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Der Wirt zeigte sich, wenn auch nicht mitteilsam, doch gesprächiger als vorhin. Er weigerte sich unbedingt, den silbernen Becher zurückzunehmen, da er nicht ihm, sondern dem Meister Peter gehöre, der ihn seinem Gaste geschenkt habe.

»Aber ich bitt Euch,« rief Durward, »sagt mir bloß, wer dieser Meister Peter ist, der Fremden so beträchtliche Geschenke macht?« – »Meister Peter?« sagte der Wirt, die Worte dabei so langsam aus seinem Munde fallen lassend, als ob er sie destillieren wolle. – »Ja doch!« wiederholte Durward schnell und bestimmt; »wer Meister Peter ist, frage ich, und warum er mit seinen Geschenken in dieser Weise um sich wirft? und dann, wer der Kerl ist, der einem Fleischer ähnlich sieht und der das Frühstück bestellen mußte?« – »Da hättet Ihr ihn selbst fragen sollen, den Meister Peter; was aber den Herrn betrifft, der das Frühstück bei mir bestellt hat, so mag uns Gott vor seinem nähern Umgange bewahren!« – »Dahinter steckt ein Geheimnis!« sagte der junge Schotte; »Meister Peter hat mir gesagt, er sei ein Kaufmann.« – »So? na dann ist er auch sicher ein Kaufmann.« – »Mit was für Ware handelt er denn?« – »O, mit allerhand, besonders aber hat er Seidenmanufakturen hier angelegt, die ganz ebenso schöne Sachen liefern, wie die Venetianer aus Indien und Kathai bringen. Habt Ihr nicht die Reihen von Maulbeerbäumen gesehen, als Ihr hierher kamt? Die sind alle auf Meister Peters Befehl angepflanzt worden, zur Nahrung für die Seidenwürmer.« – »Allein das junge Mädchen, das die gedörrten Pflaumen hereinbrachte, wer ist denn die, guter Freund?« fragte der Gast. – »Sie wohnt bei mir, Sir, mit ihrer Aufseherin, wohl einer Base, wenn ich nicht irre!« versetzte der Gastwirt. – »Aber ist es denn bei Euch Sitte, daß Eure Gäste sich gegenseitig aufwarten?« fragte Durward. »Denn ich hab's doch bemerkt, daß Meister Peter nichts aus Eurer Hand oder aus den Händen Eurer Leute nehmen wollte.« – »Reiche Leute haben nun so ihre Launen; denn sie können's bezahlen!« sagte der Wirt; »das ist nicht das erstemal, wo Meister Peter Mittel und Wege gefunden hat, vornehme Leute nach seinem Wink tanzen zu lassen.«

Der junge Schotte fühlte sich durch diese Aeußerung einigermaßen gekränkt, verbarg aber seinen Verdruß und fragte, ob er hier für sich auf einen Tag, vielleicht auf noch längere Zeit, ein Zimmer bekommen könne. – »Das versteht sich,« sagte der Gastwirt; »solange es Euch beliebt, Ihr habt nur zu befehlen.« – »Darf ich den Damen meine Aufwartung machen, da ich nun doch unter einem Dache mit ihnen wohnen werde?« Der Gastwirt wußte nicht, was er darauf antworten sollte. Endlich erwiderte er: sie gingen nicht aus und empfingen auch zu Hause keinen Besuch. – »Mit Ausnahme Meister Peters, nicht wahr?« fragte Durward. – »Es kommt mir nicht zu, Ausnahmen anzuführen,« entgegnete der Wirt fest, aber achtungsvoll.

Quentin, durch die Antwort des Gastwirts neuerdings verletzt, verlangte in sein Zimmer geführt zu werden. Der Gastwirt ging eine Wendeltreppe hinauf, dann eine Galerie entlang, auf die viele Türen führten, blieb an ihrem äußersten Ende stehen, suchte einen Schlüssel aus dem großen Schlüsselbunde hervor, den er an seinem Gürtel trug, öffnete eine Tür und wies seinem Gast ein zwar kleines, aber reinliches und trauliches Turmzimmer, das mit einem Feldbette und einigem Hausrat versehen, in guter Ordnung war und ihm, im ganzen genommen, wie ein kleiner Palast erschien.

»War das ein glücklicher Gedanke, so vom Flecke weg in den Bach zu springen!« rief Quentin Durward, als der Wirt sich entfernt hatte, und machte einen Freudensprung; »nie ist mir das Glück in einer bessern Gestalt erschienen.« Er trat an das kleine Fenster, von wo aus man, da der Turm beträchtlich aus der Hauptlinie des Gebäudes hervortrat, nicht nur in einen hübschen, ziemlich geräumigen Garten hinab sah, sondern auch eine freundliche Anpflanzung von Maulbeerbäumen überschauen konnte. Wenn man aber von diesen entfernten Gegenständen das Auge hinwegwandte und längs der Mauer hinsah, so bemerkte man einen andern Turm gegenüber mit einem ebensolchen kleinen Fenster wie das, an welchem jetzt Quentin stand. Nun würde es aber einem, der zwanzig Jahre älter wäre als Quentin, schwer begreiflich sein, warum diese Oertlichkeit ihn mehr interessierte, als der schöne Garten oder die freundliche Maulbeerpflanzung; aber auf der einen Seite der Fenstervertiefung hing eine Laute, zum Teil von einem leichten seegrünen Schleier bedeckt; und eine Laute sich ohne eine Sängerin zu denken, war bei Durwards jugendlichem Alter ausgeschlossen; weiter läßt sich leicht vermuten, daß Durward von der Besitzerin der Laute und des Schleiers mehr zu erfahren wünschte, wenigstens darf man voraussetzen, daß es ihn interessierte, dahinter zu kommen, ob es etwa dieselbe Person sei, die Meister Peter so demütig aufgewartet hatte; und soweit ist es wohl begreiflich, daß er sich nicht der vollen Länge und Breite nach in seinem eigenen Fenster zeigte. Nein! unser Durward verstand sich besser auf die Kunst, Vögel zu fangen; er wußte sich geschickt auf einer Seite des Fensters zu verbergen, und bloß durch den Laden guckend, hatte er das Vergnügen, einen schönen, runden, weißen Arm zu erblicken, der eben die Laute herabnahm, worauf auch seine Ohren für sein geschicktes Verhalten ihren Lohn empfingen.

Das Mädchen in dem kleinen Turm, mit der Laute und dem Schleier, sang eins von jenen kleinen Liedern, wie sie von den Lippen der Edelfrauen zur Zeit des Rittertums flossen, bei denen Ritter und Minnesänger lauschten und seufzten. In den Worten lag weder so viel Sinn, Geist und Phantasie, um die Aufmerksamkeit von der Musik abzulenken, noch zeigte diese soviel Kunst, um alle Empfindungen von den Worten abzuziehen. Das eine schien bloß für das andere da zu sein, und wäre der Gesang ohne die Noten rezitiert, oder die Musik ohne die Worte gespielt worden, so würde keins von beiden etwas wert gewesen sein. Aber auf Quentin übte beides eine mächtige Wirkung, zumal die Gestalt der Sängerin nur teilweise und nicht deutlich sichtbar war, so daß sich ein geheimnisvoller Zauberschleier über das Ganze breitete.

Beim Schluß des Liedes konnte der Lauscher nicht umhin, sich kühner zu zeigen als bisher, um vielleicht mehr zu sehen, als er bisher hatte entdecken können. Allein die Musik hörte augenblicklich auf, das Fenster wurde geschlossen und eine dunkle, von innen vorgezogene Gardine setzte allen weiteren Beobachtungen des Nachbars im Turme eine Grenze.

Fünftes Kapitel

Der Ritter, der auf Quentin Durward in dem Zimmer wartete, wo derselbe gefrühstückt hatte, gehörte jenem berühmten Bogenschützenkorps der schottischen Leibgarde an, die von Karl VI., Ludwigs Vorgänger, errichtet worden war, und in dessen Händen, wie man dreist sagen konnte, das Schicksal Frankreichs lag, denn ihm war die unmittelbare Wache über die Person des Königs anvertraut. Es waren verschiedene Umstände, die diesen frühern König von Frankreich zu diesem Schritt bestimmt hatten, vor allem die schwankende, unsichre Treue des Lehnsadels, der wohl die Oberherrschaft des Königs anerkannte, sonst aber in einem fort bestrebt war, seine besonderen Rechte nicht bloß zu behaupten, sondern möglichst zu mehren. Solchem Adel seine Person zum Schutz zu überantworten, wäre unpolitisch und auch gefährlich gewesen. Dagegen war das schottische Volk gewissermaßen der Erbfeind Englands und demzufolge Frankreichs alter und, wenigstens dem Anschein nach, auch natürlicher Bundesgenosse. Es war ein armes, aber mutiges und treues Volk, und da kein andres Volk in Europa so reich war an kühnen und tapfern Abenteurern, ließ sich damit rechnen, daß sich solche Garde immer aus seinen Söhnen neu rekrutieren ließe. Da ferner der schottische Adel sehr alt war und fast durchgängig bis zum Alter der Kreuzzüge, wenn nicht noch höher, hinaufreichte, stand ihm ein besonderes Anrecht darauf zu, näher an die Person des Monarchen herangezogen zu werden, als jeder andre Adel, den französischen nicht ausgeschlossen. Und was schließlich auch noch, und zwar nicht zum geringsten, in Betracht kam bei den damals so äußerst unruhigen Zeiten, war der Umstand, daß ihre geringe Zahl sie verhinderte, sich in Meuterei einzulassen und Gelüste zur Herrschaft zu bekommen, wo sie nur Anspruch auf eine dienende Rolle hatten.