Er gewann die Selbstbeherrschung zurück, blickte durch die klare Decke zum Planeten. Da sie mit ihm rotierten, hatten sie natürlich immer Tharsis im Blickfeld, und aus dieser Entfernung sah er aus wie eine alte Fotografie, der orangefarbene Ball mit allen vertrauten Merkmalen seiner berühmtesten Hemisphäre: den großen Vulkanen, Noctis, den Canyons, dem Chaos, alles unversehrt. Er fragte sie: »Wann bist du zum letzten Mal hinuntergegangen?«
»Lg = 60. Ich gehe regelmäßig hinunter.« Sie lächelte.
»Wo wohnst du, wenn du hinunterkommst?«
»In UNOMA-Gebäuden.« Wo sie emsig daran arbeitete, den UN-Vertrag zu brechen.
Aber das war ihr Job, das war es, was UNOMA ihr aufgetragen hatte. Aufzugsmanagerin und zugleich die erste Verbindung zu den Montankonzernen. Wenn sie die UN verließ, konnte sie ihnen alle Tätigkeiten, denen sie gewachsen war, wegnehmen. Königin des Aufzugs. Der jetzt die Brücke war für den größten Teil der Marswirtschaft. Sie würde alles Kapital zur Verfügung haben von jedem Transnationalen, mit dem sie sich zusammentat.
Und all dies kam natürlich darin zum Ausdruck, wie sie in dem glitzernden Raum herumhüpfte und zu allen seinen abfälligen Bemerkungen lächelte. Nun, sie war schon immer etwas stupide gewesen. Frank knirschte mit den Zähnen. Es war wohl an der Zeit, die guten alten USA als Vorschlaghammer zu benutzen und zu sehen, ob noch etwas Schwung darin geblieben war.
»Die meisten Transnationalen haben in den Staaten mächtige Guthaben«, sagte er. »Wenn die amerikanische Regierung sich entschlösse, ihre Konten einzufrieren, weil sie den Vertrag brechen, würde das sie alle hemmen und einige zusammenbrechen lassen.«
»Das könntest du nie tun«, sagte Phyllis. »Es würde die Regierung bankrott machen.«
»Das ist so, als ob man einem toten Mann mit Erhängen drohen würde. Einige Nullen mehr an der Zahl erhöhen nur die Irrealität. Man kann sich das ohnehin nicht mehr vorstellen. Die einzigen, die denken, sie könnten das, sind genau deine transnationalen Manager. Sie halten die Obligationen, aber niemand sonst kümmert sich um ihr Geld. Ich könnte Washington in einer Minute davon überzeugen, und dann würdest du sehen, wie es dir genau ins Gesicht explodiert. Welchen Weg es auch geht, es ruiniert dein Spiel.« Er machte eine ärgerliche Handbewegung. »Zu diesem Zeitpunkt wird jemand anders diese Räume einnehmen …« — eine plötzliche Intuition — »du wirst wieder in Underhill sein.«
Das erregte ohne Zweifel ihre Aufmerksamkeit. Ihre lässige Geringschätzung bekam einen Stoß. »Niemand kann Washington von etwas überzeugen. Da gibt es Flugsand. Du kannst denen sagen, was du willst, und ich werde meine Aussage machen. Dann werden wir sehen, wer den größeren Einfluss hat.« Sie trippelte durchs Zimmer, öffnete die Tür und begrüßte laut eine Schar UN-Beamter.
Nichts als Zeitverschwendung. Er war nicht überrascht. Anders als diejenigen, welche ihm geraten hatten zu kommen, hatte er kein Vertrauen in die Idee gehabt, dass Phyllis vernünftig sein könnte. Wie für viele gläubige Fundamentalisten war für sie Geschäft ein Teil der Religion. Die beiden Dogmen verstärkten sich gegenseitig, waren Teil des gleichen Systems. Vernunft hatte damit nichts zu tun. Und während Phyllis noch an Amerikas Stärke glauben mochte, glaubte sie bestimmt nicht, dass Frank sie lenken könnte. Er würde ihr das Gegenteil beweisen.
Während der Rückfahrt am Kabel hinunter traf er alle halbe Stunden Videoverabredungen, fünfzehn Stunden am Tag. Seine Mitteilungen nach Washington führten bald zu komplexen, durch die Übertragung verzögerten Gesprächen mit seinen Leuten in den Außen- und Handelsministerien und mit den verschiedenen Kabinettschefs, auf die es ankam. Bald würde ihn auch der neue Präsident anhören. Inzwischen hüpften die Nachrichten wie Frösche mit allen möglichen Argumenten hin und her, je nachdem, welcher Korrespondent ihn zuerst erreichte. Es war kompliziert und erschöpfend. Der Fall auf der Erde musste wie ein Kartenhaus gebaut werden, und viele der Karten waren krumm.
Gegen Ende des Fahrt, als das Kabel schon bis hinunter zur Steckdose bei Sheffield zu sehen war, fühlte er sich plötzlich richtig sonderbar. Eine Welle physischer Erinnerung durchlief ihn. Das Gefühl ging vorbei, und nach etwas Nachdenken kam er zu der Ansicht, dass der abbremsende Wagen für einen Moment ein G durchlaufen harte. Es erschien ihm ein Bild, dass er über einen langen Pier liefe, wo unebene Bretter mit silbernen Fischschuppen zusammenplatschten. Er konnte sogar riechen, wie die salzigen Fische stanken. Ein G — merkwürdig, wie sich der Körper daran erinnerte.
Wieder in Sheffield eingetroffen, kam er wieder in den ständigen Trott, dass er Mitteilungen aufzeichnete, eingehende Antworten analysierte, sich mit alten Kumpeln und aufkommenden Mächten abgeben musste, wobei alles zusammen einen Fleckenteppich von Diskussionen ergab, die unterschiedlich schnell abliefen. Einmal, spät im nördlichen Herbst, war er in etwa fünfzig Konferenzen gleichzeitig engagiert. Es war wie mit einem Raum voller Gegner simultan blind Schach zu spielen. Aber nach drei solchen Wochen sprach es sich allmählich herum, hauptsächlich deshalb, weil Präsident Incaviglia persönlich höchst daran interessiert war, etwas gegen Amex, Mitsubishi und Armscor in die Hand zu bekommen. Er war gern bereit, etwas in die Medien dringen zu lassen von seiner Absicht, sich um angebliche Vertragsverletzungen zu kümmern.
Er tat das auch, und die Wertpapiere fielen stark in den betreffenden Sektoren. Zwei Tage später verkündete das Aufzugskonsortium, die Begeisterung für Mars-Ausreisen sei so gestiegen, dass die Nachfrage gegenwärtig das Angebot überträfe. Natürlich würden sie entsprechend ihren Gepflogenheiten die Preise erhöhen, aber sie müssten auch zeitweilig die Emigration verringern, bis mehr Städte und Bauroboter geschaffen würden.
Frank erfuhr dies zuerst durch eine Fernsehmeldung in der Bar, eines Abends bei einem einsamen Dinner. Er grinste wie ein Wolf, während er weiterkaute. »Jetzt sehen wir also, wer beim Ringen in Flugsand besser ist, du Biest.« Nach dem Essen ging er auf der Randpromenade spazieren. Er wusste, dass das nur eine Schlacht war. Und es würde ein bitterer, langer Krieg werden. Aber dennoch machte er ihm Spaß.
Dann meuterten im nördlichen Mittwinter die Bewohner der ältesten Kuppel auf dem Osthang, warfen alle UNOMA-Polizisten hinaus und schlossen sich ein. Die Russen nebenan machten es genauso.
Eine schnelle Besprechung mit Slusinski setzte Frank von der Vorgeschichte in Kenntnis. Offenbar waren beide Gruppen in der Unterabteilung für Straßenbau von Armscor beschäftigt; und beide Kuppelzelte waren mitten in der Nacht von eingedrungenen asiatischen Rowdies überfallen worden, die den Zeltstoff aufgeschlitzt, in jeder Kuppel drei Männer getötet und etliche weitere mit Messern verletzt hatten. Sowohl Amerikaner wie Russen behaupteten, die Angreifer wären yakusa in einem Rassenrausch gewesen, obwohl es sich in Franks Ohren mehr und mehr nach Subarashiis Sicherheitskräften anhörte, einer kleinen Armee, die hauptsächlich aus Koreanern bestand. Auf jeden Fall waren Polizei-Einheiten der UNOMA auf dem Schauplatz erschienen. Sie hatten festgestellt, dass die Angreifer verschwunden waren und die Kuppeln sich in Aufruhr befanden. Sie hatten beide Kuppeln versiegelt und über ihre Bewohner eine Ausgangssperre verhängt. Die Bewohner hatten sich als Gefangene empfunden, waren über diese Ungerechtigkeit erbost aus ihren Schleusen gebrochen — und hatten die durch ihre Bahnhöfe führenden Gleise mit Schweißgeräten zerstört. Auf beiden Seiten wurden einige Leute getötet. Die UNOMA-Polizei hatte massive Verstärkungen geschickt, und die Arbeiter in den beiden Kuppeln saßen nun mehr in der Falle denn je.
Wütend und entrüstet ging Frank wieder nach unten, um sich persönlich darum zu kümmern. Er musste sowohl die üblichen Einwände seines Stabes ignorieren wie auch das Verbot seitens des neuen Managers. (Helmut war zur Erde zurückgerufen worden.) Auf der Station musste er auch noch den Chef der UNOMA-Polizei kleinkriegen, kein leichtes Unterfangen. Er hatte noch nie zuvor versucht, sich so stark auf das Charisma der Ersten Hundert zu verlassen. Das machte ihn ärgerlich. Am Ende musste er bloß zwischen den Polizisten hindurchgehen — ein verrückter alter Mann, der alle zivilisierte Hemmung überwand. Und niemand wollte ihn anhalten. Diesmal nicht.