An dieser Stelle wurde er in seinen Betrachtungen durch Jack Bunce unterbrochen, der mit der Meldung kam, daß man, sobald es ihm gefiele, unter Segel gehen könne.
»Sobald es Dir gefallen wird, Bunce,« versetzte er, »Dir will ich das Kommando übergeben und dann zu Stromneß ans Land gehen.«
»Beim Himmel! das soll nicht sein,« rief Bunce; »wie zum Teufel könnte ich unser Volk in Gehorsam halten? Ihr wißt recht gut, daß wir uns ohne Euch in einer halben Stunde sämtlich bei den Gurgeln hätten. Zudem gibt's schwarze Dirnenaugen überall und fernerhin habe ich Euch seltsame Nachrichten mitzuteilen.«
»Und die wären?« fragte Cleveland.
»Die Stromneßer Fischer,« antwortete Bunce, »wollen sich weder ihre Mühe noch ihren Vorrat bezahlen lassen.«
»Und weshalb nicht?« fragte Cleveland, »das wäre das erste Mal in meinem Leben, daß ich Geld in einem Seehafen zurückweisen sähe.«
»Der Eigentümer der Brigg, die wir schon im Schlepptau hatten,« erwiderte Bunce, »der Vater Eurer schönen Imanda, hat den Zahlmeister gemacht, zum Dank für die höfliche Behandlung, die wir seinen Töchtern haben angedeihen lassen.«
»Das sieht dem biedern Udaller ähnlich,« antwortete Cleveland; »aber weilt er denn noch zu Stromneß? ich glaubte ihn schon nach Kirkwall unterwegs.«
»Seine Absicht war's,« entgegnete Bunce, »aber kaum war er ans Land getreten, als sich auch eine alte Hexe bei ihm einfand, die sich auf diesen Inseln in jedermanns Brei mischen soll; auf ihren Rat änderte er seinen Plan, ließ Kirkwall links und liegt jetzt vor Anker bei jenem weißen Hause, das Ihr dort den See hinauf durch Euer Fernrohr sehen könnt. Die Alte, hörte ich, hat auch Anteil an der Bezahlung unseres Proviants; wie sie dazu kommt, kann ich nicht begreifen, sie müßte denn als Hexe wie die Teufel zu unsern guten Freunden gehören.«
»Von wem hast Du das alles erfahren?« fragte Cleveland, ohne weder zum Fernrohr zu greifen, noch durch die Nachrichten so in Anspruch genommen zu werden, wie sein Kamerad erwartete.
»Je nun,« erklärte Bunce, »ich habe heute früh einen Abstecher ans Land gemacht und war im muntersten Geplauder mit einem alten guten Bekannten, den Herr Troil an mich gesandt mit dem Auftrage, nach dem Nötigsten zu sehen.«
»Und wer ist Eure Auskunftsquelle?« fragte Cleveland; »hat er denn keinen Namen?«
»Ein alter Geiger ist's, Claud Halcro mit Namen, den Ihr kennen müßt,« antwortete Bunce.
»Halcro,« wiederholte Cleveland, und seine Augen funkelten vor Staunen. – »Claud Halcro? – der ist ja mit Minna und ihrer Schwester zu Inganeß ans Land gegangen; was ist aus ihnen geworden?«
»Darüber eben hielt ich Auskunft für unnötig,« erwiderte sein Vertrauter. »Aber hol' mich der Teufel, unterlassen kann ich es doch nicht! He? das hat gewirkt? – Ja, ja, – dort stecken sie – ich will es nur gestehen, – und unter leichter Bedeckung. Die alte Hexe hat ein paar Leute von ihrer Berginsel, Hoy genannt, geschickt und der alte Herr ein paar Burschen unter Waffen gestellt! – Aber das macht alles nichts, Kapitän! Befehlt nur, und wir holen heute nacht die Dirnen weg – bergen sie unter den Luken – und mit Tagesanbruch Segel auf und vorwärts!«
»Schweig von solch schändlichem Plane,« unterbrach ihn Cleveland, sich von ihm wendend.
Nachdem er aber in tiefem Sinnen ein paarmal auf und abgeschritten, trat er zu Bunce zurück, faßte ihn bei der Hand und sagte: »Jack! Ich muß sie noch einmal sehen, noch einmal, um zu ihren Füßen mein unheilbringendes Gewerbe abzuschwören und meine Vergehen.«
»Am Galgen zu büßen, nicht wahr?« fiel ihm Bunce ins Wort. »Nun, in Gottes Namen! – beichten und gehängt werden, ist ja ein ganz frommes Sprichwort.«
»Aber, Jack! –« sagte Cleveland.
»Ei was,« antwortete dieser, »steuert immerhin Euren eigenen Kurs – ich hab's satt, für Euch zu denken und zu handeln. Aber,« lenkte er ein, »was hat im Grunde eine Flut mehr oder weniger zu bedeuten? Wir können morgen ebensogut unter Segel gehen wie heute.«
Cleveland seufzte, denn Nornas Warnung stieg in seiner Seele auf; die Gelegenheit aber, Minna noch einmal zu sehen, war zu verführerisch.
»Ich will sogleich ans Land, wo sie alle beisammen sind,« rief Bunce; »die Zahlung für den Proviant soll mir als Vorwand dienen, und einen Brief von Euch oder eine Botschaft an Minna werde ich dabei mit der Gewandtheit eines Kammerdieners überbringen.«
»Doch sie haben bewaffnete Männer um sich! Du könntest in Gefahr kommen,« bemerkte Cleveland.
»Ist nicht zu fürchten,« entgegnete Bunce; »ich schützte die Dirnen, als sie in meiner Gewalt waren; ihr Vater, ich steh' Euch dafür, wird nicht zugeben, daß man mir ein Leid zufüge.«
»Du hast recht,« erwiderte Cleveland, »ich will sogleich schreiben und um eine letzte Zusammenkunft bitten.«
Während er in die Kajüte eilte, diese Absicht auszuführen, begab sich Bunce zu seinem Satelliten Fletcher, auf den er bei jeder Gelegenheit rechnen durfte, und trat mit ihm zu Hawkins dem Bootsmann, der sich mit Derrick dem Zimmermann nach den Mühen des Tages bei einer Kanne Grog gütlich tat.
»Der da wird es uns sagen können,« rief Derrick ihm entgegen. – »Sprecht, Herr Leutnant, denn so müssen wir Euch jetzt nennen; wann wird es heißen: Anker auf!«
»Wenn es dem Himmel gefallen wird, Quartiermeister,« antwortete Bunce; »ich weiß nicht mehr davon als ein Schiffsbalken.«
»Nun, geht's denn, beim Satan, nicht fort mit der heutigen Ebbe?« fragte Derrick.
»Oder doch wenigstens mit der morgigen?« fiel der Bootsmann ein, – »warum hätten wir sonst die Leute geplagt, den Proviant so schnell an Bord zu schaffen?«
»Ihr sollt wissen, ihr Herren,« antwortete Bunce, »daß Cupido bei unserm Kapitän an Bord gestiegen und seinen Verstand unter die Luken gesteckt hat.«
»Was das alles für Schauspielertratsch ist,« sagte der Bootsmann mürrisch; »wenn Ihr uns etwas zu sagen habt, so braucht Worte, die jeder vernünftige Mann versteht.«
»Nun, nur Geduld,« entgegnete Bunce, »Kapitän Cleveland ist verliebt, hofft sein Mädchen morgen noch einmal zu sprechen, und das führt, wie wir alle wissen, zu einer zweiten Zusammenkunft, und die zu einer dritten und so fort, bis uns die Fregatte Halkyon auf den Hals kommt.«
»Beim dreibeinigen Teufel!« rief der Bootsmann, »wir meutern und lassen ihn nicht ans Land, nicht wahr, Derrick?«
»Ja, ja, das würde am besten zum Ziele führen,« stimmte dieser bei. »Was meint Ihr dazu, Jack Bunce?« fragte Fletcher, in dessen Ohren dieser Rat hochweise klang, dessen Blicke aber nichtsdestoweniger scharf auf seinen Gefährten gerichtet waren,
»Nun denn, ihr Herren,« nahm Bunce das Wort, »von Meuterei kein Wort, aber Tod dem, der solche anzettelt.«
»Nun, so will ich auch keine,« stimmte Fletcher bei;»aber was ist sonst anzufangen?«
»Maul zu halten,« fuhr Bunce ihn an. »Seht, Bootsmann, halb und halb bin ich ja Eurer Meinung, daß der Kapitän durch eine gewisse heilsame Gewalt zur Räson gebracht werden müsse. Aber ihr alle wißt, daß ihn der Mut eines Löwen beseelt, und daß er nichts unternimmt, als wenn er seinen eigenen Kurs steuern kann. Ich will also ans Land und alles folgendermaßen einrichten. Das Mädchen erscheint morgen beim Stelldichein, der Kapitän geht ans Land – eine gute Bootsmannschaft nehmen wir mit, um gegen den Strom anzurudern; heißt das: um bereit zu sein, auf ein Signal ans Land zu springen und Kapitän und Mädchen wegzuführen, mag's ihnen recht sein oder nicht ... dann lichten wir die Anker, ohne Befehl von ihm abzuwarten, und sorgen dafür, daß er zur Vernunft kommt und seine Freunde kennen lernt.«