Er blickte Arkady an, der auch zu dem den Himmel ausfüllenden Planeten aufschaute — mit der gleichen ernsten Miene, die er in der Spiegelhalle gezeigt hatte. Es war ein Ausdruck, der sich John sehr genau und kräftig eingeprägt hatte, wie er fand, aber in der unwirklichen Form der Sicht eines Fliegenauges.
John begab sich wieder in die Dunkelheit des Großen Sturms hinab. Und in den trüben und von Sand durchwehten Tagen sah er Dinge, die er nie zuvor gesehen hatte. Das war der Lohn für die Gespräche mit Arkady. Er betrachtete die Dinge auf eine neue Weise. Er reiste zum Beispiel von Burroughs nach Süden zum Sabishii (›Einsamen‹) Mohole und besuchte die dort lebenden Japaner. Sie waren Oldtimer, das japanische Äquivalent für die Ersten Hundert, schon sieben Jahre nach diesen angekommen. Und anders als diese waren sie eine sehr eng verbundene Einheit geworden und ausgesprochen zu ›Eingeborenen‹ geworden. Sabishii war klein geblieben, auch nachdem das Loch dort gegraben war. Es lag draußen in einem Gebiet roher Steinblöcke in der Nähe des Kraters Jarry-Desloges; und als John das letzte Stück der Transponderstraße zur Siedlung hinunterfuhr, erhaschte er kurze Blicke auf Steine, die zu übergroßen Gesichtern oder Gestalten behauen oder mit eleganten Piktogrammen bedeckt oder zu kleinen Shinto- oder Zen-Schreinen ausgehöhlt waren. Nach diesen Anblicken starrte er in die Staubwolken, aber sie waren immer wie Halluzinationen verschwunden, halb gesehen und dahingegangen. Als er in die brüchige Zone klarer Luft direkt auf der Leeseite des Moholes kam, sah er, dass die Sabishiianer den aus dem großen Schacht gehobenen Fels bis zu dieser Stelle brachten und zu geschwungenen Hügeln anordneten. Aus dem Raum würde das wie ein Drache aussehen?
Und dann erreichte er die Garage und wurde von einer Schar von ihnen begrüßt — barfuss und langhaarig, in abgewetzten braunen Pullovern oder Sportbinden von Sumoringern. Es waren runzlige alte weise Marsjapaner, die über die Kami-Zentren in der Region sprachen und darüber, wie ihr tiefstes on-Gefühl sich längst vom Kaiser auf den Planeten verlagert hatte. Sie zeigten ihm ihre Labors, wo sie an Areobotanik und strahlungssicheren Kleiderstoffen arbeiteten. Sie hatten auch viel über die Ortung von Wasserstätten und Klimatologie im Äquatorgürtel gearbeitet. Wenn John ihnen lauschte, kam es ihm vor, als ob sie gerade mit Hiroko in Berührung gewesen wären. Es gäbe keinen Sinn, wenn das nicht so wäre. Aber sie zuckten die Achseln, wenn er nach ihr fragte. John machte sich daran, sie zu fragen und ihnen zuzuhören und die Atmosphäre von Vertrauen zu schaffen, die er so oft bei Oldtimern herbeiführen konnte, das Gefühl, als wären sie zusammen weit zurückgegangen in ihre eigene Vorzeit. Nachdem er einige Tage lang Fragen gestellt, die Stadt kennen gelernt und ihnen gezeigt hatte, dass er ein Mann war, der giri kannte, begannen sie langsam, sich zu öffnen und in einer ruhigen, aber unverblümten Art zu sagen, dass ihnen das plötzliche Wachstum von Burroughs nicht gefiele, noch das Mohole in ihrer Nähe, noch die Bevölkerungszunahme im allgemeinen noch die neuen, von der japanischen Regierung auf sie ausgeübten Pressionen, die Große Böschung zu erkunden und ›Gold zu finden‹. »Wir lehnen das ab«, sagte Nanao Nakayama, ein runzliger alter Mann mit schütterem weißem Backenbart und Türkisohrringen und langem weißem Haar als Pferdeschwanz. »Sie können uns nicht dazu zwingen.«
»Und wenn sie es versuchen?« fragte John.
»Sie werden scheitern.« Seine lässige Zuversicht erregte Johns Aufmerksamkeit, und er erinnerte sich an das Gespräch mit Arkady zwischen den Spiegeln.
So waren manche Dinge, die er jetzt sah, das Ergebnis einer neuen Art von Aufmerksamkeit und Fragestellungen. Aber andere waren das Ergebnis davon, dass Arkady durch sein Netz von Freunden und Bekannten Anweisungen zukommen ließ, sich John erkennen zu geben und ihn herumzuführen. Als John auf dem Weg von Sanbishii nach Senzeni Na bei Siedlungen anhielt, näherten sich ihm oft kleine Gruppen von zwei, drei oder fünf Personen, die sich vorstellten und sagten: Arkady dachte, du könntest interessiert sein, dies zu sehen … Und sie führten ihn zur Besichtigung einer unterirdischen Farm mit unabhängigem Kraftwerk oder einem Versteck von Werkzeug und Gerät oder einer verborgenen Garage voller grosser oder vollständigen kleinen Mesa-Habitaten, leer, aber bezugsbereit. John folgte ihnen mit vorquellenden Augen und hängendem Kinn, stellte Fragen und schüttelte erstaunt den Kopf. Ja, Arkady zeigte ihm allerhand Sachen. Es gab hier unten eine ganze Bewegung, eine kleine Gruppe in jeder Stadt!
Schließlich kam er nach Senzeni Na. Er kehrte dorthin zurück, weil Pauline zwei Arbeiter identifiziert hatte, die unentschuldigt an jenem Tage auf ihrem Arbeitsplatz gefehlt hatten, als der Lastwagen auf ihn gefallen war. Er sprach mit ihnen am Tage nach seiner Ankunft; aber sie brachten plausible Gründe für ihre Abwesenheit vom Netz vor. Sie waren zum Klettern draußen gewesen. Aber nachdem er sich dafür entschuldigt hatte, ihre Zeit in Anspruch genommen zu haben, und wieder zu seinem Zimmer unterwegs war, stellten sich drei andere Mohole-Techniker als Freunde von Arkady vor. John begrüßte sie enthusiastisch, erfreut, dass die Reise etwas erbringen würde. Und am Ende brachte ihn eine Gruppe von acht Leuten in einem Rover zu einem Canyon, der parallel zum Canyon des Moholes verlief. Sie fuhren durch den verdunkelnden Staub zu einem Habitat, das in eine überhängende Canyonwand eingegraben war. Es war für Satelliten unsichtbar, und seine Wärme wurde durch eine Anzahl kleiner Kanäle abgeleitet, die aus dem Weltraum wie alte Windmühlenheizer von Sax aussehen würden. »Wir denken, dass Hirokos Gruppe es so gemacht hat«, sagte ihm eine Führerin. Sie hieß Marian und hatte eine lange spitze Nase und dicht beisammen stehende Augen, so dass ihr Blick sehr intensiv wirkte.
»Weißt du, wo Hiroko ist?« fragte John. »Nein, aber wir denken, sie im Chaos.« Die allgemeine Antwort. Er fragte sie nach der Klippenwohnung. Marian sagte ihm, dass sie mit Gerät von Senzeni Na erbaut wäre.
Sie war derzeit unbewohnt, aber bereit, wenn es nötig wäre.
»Nötig wofür!« fragte John, als er durch die kleinen dunklen Räume ging.
Marian starrte ihn an. »Natürlich für die Revolution.«
»Die Revolution!«
John hatte auf der Rückfahrt sehr wenig zu sagen. Marian und ihre Gefährten spürten seinen Schock, und das war auch ihnen unangenehm. Vielleicht kamen sie auf den Gedanken, Arkady hätte einen Fehler gemacht, als er sie bat, John ihr Habitat zu zeigen. »Es werden viele solche vorbereitet«, sagte Marian zur Verteidigung. Hiroko hatte ihnen die Idee gegeben, und Arkady dachte, sie könnten nützlich werden. Marian und ihre Gefährten zählten sie an den Fingern auf: ein ganzes Vorratslager an Gerät für Luft- und Eisgewinnung, verborgen in einem trockenen Eistunnel in einer der Verarbeitungsstationen an der südlichen Polkappe; ein Quellenschacht, der das große Wasserlager unter Kasei Vallis anzapfte; um Acheron verstreute Gewächshauslabors, die pharmazeutisch nützliche Pflanzen zogen; ein Kommunikationszentrum im Untergeschoß von Nadias Promenadeplatz in Underhill. »Und das ist nur das, wovon wir wissen. Im Netz erscheinen Untergrundnotizen für einmalige Kenntnisnahme, mit denen wir nichts zu tun haben; und Arkady ist sicher, dass es da draußen weitere Gruppen gibt, die dasselbe tun wie wir. Denn wenn es zum Äußersten kommt, werden wir alle Plätze brauchen, um uns zu verstecken und von da aus zu kämpfen.«