Выбрать главу

Und was Gefühle anbetrifft!« Sie war angekleidet und stand in der Tür. Sie blieb stehen, um ihn anzustarren. Ein Blick wie ein Blitzschlag. Er hatte dagestanden, zu verdutzt, um sich zu bewegen; und so stand er jetzt nackt vor ihr, der vollen Wucht ihres Zorns ausgesetzt. »Du hast überhaupt keine Gefühle. Ich habe es versucht, glaube mir, aber du …« Sie erbebte, offenbar außerstande, Worte zu finden, die hässlich genug waren, ihn zu beschreiben. Hohl, wollte er sagen. Leer. Und dennoch …

Sie ging hinaus.

Als sie dann den neuen Vertrag unterzeichneten, war Maya nicht an seiner Seite, nicht einmal in Burroughs. Das war in mancher Hinsicht wirklich eine Erleichterung. Aber dennoch konnte er nicht umhin, sich leer und kalt in der Brust zu fühlen. Und sicher wussten (mindestens) die anderen der Ersten Hundert, dass (wieder) etwas zwischen ihnen vorgefallen war. Und das war ärgerlich, wie er sich selbst sagte.

Sie unterzeichneten den Vertrag in dem gleichen Konferenzraum, in dem sie ihn ausgefochten hatten. Helmut machte mit einem breiten Lächeln die Honneurs, und die Delegierten kamen nacheinander heran, im Frack oder schwarzen Abendkleid, sprachen ein paar Worte für die Kameras und legten dann die Hand auf ›das Dokument‹ eine Geste, die nur Frank als bizarr archaisch zu empfinden schien wie das Einritzen von Hieroglyphen. Lächerlich! Als er an der Reihe war, sagte er etwas über eine erzielte Ausgewogenheit. Und genau das war es auch. Er hatte die konkurrierenden Interessen so disponiert, dass sie unter Winkeln zusammentrafen, die genau ihren Impuls ausglichen. Bei einem Verkehrsunfall wären auf diese Weise alle Fahrzeuge zu einer kompakten Masse zusammengestoßen. Das Ergebnis war der früheren Version des Vertrags gar nicht allzu unähnlich, indem sowohl Emigration wie Investitionen, die beiden Hauptmerkmale des Status quo (falls es auf dem Mars so etwas gab) größtenteils blockiert waren und zwar (das war der raffinierte Teil der Sache) sich gegenseitig blockierten. Das war eine gute Arbeit, und er unterzeichnete mit einem Schnörkel. Emphatisch erklärte er: »Für die Vereinigten Staaten von Amerika« und strahlte rundum alle an. Das würde sich im Fernsehen gut machen.

An der anschließenden Parade nahm er mit der kühlen Genugtuung einer gut erledigten Arbeit teil. Die Zelte mit Grasböden und die Gehröhren der Stadt waren voll Tausender Zuschauer; und die Parade schlängelte sich hindurch, hinab durch das große Zelt an der Kanalseite mit Abzweigungen in die Mesas und dann zurück und unter Beifallsrufen über jede Kanalbrücke und weiter hinauf zum Princess Park zu einer großen Straßenparty. Das Wetter war auf kühl und frisch eingestellt worden mit lebhaften Fallwinden. Spielzeugdrachen wetteiferten unter den Zeltdächern miteinander in hellen Farben vor dem dunkelroten Nachmittagshimmel.

Frank fand die Party im Park unbequem. Zu viele Leute beobachteten ihn, zu viele wollten sich ihm nähern und reden. Das brachte der Ruhm mit sich. Man musste zu den Leuten sprechen, wenn sie beisammen waren. Also machte er kehrt und ging wieder zu dem Zelt am Kanal hinauf.

Zwei parallele Reihen weißer Säulen flankierten den Kanal. Jede war im Bareißstil oben und unten halbkreisförmig, aber mit um 180 Grad gegeneinander versetzten Hemisphären. Durch diesen einfachen Trick entstanden Säulen, die völlig verschieden aussahen, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man sie anschaute. Und die beiden Reihen wirkten seltsam baufällig, als ob sie schon Ruinen wären, obwohl die Glätte und weiße Farbe ihrer von Diamantsplittern bedeckten Oberflächen diesen Eindruck Lügen straften. Sie erhoben sich aus dem Gras wie Zuckerwürfel und glänzten, als wären sie feucht.

Frank ging zwischen den Reihen entlang und berührte abwechselnd jede einzelne Säule. Über ihnen stiegen zu beiden Seiten die Talhänge zu den mit Fenstern besetzten Klippen von Mesas an. Hinter dem ungefärbten Glas dieser Steilwände war massenhaft Grünzeug zu sehen, so dass die Stadt von riesigen Terrarien eingefasst schien. Ein wirklich eleganter Ameisenbau. Der unter Zelten befindliche Teil des Talhanges war getüpfelt von Bäumen und Fliesendächern und von breiten begrasten Boulevards durchschnitten. Der nicht überdachte Teil war noch eine rote Steinflache. Eine große Anzahl von Gebäuden war gerade fertig gestellt worden oder noch im Bau. Überall ragten Kräne zu den Zeltdächern auf, eine Art seltsamer bunter Skulpturen. Es gab auch Dutzende von Bauten mit Gerüsten, so dass Helmut gesagt hatte, die von Zelten bedeckten Hänge erinnerten ihn an die Schweiz — kein Wunder, da die Konstruktion größtenteils von Schweizern stammte. »Sie rüsten ein Haus ein, auch wenn sie nur einen Blumenkasten ersetzen.«

Sax Russell stand am Fuß eines solchen eingerüsteten Bauwerks und sah kritisch daran empor. Frank machte kehrt, ging durch eine Röhre zu ihm und begrüßte ihn.

»Die haben doppelt so viel Stützen, als sie brauchen«, sagte Sax. »Vielleicht noch mehr.«

»Die Schweizer mögen das.«

Sax nickte. Sie starrten das Gebäude an.

»Nun, was meinst du?« sagte Frank.

»Der Vertrag? Er wird die Unterstützung für das Terraformen mindern«, sagte Sax. »Die Leute sind mehr geneigt zu investieren als zu geben.«

»Sax, nicht jede Investition ist gut fürs Terraformen, das musst du bedenken«, brummte Frank. »Eine Menge von jenem Geld wird für ganz andere Zwecke ausgegeben.«

»Aber siehst du, Terraformen ist ein Weg zur Reduzierung der Gesamtkosten. Ein gewisser Prozentsatz des gesamten Investments wird ihm immer gewidmet sein. Darum möchte ich das Ganze so hoch wie möglich haben.«

»Realer Nutzen kann nur mit realen Kosten errechnet werden«, erwiderte Frank. »Die Wirtschaftler der Erde hat das nie gekümmert; aber du bist Wissenschaftler und solltest es tun. Du musst sowohl den Schaden beurteilen, der durch höhere Bevölkerungszahlen und größere Aktivität entsteht, wie auch den damit einhergehenden Nutzen für das Terraformen. Man sollte lieber die Investitionen erhöhen, die reiner Terraformung dienen, als einen Kompromiss eingehen und einen prozentualen Anteil vom Ganzen nehmen, der in mancher Hinsicht gegen einen arbeitet.«

Sax blinzelte. »Frank, es ist komisch zu hören, wenn du nach den letzten vier Monaten gegen Kompromisse sprichst. Die Umweltkosten sind vernachlässigbar. Bei richtigem Management können sie größtenteils in Vorteile verwandelt werden. Man kann eine Ökonomie in Terrawatt oder Kilokalorien messen, wie John zu sagen pflegte. Und das ist Energie. Und Energie können wir hier in jeder Form gebrauchen, sogar als eine Menge von Körpern. Körper sind bloß mehr Arbeit, sehr anpassungsfähig und sehr energetisch.«

»Reale Kosten, Sax. Sie alle. Du versuchst immer noch, mit Ökonomie zu spielen. Aber die ist nicht wie Physik, sondern wie Politik. Stelle dir vor, was geschehen würde, wenn Millionen vertriebener Emigranten von der Erde hier einträfen mit all ihren biologischen und psychischen Viren. Vielleicht würden sie sich alle Arkady oder Ann anschließen. Hast du je daran gedacht? Epidemien, die Körper und Geist des Pöbels durchziehen, würden dein ganzes System zusammenbrechen lassen. Schau, hat nicht die Acherongruppe versucht, dich Biologie zu lehren? Du solltest aufpassen! Das ist keine Mechanik, Sax. Es ist Ökologie. Und es ist eine gebrechliche, gesteuerte Ökologie, darum muss sie gelenkt werden.«

»Vielleicht«, sagte Sax. Diese Phrase war eine Manier von John. Frank entging eine Minute lang das, was Sax sagte. Dann war seine Aufmerksamkeit wieder gebannt.

»… dieser Vertrag wird auf keinen Fall einen so großen Unterschied machen. Die Transnationalen, die investieren wollen, werden einen Weg finden. Sie werden eine neue Flagge der Gefälligkeit schaffen, und es wird so aussehen, als ob ein Land hier seinen Claim absteckt, genau nach den Quoten des Vertrages. Aber dahinter wird transnationales Kapital stehen. Frank, es werden allerhand Sachen dieser Art passieren. Du weißt, wie es ist. Politik, nicht wahr?«