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Unmittelbar nach der Erscheinung des Königs traten die Prinzessinnen von Frankreich nebst den Damen ihres Gefolges ins Zimmer. Die älteste war schlank, ziemlich hübsch, besaß Beredsamkeit und Talente und viel von ihres Vaters Scharfsinn, der auch viel Vertrauen in sie setzte, und sie vielleicht in solchem Grade liebte, wie er nur irgend jemand lieben konnte.

Die jüngere Schwester, die unglückliche Johanna, verlobt an den Herzog von Orleans, ging schüchtern an der Seite ihrer Schwester einher. Sie war blaß, mager und von kränklichem Aussehen; ihre Taille neigte sich sichtbar nach einer Seite hin, und ihr Gang war so schwankend, daß sie für lahm gelten konnte. Schöne Zähne und schöne Augen voll melancholischen Ausdrucks, Sanftmut und Entsagung, nebst einer Fülle lichtbrauner Locken waren das einzige, was sogar Schmeichelei gegen die gänzliche Häßlichkeit ihrer Figur in die Wagschale legen konnte. Der König, der sie nicht liebte, schritt, als sie eintrat, hastig auf sie zu. – »Nun, was ist das, Tochter,« sprach er, »bist Du immer noch die Weltverächterin? – Hast Du Dich heute zur Jagd oder zur Messe gekleidet? Sprich, antworte!« – »Zu allem, was Eure Hoheit befiehlt, Sire,« antwortete die Prinzessin mit kaum hörbarer Stimme. – »Ja, ohne Zweifel willst Du mich glauben machen, es sei Dein Begehr und Wunsch, den Hof zu verlassen, und der Welt, samt ihren Eitelkeiten, ein Lebewohl zu sagen. – Ha! Mädchen, denkst Du denn, daß wir, der erstgeborene Sohn der heiligen Kirche unsere Tochter dem Himmel vorenthalten wollen, wenn sie des Altars würdig wäre? – Nein, liebe Tochter,« fuhr er fort, »ich und ein anderer kennen Eure wahren Gesinnungen besser. – Nicht wahr, mein schöner Vetter von Orleans? Nähert Euch und führet diese unsere Jungfrau zu ihrem Pferde!«

Orleans erschrak bei den Worten des Königs und eilte ihm zu gehorchen, aber mit solcher Hast und Verwirrung, daß Ludwig ausrief: »Nun, Vetter, mäßigt Eure Galanterie und seht Euch vor! – Was doch Liebende oft für Streiche machen? – Beinahe hättet Ihr Annens Hand statt der ihrer Schwester ergriffen. – Muß ich selbst Johannas Hand Euch reichen?« Der unglückliche Prinz blickte auf und schauderte wie ein Kind zusammen, das etwas zu berühren gezwungen wird, vor dem es einen natürlichen Abscheu hat; dann aber sich ermannend, faßte er die Hand der Prinzessin, welche ihm dieselbe weder gab noch vorenthielt. Wie sie so dastanden, ihre kalten, feuchten Finger in seiner zitternden Hand, beide mit zur Erde gesenktem Blicke, wäre es schwer gewesen, zu bestimmen, welches von diesen beiden jugendlichen Wesen grenzenloser unglücklich sei – der Herzog, der sich an den Gegenstand seiner Abneigung durch die Bande gefesselt fand, die er nicht zu zerreißen wagte, oder das unglückliche Mädchen, das nur zu deutlich sah, wie sie dem ein Gegenstand des Abscheus war, dessen Zärtlichkeit sie mit ihrem Leben erkauft hätte.

»Und nun zu Pferde, meine Damen und Herren! – Wir selber wollen unsere Tochter Beaujeu führen,« sprach der König, »und Gottes und des heiligen Hubertus' Segen auf die heutige Jagd!« – »Ich fürchte,« sprach Graf Dunois, »Sie unterbrechen zu müssen. – Der Gesandte von Burgund steht vor den Toren des Schlosses und verlangt eine Audienz!« – »Verlangt eine Audienz?! – Dunois,« versetzte der König, »habt Ihr ihm denn nicht, wie wir Euch durch Oliver wissen ließen, geantwortet, daß wir keine Zeit hätten, ihn heute zu sehen, daß morgen das Fest des heiligen Martin wäre, wo wir, so Gott will, unsere Andacht nicht durch irdische Gedanken stören lassen wollen, und daß wir tags darauf nach Amboise reisen, daß wir aber nicht ermangeln werden, ihm nach unserer Rückkehr, sobald es unsere dringenden Geschäfte gestatten, eine Audienz zu bewilligen?« – »Dies alles sagte ich,« antwortete Dunois, »aber dennoch, Sire.« – »Pasquedieu! Mann, was ist's, das Dir so im Schlunde steckt?« sagte der König, »die burgundischen Redensarten müssen recht schwer zu verdauen sein!« – Dann fuhr er fort: »Ich kehre mich an seine polternden Gesandtschaften nicht mehr denn die Türme dieses Schlosses sich an das Pfeifen des Nordostwindes kehren, der von Flandern kommt, gleich diesem Prahlhanse von einem Gesandten!« – »So wißt denn, Sire,« versetzte Dunois, »daß Graf Crevecoeur mit seinem Gefolge von Herolden und Trompetern unten hält und erklärt, da Euer Majestät über die dringendsten Angelegenheiten eine Audienz verweigere, die er nach den Befehlen seines Herrn verlangen soll, so wolle er hier bis Mitternacht warten und Ew. Majestät anreden, zu welcher Stunde es Euch gefallen möge, sich aus dem Schlosse, sei es zu Geschäften, zum Vergnügen oder Gottesdienst, zu verfügen; keine Rücksicht als offene Gewalt, werde ihn von diesem Entschlusse abbringen.« – »Er ist ein Tor,« sprach der König mit großer Ruhe; »glaubt denn der hitzige Hennegauer, es sei für einen Mann von Verstand ein Büßung, vierundzwanzig Stunden in seinen Mauern zu bleiben, wenn die Angelegenheiten seines Reiches ihn beschäftigen? Diese ungeduldigen Narren denken, alle Leute müssen sich gleich ihnen unglücklich fühlen, wenn sie nicht im Sattel und Steigbügel sitzen. Laßt die Hunde wieder loskoppeln und wohl versorgen, edler Dunois. – Wir wollen heute Rat halten, statt zu jagen.« – »Mein Gebieter,« antwortete Dunois, »auf diese Weise werdet Ihr Euch Crevecoeurs nicht entledigen; denn seines Herrn Befehle gehen dahin, wofern Ihr ihm die verlangte Audienz nicht bewilliget, seinen Handschuh an die Pallisaden vor dem Schlosse zum Zeichen der Herausforderung auf Leben und Tod von seiten seines Herrn anzunageln, des Herzogs Lehnstreue gegen Frankreich aufzukündigen und den Krieg sogleich zu erklären.« – »So!« sprach Ludwig, ohne eine merkliche Veränderung der Stimme, runzelte aber die Stirn dergestalt, daß seine durchdringenden schwarzen Augen unter den buschigen Brauen beinahe unsichtbar wurden, »steht es so? spricht unser alter Vasall in solchem Tone mit uns, behandelt uns unser lieber Vetter so unfreundlich? – Nun denn, Dunois, so lassen wir die Oriflamme wehen und rufen: Denis Montjoye!« – »Amen!« sprach der kriegerische Dunois, »und in der unglücklichsten Stunde.«

Die Garden in der Halle, unvermögend, demselben Drange zu widerstehen, rührten sich gleichfalls auf ihrem Posten, so daß ein dumpfer, aber vernehmbarer Waffenklang entstand. Stolz warf der König den Blick umher, und auf einen Moment glich er seinem heldenmütigen Vater. Allein diese augenblickliche Aufwallung wich bald politischen Bedenklichkeiten, die unter den gegebenen Umständen einen offenen Bruch mit Burgund äußerst gefährlich machten. Eduard VI., ein tapferer und siegreicher König, der persönlich dreißig Schlachten geschlagen, hatte jetzt den Thron von England bestiegen, war ein Bruder der Herzogin von Burgund und wartete, wie es sich leicht denken läßt, nur auf einen Bruch zwischen seinem nahen Verwandten und Ludwig, um jene Waffen, die in den Bürgerkriegen obgesiegt hatten, auf den Grund von Frankreich durch das immer offene Tor von Calais zu tragen. Zu dieser Bedenklichkeit kamen noch die ungewisse Treue des Herzogs von Bretagne und mancherlei andere wichtige Gründe. Als daher Ludwig nach einer tiefen Pause wieder das Wort nahm, sprach er zwar noch in demselben Tone, aber in verändertem Sinne:

»Behüte der Himmel, daß etwas anderes, als nur die äußerste Not uns, den allerchristlichsten König, vermöchte, Christenblut zu vergießen, wenn noch etwas, außer Unehre, diese Trübsal abwenden kann. Das Glück und die Wohlfahrt unserer Untertanen schlagen wir höher an als die Beleidigung, die unserer eigenen Würde durch die Roheit eines ungeschliffenen Gesandten widerfahren mag, der vielleicht die Vollmacht, die er bekommen, überschritten hat. Man lasse daher den Gesandten von Burgund vor uns erscheinen.«

Gleich darauf verkündete das Schmettern der Trompeten auf dem Hofraume die Ankunft des burgundischen Grafen. Alle, die sich im Audienzgemache befanden, traten schnell nach ihrem Range in Ordnung, während der König und seine Töchter in der Mitte der Versammlung blieben. Graf Crevecoeur, ein berühmter und unerschrockener Kriegsmann, trat nun in den Saal und erschien gegen den Gebrauch bei Gesandten befreundeter Mächte, das Haupt ausgenommen, völlig bewaffnet, in einer glänzenden Rüstung von trefflicher mailändischer Arbeit in Stahl mit Gold ausgelegt, und nach dem damaligen phantastischen Geschmacke der Arabeske verziert. Um seinen Nacken und über den spiegelblanken Harnisch herab hing seines Herrn Orden vom goldenen Vließe, einem der ehrenvollsten Ritterorden, die man damals in der Christenheit kannte. Ein schöner Page trug ihm den Helm nach, vor ihm her schritt ein Herold mit dem Beglaubigungsschreiben, das er, auf ein Knie sich niederlassend, dem König überreichte, während der Abgesandte in der Mitte des Saales stehen blieb, als ob er allen Zeit geben wollte, seinen stolzen Blick, seine ehrfurchtgebietende Gestalt, sowie die kühne Haltung seines ganzen Wesens zu bewundern. Sein übriges Gefolge wartete im Vorgemach oder auf dem Hofraume.