Danach stand sie auf, drapierte ein weißes Laken wie ein Cape um sich und holte sich ein Glas Wasser. »Mir gefällt es, wie du mit diesen Leuten umgehst«, sagte sie, wobei sie ihm den Rücken zukehrte. Sie trank das Glas aus und blickte über die Schulter mit ihrem alten Grinsen der Zuneigung und diesem offenem Blick — einem Blick, der so durchdringend schien wie Laserlicht, das ihn sezierte, so dass er sich plötzlich nicht nur nackt, sondern bloßgestellt fühlte. Er zog sich den Rest des Lakens über die Hüfte und hatte das Gefühl sich lächerlich gemacht zu haben. Sie würde sicher sehen, wie die Luft in seiner Lunge zu kaltem Wasser wurde, sein Magen sich verkrampfte und seine Füße erstarrten. Er zwinkerte und erwiderte ihr Lächeln. Er wusste, dass das ein schwaches und schiefes Lächeln war, aber es tröstete ihn, wenn er sein Gesicht wie eine steife Maske über seinem wirklichen Fleisch fühlte. Niemand konnte aus dem Gesichtsausdruck Emotionen genau erkennen, das war alles gelogen, ein Schwindel wie Handlesen oder Astrologie. Also war er sicher.
Aber nach dieser Nacht fing sie an, viel Zeit mit ihm zu verbringen, sowohl in der Öffentlichkeit wie privat. Sie begleitete ihn bei den Empfängen, die jeden Abend von dem einen oder anderen nationalen Büro gegeben wurden; sie saß neben ihm bei vielen Gruppenbanketten; sie befuhr mit ihm danach die raue See der Konversation, wenn sie sich die schlechten Nachrichten von der Erde ansahen, oder sie saß in der engen Gruppe der Ersten Hundert. Und sie ging mit ihm jeden Abend in sein Zimmer oder, was noch verwirrender war, nahm ihn mit in ihres.
Und das alles ohne jedes Anzeichen, was sie von ihm wollte. Er konnte nur vermuten, sie wüsste, dass sie nicht darüber sprechen musste. Dass es genügte, einfach bei ihm zu sein, dass er wissen würde, was sie wünschte, und sein Bestes tun würde, dies zu tun, ohne dass sie je ein Wort sagen müsste. Dass sie bekommen würde, was sie wollte. Natürlich war es unmöglich, dass sie all das ohne Grund täte. Das lag im Wesen der Macht. Wenn man sie besaß, war niemand wieder einfach bloß ein Freund oder ein Liebhaber. Unvermeidlicherweise begehrten alle Dinge, die man ihnen geben konnte, sei es auch nur das Prestige einer Freundschaft mit dem Mächtigen. Ein solches Prestige hatte Maya nicht nötig; aber sie wusste, was sie wollte. Und tat er das schließlich nicht auch? Er verärgerte einen großen Teil seiner Machtbasis und schmiedete an einem Vertrag, der niemandem außer einer Handvoll Ortsansässiger gefallen würde. Ja, sie bekam, was sie wollte. Und das alles ohne ein Wort, jedenfalls ohne ein direktes Wort. Nichts als Lob und Zuneigung.
Als er so in den endlosen Konferenzen der Ausschüsse sprach und sorgfältig die Formulierung jedes einzelnen Satzes in dem Vertrag durchpaukte und die Rolle eines James Madison vor diesem merkwürdigen Phantom einer konstitutionierenden Versammlung spielte, gingen Spencer und Samantha herum und halfen ihm, und Maya beobachtete ihn mit einem minimalen Lächeln, das nur ihm ihre Zustimmung und ihren Stolz auf ihn kundtat. Und dann, durch die Arbeit des Tages mit Energie geladen, wanderte er durch den abendlichen Empfang, und sie lachte ihn an und stand an seiner Seite und plauderte mit allen anderen als eine Art von Gefährtin. Und was für eine Gefährtin! Und bei Nacht überschüttete sie ihn mit Küssen, bis es unmöglich war, sich vorzustellen, dass sie ihn nicht liebte.
Dies war unerträglich. Dass es so einfach sein sollte, sogar die Leute zu täuschen, die einen am besten kannten … dass sie so stupide sein könnte … Es war schockierend, das deutlicher denn je zu erkennen. Wie versteckt ist doch die Wahrheit, dachte er, unter der phänomenologischen Maske. In Wirklichkeit waren alle die ganze Zeit Schauspieler, die ihre Video-Rollen spielten; und es gab keine Chance mehr, mit den wahren Persönlichkeiten in den anderen in Kontakt zu kommen. Im Laufe langer Jahre waren ihre Schalen verkrustet und die Personen drinnen atrophiert oder fortgewandert und verloren gegangen. Und jetzt waren sie alle hohl.
Oder vielleicht war es gerade bloß er. Weil sie so real schien! Ihr Lachen, ihr weißes Haar, ihre Leidenschaft — mein Gott! Ihre verschwitzte Haut und die Rippen darunter, Rippen, die unter seinen Fingern hin und her glitten wie die Latten einer Jalousie, Rippen, die sich im Paroxysmus des Orgasmus verhärteten. Ein wahres Selbst, musste das nicht so sein? Er konnte es sich kaum anders vorstellen. Ein wahres Selbst.
Aber er täuschte sich bitter. Eines Morgens erwachte er aus einem Traum über John. Es war vor ihrer gemeinsamen Zeit in der Raumstation, als sie jung gewesen waren. Nur waren sie in dem Traum alt gewesen, und John nicht gestorben und dennoch. Er sprach als ein Geist, wissend, dass er tot war und dass Frank ihn getötet hatte, aber auch all dessen bewusst, was seither geschehen war, und ganz frei von Ärger oder Vorwurf. Es war eben einfach passiert, so wie damals, als John den Auftrag zur Erstlandung erhalten oder ihm Maya auf der Ares weggenommen hatte. Zwischen ihnen war auf die eine oder andere Weise viel geschehen, aber sie waren immer noch Freunde, immer noch Brüder. Sie konnten miteinander reden, sie verstanden einander. Als Frank diesen Horror empfand, hatte er im Traum gestöhnt und versucht, sich in sich zurückzuziehen. Dann erwachte er. Es war warm, seine Haut war verschwitzt. Maya hatte sich mit wildem Haar aufgerichtet, ihre Brüste baumelten lose zwischen ihren Armen. »Was ist los?« sagte sie. »Fehlt dir was?«
»Nichts!« schrie er, stand auf und tapste ins Bad. Aber sie kam hinter ihm her und legte ihre Hände auf ihn. »Frank, was war das?«
»Nichts«, schrie er und riss sich unwillkürlich von ihr los. »Kannst du mich nicht in Ruhe lassen?«
»Natürlich«, sagte sie gekränkt. Ein Wutanfall. »Natürlich kann ich das.« Und sie verließ das Bad.
»Natürlich kannst du das!« rief er ihr nach, plötzlich wütend über ihre Stupidität, dass sie ihn so schlecht kannte und so verwundbar war, wenn nun schon alles egal war. »Jetzt, wo du von mir bekommen hast, was du wolltest!«
»Was soll das heißen?« fragte sie und erschien wieder in der Tür des Bads, in ein Laken gewickelt.
»Du weißt, was ich meine«, sagte er grimmig. »Du hast doch vom Vertrag bekommen, was du wolltest, nicht wahr? Und das hättest du ohne mich nie erlangt.«
Sie stand mit den Händen auf den Hüften da und sah ihn an. Das Laken hing ihr locker um die Hüften, und sie sah aus wie diese legendäre französische Freiheitskämpferin, sehr schön und sehr gefährlich. Ihr Mund war ein schmaler Strich. Sie schüttelte missmutig den Kopf und ging weg. »Du hast nicht die geringste Ahnung«, sagte sie.
Er folgte ihr. »Was meinst du?«
Sie warf das Laken fort und stieg heftig in ihre Unterwäsche und zerrte sie über ihr Hinterteil. Während sie sich anzog, warf sie ihm kurze Sätze zu. »Du weißt überhaupt nichts davon, was andere Leute denken. Du weißt nicht einmal, was du selbst denkst. Was verlangst du selber von dem Vertrag? Du, Frank Chalmers? Du weißt es nicht. Es geht nur darum, was ich will, was Sax will, was Helmut will — was jeder von ihnen will. Du selbst hast gar keine Meinung. Was immer am einfachsten zu managen ist. Was immer dir am Ende die Führung lässt.