Er flog dorthin. Der Eingang war verriegelt. Die Verzweiflung gab dem unglücklichen Vater Riesenstärke, und er stürzte mit so heftiger Gewalt gegen die Tür, daß sie wich. Die Hütte war leer; aber man sah Spuren, daß sie kurz vorher bewohnt gewesen; auf dem Herde brannte Feuer, es stand ein Kessel da, und man sah Anstalten zum Kochen. Bertram blickte starr umher, ob er irgend etwas fände, seine Hoffnung zu bestätigen, daß sein Kind noch am Leben, wenn auch in der Gewalt der Zigeuner wäre. Da trat ein Mann in die Hütte. Es war der alte Gärtner ... »O gnädiger Herr!« sprach er, »ich hätte nie gedacht, eine solche Nacht zu erleben. Ihr müßt sogleich ins Schloß kommen.«
»Ist mein Kind gefunden? Lebt es? Habt Ihr meinen Sohn gefunden? Andreas! Habt Ihr ihn gefunden?«
»Nein, gnädiger Herr, aber –«
»Man hat ihn gefangen! Gewiß, Mann, so gewiß, als ich auf Gottes Erde stehe, Sie hat ihn gestohlen, die Meg Merrilies, und ich gehe nicht von der Stelle, bis ich Nachricht von meinem Kinde habe.«
»Aber Ihr müßt heimkommen, Herr! Ihr müßt heimkommen. Wir haben nach dem Sheriff geschickt, und wir wollen hier eine Wache hinstellen, wenn die Zigeuner etwa zurückkommen sollten. Aber Ihr müßt heimkommen, Herr; die gnädige Frau liegt in den letzten Zügen.«
Bertram heftete sein Auge starr auf den Unglücksboten, und die Worte: »in den letzten Zügen!« wiederholend, als ob er den Sinn derselben nicht hätte fassen können, ließ er sich von dem Alten zu seinem Pferde ziehen. Auf dem Heimwege rief er nur mit schmerzlichem Ausdrucke: »Weib und Kind, beide – Mutter und Sohn! Beide!«
Wer könnte den neuen Jammer schildern, der ihn erwartete? Die Nachricht von Kennedys Schicksal war im Schlosse verbreitet worden, mit dem Zusatze, der Unglückliche hätte ohne Zweifel das Kind mit sich von der schroffen Klippe herabgerissen und die Flut hätte des Knaben leichtern Leichnam weggeschwemmt.
Die unglückliche Mutter vernahm die entsetzliche Botschaft, erlitt eine Frühgeburt, und ehe Ellangowan sein bewegtes Gemüt hatte sammeln können, um das Schreckliche seiner Lage zu fassen, war er Vater einer Tochter und Witwer.
Zehntes Kapitel
Am folgenden Morgen, bei Tagesanbruch, kam der Sheriff der Grafschaft nach Ellangowan, um kraft seines Amtes die erforderlichen Nachforschungen anzustellen. Sein erstes Geschäft war, alle Zeugnisse zu sammeln, die auf das geheimnisvolle Ereignis Licht werfen konnten. Seine sorgfältige Untersuchung des Falles brachte manche Umstände an den Tag, die die erste Vermutung, daß Kennedy durch einen unglücklichen Zufall von der Klippe gefallen, über den Haufen stießen.
Der Leichnam war, wie man ihn gefunden, in eine benachbarte Fischerhütte gebracht worden. Bei der Untersuchung fand man ihn wohl gräßlich zerschmettert von dem furchtbaren Sturze, aber auch eine tiefe Wunde im Kopfe, die nach der Meinung des geschickten Wundarztes, der zur Leichenschau gezogen wurde, von einem Schwert oder Säbelhieb herrührte. Der erfahrene Mann entdeckte noch andere verdächtige Zeichen. Das Gesicht war schwarz, die Augen waren verdreht und die Halsadern geschwollen. Die Halsbinde, die der Unglückliche trug, hatte nicht mehr die gewöhnliche Lage, sondern war locker, die Schleife aber verschoben und sehr fest gezogen, als ob man den Verstorbenen daran geschleppt hätte. Der Geldbeutel des Toten war unberührt, die Pistolen aber, die er gewöhnlich bei sich trug, wenn er auf gefährliche Abenteuer ging, fand man geladen in seiner Tasche, was um so mehr auffiel, als Kennedy bei den Schleichhändlern als unerschrockener Mann, der sich seiner Waffen geschickt zu bedienen wußte, gefürchtet war. Bertrams Dienstboten erzählten zwar, er habe gewöhnlich auch einen Hirschfänger getragen, doch fand man solche Waffe nicht bei dem Leichnam, und niemand wußte bestimmt anzugeben, ob er sie an diesem Tage bei sich geführt habe. Der Beamte schritt darauf zur Besichtigung des Fundortes der Leiche und ließ sich umständlich erzählen, wie man sie gefunden. Ein großes Felsenstück schien mit dem Unglücklichen von der Klippe herabgerollt oder ihm nachgestürzt zu sein. Die feste Steinmasse war bei dem Sturze so wenig zersplittert, daß sich durch genaue Untersuchung erkennen ließ, welche Lage sie auf der Höhe des Felsens eingenommen. Als man darauf die Klippe erstieg und die Stelle untersuchte, wo das Felsenstück gelegen haben mußte, glaubte man sicher zu sein, daß ein einziger Mensch nicht stark genug gewesen sei, es mit sich zu reißen. Hingegen schien der Block auch so locker gelegen zu haben, daß die vereinte Kraft von drei bis vier Menschen ihn leicht von seiner Stelle gerückt haben konnte. Der Boden war rings umher zertreten, und menschliche Fußtapfen, die man entdeckte, schienen zu verraten, daß hier ein heftiger Kampf stattgefunden. Aehnliche, doch minder sichtbare Spuren leiteten ans den Rand der Waldhöhe, und man verfolgte dieselben bis tief in das wild verwachsene Dickicht, wohin niemand anders, als in der Absicht, sich darin zu verbergen, seinen Weg genommen haben konnte. Hier fand man, je weiter man kam, deutliche Spuren von Gewalttätigkeit und Kampf. Zweige waren niedergebogen, als ob sie von einem Unglücklichen, den man hindurch geschleppt, in heftigem Widerstände erfaßt worden wären; und wo der Boden weich war, sah man verschiedene Fußtapfen auf weißlichem Tonboden, und am Rückenteil von Kennedys Rocke hatte man Flecke von der gleichen Farbe bemerkt. Die Fährte verfolgend, fand man in einiger Entfernung vom Rande des Abgrundes einen offenen Platz, der zerstampft und offenbar mit Blut befleckt war, obgleich man Laub darauf gestreut hatte, diese Spuren zu verdecken. Auch wurde hier der Hirschfänger des Unglücklichen und nicht weit davon, aber sorgfältiger versteckt, Gürtel und Scheide dazu entdeckt.
Bei genauer Untersuchung der Fußstapfen ergab sich, daß einige von ihnen mit dem Fuße des Ermordeten übereinstimmten; andere aber waren größer oder kleiner, und man glaubte annehmen zu dürfen, daß wenigstens vier bis fünf Menschen mit ihm gekämpft haben müßten. Ueberdies bemerkte man hier, aber nirgendwo anders, Fußstapfen von einem Kinde, und da man bis nahe der Stelle eine tiefe Pferdespur verfolgt hatte, konnte man annehmen, daß der Knabe während der Verwirrung in dieser Richtung entflohen sein müßte. Da man jedoch gar nichts von dem Knaben gehört hatte, äußerte der Beamte, nach Erörterung all dieser Umstände, die Meinung, Kennedy sei hinterlistig überfallen worden, und die Mörder, wer sie auch gewesen sein möchten, hätten sich des Kindes bemächtigt.
Man bot nun alles auf, die Täter zu entdecken. Der Verdacht schwankte zwischen Schleichhändlern und Zigeunern. Das Schicksal von Dirk Hatteraicks Fahrzeug war keinem Zweifel unterworfen. Zwei Männer von der entgegengesetzten Seite der Warroch-Bai hatten, freilich aus weiter Entfernung, gesehen, wie das Schiff, nachdem es die Landspitze umsegelt, ostwärts gesteuert habe, aber, nach seinen Bewegungen zu urteilen, in schlechtem Zustande gewesen sei. Bald darauf sei es gesunken und dann in Feuer aufgegangen. Da erst sei ein königliches Schiff um das Vorgebirge herumgekommen, habe sich aber, der eigenen Sicherheit wegen, in gemessenem Abstande halten müssen, und sei endlich südwärts gesteuert. Ob das Schleichhändlerschiff Boote ausgeschickt hätte, wußte niemand zu sagen; doch sei es möglich, daß das brennende Schiff die Boote den Blicken entzogen haben könne. Der Befehlshaber des königlichen Schiffes machte dem Sheriff Mitteilungen, die jene Aussage bestätigten und es außer Zweifel setzten, daß Dirk Hatteraick der Eigentümer des zerstörten Schiffes gewesen; er war überzeugt, daß die Mannschaft ihr Fahrzeug in Brand gesteckt und sich in den Booten gerettet hätte. Sein Schiff hatte später die Küsten der Insel Man untersucht, um den Schlupfwinkel der Schleichhändler zu entdecken, aber durchaus keine Spur gefunden.