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Als sie einige Windmühlen neu verdrahtet hatte, klopfte sie an die Verbindungstür zum Cockpit. Arkady sagte: »Ann meint, dass die Winde dicht in Bodennähe am langsamsten sein würden.«

»Gut! Wir müssen landen, um diese Windmühlen außen anzubringen.«

Also gingen sie an diesem Nachmittag blind herunter und ließen den Anker schleppen, bis er sich festhakte und hielt. Der Wind war hier schwächer, aber auch so war das Absenken Nadias in der Schlinge schrecklich. Immer tiefer hinein in die rasende Wolken aus gelbem Staub schwang sie vor und zurück. Und dann war der Boden direkt unter ihren Füßen! Sie traf auf und zog sich an einen Halt. Einmal aus der Schlinge heraus, stemmte sie sich gegen den Wind, der sie trotz geringer materieller Dichte geradezu mit Schlägen traktierte. Ihr altes Gefühl von Hohlheit war überdeutlich. Die Sicht schwankte in Wellen; und der Staub flog so rasch vorbei, dass er ihr die Orientierung raubte. Auf der Erde würde ein derart schneller Wind einen einfach hochheben und wie einen Strohhalm in einem Tornado herumschleudern.

Aber hier konnte man sich, wenn auch nur sehr knapp, am Boden halten. Arkady hatte das Luftschiff langsam an der Ankerwinde heruntergezogen, und jetzt blähte es sich über ihr wie ein grünes Dach. Darunter war es unheimlich finster. Nadia spulte die Drähte zu den Turboprops an den Flügelspitzen ab, befestigte sie am Schiff und klemmte sie an die Kontakte im Innern. Sie arbeitete rasch, um nur möglichst kurz dem Staub ausgesetzt zu sein und unter der Arrowhead hervorzukommen, die im Wind hüpfte. Mit Mühe bohrte sie Löcher in den Boden der Gondel und befestigte zehn Windmühlen mit Schrauben. Während sie die Verdrahtung von dort zu dem Rumpf aus Plastik zog, sank das ganze Luftschiff so schnell, dass sie sich mit gespreizten Armen und Beinen mit dem Gesicht auf den kalten Boden fallen lassen musste. Der Bohrer war ein harter Brocken unter ihrem Magen. »Mist!« brüllte sie. Arkady rief über Interkom: »Was ist los?« Sie sagte: »Nichts«, sprang auf und machte noch schneller weiter. »Verfluchtes Ding! Es ist, als ob man auf einem Trampolin arbeiten würde …« Als sie dann fertig wurde, frischte der Wind wieder auf, und sie musste zurück in den Bombenschacht kriechen. Ihr Atem rasselte in heftigen Stößen.

»Das verdammte Ding hat mich beinahe zerquetscht!« brüllte sie Arkady nach vorn zu, als sie den Helm abgenommen hatte. Während er arbeitete, den Anker loszuhaken, stolperte sie im Innern der Gondel herum, griff sich Dinge, die sie nicht brauchen würden, und warf sie in den Bombenschacht. Eine Lampe, eine der Matratzen, die meisten Küchenutensilien und Essgeschirr, einige Bücher, alle Gesteinsproben. Dann ging sie in den Schacht und ließ alles fröhlich hinunterplumpsen. Sie dachte, falls jemals ein Reisender auf diesen Haufen stoßen würde, er sich bestimmt wundern würde, was da passiert war.

Sie mussten beide Propeller mit voller Kraft laufen lassen, um den Anker frei zu bekommen. Als es ihnen endlich gelang, flogen sie dahin wie ein welkes Blatt im November. Sie ließen die Motoren weiter voll laufen, um so schnell wie möglich Höhe zu gewinnen. Es lagen einige kleine Vulkane zwischen Olympus und Tharsis, und Arkady wollte einige hundert Meter über ihnen fahren. Der Radarschirm zeigte, dass Ascraeus Mons hinter ihnen zurückblieb. Als sie gut nördlich von ihm waren, konnten sie nach Ost wenden und versuchen, einen Kurs um die Nordflanke von Tharsis zu finden und dann hinab nach Underhill.

Aber im Verlauf der langen Stunden stellten sie fest, dass der Wind den Nordhang von Tharsis herabgebraust kam, genau ihnen entgegen, so dass sie auch bei voller Kraft nach Südosten gewandt höchstens nach Nordosten vorankommen konnten. Bei den Versuchen, gegen den Wind zu kreuzen, hüpfte die arme Arrowhead wie ein Gleitflieger und riss sie auf und ab, auf und ab, als ob die Gondel unter einem Trampolin befestigt wäre. Aber trotz allem kamen sie nicht in der gewünschten Richtung voran.

Es wurde wieder dunkel. Sie wurden weiter nach Nordosten getrieben. Bei diesem Kurs würden sie Underhill um einige hundert Kilometer verfehlen. Und dahinter nichts, überhaupt keine Siedlungen, keine Zuflucht. Sie würden über Acidalia geblasen werden, hinauf zu Vastitas Borealis und dem leeren versteinerten Meer schwarzer Dünen. Und sie hatten nicht genug Nahrung und Wasser, um den Planeten noch einmal zu umrunden und es noch einmal zu versuchen.

Nadia fühlte Staub in Mund und Augen. Sie ging wieder in die Küche und erwärmte ihnen eine Mahlzeit. Sie war schon erschöpft, und als der Geruch von Essen die Luft erfüllte, merkte sie, dass sie auch sehr hungrig war. Außerdem durstig. Und der Wasseraufbereiter wurde mit Hydrazin betrieben …

Bei dem Gedanken an Wasser kam ihr ein Bild von der Fahrt zum Nordpol in den Sinn: Die geborstene Permafrostleitung mit ihrem weißen Schwall von Wasser-Eis. Aber wieso war das wichtig? Wieso kreisten ihre Gedanken um dieses Bild?

Sie begab sich wieder ins Cockpit, wobei sie sich bei jedem Schritt an einer Wand festhielt. Sie aß mit Arkady eine kleine Mahlzeit. Staub knirschte zwischen den Zähnen. Arkady wandte keinen Blick vom Radarschirm und sagte nichts. Aber er sah besorgt aus.

Ah! »Schau«, sagte sie, »wenn es uns gelänge, die Signale von den Transpondern auf unserer Straße zu Chasma Borealis zu empfangen, könnten wir dort landen. Dann könnte ein Robot-Rover ausgeschickt werden, um uns zu holen. Der Sturm würde den Rovern nichts ausmachen, da sie sowieso nicht auf Sicht fahren. Wir könnten die Arrowhead vertäut dalassen und nach Hause fahren.«

Arkady sah sie an und hörte auf zu kauen. »Eine gute Idee«, sagte er.

Aber nur, wenn sie die Signale des Transponders wirklich empfangen konnten. Arkady drehte am Radio und rief Underhill. Die Verbindung knisterte von Störungen, die fast so stark waren wie der Staub; aber sie konnten sich dennoch verständlich machen. Während der ganzen Nacht konferierten sie mit den Leuten zu Hause, diskutierten Frequenzen, Bandbreiten, das Maß, wie der Staub die recht schwachen Signale des Transponders überdecken könnte, und so weiter. Weil die Transponder nur dafür konstruiert waren, Rovern, die in der Nähe und auf dem Boden waren, Signale zu übermitteln, würde es problematisch sein, sie zu hören. Underhill könnte imstande sein, ihre Position gut genug zu bestimmen, um ihnen mitzuteilen, wann sie heruntergehen müssten; und ihre eigene Radarkarte würde ihnen auch eine allgemeine Ortung der Straße liefern. Aber keine dieser Methoden war exakt genug, und es wäre fast unmöglich, die Straße in dem Sturm zu finden, wenn sie nicht direkt auf ihr landeten. Zehn Kilometer nach beiden Seiten, und sie läge hinter dem Horizont. Dann hätten sie Pech gehabt. Es wäre viel sicherer, wenn sie sich an eines der Transpondersignale anhängen und ihm nach unten folgen könnten.

Für jeden Fall schickte Underhill einen Robotrover auf die Straße nach Norden. Er würde in etwa fünf Tagen in dem Gebiet der Straße ankommen, das sie wahrscheinlich kreuzen würden. Bei ihrer derzeitigen Geschwindigkeit von fast dreißig Kilometern pro Stunde würden sie selbst in etwa vier Tagen dort eintreffen.

Als die Vereinbarungen getroffen waren, lösten sie sich während des Restes der Nacht bei der Wache ab.

Nadia schlief schlecht, wenn sie Freiwache hatte, lag einen großen Teil der Zeit auf dem Bett und fühlte, wie der Wind sie umherstieß. Die Fenster waren so dunkel, als wären Vorhänge zugezogen. Das Brüllen des Windes war wie ein Gasofen und manchmal wie von Todesengeln. Einmal träumte ihr, sie wäre in einem großen Hochofen voller Feuerdämonen. Sie wachte schwitzend auf und ging nach vorn, um Arkady abzulösen. Die ganze Gondel roch nach Schweiß, Staub und verbranntem Hydrazin. Trotz allen Mikronsiegeln der Dichtungen lag auf allen Flächen in der Gondel ein sichtbarer weißlicher Belag. Sie wischte mit den Fingern über ein blaues Kunststoffschott und starrte auf deren Spuren. Unglaublich.