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Und so näherte sich dieser sehr langsame Zyklus seiner zweiten Runde. Aber während sich der Planet abkühlte, geschah dies alles immer langsamer in allmählicher Verzögerung wie eine ablaufende Uhr. Der Planet gewann die Gestalt, in der wir ihn sehen. Aber Veränderung hört nie auf. Die rastlosen Winde erodierten das Land mit Staub, der immer feiner wurde. Und die Exzentrizität der Marsbahn bewirkte, dass die südliche und nördliche Hemisphäre in einem Zyklus von 51000 Jahren die kühlen und warmen Winter vertauschten, so dass trockene und wässrige Eiskappen ihre Plätze wechselten. Jede Schwingung dieses Pendels deponierte eine neue Schicht von Sand, und die Täler neuer Dünen durchschnitten ältere Schichten in einem Winkel, bis der Sand um die Pole herum ein Tüpfelmuster nach Art der Navajo-Sandbilder zeigte, das den ganzen Oberteil der Welt umspannte.

Die farbigen Sande in ihren Mustern, die geriffelten und gezackten Wände der Canyons, die sich in den Himmel reckenden Vulkane, das lockere Gestein des chaotischen Geländes, die Unmenge an Kratern — beringten Emblemen vom Anfang des Planeten … Noch schöner oder herber als das: knapp, streng, nackt, schweigend, stoisch, steinig, unveränderlich. Erhaben. Die sichtbare Sprache der mineralen Existenz der Natur.

Mineralisch — nicht animalisch, noch vegetabilisch oder von Viren bestimmt. Das hätte passieren können. Es geschah aber nicht. Es gab nie eine Urzeugung aus den Tonen oder den schwefelhaltigen heißen Quellen. Keine Spore fiel aus dem Weltraum herunter, keine Berührung eines Gottes fand statt. Was auch immer Leben in Gang bringt (denn wir wissen nicht, was), es geschah nicht auf dem Mars. Der Mars rollte als ein Beweis für die Andersartigkeit der Welt, für ihre steinige Vitalität.

Und dann, eines Tages …

Sie trat mit beiden Beinen kräftig auf den Boden. Es war nichts problematisch dabei. Die vertraute Schwere nach neun Monaten in der Ares. Und mit dem Gewicht des Anzugs war es nicht viel anders, als auf der Erde zu gehen, soweit sie sich erinnern konnte. Der Himmel war rosa, mit sandfarbenen Tönungen, eine Nuance kräftiger und feiner als auf allen Fotos. Ann sagte: »Seht euch den Himmel an!« Maya schwatzte so dahin. Sax und Vlad drehten sich wie rotierende Figuren. Nadezhda Francine Cherneshevsky machte einige weitere Schritte und fühlte, wie ihre Stiefel die Oberfläche knirschend zusammendrückten. Sie bestand aus durch von Salz verhärtetem Sand, einige Zentimeter dick, und knackte, wenn man darüberging. Die Geologen sprachen von Durikruste oder Caliche — rohem Salpeter. Die Stiefelabdrücke waren von kleinen radialen Brüchen gerändert.

Maya war draußen und vom Lander entfernt. Der Boden war dunkel orangerostfarben, bedeckt mit einer ebenen lockeren Gesteinsschicht der gleichen Farbe, wenn auch manche Sterne rote, schwarze oder gelbe Töne aufwiesen. Im Osten standen einige Landevehikel, jedes von anderer Form und Größe, deren Spitzen über den Horizont herausragten. Alle waren so orangerot verkrustet wie der Boden. Das war ein seltsamer, erregender Anblick, als wäre man auf einen lange aufgegebenen fremdartigen Raumflughafen geraten. Ein Teil von Baikonur könnte in einer Million Jahren so aussehen.

Sie ging zu einem der nächsten Lander, einem Frachtbehälter von der Größe eines Einfamilienhauses, und setzte sich auf das Gerippe eines vierbeinigen Raketenaggregates, das so aussah, als hätte es schon seit Jahrzehnten da gelegen. Die Sonne stand über den Köpfen, zu grell, um sie auch durch ein Schutzvisier anzuschauen. Es ließ sich durch die Polarisations- und andere Filter schwer beurteilen; aber ihr schien, dass das Tageslicht dem auf der Erde sehr ähnlich war, so weit sie sich entsinnen konnte. Ein heller Wintertag.

Sie schaute sich wieder um und wollte alles in sich aufnehmen. Sie stand auf einem leicht hügligen Gelände, das von kleinen scharfkantigen Steinen bedeckt war, die alle zur Hälfte im Staub steckten. Hinten im Westen wurde der Horizont durch einen kleinen Berg mit flachem Gipfel markiert. Es konnte ein Kraterrand sein. Das war schwer zu sagen. Ann war schon halbwegs dort und immer noch eine recht große Gestalt. Der Horizont war näher, als es richtig schien. Nadia machte eine Pause, um das festzustellen. Sie vermutete, dass sie sich bald daran gewöhnt haben und es nicht mehr bemerken würde. Aber er war nicht erdgemäß, dieser merkwürdig nahe Horizont, das erkannte sie jetzt deutlich. Sie stand auf einem kleineren Planeten.

Sie machte einen angestrengten Versuch, sich die Erdschwere ins Gedächtnis zu rufen und wunderte sich, dass das so schwierig war. Das Gehen in den Wäldern, durch die Tundra und im Winter über das Eis der Flüsse … und jetzt: Schritt um Schritt. Der Boden war flach, aber man musste sich zwischen den überall vorhandenen Felsblöcken einen Weg suchen. Es gab auf der Erde keinen ihr bekannten Ort, wo die so reichlich und gleichmäßig verteilt waren. Ein Sprung: Sie machte ihn und lachte. Selbst mit ihrem Anzug merkte sie, dass sie leichter war. Sie war ebenso stark wie je, wog aber nur dreißig Kilo! Dazu die vierzig Kilo des Anzugs … Nun, der störte ihr gewiss die Balance. Sie hatte ein Gefühl, als wäre sie hohl geworden. Ihr Schwerpunkt war nämlich verlagert. Er lag jetzt außerhalb des Körpers, mehr außerhalb ihrer Muskulatur als innerhalb. Natürlich lag das am Anzug. Im Innern des Habitats würde es so sein, wie es in der Ares gewesen war. Aber hier draußen im Anzug war sie eine hohle Frau. Indem sie das bedachte, konnte sie sich plötzlich leichter bewegen, über einen Felsblock springen, herunterkommen und sich drehen, tanzen! Einfach in die Luft hüpfen, tanzen und auf einem flachen Felsen landen — sich umschauen.

Sie stolperte, landete auf einem Knie und beiden Händen. Ihre Handschuhe stießen durch die Staubkruste. Die fühlte sich an wie eine Schicht von der Sonne zusammengebackenen Sandes am Strand, nur härter und spröder. Wie ausgetrockneter Schlamm. Und kalt! Ihre Handschuhe waren nicht so geheizt wie die Stiefel; und es gab nicht genügend Isolation, wenn man direkt den Boden berührte. Es war, als ob man Eis mit bloßen Fingern anfasste. Oha! etwa 185 Kelvin, wie ihr einfiel, oder minus 90 Grad Celsius. Kälter als Antarctica und Sibirien im schlimmsten Falle. Ihre Fingerspitzen waren taub. Sie würden bessere Handschuhe brauchen, um arbeiten zu können, die wie ihre Stiefelsohlen mit Heizelementen bestückt wären. Dadurch würden sie dicker und weniger flexibel werden. Sie müsste ihre Fingermuskeln wieder in Form bringen.