Maya lachte. Sie fühlte sich besser. Bald würde sie wieder auf der Höhe sein oder sich mindestens auf dem Weg zum Wohlgefühl befinden. Maya war labil. Stabilität/Labilität war das jüngste Merkmal, das Michel bei den Ersten Hundert beobachtet hatte. Maya stellte den Extremfall an Labilität dar.
Sie sagte: »Lass uns hinausfahren und die Arkade besuchen.« Michel stimmte zu und fragte sich, was passieren könnte, wenn sie auf John träfen. Sie gingen zum Parkplatz und ließen sich ein Straßenfahrzeug zuteilen. Michel fuhr den kleinen Jeep und hörte Mayas Reden zu. Änderte sich eine Konversation, wenn die Stimmen von den Körpern getrennt waren und durch Helmmikrofone direkt in die Ohren der Hörer eindrangen? Es war, als wäre man ständig am Telefon, selbst wenn die Person, mit der man sprach, dicht bei einem saß. Oder — war das besser oder schlechter? — als wenn man es mit Telepathie zu tun hätte.
Die Zementstraße war eben, und er fuhr mit der Höchstgeschwindigkeit des Jeeps von sechzig Kilometern in der Stunde. Er konnte das Rauschen der dünnen Luft vor seiner Visierscheibe fühlen. All jenes CO2 das Sax aus der Atmosphäre herauskratzen wollte. Sax würde starke Schrubber brauchen, noch wirksamer als die Flechten. Er brauchte Wälder, enorme vielschichtige salzliebende Regenwälder, die gewaltige Mengen an Kohlenstoff in Holz, Blätter, Kompost und Torf binden würden. Er brauchte Torfmoore von hundert Metern Tiefe und Regenwälder von hundert Metern Höhe. So hatte er gesagt. Schon beim Klang seiner Stimme verzog Ann das Gesicht.
Nach fünfzehn Minuten Fahrt kamen sie zu Nadias Arkade. Der Platz war noch im Bau und machte einen unfertigen und unordentlichen Eindruck, wie Underhill zu Anfang, aber in größerem Maßstab. Aus dem Graben war ein großer Haufen aus dunkelrotem Schutt ausgehoben, der sich wie ein Hünengrab nach Ost und West erstreckte.
Sie standen an dem einen Ende des großen Grabens. Dreißig Meter tief, dreißig breit und ein Kilometer lang. Die Südseite des Grabens war jetzt eine Mauer aus Glas, und die nördliche war mit Flächen aus filternden Spiegeln bedeckt, die mit Wand-Mesokosmen und Marskrügen oder Terrarien abwechselten wie ein Gobelin aus Vergangenheit und Zukunft. Die meisten Terrarien waren voller Fichten und anderer Gewächse, dass sie aussahen wie der große, die Welt einhüllende Forst auf der Erde im 16. Jahrhundert. Mit anderen Worten: wie Nadia Cherneshevskys alte Heimat in Sibirien. War das vielleicht ein Zeichen dafür, dass sie etwas von dieser Krankheit mitbekommen hatte? Und konnte er sie dazu bringen, ein Mittelmeer zu bauen?
Nadia arbeitete mit einem Bulldozer. Eine Frau mit ihrer eigenen Form von Viriditas. Sie hielt an und kam herüber, um kurz mit ihnen zu sprechen. Das Projekt kam voran, wie sie ihnen ruhig sagte. Erstaunlich, was man mit den Robotvehikeln anfangen konnte, die immer noch von der Erde geschickt wurden. Der Promenadeplatz war fertig und mit verschiedenen Bäumen bepflanzt, einschließlich einer Reihe von Zwergsequoien, die schon dreißig Meter groß waren, fast so hoch wie die ganze Arkade. Die drei übereinander liegenden Reihen von überwölbten Räumen im Stil von Underhill hinter dem Platz waren erstellt, und ihre Isolierung angebracht. Die Siedlung war gerade am Vortag versiegelt, geheizt und unter Druck gesetzt worden, so dass man ohne Anzüge darin arbeiten konnte. Die drei Stockwerke lagen in immer kleineren Bogen übereinander und erinnerten Michel an den Pont du Gard. Natürlich war die ganze Architektur römischen Ursprungs, so dass das keine Überraschung sein durfte. Aber die Bogen waren breiter und leichter. Luftiger, wie es die geringere Schwere zuließ.
Nadia machte sich wieder an die Arbeit. Eine so ruhige Person! Stabil, genau das Gegenteil von labil. Gemäßigt, in sich zurückgezogen. Sie konnte sich nicht mehr von ihrer alten Freundin Maya unterscheiden. Es war gut für Maya, in ihrer Nähe zu sein. Das entgegengesetzte Ende der Skala; sie konnte sie hindern davonzufliegen. Gab ein Beispiel für sie ab. Wie bei dieser Begegnung passte Maya sich Nadias ruhigem Ton an. Und als Nadia wieder an die Arbeit ging, gewann Maya etwas von jener Heiterkeit zurück. Sie sagte: »Ich werde Underhill vermissen, wenn wir von hier wegziehen. Du nicht auch?«
»Ich glaube nicht«, erwiderte Michael. »Dies hier wird erheblich mehr besonnt sein.« Alle drei Stockwerke des neuen Habitats würden sich auf den hohen Platz öffnen und terrassierte breite Balkons auf der Sonnenseite der Zimmer haben, so dass, obwohl das Bauwerk nach Norden gerichtet und tiefer als Underhill eingegraben war, die heliotropischen, sich automatisch zur Sonne ausrichtenden Filter auf der anderen Seite des Grabens von Morgen- bis Abenddämmerung Licht auf sie werfen würden. »Ich freue mich auf den Umzug. Wir haben den Platz von Anfang an benötigt.«
»Aber wir werden nicht diesen ganzen Platz für uns allein haben. Es wird hier neue Leute geben.«
»Ja. Aber das gibt uns Raum anderer Art.«
Maya machte ein nachdenkliches Gesicht. »Wie John und Frank, die weggehen.«
»Ja. Aber auch das ist nicht unbedingt schlimm.« In einer größeren Gesellschaft, so sagte er ihr, würde die klaustrophobe Dorfatmosphäre von Underhill sich allmählich verflüchtigen, und das würde eine bessere Perspektive für gewisse Aspekte der Dinge ergeben. Michel zögerte, ehe er fortfuhr, unsicher, wie er es sagen sollte. Subtilität war gefährlich, wenn beide Gesprächspartner eine für sie zweite Sprache benutzten und unterschiedliche Muttersprachen hatten. Möglichkeiten für Missverständnisse lagen allzu nahe. »Du musst dich mit der Idee vertraut machen, dass du vielleicht gar nicht zwischen John und Frank wählen willst. Dass du in Wirklichkeit beide haben möchtest. Im Kontext der Ersten Hundert kann das nur skandalös sein. Aber in einer größeren Welt und im Laufe der Zeit …«
»Hiroko hält sich zehn Männer!« rief sie ärgerlich.
»Ja, und du auch. Und in einer größeren Welt wird niemand es erfahren oder sich darum kümmern.«
Er redete ihr weiter zu und sagte ihr, dass sie stark sei und (wie Frank es ausdrücken würde) das Alpha-Weibchen des Trupps. Sie widersprach und nötigte ihn solange zu mehr Lobreden, bis sie schließlich befriedigt war und er vorschlagen konnte zurückzukehren.
»Meinst du nicht, dass es ein Schock sein wird, neue Leute um sich zu haben? Andere Menschen?« Sie fuhr, und als sie sich zur Seite wandte, um ihn dies zu fragen, kam sie fast von der Straße ab.
»Das nehme ich an.« In Borealis und Acidalia waren schon Teilgruppen gelandet, und die Videobänder von ihnen waren ein Schock gewesen. Das konnte man an den Gesichtern der Leute erkennen. Als ob Aliens aus dem Weltraum eingefallen wären. Aber bisher waren nur Ann und Simon einigen von ihnen in Person begegnet, die auf eine Rover-Expedition nördlich von Noctis Labyrinthus getroffen waren. »Ann sagt, sie hatte ein Gefühl, als ob jemand aus dem Fernseher herausgekommen wäre.«