Von diesem Augenblick an schien Nornas Charakter sich zu wandeln; ihre Tracht wurde schlichter, und ihr Zwerg wurde, für alle Zukunft reichlich versorgt, entlassen. Sie sehnte sich nicht mehr nach ihrer herumschweifenden Lebensweise, sondern ließ ihr Heim auf Fitful-Head niederreißen, legte den Namen Norna ab und wollte fortan nur Ulla Troil heißen. Aber die wichtigste Veränderung mit ihr ging erst später vor sich. Seit dem durch sie herbeigeführten Tode ihres Vaters hatte sie sich wie ein von der göttlichen Gnade ausgeschlossenes Wesen betrachtet und sich nur wenig mit der Bibel beschäftigt. Jetzt wurde das heilige Buch nur selten von ihr beiseite gelegt, und wenn arme Leute zu ihr kamen, um wie früher ihre Macht über die Elemente in Anspruch zu nehmen, gab sie ihnen den Bescheid: »Er hält den Wind in seinen Händen.«
Gegen Mordaunt zeigte sie nach wie vor rege Teilnahme; vielleicht hauptsächlich aus Gewohnheit; auch ließ sich nicht leicht ermitteln, inwieweit sie sich noch der verwickelten Begebenheiten erinnerte, bei denen sie eine so große Rolle gespielt hatte. Als sie ungefähr vier Jahre nach den letzterzählten Vorfällen starb, stellte sich heraus, daß sie über ihr sehr beträchtliches Vermögen zugunsten Brendas verfügt hatte.
Ungefähr zwei Jahre vor Nornas Tode wurde Brenda Mordaunts Gattin; es hatte einige Zeit gewährt, bevor der alte Magnus, trotz aller Liebe für seine Tochter und aller Zuneigung für Mordaunt, sich zur Einwilligung zu diesem Ehebund entschließen konnte. Mordaunts Wesen aber war so ganz nach des Udallers Sinne, daß sein altnorwegisches Blut den Empfindungen seines Herzens endlich nachgab. Der joviale alte Mann lebte bis an das äußerste Ziel irdischer Laufbahn, mit der glücklichen Aussicht auf eine zahlreiche Nachkommenschaft seiner jüngern Tochter; seine Tafelfreuden mehrte er abwechselnd durch Claud Halcros Melodien und Triptolemus Yellowleys gelehrte Abhandlungen, der, nachdem er seine hohen Ansprüche beiseite gelegt, nun besser mit der Insel bekannt und, eingedenk seiner frühern unglücklichen Melioriationsversuche, ein rechtschaffener nützlicher Substitut seines Herrn geworden und froh war, wenn er sich dann und wann der sparsamen Küche seiner Schwester Barbara entziehen und zur gastfreien Tafel des Udallers eilen konnte.
Minna fand das Glück des Lebens nicht, wohl aber verfolgte sie Clevelands weitere Laufbahn mit frommer Ergebung und vernahm nach Jahren, nicht ohne eine Empfindung wehmütigen Trostes, durch seinen treuen Kameraden Bunce, daß er bei einem ruhmvollen Unternehmen den Ehrentod gefunden habe.
Ende
Quentin Durward
Historische Erzählung
Erster und zweiter Band
Übersetzt von Erich Walter
Quentin Durward.
Edinburgh 1823
Erster Band
Erstes Kapitel
Im letzten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts bereiteten sich alle jene Ereignisse vor, die das Königreich Frankreich in den Besitz jener starken Macht setzen sollten, die jahrhundertelang für die übrigen europäischen Staaten zu einem wichtigen Eifersuchtsobjekt werden sollte. Vor dem Beginn dieses Zeitabschnitts war Frankreich um seinen Bestand in lange Kriege mit England verwickelt, das einen Teil seiner schönsten Provinzen an sich gerissen hatte, und es bedurfte der äußersten Anstrengungen seines Königs und seiner Untertanen, das, was ihm noch gehörte, zu erhalten. Es drohte aber für Frankreich auch andere Gefahr. Durch die Erfolge der Engländer übermütig gemacht, hielten sich auch die Fürsten, die im Besitz der großen Kronlehen waren, namentlich die Herzoge von Burgund und der Bretagne, nicht mehr an ihre Lehnsverträge, sondern scheuten nicht davor zurück, die Waffen gegen ihren Lehns- und Oberherrn, den König von Frankreich, zu erheben, sobald ihnen irgend ein Anlaß oder eine Gelegenheit dazu geboten wurde. In Friedenszeiten führten sie in ihren Provinzen ein völlig unumschränktes Regiment, und das im Besitze von Burgund und des schönsten und reichsten Teils von Flandern befindliche Herzogshaus Burgund besaß eine so bedeutende Macht, daß es der Königskrone Frankreichs weder an Reichtum noch an Streitkräften unterlegen war. Und wie die großen Vasallen es machten, machten die kleinen es auch; ein jeder von ihnen suchte sich soviel Macht und Unabhängigkeit zu verschaffen, wie er irgend behaupten konnte, und machte sich der schlimmsten Gewalttätigkeit und Grausamkeit schuldig. So war allein in der Auvergne ein Verzeichnis von weit über 300 Adeligen aufgestellt worden, die sich der Blutschande, des Raubes und Mordes, fast immer sogar im Rückfalle, schuldig gemacht hatten.
Was aber zu diesen Uebelständen noch als erheblich verstärkend hinzutrat, das war die aus den langwierigen Kriegen mit England hervorgegangene Zerrüttung aller wirtschaftlichen Verhältnisse des Königreiches. In Frankreich hatte sich der Auswurf aller Länder in dieser wilden Zeit angesammelt, eine Menge von verwegenen Abenteurern hatte Banden gebildet und plünderte in Stadt und Land; sie boten ihre Schwerter demjenigen, der am besten bezahlte, oder führten, wenn sie einen guten Zahler nicht fanden, Krieg auf eigene Faust, bemächtigten sich der Burgen und Festungen, benützten sie als Schlupfwinkel, nahmen Reiche gefangen, um Lösegeld zu erpressen, und sogen die Ortschaften, die noch einigermaßen wohlhabend waren, vollständig aus.
Trotz all diesen Schrecknissen und ohne die geringste Rücksicht auf das im Lande herrschende Elend trieben die niederen Adligen einen unerhörten Luxus, der kaum von demjenigen der Fürsten des Landes übertroffen werden konnte, und ihre Dienerschaft vergeudete auf unverschämte Weise das dem Volke abgepreßte Gut. Gebessert wurden diese Verhältnisse nicht im geringsten dadurch, daß im Umgange der beiden Geschlechter eine gewisse Galanterie herrschte, die noch auf die romantischen Gepflogenheiten der Ritterzeit zurückzuführen war; denn dafür machte sich eine grenzenlose Zügellosigkeit geltend, die aller Moral geradezu ins Gesicht schlug. Von dem reinen Geiste ehrbarer Zuneigung und frommer Uebungen, die die Gesetze des Rittertums einschärften, wußte man längst nichts mehr, wenn auch die Sprache der fahrenden Ritter noch immer im Brauche war und die Ordensregeln noch nicht als abgeschafft galten. Turniere wurden noch immer abgehalten, und die damit verbundenen Lustbarkeiten führten nach wie vor eine Menge von Abenteurern nach Frankreich, und keiner von ihnen unterließ es, seinen kecken Mut durch Handlungen zu beweisen, für die ihm sein glücklicheres Geburtsland keine Schranken öffnete.
In dieser Zeit bestieg den wankenden Thron ein König, dessen Charakter im Grunde genommen schlecht war über alle Begriffe, der aber gerade hierdurch das Zeug in sich hatte, das im Lande herrschende Unglück zu bekämpfen und im bedeutenden Maße zu verringern, ähnlich gewissen Gegengiften, denen nach alten medizinischen Werken die Kraft innewohnen soll, die Wirkung von Giften aufzuheben. Dieser König war Ludwig der Elfte. Von jener romantischen Tapferkeit, oder dem aus ihr entspringenden Stolze, der für die Ehre zu fechten bereit war, wenn der Nutzen schon längst eingeheimst war, besaß Ludwig keinen Schimmer, wohl aber war er kühn genug, jeden nur irgendwie nützlichen Zweck in der Politik mit Zähigkeit zu erfassen und zu verfolgen. Er war ein Mann der ruhigen Ueberlegung, der kalten Berechnung, des klugen Besinnens, immer auf seinen Vorteil bedacht und niemals geneigt, dem Stolz und der Leidenschaft, wenn sie mit seinem Vorteil kollidierten, ein Opfer zu bringen. Er verstand, sich mit erstaunlichem Geschick zu beherrschen und seine wirkliche Gesinnung vor allen, mit denen er in Berührung trat, auf das peinlichste verborgen zu halten. Das Wort, daß ein Fürst, der sich nicht zu verstellen verstünde, nicht zu herrschen verstünde, und »daß er selbst seine Kappe, wenn er denken müsse, sie sei hinter seine Geheimnisse gekommen, vom Kopfe reißen und ins Feuer schmeißen würde,« führte er sehr oft im Munde. Zu keiner Zeit hat ein Mensch gelebt, der die Schwächen seiner Mitmenschen so auszunützen verstanden hat, wie dieser König Ludwig, und dabei doch zu vermeiden, daß es irgend den Anschein hatte, als ob er sich andern gegenüber, auch denen, die ihm Nachsicht schenkten, in Vorteil zu setzen suche.