»Das stimmt«, sagte Arkady. »Aber antarktische Stationen sind in Wirklichkeit höchst politisch. Die meisten von ihnen wurden eingerichtet, damit die betreffenden Länder bei der Revision des Antarktisabkommens mitsprechen könnten. Und jetzt werden die Stationen von Gesetzen beherrscht, die dieses Abkommen aufgestellt hat, welches durch einen sehr politischen Prozess zustande gekommen ist. Du darfst also nicht einfach den Kopf in den Sand stecken und rufen: ›Ich bin Wissenschaftler, ich bin Wissenschaftler!‹« Er legte eine Hand an die Stirn in der allgemeinen Geste, die eine Primadonna verspottet. »Nein. Wenn du das sagst, sagst du nur: ›Ich will nicht über komplexe Systeme nachdenken!‹ Was echten Wissenschaftlern gewiss nicht ansteht.«
»Die Antarktis wird von einem Abkommen regiert, weil dort niemand lebt außer in Forschungsstationen«, sagte Maya ärgerlich. Sollte ihr Schlußbankett, ihr letzter Moment der Freiheit, derartig kaputtgemacht werden?!
»Stimmt«, sagte Arkady. »Denkt aber an das Ergebnis! In Antarctica kann niemand Land besitzen. Kein Land und keine Organisation kann die natürlichen Schätze des Landes ausbeuten oder nehmen und anderen verkaufen, so dass manche davon profitieren, während andere für ihre Nutzung bezahlen. Seht ihr nicht, wie sich dies davon unterscheidet, wie der Rest der Welt betrieben wird? Und dies hier ist das letzte Areal auf der Erde, das organisiert werden und ein Gesetzeswerk bekommen muss. Es stellt das dar, was alle Regierungen in gemeinsamer Arbeit instinktiv für fair halten, sich offenbarend auf einem Land, das frei ist von Herrschaftsansprüchen und sogar von jeglicher Geschichte. Es ist, um es schlicht zu sagen, der beste Versuch der Erde, gerechte Eigentumsverhältnisse zu schaffen. Versteht ihr? Dies ist eine Methode, nach der die ganze Welt betrieben werden sollte, wenn wir sie nur von der Zwangsjacke der Geschichte freimachen könnten!«
Sax Russell blinzelte und sagte: »Aber, Arkady, da der Mars nach einem Abkommen regiert werden soll, das auf dem alten antarktischen beruht, was hast du dagegen einzuwenden? Der Weltraumvertrag besagt, dass kein Land Boden auf dem Mars beanspruchen kann, dass keine militärische Aktivitäten gestattet sind und alle Basen für Inspektion durch jedes Land offen stehen. Auch können keine Bodenschätze des Mars Eigentum einer einzelnen Nation sein. Die UN soll eine internationale Behörde einrichten, der alle montane oder sonstige Ausbeutung untersteht. Wenn alles nach diesen Richtlinien geschieht, was ich bestimmt erwarte, dann haben alle Nationen der Welt daran Anteil.« Er hob die Hand. »Ist nicht das, wofür du agitierst, schon geschehen?«
»Es ist ein Anfang«, erwiderte Arkady. »Aber es gibt Aspekte dieses Vertrages, die du nicht erwähnt hast. Zum Beispiel werden auf dem Mars errichtete Basen dem Land gehören, das sie gebaut hat. Wir werden amerikanische und russische Basen errichten, wie im Gesetz vorgesehen. Und damit sind wir wieder in den Alptraum irdischen Rechts und irdischer Geschichte zurückgeworfen. Amerikanische und russische Firmen werden das Recht haben, den Mars auszubeuten, solange die Profite irgendwie allen Nationen zugute kommen, die den Vertrag unterzeichnen. Das wird dazu führen, dass der UN irgendein Prozentsatz bezahlt wird, der nicht mehr als ein Bestechungsgeld ist. Ich glaube nicht, dass wir diese Maßnahmen auch nur einen Augenblick lang anerkennen sollten!«
Der Bemerkung folgte Schweigen.
Ann Clayborne sagte schließlich: »Dieser Vertrag besagt auch, dass wir Maßnahmen ergreifen müssen, um die Zerstörung der planetaren Umwelt zu verhindern. Das steht wohl in Artikel sieben. Es scheint mir ausdrücklich das Terraformen zu verbieten, über die so viele von euch reden.«
Arkady sagte schnelclass="underline" »Ich möchte sagen, dass wir auch diese Anweisung ignorieren. Unser Wohlergehen hängt davon ab.«
Dieser Gedanke war populärer als seine anderen; und mehre Leute sprachen sich dafür aus.
»Wenn ihr aber einen Artikel missachten wollt«, erklärte Arkady, »dann solltet ihr auch den Rest verwerfen. Nicht wahr?«
Es folgte ein unbehagliches Schweigen.
»All diese Veränderungen werden unvermeidlich eintreten«, sagte Sax Russell achselzuckend. »Das Leben auf dem Mars wird uns evolutionär verändern.«
Arkady schüttelte heftig den Kopf, so dass er sich ein wenig über dem Tisch drehte. »Nein, nein, nein! Geschichte ist keine Evolution! Das ist eine falsche Analogie. Evolution ist eine Sache von Umgebung und Zufall, die sich in Lebenszeiten und manchmal in Jahren abspielt, oder Monaten oder Tagen. Geschichte verläuft nach Lamarck! Wenn wir uns also entschließen, gewisse Institutionen auf dem Mars zu etablieren, wird es sie geben! Und wenn wir andere wählen, wird es diese geben.« Eine Handbewegung schloss sie alle ein, die an den Tischen Sitzenden und die, welche zwischen den Ranken umherschwebten. »Ich sage, wir sollten selbst diese Wahl treffen und das nicht Leuten hinten auf der Erde überlassen. Leuten, die eigentlich schon lange tot sind.«
Phyllis sagte scharf: »Du willst eine Art kommunaler Utopie, und das ist unmöglich. Ich sollte meinen, dass dich die russische Geschichte in dieser Hinsicht einiges gelehrt haben dürfte.«
»Das hat sie«, sagte Arkady. »Jetzt wende ich praktisch an, was sie mich gelehrt hat.«
»Indem du eine schlecht definierte Revolution befürwortest? Eine Krisensituation anstiftest? Alle gegeneinander aufhetzt?«
Eine Menge Leute nickten hierbei; aber Arkady winkte ab. »Ich lehne es ab, an dieser Stelle der Reise für die Probleme von allen verantwortlich gemacht zu werden. Ich habe nur gesagt, was ich denke. Und das ist mein Recht. Ich bereite einigen von euch Unbehagen. Und das ist euer Problem. Das kommt daher, dass euch nicht die Konsequenzen von dem gefallen, was ich sage, ihr aber keine Gründe findet, sie zu bestreiten.«
»Manche von uns können nicht verstehen, was du sagst«, rief Mary.
»Ich sage nur dies«, erklärte Arkady und starrte sie mit hervorquellenden Augen an. »Wir sind für immer auf den Mars gekommen. Wir werden nicht nur unsere Behausungen und unsere Nahrung herstellen, sondern auch unser Wasser und sogar die Luft, die wir atmen — alles auf einem Planeten, der nichts davon besitzt. Wir können das tun, weil wir die Technik haben, um Materie bis hinab zum molekularen Niveau zu manipulieren. Das ist eine außergewöhnliche Fähigkeit, denkt daran! Und dennoch können einige von uns hier sich damit abfinden, dass wir die ganze physische Realität dieses Planeten umformen, ohne auch nur das Geringste dafür zu tun, uns selbst oder unsere Lebensweise zu ändern. Als Wissenschaftler des einundzwanzigsten Jahrhunderts auf dem Mars zu sein, aber gleichzeitig in den sozialen Systemen des neunzehnten Jahrhunderts zu leben, gegründet auf Ideologien des siebzehnten Jahrhunderts — das ist absurd, das ist verrückt, es ist …« Er fasste sich an den Kopf, raufte sich das Haar und brüllte: »Es ist unwissenschaftlich! Und ich sage, unter all den vielen Dingen, die wir auf dem Mars umgestalten, sollten auch wir selbst und unsere soziale Realität sein. Wir müssen nicht nur den Mars, sondern auch uns selbst umformen.«
Niemand wagte, dem zu widersprechen. Arkady in vollem Schwung ließ sich kaum aufhalten; und viele waren durch seine Worte ernstlich herausgefordert und brauchten Zeit zum Nachdenken. Andere waren bloß verstimmt, hatten aber keine Lust, bei diesem Bankett, das als Feier gedacht war, viel Staub aufzuwirbeln. Es war einfacher, mit den Augen zu rollen und beim Toast anzustoßen: »Zum Mars! Zum Mars!« Als sie aber nach dem Dessert umherschwebten, sagte Phyllis geringschätzig: »Erst müssen wir überleben. Wie gut werden unsere Chancen stehen bei solcher Unstimmigkeit?«
Michel Duval bemühte sich, sie zu trösten. »Viele dieser Meinungsverschiedenheiten sind Symptome des Fluges. Einmal auf dem Mars, werden wir zusammenstehen. Und wir haben mehr als das, was wir auf der Ares mitgebracht haben, um uns zu helfen — wir werden haben, was die unbemannten Landegeräte schon geliefert haben: Schiffsladungen von Gerät und Nahrung auf der ganzen Oberfläche und den Monden. Das ist alles für uns dort. Die einzige Beschränkung wird unsere Ausdauer sein. Und diese Reise ist ein Teil davon. Sie ist eine Art Vorbereitung, ein Test. Wenn wir hierbei versagen, sollten wir es auf dem Mars gar nicht erst versuchen.«