Stickney erwies sich als eine kleine aufblühende Stadt. Die Betonkuppel des Kraters war mit dem neuesten Strahlenschutz verkleidet, und der Boden des Kraters verlief in konzentrischen Ringen terrassenförmig bis zu einer Plaza ganz unten. Die Ringe wechselten zwischen Parks und zweistöckigen Gebäuden mit Dachgärten. In der Luft gab es Netze für Leute, die bei ihren Sprüngen über die Stadt die Orientierung verloren oder durch einen Unfall in die Höhe sprangen. Die Entweichgeschwindigkeit betrug nur fünfzig Kilometer in der Stunde, so dass es fast möglich war, von dem Mond direkt wegzulaufen. Genau unter dem Fundament der Kuppel erspähte John eine kleine Version des außen herumlaufenden Zuges, die gegenüber den Bauten der Stadt horizontal verlief und sich mit einer Geschwindigkeit bewegte, die ihren Passagieren das Gefühl von Marsschwere vermittelte. Die Bahn hielt viermal am Tage, um Leute aufzunehmen. Aber wenn John sich dort hineinflüchten würde, hätte das nur seine Akklimatisation verzögert. Darum ging er zu dem ihm zugewiesenen Gästezimmer und wartete in jämmerlichem Zustand ab, bis die Übelkeit abklang. Anscheinend war er jetzt ein Planetenbewohner, endgültig ein Marsmensch, so dass es schmerzhaft war, den Mars zu verlassen. Lächerlich, aber wahr.
Am nächsten Tag fühlte er sich besser, und Arkady machte mit ihm eine Besichtigungstour von Phobos. Das Innere war von Tunneln, Gängen, Stollen und mehreren riesigen offenen Kammern ausgehöhlt, von denen in vielen noch Wasser und Treibstoff gewonnen wurde. Die meisten Tunnels im Innern des Mondes waren glatte zweckmäßige Röhren, aber die Innenräume und einige der großen Gänge waren nach Arkadys sozioarchitekturellen Theorien gestaltet; und er führte John durch einige dieser runden Korridore, gemischte Gebiete für Arbeit und Erholung und geätzte Metallwände — alles Merkmale, die zum Standard geworden waren während der nach Kratern orientierten Phase des Bauens auf dem Mars, auf die Arkady aber immer noch stolz war.
Drei der kleinen Krater gegenüber von Stickney waren mit Glas abgedeckt und voller Dörfer, die eine Aussicht auf den unter ihnen dahinrasenden Planeten boten, wie sie niemals von Stickney aus möglich waren, da die Hauptachse von Phobos ständig auf den Mars gerichtet war, wobei der große Krater immer in die entgegengesetzte Richtung zeigte. Arkady und John standen in Semenov und schauten durch die Kuppel zum Mars auf, der den halben Himmel ausfüllte und von Staubwolken verhüllt war, so dass keine Merkmale zu erkennen waren. »Der Große Sturm«, sagte Arkady. »Sax muss allmählich durchdrehen.«
»Nein«, sagte John. »Er hält es für eine momentane Erscheinung.«
Arkady johlte. Die beiden waren schon wieder in ihre alte Kameraderie verfallen, in das Gefühl, seit langer Zeit wie gleichgestellte Brüder zu sein. Arkady war immer noch derselbe, lachend, scherzend, ein großer Witzbold, aus dem Ideen und Gedanken strömten, die auf eine Weise zuversichtlich waren, die John mächtig freute, selbst jetzt, da er sicher war, dass viele Ideen Arkadys falsch und sogar gefährlich waren.
Arkady sagte: »Sax hat wahrscheinlich wirklich recht. Wenn diese Altersbehandlungen funktionieren und wir alle um Jahrzehnte länger leben als zuvor, dann wird das sicher eine soziale Revolution bewirken. Die Kürze des Lebens war eine wesentliche Kraft für die Dauer von Institutionen, so seltsam das scheinen mag. Aber es ist viel leichter, sich an irgendeinen kurzlebigen Überlebensplan zu halten, den man hat, als alles mit einem neuen Plan zu riskieren, der nicht funktionieren könnte — ganz gleich, wie zerstörerisch der kurzfristige Plan für die folgenden Generationen sein mag. Sollen die doch damit zurechtkommen. Und man muss auch einräumen, bis die Leute das System gelernt hatten, waren sie alt und starben; und für die nächste Generation war es genau so kompakt und schwer zugänglich und musste wieder von Anfang an erlernt werden. Aber schau, wenn du es lernst und dann fünfzig weitere Jahre anstarrst, wirst du am Ende sagen: Warum soll man es nicht rationaler machen? Warum es nicht näher dem Verlangen unseres Herzens anpassen? Was hält uns auf?«
»Vielleicht werden deshalb die Dinge da unten so seltsam«, sagte John. »Aber irgendwie denke ich, dass diese Leute nicht auf lange Sicht rechnen.« Er gab Arkady einen kurzen Bericht über die Sabotagesituation und erklärte zum Schluss kühn: »Du weißt, wer es macht, Arkady? Steckst du mit drin?«
»Was, ich? Nein, John, du kennst mich besser. Diese Zerstörungen sind dumm. Wie es aussieht, das Werk von Roten. Und ich bin nicht rot. Ich weiß nicht genau, wer es tut. Wahrscheinlich Ann. Hast du sie gefragt?«
»Sie sagt, sie weiß es nicht.«
Arkady kicherte. »Immer der gleiche John Boone! Das gefällt mir. Sieh her, mein Freund, ich werde dir sagen, warum diese Dinge passieren, und dann kannst du es systematisch ausarbeiten und vielleicht mehr sehen. Ah, hier ist die U-Bahn nach Stickney. Los, ich will dir das Gewölbe der Unendlichkeit zeigen. Das ist wirklich ein schönes Stück Arbeit.« Er führte John zu dem kleinen U-Bahn-Wagen, und sie schwebten in einem Tunnel auf das Zentrum von Phobos zu. Dort hielt der Wagen, und sie stiegen aus. Sie stießen sich durch den engen Raum und zogen sich zu einer Halle hinunter. John stellte fest, dass sein Körper sich auf die Gewichtslosigkeit eingestellt hatte, dass er schweben und wieder das Gleichgewicht bewahren konnte. Arkady führte ihn in eine weite offene Galerie, die auf den ersten Blick zu groß erschien, um sich im Innern von Phobos zu befinden. Boden, Wand und Decke waren mit facettierten Spiegeln getäfelt, und jede runde Platte aus poliertem Magnesium befand sich in einem solchen Winkel, dass in diesem Raum von Mikroschwere alles tausendfach hintereinander gespiegelt wurde.
Sie landeten auf dem Fußboden und hakten die Zehen durch Ringe, die wie Pflanzen auf dem Meeresgrund in einer sich bewegenden Vielheit von Arkadys und Johns schwebten. »John, du siehst, die ökonomische Basis des Lebens auf dem Mars verändert sich jetzt«, sagte Arkady. »Nein, spotte ja nicht! Bis jetzt leben wir noch nicht in einer Geldwirtschaft. So sind nun einmal die wissenschaftlichen Stationen. Es ist, als gewönne man einen Preis, der einen von der ökonomischen Tretmühle befreit. Wir haben diesen Preis gewonnen und auch eine Menge anderer; und wir alle sind hier seit Jahren und leben so. Aber jetzt strömen Menschen zu Tausenden auf den Mars! Und viele von ihnen wollen hier arbeiten, einiges Geld verdienen und zur Erde zurückkehren. Sie arbeiten für die Transnationalen, die UNOMA-Konzessionen bekommen haben. Die Buchstaben des Marsvertrages werden eingehalten, weil man annimmt, dass UNOMA allem vorgesetzt ist, aber der Geist des Vertrages wird durch die UN selbst links und rechts verletzt.«
John nickte. »Ja, das habe ich gesehen. Helmut hat es mir direkt ins Gesicht gesagt.«
»Helmut ist eine Schnecke. Aber höre, wenn die Erneuerung des Vertrages ansteht, werden sie den Buchstaben des Gesetzes ändern, um es dem neuen Geist anzupassen. Oder sich sogar die Lizenz geben, noch mehr zu tun. Es geht um die Entdeckung strategisch wichtiger Metalle und den ganzen freien Weltraum. Dies bedeutet Rettung für eine Menge von Ländern da unten und neues Territorium für die Transnationalen.«
»Und du denkst, sie werden genügend Unterstützung finden, um den Vertrag zu ändern?«
Millionen von Arkadys starrten Millionen von Johns an. »Sei nicht so naiv! Natürlich haben sie genug Unterstützung. Schau, der Marsvertrag gründet sich auf den Vertrag über den freien Weltraum. Das war der erste Fehler; dieser Vertrag war in Wirklichkeit ein sehr schwaches Arrangement, und der Marsvertrag ist das auch. Nach den eigenen Bestimmungen des Vertrages können Länder stimmberechtigte Mitglieder des Vertrages werden, indem sie hier ein Interesse konstituieren. Deshalb sehen wir alle die neuen wissenschaftlichen Stationen — die Arabische Liga, Nigeria, Indonesien, Azania, Brasilien, Indien und China und der ganze Rest. Und eine ziemliche Anzahl dieser neuen Länder werden Mitglieder des Vertrages ausdrücklich mit dem Ziel, den Vertrag zur Zeit seiner Erneuerung zu brechen. Sie wollen den Mars für individuelle Regierungen öffnen, außer UN-Kontrolle. Und die Transnationalen benutzen Länder mit Gefälligkeitsflaggen wie Singapore, die Seychellen und Moldavia zum Versuch, den Mars für private Besiedlung zu öffnen, beherrscht von Korporationen.«