Also war -S ein einfaches Nicht-S, und S war stärker als Anti-S, während -S für Michel eine schädelspalterische Negation einer Negation war — entweder eine Neutralsierung der anfänglichen Opposition oder die Vereinigung der zwei Negationen. In der Praxis blieb das oft ein Mysterium oder koan. Aber manchmal wurde es klar als eine Idee, die die konzeptuelle Einheit recht hübsch vervollständigte, wie in einem Beispiel von Greima:
Der nächste Schritt in der Komplikation des Schemas, der Schritt, wo neue Kombinationen oft strukturelle Beziehungen enthüllten, die oberflächlich keineswegs zu erkennen waren, bestand darin, ein anderes Rechteck zu konstruieren, das das erste rechtwinklig umspannte, etwa so:
Und Michel hatte verwundert dieses Schema angestarrt — mit Extroversion, Introversion, Labilität und Stabilität an den ersten vier Ecken, und deren Kombinationen erwogen. Plötzlich war alles deutlich geworden. Ein Kaleidoskop hatte zufällig die Darstellung einer Rose getroffen. Denn das ergab vollkommen Sinn. Da waren Extrovertierte, die reizbar waren, und Extrovertierte, die ausgeglichen waren; und es gab Introvertierte, die recht emotional waren, und solche, die es nicht waren. Er konnte unter den Kolonisten sofort Beispiele für alle vier Typen finden.
Als er über Namen nachdachte, die er diesen kombinierten Kategorien geben sollte, hatte er lachen müssen. Unglaublich! Es war geradezu eine Ironie zu denken, dass er die Ergebnisse eines Jahrhunderts psychologischen Denkens benutzt hatte und eine der jüngsten Laboratoriumsforschungen in Psychophysiologie, ganz zu schweigen von einem komplizierten Apparat aus der strukturalistischen Alchemie — das alles, um das antike System der Humore neu zu erfinden. Aber das war es! Darauf lief es hinaus! Denn die nördliche Kombination, extrovertiert und stabil, war offenkundig das, was Hippokrates, Galen, Aristoteles, Trismegistos, Wundt und Jung sanguinisch genannt hätten.
Der westliche Punkt, extrovertiert und labil, war cholerisch. Im Osten war introvertiert und stabil phlegmatisch. Und im Süden war introvertiert und labil natürlich genau die Definition von melancholisch. Jawohl, die passten alle genau! Galens physiologische Erklärung für die vier Temperamente war natürlich falsch gewesen, und Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle waren als kausale Agentien jetzt durch das aufsteigende retikulare Aktivierungssystem und das autonome Nervensystem ersetzt worden. Aber die Wahrheiten der menschlichen Natur hatten Bestand gehabt. Und die Kräfte psychologischer Einsicht und analytischer Logik der ersten griechischen Ärzte hatten sich als ebenso stark, oder eher noch viel starker erwiesen denn die jeder nachfolgenden Generation, die durch eine oft nutzlose Ansammlung von Wissen getäuscht wurde. Und so hatten die Kategorien überdauert und waren bestätigt worden im Laufe der Zeiten.
Michel befand sich jetzt im Alchemistenviertel. Er bemühte sich um Aufmerksamkeit. Hier benutzten Menschen arkanes Wissen, um aus Kohle Diamanten herzustellen. Und sie taten das so leicht und genau, dass all ihr Fensterglas mit einer molekularen Schicht von Diamant bedeckt war, um es vor Stauberosion zu schützen. Ihre großen weißen Salzpyramiden (Pyramiden — eine der großen Figuren antiken Wissens) waren auch mit Schichten aus reinem Diamant bedeckt. Und dieser Prozess des Belegens mit monomolekularem Diamant war nur eine von Tausenden alchemischer Prozeduren, die in diesen gedrungenen Gebäuden abliefen.
In den letzten Jahren hatten die Gebäude ein leicht muslimisches Aussehen gewonnen. Ihre weißen Backsteinwände stellten eine Gleichung nach der anderen zur Schau, alle in schwarzen kalligraphischen Mosaiken. Michel stieß auf Sax, der am nächsten bei der letzten Gleichung stand, die auf der Mauer der Backsteinfabrik angeführt war, und schaltete auf die allgemeine Frequenz um: »Kannst du Blei in Gold verwandeln?«
Sax neigte spöttisch seinen Helm und sagte: »Nun, warum nicht? Es sind Elemente. Das würde schwierig sein. Lass mich etwas darüber nachdenken.«
Russell Sax, der Steinbrecher. Der perfekte Phlegmatiker.
Das wirklich Nützliche bei der Kartierung der vier Temperamente auf dem semantischen Viereck war, dass es sofort eine Anzahl fundamentaler struktureller Beziehungen zwischen ihnen aufzeigte, die dann Michel halfen, ihre Anziehungen und Gegensätzlichkeiten in einem neuen Licht zu sehen. Maya war labil und extrovertiert, deutlich cholerisch. Und Frank war das auch. Und beide waren Führer und wurden beide von einander angezogen. Aber der Umstand, dass beide cholerisch waren, war auch ein flüchtiger und im Grunde abstoßender Aspekt ihrer Beziehung, als ob sie gegenseitig genau erkennen würden, was sie bei sich selbst nicht mochten.
Und so war Mayas Liebe zu John, der deutlich sanguinisch war, mit einer Extroversion, die der von Maya ähnlich war, aber emotional viel stabiler bis hin zur Gelassenheit. So gab er die meiste Zeit den größten Frieden, wie ein Anker zur Realität — der dann gelegentlich schmerzte. Und Johns Hinneigung zu Maya? Vielleicht die Anziehung des Unverhersagbaren, das Gewürz in diesem herzlichen einfachen Glück. Sicher, warum nicht? Man kann nicht mit seinem Ruhm flirten. Auch wenn manche Leute es versuchen.
O ja, es gab viele Sanguiniker unter den Ersten Hundert. Wahrscheinlich bevorzugten die Spezialisten der Auswahl für die Kolonie diesen Typ. Arkady, Ursula, Phyllis, Spencer, Yeli … ja. Und da Stabilität die für die Auswahl am meisten geschätzte Eigenschaft war, gab es unter ihnen auch eine Menge Phlegmatiker: Nadia, Sax, Simon Frazier, vielleicht Hiroko — der Umstand, dass man ihrer nicht sicher sein konnte, legte diese Vermutung nahe —, Vlad, George, Alex.
Phlegmatiker und Melancholiker würden natürlich nicht miteinander auskommen, da beide introvertiert waren und sich rasch zurückzogen; und der Stabile würde von der Unvorhersagbarkeit des Labilen abgestoßen, so dass sie einander auswichen, wie Sax und Ann. Es gab nicht viele Melancholiker unter ihnen. Ann — ja. Und wahrscheinlich durch das Schicksal ihrer Hirnstruktur, obwohl es nicht half, dass sie als Kind falsch behandelt worden war. Sie hatte sich aus dem gleichen Grund in den Mars verliebt, aus dem Michel ihn hasste: Weil er tot war. Und Ann liebte den Tod.
Auch einige Alchemisten waren Melancholiker. Und leider auch Michel selbst. Vielleicht alles in allem fünf Personen. In beiden Ausschüssen hatte man gegen sie die Wahl getroffen, da weder Introversion noch Labilität für wünschenswert erachtet wurden. Nur Leute, die sehr geschickt ihre wahre Natur vor dem Komitee verbargen, hatten durchrutschen können, Leute mit großer Kontrolle über ihre personas, jene das Leben überdauernden Masken, die alle wilden Unstimmigkeiten im Innern verbergen. Vielleicht war nur ein bestimmter Typ von persona für die Kolonie ausgesucht worden, mit einer großen Mannigfaltigkeit von Personen dahinter. War das so? Die Auswahlkomitees hatten unmögliche Anforderungen gestellt. Es war wichtig, sich daran zu erinnern. Sie hatten Stabile haben wollen und dennoch nach Leuten verlangt, die so leidenschaftlich und monomanisch zum Mars gehen wollten, dass sie Jahre ihres Lebens diesem Ziel zu widmen bereit waren. Vertrug sich das miteinander? Sie wollten Extrovertierte und zugleich hervorragende Wissenschaftler, die sich notwendigerweise tief in einsames Studium vergraben mussten. Passte das zusammen? — Nein, nie! So ging es die ganze Liste hinunter weiter. Sie hatten eine doppelte Bindung nach der anderen geschaffen. Kein Wunder, dass die Ersten Hundert sich vor ihnen versteckt hatten und sie hassten. Mit Schaudern erinnerte er sich an den großen Sonnensturm auf der Ares, wo ein jeder erkannte, wie viel Lügen und sich Verstecken er hatte tun müssen, als sich alle umgewendet und ihn angestarrt hatten mit all jener verhaltenen Wut, als ob das alles sein Fehler wäre, als ob er nur Psychologe wäre und die Kriterien zusammengebraut und die Tests durchgeführt und die Auswahl ganz allein getroffen hätte. Wie er in diesem Moment zusammengezuckt war, wie allein er sich gefühlt hatte! Es hatte ihn so sehr schockiert und erschreckt, dass er nicht imstande gewesen war, schnell genug zu denken, um sich einzugestehen, dass auch er gelogen hatte. Natürlich hatte er das getan, mehr als viele andere von ihnen.