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Helmut rief die Sitzung zur Ordnung. In den östlichen Räumen drängten sich die Leute um die Fernseher. Frank schaute durch ein Portal in den ihm am nächsten gelegenen Ostraum. Derartige Räume würde es überall auf dem Mars und der Erde geben — zu Tausenden, mit Millionen Zuschauern. Zwei Welten sahen zu.

Auf der Tagesordnung standen, wie schon in den letzten zwei Wochen, Emigrationsquoten. China und Indien hatten einen gemeinsamen Vorschlag zu machen, den der Leiter des Indienministeriums stehend in seinem musikalischen Bombay-Englisch verlas. Von tarnendem Beiwerk entkleidet lief er natürlich auf ein Proportionalsystem hinaus. Chalmers schüttelte den Kopf. Indien und China stellten zwar vierzig Prozent der Weltbevölkerung, aber sie erhielten bei der Konferenz nur zwei von dreiundfünfzig Stimmen, und ihr Vorschlag würde nie angenommen werden. Der Brite in der europäischen Delegation stand auf und wies auf diesen Umstand hin, natürlich nicht in so vielen Worten. Es begann ein Gerangel. Das würde den ganzen Vormittag dauern. Der Mars war wirklich eine Beute, und die reichen und armen Nationen kämpften darum wie um alles andere. Die Reichen hatten das Geld, die Armen hatten die Menschen; und die Waffen waren recht gleichmäßig verteilt, besonders die neuen Virenträger, die ganze Kontinente entvölkern konnten. Ja, die Einsätze waren hoch, und die Lage befand sich in einer äußerst heiklen Balance. Die Armen erhoben sich vom Süden her und brandeten gegen die nördlichen Schranken aus Gesetz und Geld und reiner Militärmacht. Kanonenrohre starrten ihnen praktisch ins Gesicht. Aber es gab jetzt so viele Gesichter. Es schien, dass jeden Augenblick eine Menschenwelle explodieren könnte, bloß aus dem Expansionsdruck schierer Zahlenmäßigkeit. Angreifer drängten über die Barrikaden durch den Druck der Babies hinter ihnen und tobten für ihre Chance zur Unsterblichkeit.

Während der Frühstückspause, als noch nichts weiter erledigt war, erhob sich Frank aus seinem Sitz. Er hatte wenig von dem Gerangel gehört, aber er hatte nachgedacht, und auf der Schreibfläche seines Pultes stand ein rohes Schema. Geld, Menschen, Land, Waffen. Alte Gleichungen, alte Geschäfte. Aber er war nicht auf Originalität aus. Es war etwas, das funktionieren würde.

An dem langen Tisch selbst würde nichts passieren. Das war sicher. Jemand musste den Knoten durchhauen. Er stand auf und ging hinüber zu der indischen und chinesischen Delegation, einer Gruppe von ungefähr zehn Personen, die sich in einem für Kameras unzugänglichen Nebenzimmer besprachen. Nach dem üblichen Austausch von Höflichkeiten lud er die zwei Anführer, Haravada und Sung, zu einem Spaziergang auf der Brücke des Observatoriums ein. Nach einem Wechsel von Blicken und kurzen Gesprächen in Mandarin und Hindi mit ihren Adjutanten stimmten sie zu.

Also gingen die drei Delegierten aus den Räumen und die Korridore hinab zur Brücke, einem starren Gehrohr, das an der Wand ihrer Mesa anfing und sich über das Tal und mit einem Bogen in den Hang einer kleineren Mesa im Süden mündete. Ihre Höhe gab der Brücke einen luftigen, fliegenden Eindruck. Nur sehr wenige Leute gingen ihre vier Kilometer entlang oder standen in der Mitte und nahmen die Ansicht von Burroughs in sich auf.

»Sehen Sie«, sagte Chalmers zu seinen Kollegen, »die Kosten der Emigration sind so hoch, dass Sie nie Ihre Bevölkerungsprobleme lösen werden, indem Sie die Menschen hierher umziehen lassen. Das wissen Sie. Und Sie haben schon viel mehr nutzbares Land daheim. Was Sie also vom Mars haben wollen, ist nicht Land, sondern es sind Rohstoffe oder Geld. Der Mars ist der Hebel, um zu Hause Ihren Anteil an Ressourcen zu bekommen. Sie hinken hinter dem Norden zurück, weil Ihre Ressourcen Ihnen in den Kolonialjahren ohne Bezahlung genommen wurden, und Sie sollten dafür jetzt Vergütung erhalten.«

»Ich fürchte, dass die Kolonialperiode eigentlich nie zu Ende gegangen ist«, sagte Haravada höflich.

Chalmers nickte. »Das ist das Wesen des transnationalen Kapitalismus. Wir alle sind jetzt Kolonien. Und auf uns hier wird ein furchtbarer Druck ausgeübt, den Vertrag zu ändern, so dass der Löwenanteil der Profite aus lokalem Bergbau zum Eigentum der Transnationalen wird. Die entwickelten Nationen empfinden das sehr stark.«

»Das wissen wir«, sagte Haravada und nickte.

»Okay. Und jetzt haben sie den Akzent auf proportionale Emigration gelegt, was ebenso logisch ist wie die Zuteilung von Gewinnen im Verhältnis zur Investition. Aber keiner dieser Vorschläge liegt in Ihrem wesentlichen Interesse. Die Emigration wäre für Sie ein Tropfen in einem Eimer, aber das Geld nicht. Inzwischen haben die entwickelten Nationen ein neues Bevölkerungsproblem. Darum wäre eine Chance für größeren Anteil an der Emigration willkommen. Und sie können das Geld sparen, das ohnehin größtenteils an die Transnationalen geht und frei vagabundierendes Kapital sein würde außerhalb jeder nationalen Kontrolle. Warum sollten die entwickelten Nationen Ihnen nicht mehr davon geben? Das käme ohnehin eigentlich nicht aus ihren Taschen.«

Sung nickte rasch und machte ein ernstes Gesicht. Vielleicht hatten sie diese Reaktion vorausgesehen und ihren Vorschlag gemacht, um sie anzuregen, und warteten nun, dass er seine Rolle spielte. Aber genau das machte es leichter. Sung fragte: »Glauben Sie, dass Ihre Regierungen einem solchen Handel zustimmen würden?«

»Ja«, sagte Chalmers. »Was ist es mehr, als dass Regierungen ihre Macht über die Transnationalen wieder festigen? Teilung der Profite ähnelt irgendwie Ihren alten Nationalisierungsbewegungen. Nur würden diesmal alle Länder davon profitieren. Internationalisierung, wenn Sie wollen.«

Hanavada bemerkte: »Es würde Investitionen durch die Korporationen beschneiden.«

»Was den Roten gefallen wird«, sagte Chalmers. »Besonders der Mars-zuerst-Gruppe.«

»Und Ihre Regierung?« fragte Hanavada.

»Das kann ich garantieren.« Tatsächlich würde die Administration ein Problem sein. Aber Frank würde sich darum kümmern, wenn die Zeit käme. Sie waren in diesen Tagen ein Haufen Handelskammerkinder, arrogant, aber stur. Wenn man ihnen sagte, die Alternative wäre ein Mars der Dritten Welt, ein chinesischer Mars, ein hinduistischer Mars, mit kleinen braunen Menschen und frei herumlaufenden heiligen Kühen in den Gehröhren, würden sie anrücken. Tatsächlich würden sie sich hinter seinen Knien verstecken und um Protektion winseln. Opa Chalmers, bitte rette mich vor der gelben Horde!

Er beobachtete, wie sich der Inder und der Chinese anschauten und sich ganz offen mit Blicken konsultierten. »Zum Teufel!« sagte er. »Das ist es doch, was Sie erhoffen, nicht wahr?«

Hanavada sagte: »Vielleicht sollten wir uns mit einigen Zahlen beschäftigen.«

Es erforderte einen großen Teil des nächsten Monats, den Kompromiss zustande zu bringen, da er eine ganze Reihe von zusätzlichen Kompromissen mit sich brachte, damit alle stimmberechtigten Delegationen ihn annahmen. Jeder nationale Abgeordnete musste einen Anteil bekommen, den er den Leuten zu Hause vorzeigen konnte. Und dann musste auch Washington überzeugt werden. Am Ende musste Frank über die Köpfe der Kleinen hinweg direkt zum Präsidenten gehen, der ein Geschäft wittern konnte, wenn man ihn mit der Nase darauf stieß. Also war Frank sehr beschäftigt und hatte fast sechzehn Stunden am Tage Sitzungen in seiner alten Weise, so sicher wie der Sonnenaufgang. Zuletzt waren transnationale Lobbyisten wie Andy Jahns der härteste Brocken, praktisch unmöglich zu knacken, da das Geschäft auf ihre Kosten ging und sie das wussten. Sie übten auf die Regierungen des Nordens und deren Gefälligkeitsflaggen jeden Druck aus, den sie kannten, und der war beträchtlich, wie die ärgerliche Reizbarkeit des Präsidenten zeigte und der Rücktritt von Singapore und Sofia von dem Abkommen. Aber Frank überzeugte den Präsidenten auch trotz der großen Entfernung und der tiefen psychologischen Schranke des Zeitschlupfes. Und er benutzte bei jeder anderen nördlichen Regierung die gleichen Argumente. Wenn ihr den Transnationalen nachgebt, pflegte er zu sagen, dann sind sie die wahre Regierung der Welt. Dies ist die Gelegenheit, eure und eurer Bevölkerung Interessen gegenüber jenen frei schwebenden Ansammlungen von Kapital zu sichern, die sehr nahe daran sind, die höchste Macht auf der Erde zu besitzen. Ihr müsst sie irgendwie im Zaum halten!