»Sie ward Dein Weib?« fragte Norna mit vorwurfsvollem Tone.
»So ist es, Ulla,« antwortete Mertoun, »aber Du wurdest gerächt. Sie ward treulos, aber ihre Untreue ließ mich im Zweifel, ob das Kind, das sie gebar, ein Recht hatte, mich Vater zu nennen. – Aber auch mir ward Rache!«
»Wie? Du ermordetest sie?« rief Norna, furchtbar aufschreiend. »Ich beging,« entgegnete Mertoun, ohne eine bestimmtere Antwort zu geben, »eine Tat, die meine augenblickliche Flucht von Hispaniola nötig machte. Deinen Sohn nahm ich mit mir nach Tortuga, wo wir eine kleine Besitzung hatten; ich hatte Mordaunt Mertoun, ungefähr drei bis vier Jahre jünger als unser Kind, in Port-Royal seiner Erziehung wegen zurückgelassen. Ich wollte ihn nie wiedersehen, doch nach wie vor unterstützen. – Unsere Besitzung wurde von den Spaniern geplündert, als Cleveland kaum fünfzehn Jahre zählte; – Mangel gesellte sich zur Verzweiflung, und beides zu einem bösen Gewissen. Ich wurde Korsar und führte Cleveland in das schreckliche Gewerbe ein. Gewandtheit und Mut verschafften ihm sehr früh ein eigenes Kommando; und als wir nach ein paar Jahren in verschiedenen Gegenden kreuzten, empörte sich meine Mannschaft gegen mich und ließ mich als tot am Strande auf einer der bermudischen Inseln zurück. Ich erholte mich indes wieder, und als ich nach einer langen Krankheit genas, war meine erste Frage nach Clement. Auch gegen ihn hatte sich, wie ich vernahm, sein Schiffsvolk empört und ihn an einer wüsten Insel ausgesetzt, wo er, wie ich glaubte, den Tod gefunden.«
»Und was berechtigt Dich zu glauben, daß dem nicht so sei?« fragte Norna; »und was beweist, daß Cleveland und Vaughan ein und derselbe sei?«
»Solche Veränderung der Namen ist bei den Piraten nicht ungewöhnlich,« antwortete Mertoun, »und Cleveland hatte vermutlich gefunden, daß der Name Vaughan zu bekannt geworden – dieser Umstand aber hinderte mich, irgend eine Kunde über ihn zu erhalten. Nun erfaßte mich Reue, und alle Menschen hassend, zumal das Geschlecht, zu dem Luisa gehörte, beschloß ich, für den Rest meines Lebens auf den wilden shetländischen Inseln Buße zu tun. Eine schwerere aber leibliche Buße legte ich mir auf, indem ich beschloß, den unglücklichen Mordaunt mit mir zu nehmen, als lebendige Erinnerung an mein Elend und meine Schuld. Und nun – um mich zum völligen Wahnsinn zu treiben, – erstand mein Cleveland – mein unbestreitbarer Sohn von den Toten wieder auf, um durch die Ränke seiner leiblichen Mutter ein schmachvolles Ende zu nehmen!«
»Hinweg, hinweg!« rief Norna, laut auflachend, als sie die Geschichte zu Ende gehört hatte; »ein Märchen ist's, geschmiedet von dem alten Piraten, um meine Teilnahme für seinen schuldigen Kameraden zu wecken. Wie hätte ich Mordaunt für meinen Sohn halten können, da beider Alter so verschieden ist?«
»Seine dunkle Gesichtsfarbe und seine männliche Gestalt mögen an dieser Täuschung schuld sein,« sagte Basil Mertoun, »lebhafte Phantasie hat das ihrige getan.«
»Aber Beweise, Beweise! – Gib mir Beweise, daß Cleveland mein Sohn ist, und glaube mir, diese Sonne soll eher im Osten untergehen, eh' sie ein Haar auf seinem Haupte krümmen.«
»Diese Papiere, dieses Tagebuch,« entgegnete Mertoun, ihr eine Brieftasche hinreichend.
»Ich kann jetzt nicht lesen,« sprach Norna, »der Kopf schwindelt mir.«
»Clement besaß auch noch Dinge, deren Du Dich erinnern wirst,« fuhr Mertoun fort, »sie aber sind wohl eine Beute seiner Sieger geworden. Eine silberne Dose war es, mit einer Runenschrift, die ich einst von Dir erhielt, – ein goldener Kranz –«
»Eine Dose,« unterbrach ihn Norna, »vor kurzem noch gab mir Cleveland eine solche – noch habe ich sie nicht angesehen.«
Eilig zog sie sie jetzt hervor, – eifrig untersuchte sie die Schrift, und dann rief sie: – »Mit Recht heiße ich hinfort die Reimkundige, denn aus diesem Reime wird mir kund, daß ich meinen Sohn mordete, wie meinen Vater!«
Die Ueberzeugung von der Täuschung, der sie sich hingegeben, wirkte so gewaltsam, daß sie am Fuße einer der Säulen niedersank. – Mertoun schrie um Hilfe, obgleich er an einer solchen fast verzweifelte; der Totengräber erschien indes, und auf keinen Beistand von Nornas Seite hoffend, eilte der unglückliche Mann von dannen, um womöglich das Schicksal seines Sohnes zu erfahren.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Kapitän Weatherport war inzwischen selbst zu Kirkwall angelangt, wo er mit großer Freude von der Stadtobrigkeit aufgenommen wurde, die sich zu diesem Zwecke versammelt hatte. Der Stadthauptmann gab seiner Freude Ausdruck, wie sehr man der Vorsehung zu danken habe, daß die Fregatte in dem Augenblick erschienen sei, wo das Piratenschiff nicht mehr habe entfliehen können. Hierüber schien der Kapitän etwas erstaunt: »Dafür,« sprach er, »mögt Ihr den Berichten danken, die ich von Euch selbst empfing.«
»Von mir?« fragte der Richter verwundert.
»Allerdings,« entgegnete der Kapitän, »wenn ich anders mit Gurge Torfe rede, dem Stadthauptmann von Kirkwall, der diesen Brief hier sandte.«
In äußerster Bestürzung nahm der Stadthauptmann das an Kapitän Weatherport, Fregatte Halkyon, adressierte Schreiben, worin von der Ankunft des Piratenschiffes, seiner Größe, Mannschaft usw. Bericht erstattet wurde; mit dem Beifügen, daß die Piraten die Ankunft der Fregatte erfahren und beschlossen hätten, sich in die Untiefen zu flüchten, wohin die Fregatte ihnen nicht folgen könnte; ja daß im schlimmsten Falle die Piraten die Schaluppe auf den Strand setzen und in die Luft sprengen wollten, wodurch für die Sieger reiche Beute verloren gehen würde. In dem Briefe wurde deshalb geraten, mit der Fregatte zwischen Duncansbai-Head und Kap-Wrath ein paar Tage lang zu kreuzen, um die Piraten in Sicherheit zu wiegen, zumal dem Schreiber dieses Briefes bekannt sei, daß die Piraten, sobald die Fregatte die Küste verlassen hätte, in die Stromneß-Bai einlaufen wollten, um dort, einer notwendigen Reparatur wegen, ihre Kanonen ans Land zu bringen. Das Schreiben schloß mit der Versicherung, daß Kapitän Weatherport, wenn er die Fregatte am Morgen des 24. Augusts in die Stromneß-Bai bringen könne, gegen die Piraten gutes Spiel haben werde – geschähe es aber früher, so würden sie ihm wahrscheinlich entgehen.
»Dieser Brief ist nicht von mir, auch ist das nicht meine Unterschrift, Kapitän Weatherport,« nahm der Richter das Wort; »ich hätte nun und nimmer den Rat gewagt, Eure Herkunft zu verschieben.«
Jetzt war die Reihe des Staunens am Kapitän.
»Ich kann nur sagen, daß ich den Brief in der Bai von Thurse erhielt und der Bootsmannschaft, die ihn brachte, fünf Taler zahlte, weil sie das Pentland-Haff bei gar stürmischem Wetter durchschifft hatte. Ein stummer Zwerg war dabei als Bootsmann, der garstigste, den je meine Augen erblickten.«
»Gut, daß es so gekommen ist,« entgegnete der Richter; »aber es ist die Frage, ob die Person, die das Schreiben sandte, nicht vielleicht doch wünschte, Ihr hättet das Nest leer und den Vogel ausgeflogen gefunden.«
Dabei reichte er Magnus den Brief, der ihn mit Lächeln, aber ohne Bemerkung zurückgab, vermutlich mit unsern Lesern überzeugt, daß Norna ihre eigenen Gründe gehabt, die Fregatte auf den bestimmten Tag einlaufen zu lassen.
Ohne sich weiter über einen Umstand den Kopf zu zerbrechen, der ihm unerklärlich schien, drang der Kapitän auf den Beginn des Verhörs, und Cleveland und Bunce wurden demgemäß zuerst vorgeführt. Kaum aber hatte es angefangen, als nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Beamten an der Tür Basil Mertoun hineingestürzt kam mit dem Rufe:
»Nehmt das alte Opfer für das junge! – Ich bin Basil Vaughan, allzu bekannt auf den westindischen Gewässern, – nehmt mein Leben und schont meines Sohnes!«
Alle waren erstaunt, niemand aber mehr als Magnus Troil, der dem Stadthauptmann nun erklärte, daß dieser Mann schon seit Jahren friedlich auf Shetland gelebt habe.