchem Seemannsgarn versponnen werden dürften, wenn wir beide längst nicht mehr auf Erden wandeln.«

»Ich nehme Eure Gabe an als einen Beweis, daß, wenn ich in Euer Schicksal eingriff, ich es nur als willenlose Handlangerin anderer Mächte tat. Wohl hattet Ihr recht, dem Strom der Begebenheiten, der uns vorwärts treibt, steuern wir nimmer; gleich wie die Wogen und Wellen, trotz Steuer und Ruder, mit dem mächtigsten Schiffe nur gewaltsames Spiel treiben! – Pacolet,« rief sie lauter, »halloh, Pacolet!«

Ein großer Stein, der neben der Wand der Hütte lag, hob sich, und zu Clevelands Erstaunen wand sich der mißgestaltete Zwerg wie ein ungeheurer Wurm aus einem unterirdischen Gange hervor, dessen Eingang der Stein bedeckt gehalten hatte.

»Solcher unterirdischen Pfade,« sprach Norna, »finden sich viele auf unserer Inselflur, – sie waren die Zufluchtsorte der einstigen Bewohner vor den Normannen, den Piraten jener Tage. Sollten Eure Verfolger bis hierher dringen, so könnt Ihr Euch entweder im Innern der Erde verbergen, bis die Gefahr vorüber ist, oder durch den Eingang am See entfliehen, durch den Pacolet zu uns kam. – Und nun, lebt wohl, gedenkt dessen, was ich zu Euch sprach! So gewiß Ihr noch jetzt atmet, so gewiß ist Euch das Ziel gesteckt, wenn Ihr nicht binnen vierundzwanzig Stunden die Klippe von Burgh-Westra umschifft habt.«

»Lebt Wohl, Mutter!« antwortete Cleveland, während sie ihn mit einem Blick verließ, der im Schein der Lampe ein Gemisch von Kummer und Unwillen zeigte.

Diese Zwiesprach hinterließ selbst bei Clem Cleveland, an so schreckliche Gefahren und furchtbare Szenen er auch gewöhnt war, einen mächtigen Eindruck und vergebens bemühte er sich, ihn von sich zu schütteln. Tausendmal beklagte er, daß er die Ausführung des oft gefaßten Entschlusses, sein furchtbares Gewerbe zu verlassen, bis jetzt verschoben habe, und fest stand nun bei ihm, sobald er Minna Troil noch einmal gesehen, wäre es auch nur, um ihr ein letztes Lebewohl zu sagen, der Vorsatz, die Schaluppe zu verlassen, so bald seine Gefährten aus ihrer gefahrvollen Lage befreit wären, und beim König Begnadigung nachzusuchen, um sich auf einer ehrenvolleren Laufbahn auszuzeichnen.

Dieser Entschluß wirkte beruhigend auf sein wilderregtes Gemüt; und in seinen Mantel gehüllt, genoß er endlich eine Zeitlang jenen unvollkommenen Schlummer, den die erschöpfte Natur als ihren Tribut selbst von denjenigen fordert, die sich auf dem Gipfel der furchtbarsten Gefahr befinden.

Als Cleveland erwachte, war die graue Morgendämmerung in das Zwielicht einer orkadischen Sommernacht übergegangen. Er stand am Rande einer herrlichen Wasserfläche, die nicht fern von dem Orte, wo er geruht, fast in zwei gleiche Hälften durch zwei Erdzungen getrennt wurde, die sich von beiden Seiten in die See hineinstreckten und gewissermaßen durch die Brücke von Breisgar vereint wurden. Der Brücke gegenüber erhob sich jener merkwürdige Halbkreis von mächtigen, aufrecht stehenden Steinen, der bis auf jenes unvergleichliche Monument zu Stonehenge, selbst in Britannien keinen Nebenbuhler hat, viele aber der mächtigen Blöcke, von denen ein jeder wenigstens zwölf, viele vierzehn bis fünfzehn Fuß hoch waren, standen in grauer Morgendämmerung rund um den Piraten her, gleich Geistergestalten von Riesen, die vor der Sündflut gelebt und jetzt bei dem bleichen Lichte die Erde wieder aufsuchten, über die sie durch schwere Sünden endlich die Rache des langmütigen Himmels herbeigezogen hatten. Cleveland wurde so weniger von diesem Denkmal grauen Altertums, als von dem fernen Anblick von Stromneß angezogen. Er verlor keine Zeit, mit seinem Pistol Feuer zu schlagen und nasses Farnkraut in Brand zu setzen, um das verabredete Zeichen zu geben.

Auf der Schaluppe hatte man desselben mit Sehnsucht gewartet; denn Goffes Unfähigkeit trat mehr und mehr zu Tage, und selbst seine eifrigsten Anhänger hielten es für geraten, sich unter Clevelands Befehl zu stellen.

Bunce, der mit dem Boote kam, den Freund abzuholen, sang, sprang und jubelte vor Freude; »mit Verproviantierung,« rief er, »sei schon der Anfang gemacht, und man wäre schon weiter damit, wenn nicht der alte Trunkenbold Goffe immer nur für seinen Grog Sinn gehabt hätte.«

Clevelands erste Handlung an Bord war, dem greisen Udaller durch Bunce zu verkünden, daß er mit seiner Brigg frei sei, – ja, daß ihm für die Störung und den Aufenthalt jeder Schadenersatz gewährt werden solle, der in der Macht der Piraten stände. Der Udaller entließ Bunce mit der Antwort: »Sagt Eurem Kameraden, daß es mir lieb sein solle, wenn jedermann, den er auf offener See anhielte, nicht schlechter behandelt werde als ich; sagt ihm auch, daß wir, wenn wir Freunde bleiben wollen, es nur von ferne sein können; denn ich liebe den Schall seiner Kanone zur See ebensowenig, wie er zu Lande den Pfiff einer Kugel aus meiner Büchse; kurz, sagt ihm, daß es mir leid täte, mich in ihm geirrt zu haben, und daß er besser getan hätte, den Spaniern zur Last zu fallen als seinen Landsleuten.«

»Und das ist Eure ganze Antwort, alter Hitzkopf?« fragte Bunce, – »hol mich der Teufel, wenn ich nicht große Lust habe, Euch einen Denkzettel zu geben und Respekt für uns Glücksritter beizubringen; – aber ich will es unterlassen, und zwar um Eurer hübschen Töchter willen, auch um meines alten Freundes Claud Halcro willen, dessen Gesicht mich wieder ganz an die Kulissen und Lampenlicht erinnerte. Und so lebt wohl, Gevatter Seehundsmütze! alles zwischen uns ist nun im reinen.«

Kaum war das Boot fort, als Magnus seine Brigg unter Segel brachte, und da der Wind mit dem Aufsteigen der Sonne günstiger und stärker wurde, ließ er alle Segel nach Scalpaflow aufziehen, in der Absicht, sich von dort zu Lande nach Kirkwall zu begeben, wo er seine Töchter und Claud Halcro zu finden hoffte.

Zwanzigstes Kapitel

Die Sonne stand hoch am Himmel, und die Boote waren emsig beschäftigt, vom Ufer den versprochenen Proviant herbeizuschaffen; alles arbeitete mit gutem Willen, denn alle, Cleveland ausgenommen, sehnten sich, von einer Küste wegzukommen, wo die Gefahr für sie mit jedem Augenblick wuchs und wo, was sie noch für ein größeres Unglück ansahen, keine Beute mehr zu gewinnen war. Bunce und Derrick hatten die Sorge für alles übernommen, während Cleveland, in sich verschlossen, auf dem Verdeck auf und ab schritt, nur dann und wann ein paar unbedingt nötige Befehle erteilend.

Er gehörte zu jenen unglücklichen Menschen, die zu bösen Handlungen mehr durch äußere Umstände als eigene Neigung verleitet werden. Seine Seele war jetzt von Reue und Erinnerung an Minna erfüllt. Aber als sein Blick auf seine Kameraden fiel, so kam ihm doch, so verworfen und roh sie auch waren, nicht eine Sekunde der Gedanke, sie ihrem Schicksal zu überlassen. »Nein!« rief er, »wir werden mit eintretender Ebbe unter Segel gehen; weshalb soll ich sie ins Unglück stürzen? weshalb sie zurückhalten, bis die Stunde der Gefahr naht, die das seltsame Weib verkündet hat? – Ihre Berichte, woher sie sie auch haben mochte, trafen immer ein – und sie warnte mich, wie eine Mutter ihrem verirrten Sohne Vorwürfe über seine Vergehen macht und ihm die nahe Strafe verkündet! – Welche Hoffnungen habe ich denn auch, Minna wiederzusehen? Sicher weilt sie noch in Kirkwall, und dorthin meinen Kurs zu nehmen, hieße geradezu auf eine Klippe lossteuern. Nein, nein! ich will die armen Burschen nicht in Gefahr stürzen, – sondern will mit der Ebbe unter Segel gehen. An den öden Hebriden oder an der nordwestlichen Küste von Irland will ich das Schiff verlassen und in Verkleidung hierher zurückkehren, – aber,« hielt er plötzlich inne, »warum zurückkehren? um Minna als Mordaunts Braut wiederzusehen? Nein, nein! möge das Schiff unter Segel gehen ohne mich; ich will hier bleiben und mein Schicksal erwarten.«