»Mein Leben gibt mir immer ein solches Gefühl«, sagte Maya traurig.
Michel zog die Augenbrauen hoch. Das Maya-Programm hätte nicht so gesprochen. »Was meinst du damit?«
»Oh, das weißt du. Die halbe Zeit wirkt es wie eine große Simulation, meinst du nicht auch?«
»Nein.« Er dachte darüber nach. »Das meine ich nicht.« Es war alles wirklich nur zu real — die durch den Roversitz tief ins Fleisch schneidende Kälte — unausweichlich real, unausweichlich kalt. Vielleicht nahm sie als Russin das nicht so wahr. Aber es war immer und immer kalt. Selbst mittags an einem Mittsommertag, wenn die Sonne über den Köpfen wie ein offene Ofentür im sandfarbenen Himmel loderte, betrug die Temperatur bestenfalls 260 Kelvin, also 15 Grad unter Null — kalt genug, um durch das Geflecht eines Schutzanzugs zu dringen und jede Bewegung schmerzhaft zu machen. Als sie sich Underhill näherten, fühlte Michel die Kälte durch die Haut stechen, und er spürte, wie allzu kühle, mit Sauerstoff versetzte Luft aus dem Mundstück tief in seine Lungen strömte. Er blickte auf den Sandhorizont und den Sandhimmel und sagte sich: Ich bin wie eine Diamantklapperschlange, die durch eine Wüste aus kaltem Gestein und trockenem Staub gleitet. Eines Tages werde ich meine Haut abwerfen wie ein Phönix im Feuer, um eine neue Kreatur der Sonne zu werden und nackt am Strand zu spazieren und in warmem Salzwasser zu planschen …
Zurück in Underhill stellte er das psychiatrische Programm in seinem Kopf an und fragte Maya, ob sie sich besser fühle. Sie berührte seine Stirnscheibe mit der ihren und schenkte ihm einen kurzen strahlenden Blick, der einen Kuss bedeutete. »Das weißt du«, sagte ihre Stimme ihm ins Ohr. Er nickte und sagte: »Ich werde dann noch etwas spazieren gehen.« Er sagte nicht: Aber was ist mit mir? Was wird mir ein besseres Gefühl geben?
Er zwang seine Beine, sich zu bewegen, und marschierte los. Die kahle Ebene rings um die Basis war wie die Vision einer Einöde nach einem Holocaust, eine Welt der Alpträume. Trotzdem wollte er nicht in ihren kleinen Bau aus künstlichem Licht, erwärmter Luft und geschickt dargebotenen Farben zurück, die er größtenteils selbst ausgesucht hatte unter Hinzuziehung neuester Errungenschaften der Theorie über die Zusammenhänge zwischen Stimmungen und Farben, einer Theorie, die, wie er jetzt erkannte, auf gewissen Grundannahmen beruhte, die hier eigentlich nicht zutrafen. Die Farben waren alle falsch, oder noch schlimmer: irrelevant. Tapeten in der Hölle.
Diese Phrase formte sich in seinem Kopf und legte sich ihm auf die Zunge. Tapeten in der Hölle. Da sie ohnehin alle verrückt werden würden … Es war gewiss ein Fehler gewesen, nur einen einzigen Psychiater mitzunehmen. Jeder Therapeut auf der Erde stand auch selbst in Behandlung, das gehörte zum Job, und der Kollege musste dieselbe Sprache sprechen. Aber sein Therapeut befand sich drunten in Nizza, mindestens fünfzehn Sprechminuten entfernt; und Michel sprach mit ihm, aber der konnte nicht helfen. Er verstand ihn gar nicht richtig. Er lebte dort, wo es warm und blau war, er konnte ins Freie gehen und war (wie Michel annahm) bei recht guter mentaler Gesundheit. Dagegen war Michel ein Arzt in einem Hospital in einem Gefängnis in der Hölle. Und dieser Arzt war krank.
Es war ihm nicht gelungen, sich anzupassen. In dieser Hinsicht waren die Menschen verschieden. Es war eine Sache des Temperamentes. Maya, die auf die Tür der Schleuse zuging, hatte ein von dem seinen ganz unterschiedliches Temperament, was ihr irgendwie ermöglichte, sich völlig daheim zu fühlen. Um die Wahrheit zu sagen, er glaubte nicht, dass sie von ihrer Umgebung überhaupt viel Notiz nahm. Und dennoch waren er und sie sich in anderer Hinsicht ähnlich. Das hatte mit dem Index von Labilität/Stabilität zu tun und dessen besonderer Emotionalität. Sie waren beide labil. Und doch waren sie fundamental sehr verschiedene Charaktere. Man musste den Index von Labilität/Stabilität im Zusammenhang mit den sehr unterschiedlichen Kombinationen von Eigenschaften sehen, die unter den Etiketten Extroversion und Introversion zusammengefasst werden. Das war seine größte Entdeckung im letzten Jahr gewesen; und jetzt bestimmte sie sein ganzes Denken über sich und seine Pfleglinge.
Während er zum Alchemistenviertel ging, ordnete er die Ereignisse des Morgens in das Gitter dieses neuen charakterologischen Systems ein. Extroversion/Introversion war eines der am besten studierten Systeme von Eigenschaften in der ganzen psychologischen Theorie, mit sehr reichem Beweismaterial aus vielen verschiedenen Kulturen, das die objektive Realität des Konzeptes unterstützte. Natürlich keine einfache Dualität. Man stempelte eine Person nicht einfach als so oder so ab, sondern ordnete sie auf einer Skala ein nach solchen Eigenschaften wie Geselligkeit, Impulsivität, Unbeständigkeit, Gesprächigkeit, Mitteilsamkeit, Aktivität, Lebhaftigkeit, Reizbarkeit, Optimismus und so weiter. Diese Messungen waren oft genug ausgeführt worden, und es war statistisch erwiesen, dass die mannigfachen Eigenschaften tatsächlich im Zusammenhang standen, bis zu einem Maße, das Zufall weitgehend ausschloss. Also war dieses Konzept real, durchaus real! Tatsächlich hatten physiologische Untersuchungen ergeben, dass Extroversion mit Ruhezuständen geringer cortikaler Erregung verknüpft war und Introversion mit hoher cortikaler Erregung. Dies war Michel zunächst widersinnig vorgekommen; aber dann erinnerte er sich, dass der Cortex — die Großhirnrinde — die unteren Zentren des Gehirns hemmt, so dass geringe cortikale Erregung das weniger behinderte Verhalten des Extrovertierten ermöglicht, während hohe cortikale Erregung dies verhindert und zu Introversion führt. Dies erklärte auch, warum der Genuss von Alkohol, der cortikale Erregung dämpft, zu einem aufgeregteren und weniger gehemmten Verhalten führte.
Also würde das ganze Bündel extrovertierter/introvertierter Züge, mit allem, was sie über jemandes Charakter aussagten, auf eine Gruppe von Zellen im Hirnstamm zurückgeführt, die man das retikulare aktivierende System nennt, das Gebiet, welches letztlich die Niveaus cortikaler Erregung bestimmt. Damit wurde man zur Biologie geführt. Ralph Waldo Emerson, der berühmte amerikanische Transzendentalphilosoph des 19. Jahrhunderts, sagte nach dem Tod seines sechsjährigen Sohnes: So etwas wie Schicksal dürfte es nicht geben. Aber Biologie war Schicksal.
Und Michels System ging noch weiter. Schicksal war schließlich kein einfaches Entweder/Oder. Er hatte sich kürzlich mit Wengers Index automatischer Balance beschäftigt, der sieben verschiedene Variable benutzte, um zu bestimmen, ob ein Individuum durch die sympathetischen oder die parasympathetischen Zweige des autonomen Nervensystems beherrscht wird. Der sympathetische Zweig reagiert auf äußere Reize und veranlasst den Organismus zu reagieren, so dass von ihm beherrschte Personen reizbar waren. Der parasympathetische Zweig hingegen gewöhnt den alarmierten Organismus an den Reiz und bringt ihn wieder in homöostatisches Gleichgewicht, so dass von ihm beherrschte Individuen friedlich wären. Duffy hatte vorgeschlagen, diese beiden Klassen von Individuen als labil und stabil zu bezeichnen; und diese Klassifikation, wenn auch nicht so berühmt wie Extroversion und Introversion, war ebenso solide auf empirisches Beweismaterial gegründet und ebenso nützlich, um Verschiedenheiten des Temperaments zu verstehen.
Nun sagte aber keines dieser Systeme dem Forscher besonders viel über die gesamte Natur der untersuchten Person. Die Ausdrücke waren so allgemein, sie waren Zusammenfassungen so vieler Züge, dass sie nur sehr wenig in irgendeinem diagnostischen Sinn aussagten, besonders da beide in der aktuellen Besetzung Gaußsche Fehlerkurven darstellten.
Aber wenn man die beiden Systeme kombinierte, begann es wirklich interessant zu werden.
Das war kein leichtes Unterfangen, und Michel hatte allerhand Zeit an seinem Computerschirm verbracht und eine Kombination nach der anderen skizziert. Dabei benutzte er die beiden unterschiedlichen Systeme als x- und y-Achsen in verschiedenen Koordinatensystemen. Nichts davon hatte ihm viel zu sagen. Aber dann fing er an, die vier Terme um die Ausgangspunkte eines semantischen Rechtecks nach Greimas herumzuschieben, ein strukturalistisches Schema alchemistischer Herkunft, wonach keine einfache Dialektik genügen würde, die wahre Komplexität irgendeiner Gruppe verwandter Konzeptionen zu beschreiben, so dass es nötig wäre, die reale Differenz zwischen zwei gegensätzlichen Dingen anzuerkennen. Der Begriff ›nicht-X‹ wäre nicht genau dasselbe wie ›Anti-X‹, was unmittelbar einleuchtete. Also war die erste Stufe gewöhnlich gekennzeichnet durch Anwendung der vier Terme S, -S, S und -S in einem einfachen Rechteck: