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All diese Anpassungsfähigkeiten sind in Genen codiert und werden darin weitergegeben. Wenn die Gene mutieren, verändern sich die Organismen. Wenn die Gene verändert werden, ändern sich die Organismen auch. Bioingenieure benutzen diese beiden Formen von Veränderungen, indem sie nicht nur rekombinierende Gene verspleißen, sondern auch auf viel ältere Weise Zuchtauswahl betreiben. Mikroorganismen werden auf Schalen aufgetragen; und diejenigen von ihnen, welche am schnellsten wachsen (oder am stärksten das gesuchte Merkmal aufweisen), können aussortiert und wieder aufgetragen werden. Man kann Mutagene hinzufügen, um die Mutationsrate zu erhöhen. Und in schneller Aufeinanderfolge mikrobischer Generationen (sagen wir zehn pro Tag) kann man diesen Prozess wiederholen, bis man etwas wie das bekommt, was man will. Selektive Zucht ist eine der mächtigsten Biotechniken, die wir besitzen.

Aber die neueren Techniken gewinnen immer mehr Beachtung. Gentechnisch erzeugte Mikroorganismen gab es seit ungefähr einem halben Jahrhundert, als die ›Ersten Hundert‹ auf dem Mars eintrafen. Aber ein halbes Jahrhundert ist in der Wissenschaft eine lange Zeit. In diesen Jahren sind plasmidische Konjugate zu sehr verfeinerten Werkzeugen geworden. Das Angebot an Restriktionsenzymen zum Trennen und Ligase-Enzymen zum Verbinden war groß und vielseitig. Man fand eine Möglichkeit, lange DNA-Ketten exakt auseinander zuziehen. Das über Genome angesammelte Wissen war immens und wuchs exponentiell. Unter Benutzung von alledem erlaubte die neue Biotechnik alle Arten von Merkmalmobilisierung, Förderung, Replikation, ausgelöstem Selbstmord (um exzessiven Erfolg anzuhalten) und so fort. Es war möglich, genau die DNA-Sequenzen aus einem Organismus zu finden, der die gewünschte Eigenschaft aufwies, um diese DNA-Mitteilungen zu synthetisieren, zu schneiden und in plasmidische Ringe zu verbinden. Danach wurden Zellen gewaschen und mit den neuen Plasmiden in Glyzerin aufgeschwemmt, das zwischen zwei Elektroden schwebend einem kurzen heftigen Schock von ungefähr 2000 Volt ausgesetzt wurde. Dann schossen die Plasmide in dem Glyzerin in die Zellen und — voila! Da war, zum Leben erweckt wie Frankenstein, ein neuer Organismus. Mit neuen Fähigkeiten.

So also kam es auch zu schnellwachsenden Flechten, strahlungsresistenten Algen, gegen extreme Kälte unempfindlichen Schwämmen, salzliebenden Archaebakterien, die Salz verspeisen und Sauerstoff ausscheiden, superarktischen Moosen. Eine ganze Taxonomie neuer Lebensformen, alle partiell der Marsoberfläche angepasst, denen allen ein Versuch damit geboten wurde. Manche Spezies starben aus: natürliche Selektion. Manche gediehen: Überleben der Tüchtigsten. Manche wucherten wild auf Kosten anderer Organismen; und dann aktivierten Chemikalien in ihren Ausscheidungen ihre Selbstmord-Gene, und sie starben so weit aus, bis der Anteil dieser Chemikalien wieder sank.

So passt sich das Leben den Umständen an. Und gleichzeitig werden die Umstände durch das Leben verändert. Das ist eine der Definitionen von Leben: Organismus und Umwelt verändern sich gemeinsam in reziprokem Verhältnis, da sie zwei Manifestationen einer Ökologie sind, zwei Teile eines Ganzen.

Daher also kamen mehr Sauerstoff und Stickstoff in die Luft. Schwarzer Flaum auf dem Polareis. Schwarzer Flaum auf den ausgezackten Flächen von blasigem Gestein. Blaßgrüne Flecken auf dem Boden. Größere Reifkörner in der Luft. Winzige Lebensformen, die durch die Tiefen des Regoliths kriechen wie Milliarden von Maulwürfen und Nitrite zu Stickstoff und Oxide zu Sauerstoff umwandeln.

Zuerst war es fast unsichtbar und sehr langsam. Bei einer Kältewelle oder einem Sonnensturm gab es massenhaft Todesfälle, ganze Spezies wurden in einer Nacht ausgelöscht. Aber die Überbleibsel der toten ernährten andere Kreaturen. Für diese waren die Bedingungen so leichter, und der Prozess gewann an Schwung. Bakterien vermehren sich rasch. Sie verdoppeln ihre Masse oftmals am Tag, wenn die Verhältnisse stimmen. Die mathematischen Möglichkeiten für ihre Wachstumsgeschwindigkeit sind atemberaubend. Und obwohl Beschränkungen in der Umwelt — besonders auf dem Mars — jedes wirkliche Wachstum weit unter den mathematischen Grenzen halten, haben sich die neuen Organismen, die Archaeophyten, schnell vermehrt, manchmal mutiert, sind immer gestorben. Und die neuen haben sich vom Kompost ihrer Ahnen ernährt und wieder vermehrt. Sie lebten und starben. Und was an Boden und Luft zurückblieb, war anders als vor diesen Millionen kurzer Generationen.

So geht also eines Morgens die Sonne auf und schießt lange Strahlen durch das zerrissene Gewölk auf Valles Marineris. Auf den Nordwänden erkennt man kleine Spuren von Schwarz, Gelb, Oliv, Grau und Grün. Flecke von Flechten punktieren die vertikalen Felsen, die so dastehen, wie sie es immer getan haben — steinig und zerborsten und rot; aber jetzt gefleckt wie von Schimmel.

Michel Duval träumte von zu Hause. Er schwamm in der Brandung von Villefranche-sur-Mer. Das warme Augustwasser hob ihn hoch und hinunter. Es war windig, nahe Sonnenuntergang, und das Wasser war eine träge weiße Bronze, über die das Sonnenlicht hüpfte. Die Wellen waren für das Mittelmeer groß, schnelle Brecher, die in Böen aufstiegen und rasch ungleichmäßig zusammenbrachen, was ihm ermöglichte, einen Moment lang auf den Wellen zu reiten. Dann ging es nach unten in einem Durcheinander von Blasen und Sand und wieder nach oben in einen Schwall von goldenem Licht und Salzgeschmack allenthalben. Seine Augen juckten heftig. Große schwarze Pelikane ritten wie auf Luftkissen über die Wellen, flogen in steilen, unbeholfenen Wendungen auf, hielten inne und fielen gleich neben ihm ins Wasser. Beim Sturzflug legten sie ihre Flügel halb zusammen und operierten mit ihnen bis zum Moment des plumpen Aufschlagens im Wasser. Oft kamen sie hoch und verschluckten dabei kleine Fische. Ein Pelikan platschte gerade ein Meter von ihm entfernt auf. Gegen die Sonne bot er die Silhouette eines Stuka oder Pterodaktylus. Kühl und warm, in Salz eingetaucht, tanzte Michel auf der Flut und zwinkerte, vom Salz erblindet. Eine sich brechende Woge sah aus wie Diamanten, die zu Creme zerpulvert sind.

Sein Telefon klingelte.

Sein Telefon klingelte. Es waren Ursula und Phyllis, die ihm sagten, dass Maya wieder einen Anfall hätte und untröstlich wäre. Er stand auf, legte Unterzeug an und ging ins Bad. Wellen leckten über eine Gegenströmung. Maya, wieder deprimiert. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie guter Dinge gewesen, fast euphorisch. Wann war das gewesen? Vor einer Woche? Aber so war Maya. Maya war verrückt. Allerdings verrückt auf eine russische Art, was hieß, sie war eine Macht, mit der man rechnen musste. Mütterchen Russland! Sowohl die Kirche wie die Kommunisten hatten das ihnen vorausgegangene Matriarchat auszurotten gesucht; und alles, was sie erreichten, war eine bittere, entnervende Wut, eine ganze Nation voller geringschätziger russalkas und baba yagas und vierundzwanzig Stunden am Tag aktiver Überweiber, die in einer fast parthenogenen Kultur von Müttern, Töchtern, Babushkas und Enkelinnen lebten. Die aber dennoch zwangsweise in ihren Beziehungen mit Männern absorbiert waren und verzweifelt versuchten, den verlorenen Vater, den perfekten Gatten zu finden. Oder bloß eben einen Mann, der seinen Teil an der Last tragen würde. Die große Liebe finden und sie in der Mehrzahl der Fälle nicht zerstören. Verrückt!

Nun, es war gefährlich, zu verallgemeinern. Aber Maya war ein klassischer Fall. Launisch, ärgerlich, dem Flirt zugetan, brillant, charmant, manipulierend, intensiv … Und jetzt nahm sie sein Büro ein wie ein riesiger Abfallklumpen, ihre Augen mit roten Rändern und von Blut unterlaufen, ihr Mund schmal, verstört. Ursula und Phyllis nickten und dankten Michel flüsternd dafür, dass er so früh aufgestanden war. Dann gingen sie. Er trat an die türhohen Fensterjalousien und öffnete sie. Das Licht strömte von der Zentralkuppel herein. Ihm wurde wieder bewusst, dass Maya eine schöne Frau war, mit wildem, schimmerndem Haar und einem verschleierten charismatischen Blick, unmittelbar und direkt. Es war ein Jammer, sie hier so aufgeregt zu sehen. Daran würde er sich nie gewöhnen. Es kontrastierte zu sehr mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit, mit der Art, wie sie einem den Finger auf den Ann legen konnte, wenn sie in vertraulichem Ton über das eine oder andere faszinierende Thema plapperte …