»Das solltest du Helmut erzählen«, sagte Nadia. »Wenn wir eine einheitliche Front bilden und darauf bestehen, dass diese Leute zur Erde zurückgeschickt werden, könnte er uns das kaum verweigern.«
»Ich weiß nicht, wie viel Macht Helmut überhaupt noch hat«, erwiderte John. »Aber es wäre einen Versuch wert. Ich möchte, dass diese Leute vom Planeten verjagt werden. Und besonders jene zwei, die ich von dem Sicherheitssystem in Senzeni Na habe aufzeichnen lassen, als sie beide in die Roboterklinik gingen und an den Reinigungsrobotern herumgefummelt haben, ehe ich es tat. Also ist der Indizienbeweis gegen sie wohl so stark wie nötig.«
Die anderen wussten nicht recht, was sie damit anfangen sollten, aber es stellte sich heraus, dass einige von ihnen auch von anderen UNOMA-Teams belästigt worden waren — Arkady, Alex, Spencer, Vlad und Ursula —, und sie stimmten rasch zu, dass es eine gute Idee wäre, die Detektive deportieren zu lassen. »Zumindest diese zwei Kerle sollten ausgewiesen werden«, sagte Maya energisch.
Sax drückte einfach auf sein Armband und rief Helmut gleich auf der Stelle an. Er legte ihm die Situation dar, und die aufgebrachte Gruppe mischte sich ab und zu laut ein. Vlad erklärte: »Wir werden das der Presse der Erde unterbreiten, wenn du nichts dagegen tust.«
Helmut runzelte die Stirn und sagte nach einer Pause: »Ich werde mich darum kümmern. Jene Agenten, über die ihr euch besonders beschwert, werden sicher abgelöst und nach Hause geschickt werden.«
»Lass ihre DNA nachprüfen, ehe du sie ziehen lässt!« sagte John. »Der Mörder jenes Mannes ist sicher dabei, dessen bin ich sicher.«
»Wir werden das nachprüfen«, sagte Helmut nachdrücklich.
Sax trennte die Verbindung, und John sah wieder seine Freunde an. Er sagte: »Okay. Aber es wird mehr nötig sein als ein Anruf bei Helmut, um alle Veränderungen zu bewirken, die wir brauchen. Die Zeit ist gekommen, wieder gemeinsam zu handeln in einem weiten Bereich von Angelegenheiten, wenn wir überleben wollen. Das ist ein Minimum, müsst ihr wissen. Ein Beginn für das übrige. Wir müssen eine kohärente politische Einheit bilden, ungeachtet aller möglichen Meinungsverschiedenheiten.«
»Es wird nichts bewirken, was wir tun«, sagte Sax sanft. Er wurde aber sofort mit einem unverständlichen Gebrabbel wetteifernder Proteste angegriffen.
John schrie: »Es wird sehr wohl etwas bewirken! Wir haben eine ebenso gute Chance wie jedermann zu bestimmen, was hier geschieht.«
Sax schüttelte den Kopf, aber die anderen hörten auf John und schienen ihm meistens zuzustimmen: Arkady, Ann, Maya, Vlad — jeder aus seiner anderen Perspektive … Es konnte getan werden; das sah John in ihren Gesichtern. Nur Hiroko konnte er nicht deuten. Ihr Gesicht war ausdruckslos, in einer Weise verschlossen, die ihm einen jähen Stich der Erinnerung versetzte. Sie war immer so zu John gewesen, und plötzlich verursachte es ihm Schmerzen von Frustration und früherer Pein. Er war beunruhigt.
Er stand da und deutete nach draußen. Es war kurz vor Sonnenuntergang, und die riesige gekrümmte Fläche des Planeten war ein endloses Muster von Schatten. »Hiroko, kann ich mit dir privat ein Wort sprechen? Wir können in das Zelt hier unten gehen. Ich habe bloß ein paar Fragen; und dann können wir wieder zurückkommen.«
Die anderen starrten sie neugierig an. Unter diesem Blick verbeugte sich Hiroko schließlich und ging John voraus zu der Röhre, die in das nächste Zelt führte.
Sie standen am spitzen Ende der Sichel dieses Zeltes, unter den Blicken der Freunde oben und der zufälligen Beobachter unten. Das Zelt war größtenteils leer. Man achtete die Privatsphäre der Ersten Hundert, indem man eine Lücke ließ.
Hiroko fragte: »Hast du Vorschläge, wie ich die Saboteure identifizieren kann?«
»Du könntest mit dem Jungen namens Kasei anfangen«, sagte John. »Dem, der eine Mischung von dir und mir ist.«
Sie vermied seinen Blick.
John beugte sich zu ihr. Er wurde ärgerlich. »Ich nehme an, es gibt Kinder von jedem Mann unter den Ersten Hundert?«
Hiroko wandte ihm den Kopf zu und zuckte ganz leicht die Achseln. »Wir haben uns von den Proben bedient, die ein jeder gegeben hat. Die Mütter sind alle Frauen in der Gruppe und die Väter alle Männer.«
»Was hat dir das Recht gegeben, all dies ohne unsere Erlaubnis zu tun?« fragte John. »Unsere Kinder zu machen, ohne uns zu fragen, wegzulaufen und sich gleich zu verstecken? Warum? Warum?«
Hiroko erwiderte seinen Blick ruhig. »Wir haben eine Vision davon, was Leben auf dem Mars sein kann. Wir konnten sehen, dass es nicht so verlief. Wir haben recht bekommen durch das, was inzwischen geschehen ist. Also gedachten wir, unser eigenes Leben einzurichten …«
»Aber siehst du nicht ein, wie selbstsüchtig das ist? Wir alle hatten eine Vision, und wir haben dafür so hart gearbeitet, wie wir konnten; und während dieser ganzen Zeit bist du verschwunden gewesen, um eine kleine Taschenwelt für deine kleine Gruppe zu schaffen! Ich meine, wir hätten eure Hilfe brauchen können. Ich wollte so oft mit dir sprechen. Jetzt haben wir ein Kind zwischen uns, eine Mischung von dir und mir, und du hast seit zwanzig Jahren nicht mit mir gesprochen!«
Hiroko sagte ruhig: »Wir hatten nicht vor, selbstsüchtig zu sein. Wir wollten den Versuch machen, um durch ein Experiment zu zeigen, wie wir hier leben können. Wenn man über ein unterschiedliches Leben spricht, muss jemand zeigen, was man meint, John Boone. Es muss einer dieses Leben führen.«
»Aber wenn ihr das im geheimen tut, kann es keiner sehen!«
»Wir hatten nie vor, für immer geheim zu bleiben. Die Lage hat sich verschlechtert, und so sind wir ferngeblieben. Aber hier sind wir nun schließlich. Und wenn man uns braucht, wenn wir helfen können, werden wir wieder erscheinen.«
»Ihr werdet jeden Tag gebraucht«, sagte John leise. »So funktioniert nun einmal das soziale Leben. Du hast einen Fehler gemacht, Hiroko. Denn während ihr euch versteckt hattet, haben sich die Chancen dafür, dass der Mars unabhängig bleibt, vermindert; und viele Leute haben an diesem Niedergang mitgewirkt, darunter auch einige der Ersten Hundert. Und was hast du getan, ihnen Einhalt zu gebieten?«
Hiroko sagte nichts. John fuhr fort: »Ich nehme an, dass du heimlich Sax etwas geholfen hast. Ich habe eine deiner Mitteilungen an ihn gesehen. Aber das ist auch etwas, mit dem ich ganz und gar nicht einverstanden bin: einigen von uns helfen, anderen aber nicht.«
»Wir alle tun das«, sagte Hiroko. Sie sah aber verlegen aus.
»Habt ihr in eurer Kolonie die gerontologischen Behandlungen erhalten?«
»Ja.«
»Und ihr habt die Prozedur von Sax bekommen?«
»Ja.«
»Kennen diese eure Kinder ihre Elternschaft?«
»Ja.«
John schüttelte den Kopf. Er war mehr als wütend. »Ich kann einfach nicht glauben, dass du zu so etwas imstande warst.«
»Uns interessiert nicht, was du glaubst, John.«
»Offensichtlich nicht. Aber machte es dir wirklich gar nichts aus, unsere Gene zu stehlen und durch uns Kinder zu machen ohne unser Wissen oder Einverständnis? Sie aufzuziehen, ohne uns dabei zu beteiligen, ohne uns ihre Kindheit miterleben zu lassen?«
Sie zuckte die Achseln. »Ihr könnt eure Kinder haben, wenn ihr wollt. Was dies angeht, na gut. War irgendwer von euch vor zwanzig Jahren interessiert, Kinder zu haben? Nein. Davon ist nie die Rede gewesen.«
»Wir waren zu alt!«
»Wir waren nicht zu alt. Wir wollten nicht daran denken. Weißt du, die meiste Ignoranz ist gewollt, und so kündet Ignoranz davon, woran dem Volk wirklich gelegen ist. Ihr wolltet keine Kinder, und so wusstet ihr nichts über späte Geburten. Aber wir wollten und erlernten so die Techniken. Und wenn ihr die Resultate seht, werdet ihr wohl erkennen, dass das eine gute Idee war. Ich denke, ihr werdet uns danken. Was habt ihr schließlich verloren? Diese Kinder sind unsere. Aber sie haben eine genetische Verbindung mit euch, und von jetzt an werden sie sozusagen als ein unerwartetes Geschenk für euch existieren. Als ein ganz außergewöhnliches Geschenk.« Ihr Mona-Lisa-Lächeln erschien und verschwand.