»Allerdings habe ich Mißtrauen gehegt,« antwortete Brenda, »ist er doch wild und unglücklich; aber in dieser Rücksicht, glaube ich, können wir ihm vertrauen.«
»Soll die Zusammenkunft bei den Steinen bei Tagesanbruch stattfinden?« fragte Mordaunt weiter.
»So ist es, und die Zeit ist da,« entgegnete Brenda; »um des Himmels willen, laßt uns hinaus!«
»Ich selbst,« fuhr Mordaunt fort, »will die Schildwache an der Vordertür auf einige Minuten ablösen und Euch den Ausgang gestatten. – Hoffentlich werdet Ihr diese schlimme Zusammenkunft tunlichst abkürzen?«
»Das wollen wir allerdings,« sagte Brenda, »und Du Deinerseits wirst gewiß den Umstand, daß sich der Unglückliche hierher wagte, nicht benutzen wollen, ihm zu schaden oder ihn zu ergreifen?«
»Niemand soll ihm etwas anhaben, auf Ehre!« entgegnete Mordaunt, »sofern er sich ruhig verhält.«
»Ich rufe also meine Schwester!« rief Brenda und eilte hinaus.
Mordaunt überdachte einen Augenblick lang die Lage; dann trat er zu der Schildwache an der Vordertür und schickte sie auf die Hauptwache mit der Weisung an den dortigen Führer, seine ganze Mannschaft unter Waffen treten zu lassen. Kaum hatte sich die Schildwache entfernt, als die Vordertür leise geöffnet wurde, und Minna und Brenda in ihre Mäntel gehüllt erschienen. Schweigend, Minna mit gesenkten Augen, schritten sie vorüber...
Die Schwestern waren ihm bald aus dem Gesicht gekommen; Minna, deren Schritte bisher schwach und schwankend gewesen, richtete sich jetzt auf und eilte so schnell vorwärts, daß Brenda kaum zu folgen vermochte, aber umsonst die Bitte an sie richtete, ihre Kräfte nicht zur Unzeit zu erschöpfen.
»Keine Bange, Schwester,« versetzte Minna: »nur niedergesenkten Hauptes und schwankenden Schrittes konnte ich einhergehen, so lange noch ein Mann mich sehen konnte, der nur mit Mitleid oder Verachtung auf mich blicken kann. Aber Du weißt es, Brenda, und auch Cleveland soll es wissen, daß meine Liebe zu dem Unglücklichen rein war wie die Strahlen der Sonne, die ich zu Zeugen rufe, daß ich ihm, winkte mir nicht die Hoffnung, ihn von seinem furchtbaren Gewerbe abzubringen, um keinen Preis der Welt diese Zusammenkunft bewilligt hätte.«
Sie waren jetzt auf der Höhe angelangt, die den Blick auf die hohe See eröffnet, und sahen nun, jenseits des staunenerregenden Denkmals der aufrechten Steine aus grauer Vorzeit, zu ihren Füßen, unfern der sogenannten Brücke von Breisgar, ein wohlbemanntes Boot, und am Strande eine in einen Seemantel gehüllte Mannsfigur...
»Es sind ihrer viele, und alle sind bewaffnet,« flüsterte Brenda,
»Fürchte keine Verräterei von ihm,« sagte Minna, »einer solchen ist er nicht fähig.«
Bald erreichten sie nun die Mitte des Kreises, der von hohen Säulen aus rund umher aufrecht stehenden Steinen gebildet wurde.
Brenda, von unaussprechlicher Furcht und Angst überwältigt, blieb ein Paar Schritte zurück, hielt ängstlich Clevelands Bewegungen im Auge, hatte aber für nichts rings umher Augen, als für ihn und ihre Schwester.
Cleveland trat bis auf zwei Schritte zu Minna heran, den Blick auf den Boden gesenkt haltend. Totenstille herrschte, bis Minna in einem festen, aber schwermütigen Tone begann: »Unglücklicher, weshalb diese neuen Schmerzen? Ziehe hin in Frieden! möge Dich der Himmel fortan einen bessern Pfad führen, als Du bisher wandeltest.«
»Der Himmel wird mich nicht leiten, außer durch Deine Stimme,« entgegnete Cleveland, – »wild und roh kam ich her, kaum ahnend, daß mein Gewerbe, so gefürchtet es ist, in den Augen von Gott und Menschen verbrecherischer sei, als das Eure durch Gesetz geschützten Kaper, Ich war in dem Gewerbe geboren, und wäre wohl auch ohne Dich darin gestorben, kühn und entschlossen, wie es meinem Temperament entspricht. Darum stoße mich nicht von Dir! Denn ich will gut machen, was ich verbrach – laß Dein gutes Werk mich ganz vollenden!«
»Cleveland,« rief Minna, »ich will Euch nicht vorenthalten, daß Ihr meine Unerfahrenheit mißbrauchtet, die Euer schändliches Gewerbe in Einklang setzte mit den Taten unserer alten Helden. Ach, als ich Eure Genossen sah, da zerstiebte dieser Wahn wie Spreu! – Geht, Cleveland, macht Euch los von Euren elenden Gefährten; seid überzeugt, daß, wenn der Himmel Euch die Gnade verleihen sollte, das gutzumachen, was Ihr gesündigt habt, auf diesen einsamen Inseln Augen, die jetzt nur Kummerzähren vergießen, Freudentränen weinen werden.«
»Und wäre das alles?« fragte Cleveland; »darf ich nicht hoffen, wenn ich mich von meinen Kameraden trenne – wenn ich um meine Begnadigung gekämpft, mich rühmen kann, meine Sünden gut gemacht zu haben, – darf ich dann nicht hoffen, daß Minna vergeben wird, was mir Gott und Vaterland verziehen?«
»Nie, Cleveland, nie,« entgegnete Minna fest und bestimmt; »auf dieser Stelle trennen wir uns – und zwar auf immer und ohne Zögern. Gedenkt meiner wie einer Toten, wenn Ihr bleibt, was Ihr seid; schlagt Ihr aber, wozu Euch Gott seine Gnade verleihen möge, einen andern Lebensweg ein, dann gedenkt meiner wie einer Freundin, deren Morgen- und Abendgebete für Euer Glück Zum Himmel emporsteigen, ob sie gleich das Ihrige für immer verlor, – Lebt Wohl, Cleveland, lebt wohl!«
Er kniete nieder, von seinen eigenen bittern Gefühlen überwältigt, um die Hand zu ergreifen, die sie ihm entgegenhielt; da sprang plötzlich sein Kamerad Bunce mit nassen Augen hinter einer der Steinsäulen hervor ... »Nie,« rief er, »sah ich auf der Bühne eine so rührende Abschiedsszene; aber mich soll der Teufel holen, wenn Ihr abtretet, wie Ihr es Euch vorgenommen!«
Und noch ehe Cleveland Widerstand leisten, ja ehe er sich aus seiner knieenden Stellung erheben konnte, warf ihn Bunce rücklings zu Boden, während ihn zwei andere bei Armen und Beinen packten und zum Strande hin schleppten. Minna und Brenda schrien laut auf und wollten entfliehen; Derrick aber packte Minna, wie ein Habicht die Taube, während Bunce mit einem Fluche, der seiner Meinung nach beruhigend wirken sollte, Brenda auf die Arme hob, und nun eilten sie, von den übrigen Piraten gefolgt, dem Boote zu––– sie sollten aber ihr schändliches Vorhaben nicht glücklich zu Ende führen; denn Mordaunt hatte die Wache nicht zwecklos unter Gewehr treten lassen, sondern in der Absicht, die Schwestern zu beschützen. Die Bewegungen der Piraten waren ihm nicht entgangen, und als er sie in so großer Zahl ihr Boot verlassen und zu dem Orte der Zusammenkunft hinschleichen sahen, witterte er Verrat und warf sich unbemerkt durch einen Hohlweg zwischen Piraten und Strand. Mit der Wut eines Tigers stürzte er jetzt auf Bunce, der seine Beute nicht lassen mochte, aber unfähig, sich mit seiner Last zu verteidigen, sich so wandte, daß Brenda den Hieben ausgesetzt war, mit denen Mordaunt ihn bedrohte. Nach kurzer Weile lag er aber, von Mordaunts Gewehrkolben getroffen, bewußtlos auf dem Boden. Die Piraten, die Cleveland hielten, ließen ihn los, um sich selbst zu verteidigen oder zurückzuziehen. Dadurch aber vermehrten sie die Zahl ihrer Feinde, denn Cleveland, Minna in Derricks Armen erblickend, entriß sie dem Raufbold mit der einen Hand, während er mit der andern sein Pistol auf ihn abdrückte. Noch andere Piraten fielen oder gerieten in Gefangenschaft, die übrigen eilten zu dem Boote und stießen ab. Mordaunt aber traf, sowie er die Mädchen dem Hause zueilen sah, mit gezogenem Säbel auf Cleveland zu.
Der Pirat hielt ihm sein Pistol entgegen ... »Mordaunt,« rief er, »nie noch fehlte ich mein Ziel!« dann schoß er es in die Luft ab und schleuderte es in die See, zog seinen Säbel, schwang ihn um sein Haupt und schleuderte ihn der Pistole nach. Mordaunt, auf ihn zutretend, stellte ihm die Frage, ob er sich gefangen geben wolle.
»Ich ergebe mich nicht,« antwortete der Piratenkapitän; »aber Ihr seht, ich habe meine Waffen von mir geworfen.«
Auf der Stelle ward er nun von einigen Orkadiern ergriffen, ohne daß er irgendwie Widerstand leistete. Mordaunts Dazwischenkunft aber verhinderte, daß er rauh behandelt oder gebunden wurde. Man brachte ihn in eine sichre Oberstube des Stenniser Hauses und stellte eine Schildwache vor die Tür; Bunce und Fletcher wurden ebenfalls dorthin gebracht, die beiden Gemeinen aber in den Keller gesteckt.