»Nun, ich pflegte zu sagen, dass wir alles von Grund auf neu erfinden müssten; aber in diesen letzten Jahren, in denen ich umhergereist bin und euch alle kennen gelernt habe, ist mir klar geworden, dass das falsch war. Es ist nicht so, als hätten wir überhaupt nichts und seien gezwungen, wie Götter Formen aus dem Vakuum zu gestalten. Ihr könntet sagen, wir haben die Gene, dieselben, von denen Vlad spricht, wenn er von unseren kulturellen Genen spricht. Also ist es eine Art genetischer Technik, was wir hier tun. Wir besitzen die DNA-Stücke der Kultur, die alle von der Geschichte gebildet, zerbrochen und gemischt wurden; und wir können auswählen und alles zusammenknüpfen und schneiden, so wie die Schweizer ihre Verfassung gemacht haben oder die Sufis ihren Ritus oder die Methode, nach der die Acherongruppe ihre jüngsten schnellen Flechten — ein Stück von hier und von da, was immer passend ist, wobei man die Regel der sieben Generationen beachtet, indem man sieben Generationen zurück und sieben Generationen voraus denkt, und siebenmal sieben, wenn ihr mich fragt; denn jetzt reden wir davon, unser Leben weit in die kommenden Jahre auszudehnen. Wir wissen noch nicht, wie uns das beeinflusst, aber es ist sicher, dass Altruismus und Eigeninteresse enger zusammengestoßen sind denn jemals zuvor. Aber wir müssen immer noch an das Leben unserer Kinder, Kindeskinder und so fort für immer denken. Wir müssen so handeln, dass sie ebenso viele und hoffentlich noch mehr Chancen erhalten, um die Sonnenenergie auf immer genialere Weise so zu lenken, dass der Strom der Entropie in diesem kleinen Bereich des universellen Stroms umgekehrt wird. Und ich weiß, dass es eine schrecklich allgemeine Formulierung ist, wenn dieser Vertrag, der unser Leben hier regelt, so bald schon zur Erneuerung ansteht; aber wir müssen stets bedenken, dass das, was kommt, nicht bloß ein Vertrag ist, sondern eher ein Verfassungskongreß, weil wir es hier mit dem Genom unserer sozialen Organisation zu tun haben — du kannst dies tun, du kannst das nicht tun; du musst das machen, essen oder geben. Und wir haben nach einem Katalog von Regeln gelebt, die für ein leeres Land eingeführt wurden, dem so zerbrechlichen und idealistischen Antarktisvertrag, der den kalten Kontinent so lange von Besitzstörung freigehalten hat, praktisch bis zum letzten Jahrzehnt, wo er zerstückelt wurde. Und dies ist ein Anzeichen dafür, was jetzt auch hier anzufangen beginnt. Die Verletzung dieses Regelwerks hat überall eingesetzt. Sie nährt sich wie ein Parasit von den Grenzbereichen ihres Wirtsorganismus. Denn das steckt in den Änderungen der Regeln — die alte parasitische Gier der Könige und ihrer Gefolgsleute. Dieses System, das wir die transnationale Weltordnung nennen, ist wieder reiner Feudalismus, ein Regelwerk, das anti-ökologisch ist, das eine fluktuierende internationale Elite bereichert, aber alles andere ärmer macht. Und so ist die so genannte Elite in Wirklichkeit auch arm. Sie ist bar jeder echten humanen Tätigkeit und daher auch bar jeder echt humanen Leistung und Bildung, parasitisch im ganz eigentlichen Sinne und doch auch so mächtig, wie Parasiten, die die Kontrolle übernommen haben, nur sein können, indem sie die Gaben menschlicher Tätigkeit den rechtmäßigen Empfängern entziehen, welche die sieben Generationen sind, und während sie sich so ernähren, die repressiven Kräfte stärken, die sie in ihrer Position halten.« (Beifall.)
»Also, Freunde, geht es hier um Demokratie gegen Kapitalismus; und wir hier draußen auf dem Grenzposten der menschlichen Welt haben vielleicht eine bessere Stellung als jeder andere, um dies zu sehen und diese globale Schlacht zu kämpfen. Hier gibt es leeres Land, hier gibt es seltene und nicht nachwachsende Ressourcen, und wir werden in den Kampf hineingezogen und können uns ihm nicht entziehen. Wir gehören zu den Opfern, und unser Schicksal wird dadurch entschieden werden, was der ganzen Menschenwelt passiert. Und da dem so ist, sollten wir uns lieber für das gemeinsame Gute zusammentun, für den Mars und für uns und für alle Völker auf der Erde und für die sieben Generationen. Das wird hart sein und Jahre erfordern, und je stärker wir sind, desto besser sind unsere Chancen. Und darum bin ich so glücklich zu sehen, wie dieser brennende Meteorit die Matrix des Lebens in unsere Welt pumpt, und darum bin ich so glücklich, euch alle hier beisammen zu sehen, um das zu feiern, ein repräsentativer Kongress von allem, das ich in dieser Welt liebe. Aber ich denke, dass die Stahltrommelband bereit ist zu spielen, nicht wahr?« (Zustimmende Rufe) »Warum fangt ihr also nicht an, und wir werden bis zur Morgendämmerung tanzen und uns morgen in die Winde zerstreuen und die Seiten dieses großen Berges hinabbegeben, um die Gabe überallhin zu tragen.«
Wilder Applaus. Die Magnesiumtrommelband nahm ihn in ihre Staccato-Rhythmen auf, und die Menge geriet wieder in Bewegung.
Die Party dauerte die ganze Nacht. John verbrachte die Zeit damit, von Zelt zu Zelt zu wandern, Hände zu schütteln und Leute zu umarmen. »Danke, danke, danke! Ich weiß nicht, ich erinnere mich nicht an das, was ich gesagt habe. Aber das hier habe ich die ganze Zeit gemeint, genau hier.«
Seine alten Freunde lachten ihm zu. Sax, Kaffee trinkend und höchst entspannt, sagte zu ihm: »Ist das nicht Synkretismus? Sehr interessant, sehr gut formuliert«, mit einem ganz feinen Lächeln. Maya gab ihm einen Kuss, Vlad und Ursula und Nadia desgleichen. Arkady hob ihn hoch und wirbelte ihn mit großem Gebrüll in der Luft herum, gab ihm einen haarigen Kuss auf beide Wangen und rief: »He, John, könntest du das bitte noch einmal machen?« Er johlte: »Du setzt mich immer wieder in Erstaunen!« Und Hiroko lächelte intim, während Michel und Iwao neben ihr John zugrinsten …
Michel sagte: »Ich denke, das ist es, was Maslow mit dem Ausdruck Spitzenerfahrung gemeint hat.« Iwao stieß ihn in den Ellbogen. Hiroko berührte John mit dem Zeigefinger am Arm, als ob sie einen gewissen belebenden Kontakt herstellen wollte, eine Macht oder eine Gabe übertragen.
Am nächsten Tag sortierten und verpackten sie die Reste der Party und verließen die Fliesenterrassen, die wie Fransen eines Emailhalsbandes an der Seite des alten schwarzen Vulkans drapiert waren. Sie sagten Lebewohl zu den Besatzungen der Luftschiffe, die vom Hang hinunterglitten wie Ballone, die einer Kinderhand entglitten waren. Die sandfarbenen der verborgenen Kolonie waren bald nicht mehr zu erkennen. Als John mit Maya in seinen Rover stieg, verabschiedeten sie sich, und während sie um den Rand von Olympus Mons fuhren, bewegten sie sich in Kolonne mit Rovern, in denen Arkady und Nadia, Ann und Simon und ihr Sohn Peter saßen. John sagte gesprächsweise an diesem Tage: »Wir müssen mit Helmut reden und die UN dazu bringen, uns als Sprecher für die Gesamtheit der lokalen Bevölkerung zu akzeptieren. Und wir müssen der UN einen Entwurf des revidierten Vertrages vorlegen. Um Ls neunzig soll ich zu einer Einweihungszeremonie für ein neues Zelt auf Ost-Tharsis erscheinen. Man nimmt an, dass Helmut dort sein wird. Vielleicht könnten wir uns dann treffen?«
Nur wenige von ihnen konnten es schaffen, aber sie waren für den Rest als Delegierte ernannt, und man stimmte dem Plan zu. Danach sprachen sie über den möglichen Inhalt des Vertragsentwurfs und führten Funkgespräche mit allen Karawanen und Luftschiffen. Am nächsten Tag kamen sie über die Rampe zur nördlichen Böschung und fuhren an deren Fuß in verschiedene Richtungen weiter. »Das war eine gute Party!« sagte John über Radio der Reihe nach zu allen. »Auf Wiedersehen bei der nächsten!«