»Meinst du, wir sollten … Meinst du, wir sind …?« fragte Maya.
»In ihren Händen sicher?« sagte Frank bissig.
»Vielleicht sollten wir uns wieder zu den Flugzeugen begeben.«
»Bei Tageslicht?«
»Nun, das könnte besser sein, als hier zu bleiben«, entgegnete sie. »Ich weiß nicht, was du meinst, aber ich habe einfach keine Lust, an die Wand gestellt und erschossen zu werden.«
»Wenn sie UNOMA sind, werden sie das nicht tun«, sagte Sax.
»Da wäre ich mir nicht so sicher«, entgegnete Maya. »Auf der Erde halten uns alle für Rädelsführer.«
»Es gibt überhaupt keine Rädelsführer«, sagte Frank.
»Aber sie wollen, dass es welche gibt«, sagte Nadia.
Das ließ sie verstummen.
»Vielleicht hat jemand entschieden«, sagte Sax ruhig, »dass die Dinge leichter zu kontrollieren sind ohne uns.«
Es trafen mehr Meldungen über Einstürze in der anderen Hemisphäre ein, und Sax setzte sich vor die Schirme, um sie zu verfolgen. Ann stand hilflos hinter seiner rechten Schulter, um auch hinzusehen. Schläge dieser Art hatten sich schon immer seit der Vorzeit ereignet; und die Chance, einen live zu beobachten, konnte sie unmöglich versäumen, selbst wenn es sich um das Resultat menschlicher Aktivität handelte.
Während sie beobachteten, drängte Maya sie ständig, etwas zu unternehmen — aufzubrechen, sich zu verstecken, was auch immer, nur überhaupt etwas. Sie beschimpfte Sax und Ann, als die nicht antworteten. Frank ging fort, um zu sehen, was sich auf dem Raumflughafen ereignete. Nadia begleitete ihn bis zur Tür des Stadtbüros. Sie fürchtete, dass Maya recht hatte, mochte aber nicht weiter zuhören. Sie verabschiedete sich von Frank und trat vor das Rathaus, um den Himmel zu betrachten. Es war Nachmittag, und die vorherrschenden Westwinde fingen an, den Tharsis-Hang herunterzuwehen. Sie führten den Staub der Einschläge mit sich. Er sah am Himmel aus wie Rauch, als ob auf der anderen Seite von Tharsis ein Waldbrand wäre. Das Licht in Cairo wurde schwächer, als die Staubwolken die Sonne verdunkelten, und die Polarisation der Kuppel schuf kurze Regenbogen und Nebensonnen, als ob das ganze Gewebe der Welt in kaleidoskopische Teile zerfiele. Zusammengedrängte Massen unter einem brennenden Himmel. Nadia erschauerte. Eine dickere Wolke verdeckte die Sonne. Nadia ging hinein und zurück in die Büros. Sax sagte gerade: »Die Verfinsterung dürfte global werden.«
»Das hoffe ich«, sagte Maya. Sie ging hin und her wie eine Großkatze im Käfig. »Das wird uns helfen zu entkommen.«
»Entkommen wohin?« fragte Sax.
Maya sog die Luft zwischen den Zähnen ein. »Die Flugzeuge sind bereit. Wir könnten zu den Hellespontus Montes zurückkehren, zu den dortigen Habitaten.«
»Sie würden uns sehen.«
Frank erschien bei Sax auf dem Schirm. Er blickte auf sein Armband, und das Bild zitterte. »Ich befinde mich am Westtor mit dem Bürgermeister. Da draußen ist ein Haufen Rover. Wir haben alle Tore verschlossen, weil sie sich nicht identifizieren wollen. Offenbar haben sie die Stadt umrundet und versuchen, die Versorgungszentrale von außen aufzubrechen. Also sollten alle ihre Schutzanzüge anlegen und sich fertig machen, rauszugehen.«
Maya schrie: »Ich habe euch gesagt, wir hätten abhauen sollen!«
»Das hätten wir nicht können«, erwiderte Sax. »Im übrigen sind unsere Chancen vielleicht ebenso gut in einem Durcheinander. Wenn alle gleichzeitig einen Ausbruch machen, könnten sie zahlenmäßig überwältigt werden. Also seht, wenn etwas passiert, wollen wir uns alle am Osttor versammeln, okay?« Er sagte zum Schirm: »Frank, ihr solltet auch dorthin gehen, wenn ihr könnt. Ich werde mit den Robotern der Versorgungsanlage einige Dinge ausprobieren, die diese Leute mindestens bis zur Dunkelheit draußenhalten sollten.«
Es war jetzt drei Uhr nachmittags, obwohl es wie Dämmerung aussah, da der Himmel voller hoher, sich rasch bewegender Staubwolken war. Die Streitkräfte draußen wiesen sich als UNOMA-Polizei aus und forderten Einlass. Frank und der Bürgermeister von Cairo fragten sie nach ihrer Vollmacht seitens UN in Genf und erklärten ein Verbot aller Waffen in der Stadt. Die draußen gaben keine Antwort.
Um 4.30 Uhr gab es in der ganzen Stadt Alarm. Die Kuppel war zerstört worden, offenbar in katastrophalem Ausmaß, da ein plötzlicher Wind nach Westen durch die Straßen fegte und in jedem Gebäude die Drucksirenen ansprangen. Die Elektrizität blieb aus, und ebenso schnell wurde aus der Stadt eine zertrümmerte Schale voller rennender Gestalten in Schutzanzügen und mit Helmen, die umherrannten und sich an den Toren zusammendrängten, umgeworfen durch Windstöße oder Rempeleien. Überall platzten Fenster heraus, und die Luft war voller Plastiksplitter. Nadia, Maya, Ann, Simon und Yeli verließen das Rathaus und kämpften sich durch die Mengen zum Osttor durch. Dort herrschte großes Gedränge, weil die Schleuse offen war und sich manche Leute hindurchquetschten. Das war eine tödliche Situation für jeden, der unter die Füße geriet; und wenn die Schleuse irgendwie blockiert war, könnte das für einen jeden tödlich werden. Und dennoch ging alles lautlos vonstatten, mit Ausnahme von Helmkommunikation und einigen Explosionen im Hintergrund. Die Ersten Hundert hatten ihre alte Frequenz eingeschaltet, und durch die Statik und äußeren Lärm drang die Stimme Franks: »Ich bin jetzt am Osttor. Löst euch aus dem Gedränge, damit ich euch finden kann!« Seine Stimme war leise und sachlich. »Beeilt euch, draußen vor der Schleuse passiert etwas!«
Sie arbeiteten sich aus der Menge heraus und sahen Frank gerade diesseits der Wand, wie er eine Hand über dem Kopf schwenkte. »Los, kommt her!« sagte die entfernte Gestalt ihnen in die Ohren. »Seid keine solchen Schafe! Es hat keinen Sinn, sich wie in einer Zahnpasta-Tube zusammenquetschen zu lassen, wenn die Kuppel nicht mehr heil ist. Wir können uns überall hindurchschneiden, wo wir wollen. Lasst uns direkt zu den Flugzeugen gehen!«
»Das habe ich ja gesagt«, fing Maya an, aber Frank fuhr sie an: »Halt den Mund, Maya! Wir konnten nicht gehen, ehe sich etwas Derartiges ereignete. Erinnerst du dich?«
Es war jetzt kurz vor Sonnenuntergang. Die Sonne drang durch eine Lücke zwischen Pavonis und der Staubwolke und beleuchtete die Wolken von unten in einem infernalischen Schauspiel violetter Marsfarben. Sie warf ein teuflisches Licht auf das Menschengewühl. Und jetzt strömten Gestalten in Tarnuniformen durch Risse in der Kuppel herein. Draußen waren große Shuttle-Busse vom Raumhafen geparkt, aus denen noch mehr Truppen quollen.
Sax tauchte aus einer Gasse auf. »Ich glaube nicht, dass wir zu den Flugzeugen gelangen können«, sagte er.
Eine Gestalt im Schutzanzug und mit Helm erschien aus dem Dunkel. Sie sagte auf ihrer Frequenz: »Los, folgt mir!«
Sie starrten den Fremden an. Frank fragte: »Wer bist du?«
»Folgt mir!« Der Fremde war ein kleiner Mann, und hinter seiner Gesichtsscheibe konnten sie ein wildes Grinsen erkennen. Ein braunes, schmales Gesicht. Der Mann ging in eine Gasse, die zur Medina führte, und Maya folgte ihm als erste. Überall liefen Leute mit Helmen herum. Die ohne Helme waren tot oder sterbend auf dem Boden hingestreckt. Man konnte durch die Helme Sirenen hören, sehr schwach; und es gab dröhnende Vibrationen unter den Füßen, irgendwelche seismische Erschütterungen. Aber davon abgesehen, verlief die ganze hektische Aktivität in Stille, nur unterbrochen durch das Geräusch ihres Atems und ihre Stimmen gegenseitig in den Ohren. »Wohin?« — »Sax, bist du da?« -»Er ist dorthin gegangen!« und so fort. Eine seltsam intime Konversation in Anbetracht des düsteren Chaos, in dem sie sich abspielte. Als sie sich umschaute, trat Nadia fast auf den Kadaver einer Katze, die im Gras lag, als ob sie schliefe.
Der Mann, dem sie folgten, schien auf ihrer Frequenz eine Melodie zu summen, ein kleines bum, bum, badum-dum-dum. Vielleicht Peters Thema aus ›Peter und der Wolf‹. Er kannte die Straßen von Cairo gut, bog in dem Labyrinth ab, ohne zu zögern, und führte sie in weniger als zehn Minuten zur Stadtmauer.