Выбрать главу

Alles seltsam nachgeahmt von dieser verzweifelten Kreatur, die sich über seinen Tisch lehnte und ihm mit abgerissener heiserer Stimme über die letzte Szene in dem laufenden Drama von ihr und John und dann wieder Frank berichtete. Offenbar hatte sie sich über John erzürnt wegen seiner Weigerung, ihr bei einem Plan zu helfen, einige der russisch fundierten Multinationalen dazu zu bringen, die Entwicklung von Siedlungen im Hellas-Becken zu unterschreiben, welches der tiefste Punkt auf dem Mars war und als erster von den atmosphärischen Veränderungen profitieren würde, die sich gerade abzeichneten. Der Druck in Low Point, vier Kilometer unter dem Bezugsniveau, pflegte immer zehnmal stärker zu sein als auf den Gipfeln der großen Vulkane und dreimal stärker als auf Normalhöhe. Es würde der erste für Menschen annehmbare Ort sein, perfekt für Entwicklung.

Aber offenbar zog Frank es vor, über UNOMA und Regierungen zu arbeiten. Und genau das war eine der fundamentalen politischen Meinungsverschiedenheiten, die ihr persönliches Leben zu vergiften begannen — bis dahin, dass sie oft über andere Dinge stritten, die keine Rolle spielten und wegen derer sie sich früher nie gezankt hatten.

Michel beobachtete sie und hätte beinahe gesagt, dass John den Streit mit ihr wünschte. Er war sich nicht sicher, was John dazu sagen würde. Maya rieb sich die Augen, stützte die Stirn auf seinen Schreibtisch und zeigte den Nacken und ihre breiten geschmeidigen Schultern. Sie würde vor den meisten Bewohnern von Underhill niemals so aufgewühlt erscheinen. Das war eine Intimität zwischen ihnen, etwas, das sie nur mit ihm teilte. Es war, als hätte sie ihre Kleider abgelegt. Die Leute verstanden nicht, dass wahre Intimität nicht aus Geschlechtsverkehr bestand, den man mit Fremden und sogar in einem Zustand völliger Abgeneigtheit ausüben konnte. Intimität bestand darin, dass man stundenlang über das sprach, was einem in seinem Leben das Wichtigste war. Obwohl sie nackt wirklich schön war. Sie hatte perfekte Proportionen. Michel erinnerte sich daran, wie sie beim Schwimmen im Becken aussah, wenn sie den Rückenschlag in einem blauen, hoch über den Hüften ausgeschnittenen Badeanzug ausführte. Ein mediterranes Bild: Er schwebte im Wasser bei Villefranche, alles überflutet vom bernsteinfarbenen Licht der Abendsonne; und er blickte auf den Strand, wo Männer und Frauen spazierten — nackt bis auf die Nylondreiecke von cache-sexe-Badeanzügen. Braunhäutige barbusige Frauen, die paarweise wie Tänzer im Sonnenlicht einherschritten. Dann Delphine, die zwischen ihm und dem Strand aus dem Wasser schossen, und deren geschmeidige schwarze Körper gerundet waren wie die der Frauen …

Aber jetzt redete Maya über Frank. Frank, der einen sechsten Sinn für Probleme zwischen John und Maya hatte (sechs wären gar nicht nötig), und der jedes Mal zu Maya rannte, wenn er die Anzeichen spürte, um mit ihr zu plaudern und über seine Vision vom Mars zu sprechen, die progressiv, erregend, ehrgeizig war — alles das, was John nicht war. »Frank ist in diesen Tagen so viel dynamischer als John. Ich weiß nicht, warum.«

»Weil er mit dir übereinstimmt«, sagte Michel.

Maya zuckte die Achseln. »Vielleicht ist das alles, was ich meine. Aber wir haben eine Chance, hier eine ganze Zivilisation aufzubauen, ganz gewiss. Aber John ist so …« Tiefer Seufzer. »Und dennoch liebe ich ihn, wirklich! Aber …«

Sie sprach eine Weile über ihre Vergangenheit, wie ihre Affäre die Reise vor Anarchie (oder zumindest Langeweile) gerettet hatte, wie Johns lässige Festigkeit ihr gut getan hatte. Wie sie auf ihn zählen konnte. Wie beeindruckt sie gewesen war durch seinen Ruhm, wie sie gefühlt hatte, dass die Liaison sie für immer zu einem Teil der Weltgeschichte machte. Aber jetzt verstand sie, dass sie ohnehin ein Teil der Weltgeschichte sein würde. Das galt für all die Ersten Hundert. Sie hob die Stimme, wurde schneller und heftiger. »Ich werde John jetzt nicht mehr dafür benötigen. Ich brauche ihn nur wegen dessen, was ich für ihn empfinde. Aber jetzt sind wir über nichts mehr einer Meinung und sind uns nicht sehr ähnlich; und Frank, der so aufmerksam gewesen ist, sich zurückzuhalten, ganz gleich, um was es ging, wir stimmen in fast allem überein, und ich bin davon so begeistert gewesen, dass ich ihm wieder das falsche Zeichen gegeben habe; und so hat er es auch wieder getan. Gestern im Schwimmbecken hat er — weißt du — hat er mich gehalten, meine Arme in seine Hände genommen …« — sie kreuzte die Arme und nahm den Bizeps in die Hände — »und mich gebeten, John um seinetwillen zu verlassen, was ich nie tun würde. Er hat mich geschüttelt und ich habe gesagt, ich könnte nicht; aber ich zitterte auch.« So war sie später aufs äußerste gereizt und hatte einen Streit mit John angefangen, so heftig, dass er wirklich wütend geworden war. »Er hat einen Rover genommen, ist zu Nadias Arkade gefahren und hat dort die Nacht mit dem Bauteam verbracht.« Frank war gekommen, um wieder mit ihr zu sprechen. Als sie ihn offen abgewiesen hatte, hatte er erklärt, er würde in die europäische Siedlung auf der anderen Seite des Planeten ziehen — er, der die treibende Kraft der Kolonie war!

»Und das wird er wirklich tun. Er ist nicht jemand, der bloß droht. Er hat auf seine Weise Deutsch gelernt. Sprachen fallen ihm leicht.«

Michel versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was sie sagte. Das war schwierig, weil er recht gut wusste, dass in einer Woche alles anders sein würde. Die ganze Dynamik in diesem kleinen Trio änderte sich in unverständlicher Weise. Es war also schwierig, etwas daran zu ändern. Was war mit seinen Schwierigkeiten? Die gingen sehr viel tiefer. Aber niemand hatte ihm je zugehört. Er ging vor dem Fenster auf und ab und redete ihr mit den üblichen Fragen und Bemerkungen zu. Das Grünzeug im Atrium war erfrischend. Es hätte ein Hinterhof in Arles oder Villefranche sein können. Oder plötzlich erinnerte es ihn an Avignons schmale, von Zypressen überwölbte Plaza und ihre Cafetische, die im Sommer nach Sonnenuntergang genau die Farbe des Mars hatten. Das Aroma von Oliven und Rotwein …

»Lass uns spazieren gehen!« sagte er. Sie überquerten das Atrium und gingen zu den Küchen. So konnte Michel ein Frühstück essen, das er beim Schlucken fast vergaß. Wir sollten Essen Vergessen nennen, dachte er, als sie um die Halle herum zu den Schleusen gingen. Sie legten Schutzanzüge an — Maya betrat ein Umkleidezimmer, um ihr Unterzeug anzulegen. Sie überprüften die Anzüge, gingen in die Schleuse, ließen den Druck ab und traten ins Freie.

Die diamantene Kälte. Sie blieben einige Zeit auf den Gehwegen, die um Underhill verliefen und machten eine Tour zur Grube und ihren großen Salzpyramiden. Er sagte: »Glaubst du, dass man je eine Anwendung für dies Salz finden wird?«

»Sax arbeitet noch daran.«

Von Zeit zu Zeit kam Maya wieder auf John und Frank zu sprechen. Michel stellte die Fragen, die ein routinemäßiges psychiatrisches Programm gestellt hätte, und Maya antwortete so, wie ein Maya-Programm geantwortet hätte. Ihre Stimmen klangen einander direkt in den Ohren — die Intimität des Interkom.

Sie kamen zur Flechtenfarm, und Michel blieb stehen, um über die Schalen zu blicken und ihren intensiven lebendigen Duft einzuatmen. Schwarze Schneealgen und dann dicke Matten von Flechten, bei denen der Algen-Symbiont ein blaugrüner Strang war, den Vlad gerade allein gezüchtet hatte. Rote Flechten schienen nicht so gut zu gedeihen. Überflüssig auf jeden Fall. Gelbe Flechten, olive Flechten, eine Flechte, die genau wie der Tarnanstrich eines Schlachtschiffs aussah. Flockiges Weiß und limonengrüne Flechten — lebendiges Grün! Es pulsierte im Auge, eine üppige und unwahrscheinliche Wüstenpflanze. Er hatte gehört, wie Hiroko beim Anblick einer solchen gesagt hatte: »Dies ist viriditas.« Das war Latein für ›grünende Kraft‹. Das Wort hatte eine christliche Mystikerin im Mittelalter geprägt, eine Frau namens Hildegard. Viriditas war jetzt den hiesigen Verhältnissen angepasst und verbreitete sich langsam über die Tieflande der nördlichen Hemisphäre. In den südlichen Sommern gedieh es sogar noch besser. An einem Tage hatte man über 285 Kelvin erreicht, eine Rekordhöhe von zwölf Grad Celsius. »Die Welt verändert sich«, bemerkte Maya, als sie an den Wohnungen vorbeigingen. »Ja«, sagte Michel und konnte nicht vermeiden hinzufügen: »Nur noch dreihundert Jahre, bis wir lebensgerechte Temperaturen erreichen.«