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Zweites Kapitel

Es war an einem wunderschönen Sommermorgen. Die Sonne hatte von ihrer sengenden Kraft noch nichts verloren. Der Tau kühlte noch die Luft und füllte sie an mit süßem Dufte. Da näherte sich ein Jüngling von Nordosten her der Furt eines Baches, der sich unweit des Schlosses Duplessis in den Cher ergießt. Von weiten Wäldern umringt, ragen die düstern Baulichkeiten des Schlosses hoch über die Gipfel der hohen Bäume.

Am andern Bachufer standen zwei Männer, in eine tiefe Unterhaltung versunken, die sich hin und wieder nach dem Wanderer drüben umsahen. Da das Ufer, auf dem sie standen, erheblich höher lag als das andere, konnten sie ihn schon aus ziemlicher Weite beobachten. Er mochte etwa neunzehn Jahre alt sein, oder zwischen dem neunzehnten und zwanzigsten stehen; aber daß er nicht aus der Gegend, auch nicht aus Frankreich stammte, verriet sein Aeußeres auf den ersten Blick. Er trug einen kurzen, grauen Rock und ebensolche Beinkleider. Das deutete mehr auf niederländische Mode als auf französische, hingegen war die spitz zulaufende blaue Mütze mit dem Stechpalmenzweige weder in Frankreich noch in den Niederlanden, sondern nur in Schottland heimisch. Er war ein recht schmucker Bursch und von hübscher Figur. Auf dem Rücken trug er ein Ränzel, das ein paar Habseligkeiten zu enthalten schien, über der linken Faust trug er einen Falkenierhandschuh, obgleich kein Falke drauf saß, und in der rechten einen derben Jagdstock. Ueber seiner linken Schulter hing eine gestickte Schärpe, an der wieder eine kleine Tasche hing, von scharlachrotem Sammet, wie sie damals gern von den Falkenieren getragen wurde, um das Futter für diese immer hungrigen Vögel bei sich zu führen, hin und wieder wohl auch andere Dinge, wie sie zu dem damals in schönster Blüte befindlichen Sport gebraucht wurden. Ueber die Schärpe fiel von der andern Schulter herab ein Bandelier, in dem ein Jagdmesser steckte. Statt der damals üblichen Jagdstiefel trug er leichte Halbstiefel aus halbgegerbtem Leder.

Der Jüngling war noch nicht völlig ausgewachsen, aber schon recht groß und stattlich. Sein munterer Schritt verriet, daß ihm das Wandern mehr ein Genuß denn ein Verdruß war. Seine Gesichtsfarbe wies einen bräunlichen Teint auf, die Folge von langem Aufenthalt in der frischen Luft, war aber nichtsdestoweniger schön. Seine Züge waren frei und offen und gefällig, wenn auch nicht streng regelmäßig. Zwischen den von einem muntern Lächeln leicht geöffneten Lippen traten zwei Reihen blendend weißer Zähne zum Vorschein, und aus seinem hellblauen Auge, das einen eigentümlich zu Herzen gehenden Blick hatte, sprach frohe Laune, leichter Sinn und rasche Entschlossenheit.

Die beiden Männer auf dem andern Ufer hatten ihn, wie schon gesagt, längst gesehen. Als er aber, flink wie ein Reh, das zur Quelle eilt, die Uferkante zum Wasser hinunter sprang, stieß der jüngere von ihnen den andern an und meinte: »Ei! das ist unser Mann! der Zigeuner! Wenn er sich's etwa einfallen läßt, durch die Furt zu waten, so ist er verloren, denn das Wasser ist hoch, und die Furt unpassierbar,« – »Dahinter mag er nur von selbst kommen, Gevatter!« erwiderte der ältere; »wer weiß, ob wir auf diese Weise nicht einen Strick sparen.« – »Ich richte mich bloß nach seiner blauen Mütze in der Taxierung seiner Person,« erwiderte der andere; »denn sein Gesicht kann ich nicht sehen. Aber, aufgepaßt! er ruft uns, wahrscheinlich will er wissen, ob das Wasser tief ist oder nicht.« – »Es geht im Leben nichts über die eigne Erfahrung,« sagte der andere; »mag er's doch probieren, wie's im Bache aussieht.«

Der Jüngling zauderte nicht lange, sondern zog sich die Stiefel von den Füßen und ging in das Wasser hinein. Es verdroß ihn augenscheinlich, daß er von den beiden Männern keine Antwort erhielt. Da rief ihm der ältere derselben zu, er möge sich in acht nehmen, mit dem Bache sei nicht zu spaßen, raunte aber gleich darauf seinem Begleiter die weiteren Worte zu: »Mort Dieu! Du hast Dich schon wieder geirrt, Gevatter! der junge Mensch ist nicht unser schwatzhafter Zigeuner.« Die Warnung kam indessen zu spät an die Ohren des Jünglings, oder er hatte sie überhaupt nicht vernommen, weil er schon mitten in der rauschenden Strömung war, in welcher ein minder couragierter und des Schwimmens nicht in dem vorzüglichen Maße wie er bewanderter Mensch sicher umgekommen wäre, denn der Bach hatte nicht allein eine sehr starke Strömung, sondern auch Wirbel und Untiefen.

»Bei unserer heiligen Anna!« meinte der ältere der beiden Männer wieder, »das ist ein strammer Junge! lauf, Gevatter, und mach Deine Sünde wieder gut, indem Du ihm nach besten Kräften beistehst. Gehört er doch zu Deinem Kaliber, von dem das Wasser, wie es in dem alten Sprichworte heißt, nichts wissen will, weil es ihm zu leicht ist.« – Wirklich schwamm auch der Jüngling so leicht und flott, daß er trotz der Gewalt, die die Strömung an dieser Stelle hatte, ziemlich genau an dem üblichen Landungsplatze das Ufer erreichte.

Mittlerweile eilte der jüngere der beiden Männer zum Ufer hinunter, um dem Schwimmer Beistand zu leisten, während der ältere langsamen Schrittes hinterher folgte, unterwegs bei sich sprechend: »Hm, ich hab's doch gewußt, daß der Kerl nicht ersäuft. Meiner Seelen! er ist schon am Ufer und greift nach seinem Stocke. Wenn ich mich nicht tummle, so ist er imstande, mir den Gevatter durchzuwamsen für den einzigen Liebesdienst, den ich ihm zeit meines Lebens einem Mitmenschen habe erweisen sehen.«

Zu solcher Befürchtung war nun freilich einiger Grund vorhanden, denn der kräftige Jüngling drang auf den hilfreichen Samariter mit der zornigen Rede ein: »Du unhöflicher Hund! Warum gibst Du keine Antwort, wenn Dich ein Mensch manierlich fragt, ob der Bach passierbar ist oder nicht? Der Teufel soll mir die Suppe versalzen, wenn ich Dich nicht Mores lehre, wie Du Dich künftighin anständigen Menschen gegenüber zu verhalten hast!« Dabei schwang er den Stock in seiner Faust, daß er sich wie ein Windmühlenflügel im Kreise drehte. Der andere aber griff, als er sich solchermaßen bedroht sah, zum Schwerte, denn er gehörte zu jenem Schlage Menschen, der lieber handelt, als viel Worte macht. Aber da trat der ältere, der auch der Höhersituierte zu sein schien, hinzu und hieß ihn sich ruhig verhalten; dann wandte er sich zu dem Jüngling, schalt ihn einen unvorsichtigen, voreiligen Menschen, sich in einen so sehr geschwollenen Bach zu wagen und mit dem Manne, der ihm zu Hilfe geeilt sei, mir nichts dir nichts Händel anzufangen.

Als sich der Jüngling so derb von einem weit älteren Manne derart zur Rede stellen hörte, brachte er auf der Stelle seinen Knotenstock in Ruhe und sagte, es solle ihm sehr leid sein, wenn er sich in ihnen geirrt hätte. Es käme ihm aber ganz so vor, als wenn sie ihn, statt ihn rechtzeitig zu warnen, hätten in der Gefahr umkommen lassen wollen, was doch unter Christen kein Brauch sei ... »Lieber Junge,« sagte darauf der ältere der beiden Männer, »nach Deiner Rede und Deinem Aussehen zu schließen, bist Du nicht aus unserm Lande. Da wär's doch am Platze, Du rechnetest damit, daß wir Dich nicht so schnell verstehen können, wie Du sprichst.« – »Na, lassen wir's gut sein, Herr Vater,« sagte darauf der Jüngling, »ich seh es auf ein bißchen Paddeln im Wasser nicht gerade an, und will's auch nicht weiter anrechnen, daß Euch wohl ein Teil von der Schuld mit trifft. Aber dafür müßt Ihr mich nun schon an einen Ort weisen, wo ich meine Sachen trocknen kann, denn ich habe kein zweites Wams, sondern bloß das, was ich auf dem Leibe trage. Auch muß ich darauf sehen, daß das noch seine Weile aushält.« – »Na, für was für Leute hältst Du uns denn, mein Sohn?« fragte der ältere auf die Zumutung hin. – »Nun, für ehrsame Bürgersleute,« erwiderte der Jüngling, »und darin irre ich mich wohl auch nicht? oder,« setzte er hinzu, als wenn ihm plötzlich eine andre Meinung käme, »seid Ihr etwa ein Geldwechsler oder Getreidehändler, und Euer Kamerad ein Schlächter oder Viehhändler?« – »Halb und halb hast Du's ja erraten, was wir sind, mein Sohn,« versetzte der ältere lächelnd, »meine Arbeit besteht allerdings darin, soviel Geld zu wechseln, wie sich irgend auftreiben läßt, und meines Gevatters Beruf steht in einiger Verwandtschaft zu dem eines Schlächters. Was nun Dein Anliegen anbetrifft, Dir einen Ort anzuweisen, wo Du Dein Wams trocknen kannst, so wollen wir zusehen, was sich tun läßt. Aber da muß ich doch zuerst wissen, wes Geistes Kind Du bist, denn in der jetzigen Zeit hat's nicht gerade Mangel auf den Landstraßen an Wandervolk, bei dem alles andre eher zu finden und zu vermuten ist, als Ehrlichkeit und Gottesfurcht.«